Von Olga Kapustina
Sollte ich mit dem Presseausweis kostenlos in den Zoo? Darf ich als Journalistin Geschenke annehmen? Wie gehe ich mit traumatisierten Interviewpartner_innen vor? Darf man sich über Allah lustig machen? Und über den Papst?
Viele spannende Fragen standen zur Debatte beim Seminar „Journalistische Ethik“, das am 26. bis 28. Februar 2010 in der Heinrich-Böll-Stiftung stattfand. Es entflammten heiße Diskussionen.
Die Hörfunkjournalistin und Workshop-Leiterin Gesine Dornblüth sorgte für Öl im Feuer: „Stellt euch vor, Ihr seid vor Ort bei der Geiselnahme in Gladbeck. Einige Journalisten steigen in den Bus der Täter ein. Steigt Ihr mit ein?“ Die Argumente fallen: Chance auf eine exklusive Geschichte, Verpflichtung vor dem Arbeitgeber, Zum-Mittäter-Werden, moralische Bedenken.
Gladbeck, Sebnitz, Winnenden – die Geografie der ethischen Sündenfälle der deutschen Journalisten reicht bis in die weitesten Ecken des Landes. Der Grund dafür sind oft mangelhafte Recherche und die Sensationsgier der Journalist_innen. Das zeigt die Analyse der Beschwerden, die beim Deutschen Presserat eingereicht wurden. Wir erfahren, dass eine schlampig gewählte Schlagzeile das Image einer Qualitätszeitung ausknocken kann und, dass Aperol nicht gleich Bionade ist.
„Die Zensur findet nicht statt“ – so steht es im Grundgesetz. „Die Vorzensur nicht, nachgehend kann aber ein Text verboten werden“, sagt Joachim von Gottberg, Geschäftsführer des Vereins „Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen“. Die Institution kümmert sich um den Jugendschutz im Fernsehen. Ihre Prüfer_innen entscheiden vor einer Ausstrahlung, zu welcher Zeit bestimmte Sendungen unter Jugendschutzgesichtspunkten gesendet werden dürfen. Sie nehmen DSDS (Deutschland sucht den Superstar), Popetown und Videoclips der Band „Die Ärzte“ ständig unter die Lupe. Keine einfache Aufgabe.
Umgang mit Traumatisierten war ein großes Thema des Seminars. Gesine Dornblüth, die regelmäßig als Journalistin in den Krisengebieten unterwegs ist, erzählte aus eigener Erfahrung, worauf Journalist_innen achten sollten: Blickkontakt mit den Gesprächspartner_innen, auf Augenhöhe mit ihnen sprechen und sie auf keinen Fall auf ihre „Opfer“-Rolle reduzieren. Und vor allem: Interesse am Menschen zeigen.
Ein ganz konkreter Tipp: Anstatt nach den Details des Geschehens fragen, lieber etwas über die Träume der Betroffenen erfahren wollen.
Das liebe Geld ebenfalls Zündstoff für eine heiße Debatte. Während die Vermischung von Journalismus und PR von den Stipendiat_innen eindeutig als unzulässig beurteilt wurde, waren sich die Teilnehmer_innen nicht einig, ob man von den Journalistenrabatten profitieren sollte.
Das Dilemma „Sollte ich mit dem Presseausweis kostenlos in den Zoo?“, konnten wir nicht eindeutig lösen. Jetzt wissen wir allerdings, wo wir Antworten auf diese und viele andere ethische Fragen finden – im Pressekodex. Den nahmen wir im Gepäck aus Berlin mit nach Hause. Eine Antwort finden wir auch hier: in unserem Gewissen.
Von Lalon Sander
Es gibt keine festen Regeln der journalistischen Ethik, lernten die Stipendiat_innen im Seminar „Journalistische Ethik“, das im Rahmen des Studienstipendienprogramms „Medienvielfalt, anders“ vom 26. bis 28. Februar in der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin stattfand. Vielmehr sind die Standards immer das Ergebnis von Diskussion. Auch im Seminar wurde kontrovers diskutiert.
