Werkstattgespräch#12
Bildung für den Bedarf? Zum Stellenwert von Natur- und Ingenieurwissenschaften im Bildungssystem
Freitag, 12. Januar 2007
Seit langem schlägt der Verband deutscher Ingenieure Alarm. Zuletzt hat auch der Europäische Rat davor gewarnt, dass das deutsche und andere europäische Ausbildungssysteme einen absehbaren Mangel an natur- und ingenieurwissenschaftlich qualifizierten Hochschulabsolventen nicht werden befriedigen können. Führten solche Fehlentwicklungen schon immer zu Problemen für Makroökonomie und Wohlfahrt, so gilt dies für die europäischen Gesellschaften im Umbruch zur Wissensgesellschaft in verschärftem Maße. Auch wenn die Lissabon-Strategie der EU zu einseitig auf naturwissenschaftlich-technische Entwicklungen abstellt: ohne eine ausreichende Anzahl von NaturwissenschaftlerInnen und IngenieurInnen ist auch eine europäische Wissensgesellschaft nicht denkbar.
Wo liegen die Ursachen für dieses längerfristige Missverhältnis, wie kann Abhilfe gefunden werden, welche politischen Schritte sind nötig?
Wie weit soll und kann sich das Bildungssystem überhaupt am ‚Bedarf der Wirtschaft’ orientieren? Aufforderungen zu einer stärkeren Orientierung von Schulen an Perspektiven beruflicher Zukunft oder gar wirtschaftlichem Bedarf werden häufig von den Akteuren des Bildungssystems zurückgewiesen: als unzulässige Einmischung in die Eigenbestimmung und den originären pädagogischen Auftrag des Bildungssystems im Allgemeinen und der Schule im Besonderen. Befürchtet wird die Unterwerfung der Schule unter ökonomische Verwertungsinteressen.
Das Argument der von Nützlichkeitserwägungen unabhängigen Allgemeinbildung dient allerdings sehr oft als Schutz gegen die Zumutung von Kooperationen mit außerschulischen Akteuren. Denn Kooperationen – mit Unternehmen, mit Hochschulen – verlangen von LehrerInnen und Schulen die Auseinandersetzung mit den Perspektiven, Interessen und Kompetenzen anderer gesellschaftlicher Akteure.
Gerade für Frauen scheinen natur- und ingenieurwissenschaftliche Studiengänge besonders unattraktiv zu sein. Das liegt an den Studiengängen, aber auch daran, dass der Schulunterricht die Neugier von Mädchen auf Naturwissenschaft und Technik nicht zu wecken vermag oder ihnen sogar austreibt. Die Art des Unterrichts und die Wahl der Unterrichtsgegenstände motivieren nicht, zukunftsträchtige Themen anzupacken. Gesellschaftliche Entwicklungen, die gegenwärtige und zukünftige Lebenswelt der Lernenden fließen zu wenig in die Curricula ein. Kooperationen können helfen, hier zu einer besseren und motivierenden Passung zu kommen.
TeilnehmerInnen
Sybille Volkholz (ehem. Bildungskommission der Heinrich-Böll-Stiftung; Grüne Akademie)
Prof. Thomas Christaller (Fraunhofer-Institut für Autonome Intelligente Systeme Karlsruhe; Grüne Akademie)
Krista Sager (MdB Bündnis 90/Die Grünen; AK 5; Grüne Akademie)
Dr. Andreas Poltermann (Referent Bildung/ Wissenschaft der hbs, Grüne Akademie)
Dr. Carmen Gransee (Hochschule für Angewandte Wissenschaft Hamburg)
Dr. Elke Warmuth
u.a.
Die Veranstaltung wurde in der Schriftenreihe Bildung und Kultur dokumentiert und steht zum Download bereit.

