Die Vision ist greifbar. Wo sind die Akteure?
Wenn die Szenarien der Klimawissenschaftler einigermaßen realistisch sind, dann gehen wir harten Zeiten entgegen. „Hart“ im ökologischen, aber auch „hart“ im politischen Sinn.
Der Rückzug aus dem fossilen System wird drastische Maßnahmen erfordern. Wer wird diesen Wandel einleiten? Wer wird ihn kritisch begleiten, analysieren, kommentieren, protestieren, wenn nötig? Ganz selbstverständlich gehen alle politischen Strategien davon aus, dass die Zivilgesellschaft, also Umweltverbände, Menschenrechtsgruppen, Dritte-Welt-Läden, attac und ähnliche Akteure schon ihre Rolle spielen werden beim großen Spiel. Doch muss dies so sein? Und wenn dies so sein muss – wird dies so sein?
Schornsteinbesetzungen und Mahnwachen
Auch wenn das Phänomen „Nichtregierungsorganisation“ schon über hundert Jahre alt ist, also ungefähr so alt wie das Rote Kreuz, wichtige Akteure wurden sie erst in den 70er-Jahren und effektive Akteure auf der globalen Bühne erst in den Neunzigern. Probebühne für den Rest der Welt waren die USA, wo in den wilden Sechzigern nicht nur mit Drogen experimentiert wurde, sondern auch die wesentlichen zivilgesellschaftlichen Ausdrucksformen unserer Zeit erfunden wurden. Nicht nur die Professionalität von Greenpeace ist ein ursprünglich angloamerikanisches Phänomen, auch die modernen Formen der Einflussnahme auf politische Prozesse kommen aus diesem Kulturraum.
Auf diese Weise haben Umweltgruppen und -verbände zuerst die nationale Politik aufgemischt, dann die internationale. Es begann mit Schornsteinbesetzungen, Mahnwachen und dem Verstopfen von Abflussrohren. Und es endete im letzten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts mit Mega-Veranstaltungen der Gegengesellschaft wie in Porto Allegre und auch mit subtiler diplomatischer Einflussnahme auf die Ergebnisse der großen Umweltkonferenzen.
Ist die Bewegung noch zur Gestaltung der Politik in der Lage?
Zu Beginn des neuen Jahrtausends haben die neuen Akteure merkbar an Kraft verloren. Dies ist zuerst in den USA sichtbar geworden, wo die Umweltbewegung sich weder dem Rollback der 80er-Jahre unter Ronald Reagan entgegenstellen, noch die komplette Zertrümmerung der Umweltpolitik unter George W. Bush verhindern konnte. Vielfältige Ursachen wurden dafür ausgemacht: die Konzentration der Umweltorganisationen auf die politische Landschaft in Washington D.C., die Entfremdung von der Bevölkerung und die Herausbildung eines für den Durchschnittsamerikaner unverständlichen Jargons. Auch war die Umweltbewegung ein Teil der progressiven Bewegung und deshalb ein Opfer der langfristig angelegten und aggressiven Roll-back-Strategie der Konservativen und der Industrie.
Eine Rolle spielte auch der Zusammenbruch der New Economy, der den US-Stiftungen die Finanzmittel nahm. Und nicht zu vergessen: Die Gegner aus Industrie und konservativen Think-Tanks haben gelernt, sie haben Methoden und Aktionsformen adaptiert und beherrschen die Klaviatur der Medien.
Basisarbeit und Ehrenamt
Und Deutschland? Nicht in allem folgt die Entwicklung Europas derjenigen in den USA. Hier wurde nicht alle Energie auf die Hauptstadtpolitik konzentriert, der Aufbau wasserköpfiger Strukturen war gedämpfter, und vor allem ging der Kontakt zur Basis nicht völlig verloren: BUND und NABU betreiben eine wirkungsvolle Basisarbeit und auch WWF und Greenpeace vernachlässigen das Ehrenamt nicht.
