Atmosfair: 24 Euro für einen Flug nach Riga ...

29. Mai 2008
Jeder Flug trägt zur Klimaerwärmung bei. Wer aber nach New York oder Sydney will, hat außer Verzicht keine andere Chance, als ins Flugzeug zu steigen. Jetzt kann man für jeden Flug eine freiwillige CO2-Abgabe zahlen. Wie das geht, erklärt Dr. Dietrich Brockhagen, Leiter von atmosfair, einem gemeinnützigen Verein für klimabewusste Flüge in Berlin, der diese Idee weltweit als einer der ersten in die Realität umgesetzt hat.

Simone Schmollack: Herr Brockhagen, demnächst fliege ich von Berlin nach Riga. Wie hoch wird der von mir verursachte CO2-Ausstoß sein?

Dr. Dietrich Brockhagen: Etwa 240 Kilogramm für einen Flug, also 480 Kilogramm für Hin- und Rückreise.

Simone Schmollack: Darunter kann ich mir schwer etwas vorstellen. Das geht anderen Normalverbrauchern sicher ähnlich.

Dr. Dietrich Brockhagen: Deswegen haben wir auf unsere Homepage http://www.atmosfair.de/ auch einen Emissionsrechner gestellt. Mit dem kann sich jeder selbst ausrechnen, wieviel CO2 er mit einem Flug produziert. Fast niemand hat ein Gespür dafür, was wenig und was viel ist. Ein Ausstoß von 480 Kilogramm ist nur eine abstrakte Zahl. Aber in Geld ausgedrückt, kann sie jeder greifen.

Simone Schmollack: Wieviel muss ich für meinen Flug Berlin-Riga-Berlin bezahlen?

Dr. Dietrich Brockhagen: 24 Euro.

Simone Schmollack: Ich bezahle und habe dann ein reines Gewissen. Funktioniert so atmosfair?

Dr. Dietrich Brockhagen: Ihr Gewissen ist dem Klima egal. Wenn Sie das Klima schonen wollen, fliegen Sie weniger oder wenigstens atmosfair. Passagiere zahlen dabei freiwillig für die von ihnen verursachten Klimagase. Das Geld wird in Entwicklungsländern in Solar-, Wasserkraft-, Biomasse- oder Energiesparprojekten investiert, um dort Treibhausgase einzusparen, die eine vergleichbare Klimawirkung haben wie die Emissionen des Flugzeugs. Das Geld, das bei uns eingeht, ermöglicht also Projekte u.a. in Indien, Thailand, China, Honduras, Nigeria.

Simone Schmollack: Hatten Sie die Idee für atmosfair als Privatperson oder als Umweltökonom?

Dr. Dietrich Brockhagen: Als Privatperson. In den vergangenen zwanzig Jahren ist in der Umweltpolitik viel passiert, nur beim Flugverkehr nicht. Deshalb brauchen wir einen Ansatz, um unser Bewusstsein zu verändern. Laut des Berichts der internationalen Klimaforscher von 1999 betrug der Anteil des Flugverkehrs am menschengemachten Treibhauseffekt zu Beginn der Neunziger Jahre etwa 3,5 Prozent. Aktuelle Schätzungen gehen von einer höheren Wirksamkeit der Emissionen aus. Danach könnte der Flugverkehr heute bis etwa zehn Prozent zur globalen Erwärmung beitragen. Dabei geht es nicht nur ums Kohlendioxid, das beim Verbrennen von Kerosin entsteht. Hinzu kommen in großen Flughöhen auch Zirruswolken, Kondensstreifen, Stickoxide und noch weitere Schadstoffe. Allein die hohen Schleierwolken und Kondensstreifen können lokal stärker zur Erwärmung der Erde beitragen als alle anderen von der Menschheit verursachten Treibhausgase. Solche lokalen Effekte kann man nicht ausgleichen, weil niemand die Wolken vom Himmel holen kann. Das geht auch nicht mit den atmosfair-Spenden.

Simone Schmollack: Wie groß ist die Bereitschaft der Menschen, das Klima zu retten?

