Die soziale Frage des 21. Jahrhunderts - auch eine ökologische Frage

Regenbogen über Seattle, Foto: Joe Mabel/GNU

26. Mai 2008
Von Sebastian Wienges
Von Sebastian Wienges

Die soziale Frage des 21. Jahrhunderts: auch eine ökologische Frage!

Als im 19. Jahrhundert die Industrialisierung zu massivem Wandel und gesellschaftlichen Verwerfungen führte, bestimmte dies die sozialen Konflikte der Zeit noch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein. Für den Frieden, die soziale Gerechtigkeit und die Zukunftsfähigkeit der Gesellschaft war von überragender Bedeutung, die wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Herausforderungen zu bewältigen, die der Wandel mit sich brachte.

Das 21. Jahrhundert erweiterte und erneuerte die Herausforderungen der Industrialisierung: Der Klimawandel gefährdet schon längst die gerechte Verteilung von sozialer Sicherheit, Teilhabechancen und Ressourcen. Der Klimawandel bedroht die Möglichkeiten zukünftiger Generationen, Bedürfnisse zu befriedigen, und er bedroht schließlich die natürlichen Grundlagen und Rahmenbedingungen, in denen Unternehmen heute und morgen wirtschaften können.

Die Dimension der Herausforderungen, die sich aus dem fortschreitenden Klimawandel im 21. Jahrhundert ergeben, kann nur mit der sozialen Frage des 20. Jahrhunderts verglichen werden. Das Ausmaß der Problematik erfordert entsprechende politische, wirtschaftliche, wissenschaftliche und gesellschaftliche Anstrengungen.

Die Herausforderung als Chance begreifen

Aber diese Herausforderung birgt auch eine Chance: Wenn es gelingt, das Unbeherrschbare zu vermeiden und das Unvermeidbare zu beherrschen, so Hans Joachim Schellnhuber, Chef des Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung und wissenschaftlicher Chefberater der Kanzlerin, so würde dies - als Lösung der sozial-ökologischen Frage unseres Jahrhunderts - eine globale nachhaltige Entwicklung ermöglichen. Denn nur globales und nachhaltiges Handeln wird unsere natürliche Umwelt retten, unserer Wirtschaft neue Wachstumschancen bieten und den Armen in den Entwicklungsländern eine Perspektive eröffnen. Klimawandel kann auf den Finanzmärkten bei Investitionen in diesem Jahrhundert zum Megatrend werden. Die heute lebenden Generationen müssen sich dieser Dimension der Herausforderung des Klimawandels bewusst werden und sie aktiv überwinden.

Apollo Alliance und die US-Energiewirtschaft

In den USA hat sich dieses Verständnis inzwischen zumindest in bestimmten Kreisen durchgesetzt, auch wenn dort der Vergleich mit der sozialen Frage aus historischen Gründen weniger greift. Eine Herausforderung, die in der US-amerikanischen Geschichte als Vorbild für eine ganze Generation dienen kann, war der Umgang mit dem Sputnik-Schock und die gesellschaftlichen, wissenschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Anstrengungen, die Kennedys Ankündigung, innerhalb eines Jahrzehnts einen Mann auf den Mond zu bringen, folgten.

Die Apollo Alliance erinnert an die Apollo-Mission, an den Schock, aus dem sie entstand, und an die Errungenschaften und Entwicklungen, die sie beförderte. Diese neue Allianz formt einen neuen Akteur in der Auseinandersetzung um nachhaltige Entwicklung und vereint eine Reihe Interessengruppen, deren Kooperation so seltsam ist, dass sie „strange bedfellows“ genannt werden. Unternehmen, Umweltorganisationen, Gewerkschaften, philanthropische Nicht-Regierungsorganisationen und lokale Körperschaften haben sich hinter dem Ziel versammelt, die US-Energiewirtschaft grundlegend zu reformieren: Unabhängiger von Öl-Importen aus politisch instabilen und autokratischen Ländern soll sie werden, weniger CO2 ausstoßen und zukunftsfähige Jobs schaffen.

Allein die ambitionierte Zielsetzung der Apollo Alliance veranschaulicht, was Klimapolitik und nachhaltige Entwicklung erreichen können. Vor allem zeigt die Mission der Allianz jedoch, welches Selbstverständnis die Akteure treibt, die die Herausforderung des Klimawandels angehen.