Bankräuber nehmen einen Bus voller Menschen als Geisel und Journalisten steigen ein, um Interviews zu führen. Später sitzen sie in einem Auto mitten in der Innenstadt von Köln und wissen nicht weiter, bis ein Journalist sie zur Autobahn lotst. Das Geiseldrama von Gladbeck löste in Deutschland eine erste, breite Diskussion über journalistische Ethik aus – heute ist das, was die Journalisten damals taten, selbst für Anfänger keine Option mehr. Und dennoch: Auf der Suche nach einer exklusiven Geschichte würden sie vielleicht auch so handeln, sagten einige Stipendiat_innen. Etwa als „embedded journalists“ im Krieg, bei denen die Grenzen auch verschwimmen. Würde man aber auch sich zu einem Scharfschützen setzen, der auf der Straße Zivilisten beschießt?
Viel mehr als die Antworten sind es die schwierigen Fragen, die den Kern journalistischer Ethik ausmachen. Dass man in der Lage ist, sich selbst diese Fragen zu stellen und sie auch immer zufriedenstellend zu beantworten. Die Journalistin Gesine Dornblüth aus dem Journalistenbüro „text und töne“ in Berlin schaffte es, im Seminar die Diskussion immer wieder auf die Kernfragen zurück zu leiten, von der manche Diskussion abdriftete. Worin besteht das ethische Problem bestimmter Handlungen? Mit welchen Kriterien kann man sie bewerten?
Besonders kontrovers diskutiert wurde auch ein satirisches Gedicht der taz, das auf den Reim „Allah ist groß, Allah ist mächtig, er hat einen Arsch von ein Meter sechzig“ endet. Was ist die Grenze zwischen schlechtem Geschmack und moralischer Vergehen? Darf Satire alles?
Ja, entschied sich die große Mehrheit im Seminar. Nein, entschied aber tatsächlich der Deutsche Presserat. Doch obwohl der Presserat sich an einem sehr detailliert ausformulierten Kodex orientiert, ist er selbst auch nur ein Gremium aus Journalist_innen, die diese Fragen diskutieren und beurteilen. Ähnlich ist es bei anderen freiwilligen Selbstkontrollgremien, beispielsweise bei der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen, deren Geschäftsführer Joachim von Gottberg die Arbeit auf sehr unterhaltende Weise beschrieb.
Der Höhepunkt des Seminars war dann aber, als es ernst wurde: Gesine Dornblüth erzählte aus ihrer eigenen Arbeit, über Filme mit traumatisierten Menschen. Die Stipendiat_innen sahen sich diese Filme an und diskutierten darüber. Für viele war der letzte Vormittag der wichtigste Teil des Seminars.
Von Shirin Saber
Wie steht der Jurist und Datenschutzexperte Thilo Weichert zur Piratenpartei? Wie viele Sprachen spricht Cem Özdemir? Und was hat die Politik, die Claudia Roth macht, eigentlich mit Theater zu tun? Beim journalistischen Seminar „Das politische Interview“ der Heinrich-Böll-Stiftung vom 8. bis 10. Oktober galt es, das und noch viel mehr herauszufinden. Das nötige Handwerk vermittelte Workshop-Leiterin Gudula Geuther vom Deutschlandfunk. Die Aufgabe für uns Stipendiaten war, ein kurzes Live-Hörfunk-Interview zu produzieren. Das war insofern nicht unbedingt leicht, als dass wir nur einen Versuch hatten, an dem im Nachhinein nicht mehr gebastelt werden konnte.
Für eine authentische Interview-Situation sorgten diverse Politiker und Experten als Gesprächspartner. Die sinnvollen, präzisen und am besten noch kritischen Fragen sollten von uns kommen. Gar nicht so einfach. Warum? Obwohl wir wussten, dass es sich beim Interview nur um eine Übung handelte: Die Aufregung ließ sich trotzdem nicht ganz abstellen.
Schnell merkten wir: Ohne eine gründliche Vorabrecherche läuft beim politischen Interview gar nichts. Um kluge Fragen zu stellen, mussten wir uns vorab bis ins Detail über unsere Gesprächspartner und ihre politischen Haltungen und Aktivitäten informieren. Eine weitere Schwierigkeit bestand darin, Zeitvorgaben einzuhalten: Das Gespräch durfte nicht länger als sechs Minuten dauern. Aber was tun, wenn das Gegenüber ohne Punkt und Komma redet? Wenn das Thema so spannend ist, dass man glatt die Zeit vergisst und vom Journalisten zum Zuhörer wird? Oder wenn – und das ist noch viel schlimmer – der Interviewpartner einem so sympathisch ist, dass man ihm eigentlich gar kein Kontra bieten konnte?
