Thesen zu Bioenergie und Biotreibstoffen

23. Mai 2008
Von Jörg Haas
Von Jörg Haas

1. Energiegewinnung aus Biomasse ist ein unverzichtbarer Bestandteil im Aufbau eines neuen, auf erneuerbaren Energien beruhenden Energiesystems, und damit eine wichtige Waffe im Kampf gegen den Klimawandel. Die Schätzungen über die globalen Potenziale gehen z.T. noch extrem auseinander. Doch um eine Größenordnung anzudeuten: mittlere Schätzungen gehen davon aus, dass langfristig vielleicht ein Viertel des globalen Primärenergiebedarf aus Biomasse gedeckt werden könnte. Dies wäre ein enormer Beitrag zu einer klimafreundlichen Energieversorgung.

2. Es gibt gute Gründe zur Annahme, dass die Zeit des billigen Öls endgültig vorbei ist. Bereits bei den aktuellen Ölpreisen ist jedoch Biotreibstoff aus einer Reihe von Herstellungswegen ökonomisch konkurrenzfähig mit Benzin aus Erdöl. Besonders für importabhängige Entwicklungsländer, die massiv unter den hohen Ölpreisen leiden, werden Bioenergien jetzt eine sehr interessante Alternative. Dabei haben nur wenige Länder mit großen Landreserven und ausreichend Niederschlägen das Potenzial zu Exporten, für sehr viele wird jedoch ein relevanter Beitrag zur Importsubstitution möglich sein.

Große Vielfalt

3. Bioenergie und Biotreibstoffe sind ein Überbegriff für eine sehr große Vielfalt von Anbau- und Verwertungssystemen. Dabei wird heutzutage meistens die Verwendung von gängigen Kulturpflanzen (Mais, Weizen, Zuckerrohr, Zuckerrübe, Raps, Palmöl) und die Umwandlung von Stärke bzw. Zucker in Alkohol und von Ölen in Biodiesel verstanden. Weitere wichtige Zweige sind die direkte Verfeuerung (Hackschnitzel, Stroh, Reststoffe) zur Wärmeerzeugung oder als Zuschlag in Kohlekraftwerken, sowie die Erzeugung von Biogas, das ebenfalls zur Wärme- und Stromerzeugung, und als Antrieb von Fahrzeugen dienen kann.

4. Für Biotreibstoffe werden auf mittlere Sicht die Herstellung von Alkohol aus enzymatischer Umwandlung von Zellulose, und ab 2015 auch synthetische Treibstoffe aus Biomasse im Fischer-Tropsch-Verfahren (BTL) eine wichtige Rolle spielen. Diese neuen Verfahren können nicht nur die „reinen“ Ausgangsstoffe aus gängigen Kulturpflanzen verwenden, sondern auch gemischte Biomasse unterschiedlichster Herkunft. Dabei wird die ganze Pflanze verwandt, nicht nur ein kleiner Ertragsbestandteil wie z.B. die Körner. Entsprechend ist der Energieertrag pro ha und die CO2-Bilanz des Prozesses deutlich besser.

Neue Chancen für den ländlichen Raum

5. Mit Bioenergie verbinden sich neue Aufgaben und damit neue Chancen für den ländlichen Raum. So setzt man z.T. in Brasilien große Hoffnungen auf Biodiesel hinsichtlich der Schaffung von Einkommen für KleinbäuerInnen im semiariden Nordosten. Jedoch ist es eine Herausforderung an die Gestaltung politischer Rahmenbedingungen, ob sich diese Hoffnungen realisieren, oder ob der neue Bio-Energie-Markt ausschließlich von wenigen, großflächig wirtschaftenden Akteuren mit geringen Arbeitsplatzeffekten übernommen wird. Dies hängt nicht zuletzt von technologischen Fragen (Pflanze/Anbausystem, Weiterverarbeitungstechnologie) ab, und welche Weichenstellungen hier politisch gewollt sind. Die Einführung eines „sozialen Siegels“ für Biodiesel aus kleinbäuerlicher Produktion ist in Brasilien ein interessanter Ansatz.