Was in Deutschland oft als zu pathetisch wirkt, lässt sich in den USA mit dem normalen Selbstvertrauen historischer Erfolge verbinden: „Wir haben es schon einmal geschafft, und wir können es wieder schaffen. Das ist Amerika, das reichste, technologisch und industriell fortschrittlichste Land der Welt. Wenn es irgendeiner schaffen kann, dann wir. Und wir werden es wieder schaffen.“

Diese Einstellung zeigt dreierlei: Sie offenbart erstens die Ausmaße der Bedrohung durch die heutigen Strukturen der Energiewirtschaft, aber auch die Chancen, die in ihrem Wandel liegen. Sie macht zweitens deutlich, welche Akteure aus welchen verschiedenen Bereichen der Gesellschaft betroffen sind und welchen Nutzen sie aus entschlossenem klimapolitischem Handeln ziehen können. Und sie zeigt drittens auf, was es braucht, um der Jahrhundert-Herausforderung des Klimawandels zu begegnen, nämlich ein Herangehen, das Bedrohung und Chancen gleichermaßen erkennt und aus eben diesem Spannungsverhältnis die Kraft schöpft, einen grundlegenden Wandel in Wirtschaft, Gesellschaft und Politik zu befördern und zu vollziehen.

Neue Akteure und Potenziale in Deutschland

Die Potenziale, die sich aus der Herausforderung des Klimawandels ergeben, bieten insbesondere für die deutsche Wirtschaft große Chancen. Global führend in vielen Umwelttechnologien sind deutsche Unternehmen schon lange. Aber auch in anderen Branchen gibt es hierzulande Möglichkeiten, auf der Grundlage von technologischen Stärken und gut ausgebildeten Fachkräften einen ökologisch notwendigen Strukturwandel durch Innovationen zu einer ökonomisch nachhaltigen Entwicklung und der Schaffung neuer zukunftsfähiger Jobs zu nutzen. In den USA werden diese Arbeitsplätze „green collar jobs“ genannt, die die „blue collar jobs“ – benannt nach den gebräuchlichen „Blaumännern“ in der Industrie – und die „white collar jobs“ im Dienstleistungssektor und besonders in der IT-Branche ersetzen sollen.

In dieser Entwicklung ist die Nähe von Wissenschaft und Wirtschaft in so genannten Clustern von akademischen Instituten und kleinen und mittelständischen innovativen Unternehmen der Nährboden, auf dem die neuen Akteure wachsen. Wer sehen will, wo Deutschland heute noch wächst, kann dies an diesen Standorten sehr eindrucksvoll beobachten. Oft am Rande von früheren industriellen Zentren schießen neue Gebäude moderner Architektur aus dem Boden, in denen neue Start-up Unternehmen und kreative, anspruchsvolle Arbeitsplätze entstehen. Dort, wo alte Wirtschaftszweige kaum noch ein Auskommen boten, siedeln sich die neuen Zukunftsindustrien.

Wer zuerst handelt, wird die größten Erfolge genießen

Die Frage ist nicht mehr, ob es einen von Menschen gemachten Klimawandel gibt. Die Frage ist vielmehr: Wie werden wir damit umgehen? Wer als Erster Lösungen entwickelt und umsetzt und dadurch eine globale Führungsrolle in einer nachhaltigen Entwicklung erlangt, der wird die größten Vorteile dieser Entwicklung als Erster genießen.

Wie auf die soziale Frage des letzten Jahrhunderts wird es auch auf den Klimawandel verschiedene Antworten geben. Und wie in den Entwicklungen der sozialen Sicherungssysteme werden die Gesellschaften, die nur zögerlich agieren, am längsten und mit den schwersten Verwerfungen zu kämpfen haben. Während die Gesellschaften, in denen Akteure aus der Privatwirtschaft, aus der Zivilgesellschaft und aus der Politik gemeinsam agieren und notwendige Veränderungen entschlossen durchführen, nicht nur Schaden abwenden, sondern sogar neuen Wohlstand generieren können.

Quasi während die anderen noch schlafen, beginnt in Deutschland eine neue Entwicklung, eine dritte industrielle Revolution, wie Hans Joachim Schellnhuber sie fordert. Denn schon früher als anderswo wurde in Deutschland auf die Herausforderung des Klimawandels aufmerksam gemacht. Eben dort, wie Frank Schirrmacher in der FAZ beschrieb, wo zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine Leitwissenschaft entstand, auf dem Potsdamer Telegraphenberg, wo Einstein forschte, dort residiert das Potsdam Institut für Klimafolgenforschung, das zu Beginn des 21. Jahrhunderts weltweit eine Führungsrolle in einer womöglich neuen Leitwissenschaft, der Klimaforschung, innehat und dessen Expertise global nachgefragt wird.

Aber darüber hinaus haben sich schon länger in Deutschland so renommierte wissenschaftliche Institute wie das Öko-Institut oder das Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie etabliert, deren Forschung und Beratung weit praxisorientierter ist. Diese Institute spielen in dem Konzert verschiedenster Akteure bedeutende Rollen. Die Jahrhundert-Aufgabe des Klimaschutzes und des grundlegenden Strukturwandels unserer Produktions- und Lebensweisen kann nur in einem filigranen Zusammenspiel einer Vielzahl von Akteuren gelingen. Die notwendige Expertise für diesen Prozess ist nicht nur in der Wissenschaft, sondern auch bei vielen zivilgesellschaftlichen Organisationen angesiedelt.