Diese Probleme versuchten wir im Anschluss beim Abhören unserer aufgezeichneten Interviews in der Gruppe zu erörtern. Dabei lernten wir, das Gespräch besser zu steuern, gezielter zu fragen, den Interviewten festzunageln und vielleicht sogar zu provozieren. An anschaulichen Beispielen aus der realen Medienwelt sahen wir, dass die Regel „Der Interviewte bestimmt den Inhalt, der Interviewer die Form“ nicht immer zutrifft und manchmal sogar ganz schön in die Hose gehen kann. So erhält Friedrich Nowottny in seinem berühmten Interview mit Willy Brandt nur einsilbige Antworten, weil er Brandt zuvor gebeten hatte, sich kurz zu fassen.
Uns passierte so etwas glücklicherweise nicht. Unsere Gesprächspartner waren uns freundlich gesinnt, plauderten vor und nach den Interviews sogar noch recht offen aus dem Nähkästchen: über ihre Erfahrungen mit den Journalisten. Denn, wie Wolfgang Wieland es ganz treffend zusammenfasste: „Politiker sind auf die Medien angewiesen, und andersherum auch.“
Von Royna Noristani
Ein Thema suchen, einen Artikel schreiben und frei über die Darstellungsform wählen können. Darum ging es in dem ersten Basisseminar „Journalistische Darstellungsformen.“ Journalistin und Dozentin Ute Hempelmann, die sich nach langjähriger Arbeit beim NDR mit Ihrem Medienbüro „Klartext“ selbstständig gemacht hat, begleitete uns auf diesem dreitägigen Seminar. Sie stellte die These auf, dass sich der Journalismus im Wandel befinde. Das konnte sie anhand von Anekdoten aus ihrem Leben auch beweisen.
Praktisch ging es in erster Linie darum, dass wir ausprobieren konnten. Ein besonderes Highlight war das Interview, das wir binnen kürzester Zeit führen und mit entsprechenden technischen Hilfsmitteln aufnehmen sollten. Überraschend und erfreulich zugleich, dass es ein Beitrag auf die Homepage von Frau Hempelmann geschafft hat. Es ist ein Interview, das Filiz, eine Anwärterin für das Medienprogramm, mit mir geführt hat. Sie stellte mir Fragen über meine Heimat Afghanistan und wie ich die Berichterstattung über mein Land einschätze.
Zurück zu unseren Beiträgen. Vom Arbeitsprozess bis zum fertigen Ergebnis ist es ein weiter Weg. Und auf diesem stolpert man über so einige Hindernisse: Was macht einen guten Artikel aus? Wie schaffe ich einen sanften Übergang? Diese und weitere Fragen stellten sich uns vor allem in der Arbeitsphase, einer Phase, in der wir am meisten lernten.
Die Präsentation unserer Texte bildete den Abschluss der Veranstaltung. Neben den unterschiedlichen, interessanten Beiträgen gab es konstruktives Feedback, sowohl von der Dozentin als auch von den Teilnehmern.
Die Atmosphäre war angenehm. Während der Arbeitsphase ging es allerdings jedem von uns anders. Die einen, die schon etwas mehr journalistische Erfahrung mitbrachten, schienen sich ihrer Sache sicherer zu sein. Die anderen, für die Journalismus noch ein Neuland ist, bewegten sich in kleinen Schritten auf dem journalistischen Terrain. Eines hatten wir doch alle gemeinsam: Wir waren neugierig darauf, was dieses Seminar uns bringen wird.
Mir hat das Seminar viel gebracht. Ich habe nicht nur neue theoretische Kenntnisse gewinnen können, sondern vor allem auch praktische. Und: Ich habe mehr über meine journalistische Arbeitsweise gelernt. Ich weiß jetzt, dass ein organisiertes Chaos und eine klare Vorstellung vom Endprodukt wahre Wunder bewirken können. Außerdem kam ich auf den Geschmack audiovisueller Medien, bislang war ich nur im Printbereich tätig.
Die Hilfestellungen der Dozentin waren äußerst hilfreich. Frau Hempelmann ist eine Journalistin mit Leib und Seele. Vielmehr aber noch ist sie ein Mensch. Womit sich Birand Bingül's Bemerkung während der Auftaktveranstaltung zu diesem Programm wieder einmal bewahrheitet hat. Er sagte: „Ein Journalist ist ein Journalist, ist ein Mensch.“
Von Alexander Potetjurin
Der 31. Januar 2009 war ein besonderer Tag für mich und sieben andere Stipendiaten der Böll-Stiftung. Wir fanden im Berliner Stadtteil Friedrichshain zusammen, um am ersten Basisseminar im Rahmen des Stipendienprogramms „Medienvielfalt, anders“ teilzunehmen. Dieses Programm zielt auf StipendiatInnen mit Migrationshintergrund und interkultureller Erfahrung, die Journalisten werden möchten.
