Die Zukunft der Energiewirtschaft ist offen

Was steht zur Wahl, wenn wir die Klimaerwärmung aufhalten wollen?

8. Mai 2008
Von Felix Christian Matthes
Von Felix Christian Matthes

Die deutsche Energiewirtschaft steht wie der gesamte europäische und globale Energiesektor vor gravierenden Veränderungen:

  1. Wenn wir die globale Klimaveränderung auf ein für Mensch und Natur gerade noch  erträgliches Maß begrenzen wollen, ist eine fundamentale Veränderung unseres Energiesystems unausweichlich. Wollen wir die Erwärmung der globalen Mitteltemperatur auf einem Wert von weniger als zwei Grad über dem vorindustriellen Niveau halten, müssen wir bis Mitte dieses Jahrhunderts die Emissionen der Treibhausgase halbieren.

  2. Der bislang ungebremste Verbrauch der endlichen Rohstoffe Kohle, Öl, Gas und Uran führt zu einer zunehmend angespannten politischen Situation. Gleichgültig, ob der Förderhöhepunkt von Öl und Gas früher oder später überschritten sein wird und ob die Konzentration der Energieproduktion auf politisch sensible Regionen, zum Beispiel auf den Nahen Osten als Ölexporteur oder Russland als dem großen Gasexporteur, mehr oder weniger Probleme macht – die Sicherung der Energieversorgung erhält eine neue politische Priorität.

  3. Die Liberalisierung und Vernetzung der Energiemärkte, aber auch die wachsende Bedeutung von marktbasierten Instrumenten der Energie- und Klimapolitik (exemplarisch repräsentiert durch die Einführung des EU-Emissionshandelssystems für Treibhausgase) werden zu völlig neuen Mechanismen der Energiewirtschaft führen.

Weltweit steht diese am Anfang von einem neuen Investitionszyklus. Er wird vor allem durch den wachsenden Energiebedarf der Entwicklungs- und Schwellenländer und durch die Überalterung des Anlagenparks der meisten Industriestaaten vorangetrieben. Angesichts der langen technischen und wirtschaftlichen Lebensdauer von Investitionen in der Energieerzeugung und -infrastruktur (bei Kraftwerken sind es mehr als vierzig Jahre) werden die nächsten zwei Dekaden entscheidend dafür sein, in welchem Maß das globale Energiesystem 2050 den Anforderungen von Nachhaltigkeit genügen wird.

Rasante technologische Entwicklung

Die rasanten technologischen Entwicklungen der letzten Jahre – maßgeblich vorangetrieben von der Diskussion um den Klimaschutz, aber auch von den Bemühungen um einen Ausstieg aus der Kernenergie – haben dazu geführt, dass das Portfolio für die zukünftige Ausgestaltung des Energiesystems sich sowohl auf der Seite der Energieanwendung als auch in Bezug auf die Energieerzeugung ständig erweitert hat.

Diese Vielzahl von Optionen für eine deutlich effizientere Nutzung von Brennstoffen und Strom in allen Sektoren der Volkswirtschaft könnte den Energiebedarf in den Industriestaaten mittelfristig um etwa ein Drittel senken und dazu beitragen, das Wachstum des Energiebedarfs in vielen Entwicklungs- und Schwellenländern deutlich zu dämpfen. Dabei geht es nicht nur um die Verbraucherseite. Auch in den Kraftwerken könnte zum Beispiel die gleichzeitige Erzeugung von Strom und Wärme durch Kraft-Wärme-Kopplung drastische Einsparungen bewirken.

Erneuerbare Energien können und müssen im künftigen Energiesystem eine entschieden größere Rolle spielen als heute.

Neue Technologien müssen in bestehende Infrastruktur integriert werden

Es muss dabei allerdings zwischen den Technologien unterschieden werden, die kurzfristig und zu nahezu konkurrenzfähigen Kosten zur Verfügung stehen (Wasser- und Windkraft, Biomasse), und denjenigen, die erst in ein oder zwei Dekaden eine größere Rolle spielen können (Solarenergie, Geothermie, Meeresenergie etc.). Zu den Problemen der generellen technologischen Verfügbarkeit und der Kosten erneuerbarer Energien kommt die große Herausforderung hinzu, sie in die bestehende Infrastruktur zu integrieren bzw. die bestehende Infrastruktur (z.B. die Übertragungs- und Verteilungsnetze für Elektrizität) entsprechend auszubauen und neu zu strukturieren. Die nötige strukturelle und geographische Neuausrichtung der Energienetze hat aber auch weit reichende Konsequenzen für angrenzende Politikbereiche wie etwa die Wettbewerbspolitik (Trägerschaft und Regulierung der Netze etc.).

