Publikation

Mythen der Atomkraft - Wie uns die Energielobby hinters Licht führt

8. Dezember 2010

Die Katastrophe in Japan im März 2011 hat die Debatte um die Nutzung der Atomkraft neu entfacht. Mit voller Wucht wurde die Welt an das Restrisiko erinnert: Sichere Atomanlagen sind reines Wunschdenken. Ist es in einer solchen Situation noch zu verantworten, veraltete Meiler am Netz zu lassen? Ist die von der Energielobby verbreitete These von der "Brückentechnologie Atomkraft" weiterhin haltbar?

Die Bevölkerung ist verunsichert, Aufklärung tut Not. Gerd Rosenkranz liefert die Argumente zur aktuellen und brisanten Debatte, entlarvt die Mythen der Befürworter und zeigt eindrücklich, was die Atomkraft wirklich ist: eine unverantwortliche und teure Risikotechnologie.

Gerd Rosenkranz: Mythen der Atomkraft. Wie uns die Energielobby hinters Licht führt

Herausgegeben von der Heinrich-Böll-Stiftung
2. Auflage
Band 1 der Reihe quergedacht
oekom Verlag München


Mythen der Atomkraft - Wie uns die Energielobby hinters Licht führt
   
Herausgeber/in Heinrich-Böll-Stiftung
Erscheinungsort München
Erscheinungsdatum Dezember 2010
Seiten 112
ISBN 978-3-86581-198-1
Bereitstellungs-
pauschale
8,95 Euro


Vorwort zur zweiten Auflage: Aus Erfahrung klug werden

Von Ralf Fücks

Als vor 25 Jahren erstmals ein Atommeiler in Tschernobyl explodierte, schien das Ende dieser Form der Stromproduktion gekommen. Tatsächlich kam der Neubau von Atomkraftwerken weitgehend zum Erliegen. In Schweden und Deutschland wurde der Ausstieg aus der Atomenergie beschlossen. Aber mit den Jahren verlor der Name Tschernobyl seine Bannkraft. Die Bundesregierung setzte den Konsens zum Atomausstieg außer Kraft, von einer globalen „Renaissance der Atomenergie“ war gar die Rede. Das war gestern. Heute findet vor unseren Augen ein neues nukleares Drama statt. Die Besatzung des Kernkraftwerks Fukushima kämpft verzweifelt gegen die ganz große Katastrophe. Der Ballungsraum Tokio mit seinen 35 Millionen Einwohnern ist keine 300 Kilometer entfernt.

Wird nun „Fukushima“ zur neuen Chiffre für das Ende des Atomzeitalters? Zumindest ist die Atomlobby in Politik und Energiewirtschaft in die Defensive geraten. Das gilt zumindest für den demokratischen Teil der Welt, wo der Einsatz von Risikotechnologien nicht einfach von oben verordnet werden kann. Tschernobyl konnte noch als das Versagen eines bankrotten kommunistischen Systems abgetan werden. Dagegen ereignet sich der aktuelle Atomunfall in einer hochindustriellen Zivilisation mit einer ausgeprägten Risikokultur. Ausgelöst wurde sie von einer Naturkatastrophe. Sie legte mit einem Schlag die Verwundbarkeit der technischen Zivilisation offen. Naturkatastrophe und industrielle Katastrophe gingen ineinander über. Man kann einige hunderttausend Menschen im direkten Umkreis der havarierten Atommeiler evakuieren, aber eine Megametropole wie Tokio kann nur hilflos zusehen, wie sich der Unfall entwickelt und wohin der Wind weht. Gütertransport, Flugverkehr, Strom- und Wasserversorgung sind massiv eingeschränkt, die Industrieproduktion bricht ein, die Börse rauscht in den Keller. Ein ganzes Land taumelt dem Notstand entgegen.