An diesem Wochenende ging es vor allem darum, verschiedene Stil- und Gestaltungsformen zu erlernen und einen Zugang zur Produktion des eigenen Beitrags zu finden. Dementsprechend brauchte ich zunächst einige Zeit, bis ich, zwischen Backsteinhäusern herumirrend, den Eingang ins Stiftungsarchiv fand. Der Weg eines Migranten in den Journalismus erwies sich dabei als wahrhaftig steinig und unübersichtlich. Umso größer war dann die Freude, als ich im dunklen Innenhof das vertraute, leuchtende Schild der Heinrich-Böll-Stiftung entdeckte.
Die Veranstaltung wurde von Ute Hempelmann geführt, einer freien Journalistin aus Hamburg. Am ersten Abend wurden Themen behandelt wie ausführliche Recherche, journalistische Ethik und Einsatz von Medien. Dann sollten wir uns ein eigenes Thema suchen und der Gruppe vortragen. Eine ganz praktische Übung, denn die Medientrainerin nahm dafür die Rolle der Chefredakteurin ein. Sie nahm die verschiedenen Vorschläge kritisch unter die Lupe und gab uns u.a. Tipps, wie wir unsere Ideen überzeugender vortragen könnten. Die wichtige Erkenntnis an diesem Abend: JournalistInnen folgen nicht nur ihrer eigenen Neigung bei der Suche und bei der Gestaltung ihrer Beiträge. Sie müssen auch permanent Bedürfnisse der AbnehmerInnen berücksichtigen. Und die variieren von Medium zu Medium sehr stark.
Am nächsten Seminartag versuchten wir uns an einem Hörfunkinterview. Dazu mimten wir gegenseitig die Journalisten und die Interviewten. Die journalistische Herausforderung hier war vor allem, eine freundliche und persönliche Atmosphäre zu schaffen und das Gespräch souverän zu leiten. Ebenso schwierig: Die Fragen so zu formulieren, dass sie den Kompetenzbereich des Befragten nicht überschreiten.
Später ging es richtig zur Sache, wir verfassten einen Text. Zur Wahl standen verschiedene Themen, darunter: Cem Özdemir und sein im vorigen November erschienenes Buch. Die schöpferische Atmosphäre im PC-Zimmer war förmlich zu spüren, die Musik der Tippgeräusche dauerte mehr als vier Stunden. Stand mir und anderen StipendiatInnen am Anfang noch Verzweiflung und Ratlosigkeit ins Gesicht geschrieben, so strahlten wir beim imaginären Redaktionsschluss einheitlich Zufriedenheit aus.
Zu guter Letzt präsentierten wir am Sonntag unsere Werke. Obwohl die Mehrheit sich für das vorgegebene Thema entschieden hat, ähnelten sich die Artikel keinesfalls oder waren gar eintönig. Ein klares Bekenntnis zum Motto unseres Programms: Medienvielfalt. Es war alles dabei, angefangen bei einem romantischen Portrait bis hin zur bissigen Glosse.
Am Ende des Seminars stellte Ute Hempelmann zufrieden fest: „Ich sehe bei Euch allen ein journalistisches Talent. Arbeitet weiter an Euch und Ihr werdet es schaffen. Die Nachfrage nach Journalisten mit interkulturellen Erfahrung ist da, sie wird auch in der Zukunft weiter wachsen“.
Schöner Schlusspunkt. Den ich mit einem Erlebnis aus dem Zug, mit dem ich zurück nach Hause fuhr, ergänzen kann: In meiner Nähe unterhielt sich der Schaffner lebhaft mit zwei Kindern. Die hatten sich erkundigt, ob man dem Lokführer bei der Arbeit zusehen dürfte. Darauf antwortete der Schaffner: „Natürlich geht das. Leider trauen sich nur wenige, danach zu fragen. Viel zu wenige.“
Deshalb mein persönlicher Aufruf an alle Interessenten am Medienprogramm der Heinrich-Böll-Stiftung: Traut Euch! Bewerbt Euch!