Der Part der Zivilgesellschaft im Konzert der Klimaschützer

Die Klimaallianz ist ein Bündnis solcher Organisationen in Deutschland. Sie vereinigen ihre Stärken, um den notwendigen Druck zu erzeugen, der notwendig ist, damit die Politik entschlossen handelt und es nicht bei Absichtserklärungen belässt. Doch zivilgesellschaftliche Akteure sind nicht bloß Beobachter und Wachhunde, Protest ist nicht mehr das einzige oder wichtigste Instrument. Längst liefern sie wichtige Analysen des internationalen Verhandlungsprozesses und nationaler Politiken und fungieren als Partner mit eigenem Zugang zu bestimmten Gruppen oder Institutionen. Germanwatch etwa ist gemessen an hauptamtlichen Mitarbeitern eine relativ kleine Organisation, der es aber in der Klimadebatte immer wieder gelingt, sich mit qualitativ hochstehenden Beiträgen Gehör zu verschaffen.

Greenpeace setzt seine Ressourcen nicht nur für medienwirksame, spektakuläre Aktionen ein, sondern beteiligt sich mit eigenen Modellen und Vorschlägen an anspruchsvollen Debatten, leistet zähe Analyse- und Überzeugungsarbeit. Greenpeace Kampagnen bestehen nicht nur aus dem, was sich in der Boulevardpresse wiederfindet. Greenpeace arbeitet durchaus auch partnerschaftlich mit anderen Akteuren zusammen: Zum Teil sind diese sogar traditionelle Feinde wie große Industrieunternehmen – auch wenn solche Kooperationen immer nur begrenzt sind. Konstruktive Aktivitäten können eben oft langfristig mehr bewirken. So hat Greenpeace ein eigenes Unternehmen gegründet, das Ökostrom anbietet: Greenpeace Energy.

Der WWF wird von vielen noch immer nur mit Tierschutz assoziiert. Dabei zählt der international tätige World Wide Fund for Nature zu den einflussreichsten Nicht-Regierungsorganisationen im Klimaschutz. Seine Klimazeugen und der CO2-Rechner sind überzeugende Argumente, warum jeder etwas für den Umweltschutz tun muss und kann. Auch der WWF kooperiert mit transnationalen Konzernen und schließt mit ihnen Abkommen zum Klimaschutz.

Vernetzung ist wichtig

Tendenziell sind die zivilgesellschaftlichen Organisationen aber schwächer mit Ressourcen ausgestattet als ihre Gegenüber. Umso wichtiger ist es für sie, sich zu vernetzen, mit anderen Akteuren zu kooperieren, Ressourcen zu poolen und Aktivitäten gemeinsam zu tragen. Der BUND tut das beispielsweise im Umweltnetzwerk Friends of the Earth. Solche Vernetzung in der Zivilgesellschaft hat insbesondere seit dem Rio-Erdgipfel 1992 zugenommen und ist mit dem globalen Umweltproblem des Klimawandels zu einer eigenen Strategie verschiedenster Akteure geworden. In Deutschland zählt der BUND zu den großen Umweltorganisationen und ist lokal überall mit Gruppen vertreten, wo Umwelt und Natur gefährdet sind.

Viele Aktivitäten der zivilgesellschaftlichen Akteure beruhen darauf, zu informieren, ein Bewusstsein für Probleme zu schaffen und Menschen zu überzeugen, ihr Handeln oder ihre Lebensweise zu verändern. Für diese Kommunikation sind Wissen und Kanäle zu den Adressaten ihrer Botschaften oft nicht durch Geld und Macht aufzuwiegen. Die Deutsche Umwelthilfe etwa ist ein solches Forum.

Weil Umweltprobleme oft durch komplexe Wechselwirkungen verursacht werden, sind sie nicht unmittelbar erkennbar. Die Menschen, die unter Umweltschäden leiden, müssen ihre Interessen erst identifizieren, was ein differenziertes Verständnis der Zusammenhänge verlangt. Deshalb fehlen der Umwelt häufig mächtige oder zahlenmäßig starke Fürsprecher. Diesen strukturellen Nachteil auszugleichen wird immer eine Aufgabe der Zivilgesellschaft und speziell der Umweltorganisationen sein. Obwohl, wie der Klimawandel zeigt, diese Herausforderungen keineswegs zu vernachlässigen sind.

Alle exemplarisch vorgestellten Akteure bieten Möglichkeiten, die Herausforderung des Klimawandels anzugehen. Und alle Zugänge sind wichtig und bieten Möglichkeiten, sich zu beteiligen – für jeden und jede je nach Stärken und Interessen. Und jede Rolle dieser Akteure ist notwendig, um keine Gruppe zu marginalisieren und eine effektive und gerechte Antwort auf die soziale Frage des 21. Jahrhunderts zu geben.

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