 Auswirkungen auf die Umwelt

6. Der Wechsel von gängiger – konventioneller – Landwirtschaft für Nahrungs- und Futtermittel zum Anbau von Biomasse für energetische oder rohstoffliche Zwecke lässt in erster Abschätzung eher positive Umweltwirkungen am Standort erwarten. Diese hängen jedoch in hohem Maß von dem konkreten Anbausystem bzw. der spezifischen Verwertungsform ab. Während konventioneller Nahrungs- und Futtermittelanbau mit hohem Aufwand an Bioziden den Ertrag ganz spezifischer Bestandteile (z.B. Körner) ausschließlich einer Monokultur von Kulturpflanzen (z.B. Weizen, Mais) optimiert, könnten Anbauverfahren für Biogas oder BTL, die Ganzpflanzen verwerten, mit hochertragreichen Mischkulturen arbeiten und den Einsatz von Bioziden minimieren.

Biomasse – wie verwenden?

7. Die aktuell für Deutschland erhobenen Ökobilanzen machen deutlich, dass hierzulande die Biomasse prioritär in hocheffizienter Kraft-Wärmekopplung für die Erzeugung von Strom und Wärme verwendet werden sollte. Die CO2-Bilanz ist hier deutlich besser als bei der Erzeugung von Biotreibstoffen. Bioäthanol aus Zuckerrohr ist allen aktuell verfügbaren deutschen Herstellungswegen in der CO2-Bilanz und hinsichtlich der geringeren Kosten weit überlegen. Das mag sich erst mit der Einführung von BTL ändern.

8. Aus diesem Sinn macht es ökologisch wie ökonomisch Sinn, Bioäthanol vorrangig zu importieren und die in Deutschland erzeugte Biomasse stationär über Strom und Wärme energetisch zu nutzen. Der hochsubventionierte Aufbau einer deutschen Biodieselproduktion auf der Basis von Raps oder einer Bioäthanolproduktion auf der Basis von Zuckerrüben und Weizen hat auch mittelfristig keine Chance, ökologisch wie ökonomisch konkurrenzfähig zu werden.

9. Die rohstoffliche Verwertung von Biomasse als Ersatz für Öl in der Chemieindustrie muss auf Dauer nicht zwingend mit der energetischen Verwertung konkurrieren. Eine sequentielle Nutzung – zuerst als Chemierohstoff, dann energetische Verwertung der Chemieprodukte – lässt beides vereinbar erscheinen.

Herausforderungen: Verdrängungseffekte

10. Die Entscheidung über Anbau von Bioenergie oder von Nahrungsmitteln wird letztlich von den Landwirten auf der Basis ökonomischer Kriterien entschieden. Bei rasch steigenden Ölpreisen konkurriert letztlich die Nachfrage des deutschen Porschefahrers nach Biosprit mit der Nachfrage armer Bevölkerungsgruppen nach Nahrung. Diese Konkurrenz wird auf liberalisierten Weltagrarmärkten nicht nach moralischen Kriterien ausgetragen, sondern nach Maßgabe der zahlungskräftigen Nachfrage. Nur politisch gesetzte ökonomische Instrumente (Subventionen, Steueranreize, etc.) werden hier ökonomische Ratio und moralischen Impetus zur Deckung bringen. Der Liberalisierungsdruck der WTO, der diese Instrumente perspektivisch eliminiert, ist auf diesem Hintergrund besonders problematisch.

11. Fruchtbares Land in Verbindung mit Niederschlags- bzw. Bewässerungswasser werden in der postfossilen Ökonomie in weit stärkerem Maß zu knappen, wertvollen Ressourcen werden, weil nicht nur der Nahrungs- und Faserbedarf der Menschheit, sondern auch ihre Energie- und Rohstoffbedürfnisse in einem hohen Maß aus diesen Ressourcen befriedigt werden müssen.

12. Win-Win-Potenziale bestehen überall dort, wenn Bioenergiepflanzen auf Flächen angebaut werden, die bisher als Ödland wenig nutzbare Biomasse produzieren. Jatropha curcas, ein auf extrem kargen Böden wachsendes Wolfsmilchgewächs mit hohem Ölgehalt, ist hierfür ein vielversprechendes Beispiel. Indien will auf Biodiesel auf der Basis von Jatropha in großem Stil produzieren. Dennoch sei auch hier vor möglichen Verdrängungen gewarnt: Was für den städtischen Ökonomen wie Ödland erscheint, ist häufig als marginales Weideland oder Quelle von Brennholz eine wichtige Ressource in der Überlebensökonomie der Ärmsten. Es gibt hierzu aber meines Wissens noch keine Untersuchungen.