Kurzfristig wird im Bereich der Stromerzeugung vor allem der Brennstoffwechsel, also der Ersatz von Kohle- durch Gaskraftwerke, eine entscheidende Rolle spielen. Durch den deutlich niedrigeren CO2-Gehalt von Erdgas und die deutlich höheren Wirkungsgrade von Erdgaskraftwerken können nämlich auf zwei Wegen erhebliche Umweltentlastungen herbeigeführt werden. Sofern der Ausbau der Erdgasverstromung durch eine Förderung der Kraft-Wärme-Koppelung („Doppelte Stromproduktion aus der gleichen Menge Erdgas“) und durch Einsparbemühungen etwa im Bereich der Gebäude flankiert wird, würde eine solche Stra-tegie auch keine signifikante Ausweitung der Erdgasimporte nach sich ziehen. Mittelfristig könnte das Portfolio der zukunftsfähigen Energiesysteme aber doch wieder um die Kohle ergänzt werden, auch wenn bei der neuen Technologie der Abscheidung und Einlagerung von CO2 in sichere geologische Formationen noch viele Fragen zu klären und entsprechende Rahmenbedingungen zu schaffen sind.

Debatte um Kernenergie bleibt kontrovers

Auch wenn diese zweifellos nur geringe Treibhausgasemissionen verursacht, bleibt als zentraler Punkt die Risikofrage. Solange gravierende Unfälle nicht ausgeschlossen werden können, bleibt  die Atomkraft inakzeptabel. Dies gilt insbesondere vor dem Hintergrund der neuen Bedrohungen durch staatliche und nichtstaatliche Gewalt und der möglichen Weiterverbreitung von Nukleartechnologien und -materialien. Denn wenn die Kernenergie langfristig eine nennenswerte Rolle im weltweiten Energiemix spielen sollte, würden gerade diese Risiken durch die ressourcenbedingte Renaissance von Brütertechnologie und Plutoniumwirtschaft bedrohlich steigen.

Als Argument für die Kernenergie wird oft vorgebracht, dass sich vor allem Laufzeitverlängerungen von alten KKWs als vorteilhaft erweisen könnten. Strompreise würden sinken, eine Zeitbrücke zur Weiterentwicklung der erneuerbaren Energien geschlagen und eine zusätzliche Reduktion klimaschädlicher Gase ermöglicht. Keine dieser Behauptungen erweist sich bei näherer Betrachtung als stichhaltig. Der angebliche Preisvorteil durch den Einsatz von KKWs lässt sich empirisch nicht darstellen:
Die Preise des an der französischen Strombörse Powernext gehandelten Stroms (KKW-Anteil in Frankreich knapp etwa achtzig Prozent) unterscheiden sich nicht von denen an der Leipziger Strombörse EEX (deutscher KKW-Anteil dreißig Prozent). Auch zusätzliche CO2-Minderungen bleiben zumindest mittelfristig ein theoretisches Konstrukt.

Noch 2006 wird das Emissionsbudget der deutschen Kraftwerke im Rahmen des EU-Emissionshandels bis 2012 festgelegt. Wenn durch den längeren Betrieb von KKWs andere Kraftwerke nicht emittieren würden, käme es dort zu einer Verminderung des CO2-Ausstoßes. Doch durch den Handel mit Emissionsrechten werden andere Kraftwerksbetreiber die so frei werdenden Verschmutzungsrechte der Atomkraftwerke kaufen und damit das Ausmaß ihrer Emissionen erhöhen. Kein Effekt also für den Klimaschutz bis 2012.

Motiv der Debatte um Laufzeitverlängerung wird verschwiegen

Das eigentliche Motiv der Laufzeitverlängerungsdebatte bleibt meist verschwiegen: Alte und zu Monopolzeiten errichtete KKWs bringen hohe Profite. Je Betriebsjahr und Kraftwerksblock liegen diese bei etwa 300 Millionen Euro. Und dieser Punkt der Agenda bildet den eigentlichen – und aus Sicht der Energieversorger nur allzu verständlich – Motor der aktuellen Debatte.

Die Zukunft der Energiewirtschaft ist offen. Eine Vielzahl umweltverträglicher und mit dem Nachhaltigkeitskonzept gut zu vereinbarender Optionen steht zur Verfügung. Jetzt geht es um die richtigen politischen Weichenstellungen in den nächsten Jahren und fortwirkend bis weit in die Mitte dieses Jahrhunderts.


Felix Christian Matthes ist Koordinator des Bereichs Energie und Klimaschutz des Ökoinstituts. 2000 – 2002 war er sachverständiges Mitglied der Enquetekommission „Nachhaltige Energieversorgung unter den Bedingungen der Globalisierung und der Liberalisierung“.

Der Beitrag erschien in Böll.Thema, Ausgabe 3, 2006: Klimawandel - Neue Ziele. Neue Allianzen. Neue Politik

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