Dr. Dietrich Brockhagen: Die meisten Menschen wissen, dass Flugverkehr dem Klima schadet. Und viele sind bereit, für den Klimaschutz zu zahlen. Bislang mangelte es eben nur an einer umsetzbaren Methode.

Simone Schmollack: Die 24 Euro für meinen Flug ist keine allzu große Summe. Reicht das, um das Bewusstsein zu ändern?

Dr. Dietrich Brockhagen: Wenn Sie nach Australien fliegen, kommt für Hin- und Rückreise schon eine Summe von 250 Euro zusammen.

Simone Schmollack: Wieviele Spender und Spenderinnen  haben Sie zurzeit?

Dr. Dietrich Brockhagen: Wir rechnen das nicht in Personen aus, sondern in Flügen. Wir haben uns 2003 gegründet und 2005 die ersten Spenden eingeworben. Allein 2007 ist für etwa 40.000 Flüge bezahlt worden, von etwa 30.000 Menschen. Täglich gehen bei uns etwa hundert Spenden ein, insgesamt haben wir 2007 rund 1,3 Millionen Euro eingenommen.

Simone Schmollack: Wie stellen Sie sicher, dass das Geld auch tatsächlich bei den Entwicklungshilfeprojekten ankommt?

Dr. Dietrich Brockhagen: Wir haben Prüfer vor Ort. Die müssen sich über die Vereinten Nationen akkreditieren lassen und sie schauen sich die Daten während der gesamten Laufzeit der Projekte an. Das heißt, sie prüfen, ob tatsächlich der Emissionsausstoß verringert worden ist. Wir arbeiten mit dem TÜV zusammen, das garantiert uns eine einwandfreie Kontrolle. Der TÜV haftet mit seinem Namen für die korrekten Ergebnisse.

Simone Schmollack: Wie oft fliegen Sie selbst?

Dr. Dietrich Brockhagen: Privat nie. Beruflich bin ich in den vergangenen zehn Jahren vielleicht zwei Mal geflogen.

Simone Schmollack: Und wenn Sie mal nach Bangkok oder nach Delhi müssen?

Dr. Dietrich Brockhagen: Bis jetzt ließ sich das immer vermeiden.

Simone Schmollack: Was sagen Sie Menschen, die gern in die Ferne reisen?

Dr. Dietrich Brockhagen: Das Beste für das Klima ist, nicht zu fliegen. Aber wir verurteilen niemanden, der sich ins Flugzeug setzt. Wir sind keine Moralapostel, die den Menschen den Spaß am Leben nehmen wollen. Aber wir sagen schon: Man muss nicht jedes oder jedes zweite Jahr ein exotisches Reiseziel haben. Es geht auch, wenn man alle fünf Jahre weit weg fliegt und dann dort vielleicht länger bleibt. Auf eine solche Reise kann man sich auch anders vorbereiten.

Simone Schmollack: Was kann jeder Mensch tun, um das Klima zu schützen?

Dr. Dietrich Brockhagen: Neben dem Verzicht oder zumindest einer starken Veränderung des Flugverhaltens kann jeder auf grünen Öko-Strom umsteigen.

Simone Schmollack: Ist grün nicht immer öko?

Dr. Dietrich Brockhagen: Es gibt Anbieter von Öko-Strom wie beispielsweise Greenpeace, die tatsächlich nur grünen Strom produzieren und den auch in neue Anlagen einspeisen. Dann gibt es aber auch Anbieter, die benutzen das Label Öko, doch nur ein Teil des Stroms kommt aus erneuerbaren Energien. Manche haben sogar Atomstrom in ihren Angebotspaketen. Das ist doch eine Mogelpackung.

Interview: Simone Schmollack

Dr. Dietrich Brockhagen, 40, ist Physiker und Umweltökonom. In seinem gemeinnützigen Unternehmen „atmosfair“ arbeiten jetzt acht feste MitarbeiterInnen. „Atmosfair“ entstand aus einem Forschungsprojekt des Bundesumweltministeriums und der Umwelt- und Entwicklungsorganisation „Germanwatch“ sowie mit dem alternativen Reiseveranstalterverbund „forum anders reisen“.

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