Aber so richtig wirkungsvoll erscheinen die Verbände in Deutschland auch nicht. Es fehlen die markanten Köpfe, die einstmals kreativen Aktionsformen sind Standardrepertoire und auch die tendenziell umweltfreundliche rot-grüne Regierungszeit mit dem Angebot enger Kooperation hat ihre Spuren hinterlassen. Die Verbändeförderung, ursprünglich eine clevere Idee der Ministerialbürokratie, sich selber Dampf zu machen, hat sicherlich zu einer gewissen Zähmung der Umweltverbände beigetragen. Und überhaupt – ob Kirchen, Gewerkschaften, Parteien oder Pfadfinder – alle klagen über Nachwuchsprobleme. Außerdem erschwert der Kampf ums wirtschaftliche Überleben für viele ein umweltpolitisches Engagement.
Kann die Umweltbewegung in der Klimapolitik eine entscheidende Rolle spielen?
Für die USA lässt sich das im Moment schwer sagen. Hier wird vieles darauf ankommen, ob es gelingt, die Verbände wieder stärker in der Bevölkerung zu verankern. Wenn es gelingt, wieder eine verständliche Sprache zu finden und neue Allianzen zu bilden, dann wird der „Death of Environmentalism“, so der Titel einer populären Analyse, verhindert werden können. Die „Apollo Alliance“, die in den USA allerdings bisher leider noch eine geringere Rolle spielt als bei uns wahrgenommen, könnte neue Bewegung in die festgefahrene Szene bringen. Aber der Erfolg hängt auch stark von den allgemeinen gesellschaftlichen Bedingungen ab – ob zum Beispiel nach der Präsidentschaft von George W. Bush progressive Ansichten in den USA wieder die Deutungshoheit erringen können. Erforderlich wäre es, denn ein umweltpolitisch zurückgebliebenes Amerika kann sich die Weltgemeinschaft in den kommenden Jahren nicht leisten.
Eine übergreifende Klimabewegung ist gefragt
In Deutschland wird viel davon abhängen, ob den Umweltverbänden der Schulterschluss mit anderen Akteuren gelingt. Ob, mit anderen Worten, eine echte Klimabewegung entsteht. Denn eine Bewegung entsteht erst dann, wenn sich unterschiedliche Interessen und Motivationen um eine zentrale Idee scharen. Im Falle des Klimaproblems sind das neben der Umweltbewegung zum Beispiel Menschenrechtsgruppen, die Slow-Food-Bewegung und kirchliche Aktivisten, Kämpfer gegen eine fehlgeleitete Globalisierung und Dritte- Welt-Läden. Aus dieser Mischung kann der Sprengstoff entstehen, der die Verhältnisse tanzen lässt. Und das nicht nur in Deutsch- land. Richtig verstanden wird eine solche Bewegung nur global Erfolg haben können. Dies ist eine weitere Lehre aus den Erfahrungen mit der Globalisierung und mit global agierenden Unternehmen: Wenn die zivilgesellschaftlichen Organisationen sich nicht globalisieren, werden sie an den Rand gedrängt.
Zivilgesellschaft muss zum globalen Dorf werden
Greenpeace und Co. haben in den 80er- Jahren auch deshalb so viel Erfolg gehabt, weil sie als erste die Chancen einer enger werdenden Welt nutzten. In einer Welt nationaler Regierungen und noch stark national geprägter Unternehmen hatten sie so einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil. Doch diese Zeit ist vorbei, die anderen Akteure haben aufgeholt. Jetzt gilt es, die Zivilgesellschaft zum globalen Dorf zu verschmelzen.
Die Aufgabe ist klar, nämlich eine bewusste Umgestaltung der ökologischen, ökonomischen und sozialen Basis der Menschheit. Auch die Vision ist greifbar, nämlich die Idee einer nachhaltigen und gerechten Weltgesellschaft auf diesem Planeten. Es braucht jedoch auch die richtigen Akteure. Zivilgesellschaftliche Organisationen in Deutschland und Europa können mit ihren Verbündeten in Asien, Afrika und Lateinamerika Vorreiter und Kristallisationskerne einer solchen Weltgesellschaft sein. Und schaffen gleichzeitig die transatlantischen, transmediterranen und eurasischen Allianzen für die Welt von morgen.
Hermann E. Ott ist Leiter des Berliner Büros des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie. Davor war der Rechtsanwalt für Umweltfragen Leiter der Abteilung Klimapolitik.
Der Beitrag erschien in Böll.Thema, Ausgabe 3, 2006: Klimawandel - Neue Ziele. Neue Allianzen. Neue Politik