13. Potenziell große Gefahren drohen den verbliebenen Regenwäldern durch Bioenergienutzung. Sie sind die letzten wasserreichen Landpotenziale, die oft wenig monetarisierten Nutzen je Hektar produzieren. Bereits jetzt hat Indonesien die Anpflanzung riesiger Palmölplantagen für Biodiesel auf Kalimantan angekündigt. In ähnlicher Weise könnte die Rodung von Regenwald für Soja oder Palmöl in Amazonien beschleunigt werden. Letztlich wird dem wachsenden Druck auf die Regenwälder nur durch Gegendruck, d.h. die rechtliche und faktische Absicherung von Ansprüchen anderer, waldfreundlicher Nutzungsalternativen (Naturschutz, Indigene und Sammler, nachhaltige Forstnutzung) zu begegnen sein.

 Biotreibstoffe – nur ein Teilstrecke auf dem Weg zu nachhaltiger Mobilität

14. Auch wenn die weltweit verfügbaren Bioenergiepotentiale voraussichtlich groß sind, so sind sie letztlich doch begrenzt und unterliegen sehr vielen konkurrierenden Nutzungsansprüchen. Ein „weiter so“ bisheriger Automobilisierung, nur auf der Basis von Biotreibstoffen, ist daher keine zureichende Antwort auf die Herausforderung zukunftsfähiger Mobilität im 21. Jahrhundert. Nur in Verbindung mit anderen Instrumentarien (Verlagerung auf ÖPNV und Fahrrad, neue Siedlungsmuster, hocheffiziente und leichte Automobile etc.) machen Biotreibstoffe Sinn als Teil einer neuen Mobilitätspolitik.

Windows of Opportunity: Bioenergie – es kommt auf das „Wie“ an

15. Bisherige Untersuchungen haben bereits deutlich gemacht, dass die verschiedenen Erzeugungs- und Nutzungsformen von Bioenergie sich ganz gravierend hinsichtlich ihrer ökologischen, aber auch arbeitsmarktpolitischen und ökonomischen Auswirkungen unterscheiden. Es kommt daher in hohem Maße darauf an, den beginnenden Bioenergieboom gleichzeitig zu fördern und in „nachhaltige“ Bahnen zu lenken. Kriterien für eine nachhaltige Bioenergieerzeugung und -nutzung müssen ebenso entwickelt werden wie geeignete Steuerungsinstrumentarien.

16. Der internationale Handel mit Biotreibstoffen, der aus den o.g. ökologischen und ökonomischen Gründen wünschenswert ist, bietet zugleich einen interessanten Ansatzpunkt für die nachhaltige Gestaltung der Bioenergiemärkte. Dieser Markt wird in den kommenden Jahren von sehr wenigen Anbietern (Brasilien) und Nachfragern (Japan, EU, USA) beherrscht werden.

17. Diese Konstellation bietet – zusammen mit der aktuellen politischen Situation in Brasilien – relativ günstige Bedingungen für die Entwicklung und Vereinbarung von Nachhaltigkeitskriterien für Biotreibstoffe. Diese dürfen allerdings nicht auf der Zahlungsbereitschaft des individuellen Verbrauchers an der Zapfsäule ansetzen (wie bei Bioprodukten im Lebensmittelhandel), sondern müssen politisch vereinbart werden. Die WTO-Maßgabe der Nichtdiskriminierung von Produkten nach ihrer Herstellungsweise ist dabei ein großes Hindernis.


Links zum Thema:

» Öko-Institut: Stoffstromanalyse zur energetischen Nutzung von Biomasse
» Energietagung Netzwerk Erneuerbare Energien Nord – Süd
» IEA Task 40: Sustainable International Bioenergy Trade 
»IEA Bioenergy: An International Collaboration on Bioenergy
» Worldwatch Biofuels Project
» UNCTAD launches the Biofuels Initiative
» Biokraftstoff-Broschüre des Verbraucherministeriums

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