Ist es Hysterie und Nabelschau, wenn angesichts dieser Ereignisse in Deutschland der Ruf nach dem Ausstieg aus der Atomenergie unüberhörbar wird? Zweifellos sind Ängste im Spiel. Sie als irrationale Aufwallung abzutun ist falsch. Die Angst vor der atomaren Katastrophe hat einen rationalen Kern. Welchen Beweis braucht es noch, dass den Sicherheitsschwüren der Atomlobby nicht zu trauen ist? Was gestern noch ein zu vernachlässigendes Restrisiko war, kann heute schon verheerende Wirklichkeit werden. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis das Unwahrscheinliche geschieht. Je länger Anlagen am Netz bleiben, die heute nicht mehr genehmigungsfähig wären, desto höher das Risiko eines katastrophalen Unfalls.

Oft wird suggeriert, der Ausstieg aus der Atomenergie sei ein deutscher Sonderweg, dem keiner folgen will. Dabei stand die behauptete „Renaissance der Atomkraft“ schon vor Fukushima auf wackligen Füßen. Tatsächlich nimmt die Zahl der Atomkraftwerke weltweit stetig ab. In den nächsten 15-20 Jahren gehen mehr alte Anlagen vom Netz, als neue in Betrieb genommen werden. Kein Unternehmen wagt heute den Neubau eines Atomkraftwerks ohne staatliche Subventionen und Bürgschaften. Neue Anlagen werden vor allem dort gebaut, wo Staat und Energiewirtschaft eine unheilige Allianz bilden. Die Kosten explodieren. So hat sich der kalkulierte Baupreis des neuen Atomkraftwerks im finnischen Olkiluoto bereits von 3 Milliarden Euro auf rund 5,4 Milliarden erhöht. Dazu kommen die ungelösten Probleme der Endlagerung, die enormen Stillegungskosten und die hohe Störanfälligkeit dieser Technologie. Werden jetzt im Gefolge der japanischen Unfallserie die Sicherheitsstandards erhöht, steigen die Kosten der Atomkraft weiter.

Mit der weiteren Verbreitung der Atomenergie wächst auch die Gefahr der nuklearen Proliferation. Zivile und militärische Atomtechnik sind siamesische Zwillinge. Es gibt keine zuverlässige Mauer zwischen beiden – siehe das iranische Atomprogramm. Es ist reine Illusion, die Verbreitung von Atomwaffen zu verhindern, während man zugleich Atomtechnologie in alle Welt exportiert. Auch der Klimawandel taugt nicht als Argument pro Atomkraft. Die Kernenergie hat mitnichten das Potenzial, einen entscheidenden Beitrag für den Klimaschutz zu leisten. Zurzeit tragen weltweit 436 Reaktoren etwa sechs Prozent zum Primärenergieverbrauch bei. Um einen relevanten Beitrag zur CO2-Reduktion zu leisten, wäre ein Ausbau auf mindestens 1.000 bis 1.500 Reaktoren erforderlich. Man muss kein Angsthase sein, um das für ein Horrorszenario zu halten.

Entgegen dem Mantra der Bundesregierung taugt die Atomenergie auch nicht als Brücke ins Solarzeitalter. Schon bald kann allein die Windenergie bei günstiger Wetterlage und geringer Nachfrage den gesamten deutschen Strombedarf decken. Weil die Leistung der großen Atom- und Kohlekraftwerke nicht rasch abgeregelt werden kann, wird der Überschussstrom zu „negativen“ Preisen exportiert. Dieser Systemkonflikt wird mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien noch schärfer werden. Die Zukunft der Energieversorgung besteht aus einem weiträumigen Verbund von Windstrom, Wasserkraft, Solarenergie, Biomasse und dezentralen Gaskraftwerken. Parallel brauchen wir eine Effizienzrevolution, die den Energieverbrauch drastisch senkt. Wenn wir auf diesem Weg vorangehen, können wir zum globalen Kompetenzzentrum für die Energiewende werden.

Wir danken dem Autor Gerd Rosenkranz für den hier vorliegenden Essay, der nun in der zweiten Auflage erscheint und in bester Kürze die wichtigsten Details und Fakten zum Thema Atomkraft auf den Tisch bringt. Wer zu diesem aktuellen Thema weitere Informationen sucht, dem empfehlen wir die Website der Heinrich-Böll-Stiftung: www.boell.de.

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