Von Shirin Saber
Wie steht der Jurist und Datenschutzexperte Thilo Weichert zur Piratenpartei? Wie viele Sprachen spricht Cem Özdemir? Und was hat die Politik, die Claudia Roth macht, eigentlich mit Theater zu tun? Beim journalistischen Seminar „Das politische Interview“ der Heinrich-Böll-Stiftung vom 8. bis 10. Oktober galt es, das und noch viel mehr herauszufinden. Das nötige Handwerk vermittelte Workshop-Leiterin Gudula Geuther vom Deutschlandfunk. Die Aufgabe für uns Stipendiaten war, ein kurzes Live-Hörfunk-Interview zu produzieren. Das war insofern nicht unbedingt leicht, als dass wir nur einen Versuch hatten, an dem im Nachhinein nicht mehr gebastelt werden konnte.
Für eine authentische Interview-Situation sorgten diverse Politiker und Experten als Gesprächspartner. Die sinnvollen, präzisen und am besten noch kritischen Fragen sollten von uns kommen. Gar nicht so einfach. Warum? Obwohl wir wussten, dass es sich beim Interview nur um eine Übung handelte: Die Aufregung ließ sich trotzdem nicht ganz abstellen.
Schnell merkten wir: Ohne eine gründliche Vorabrecherche läuft beim politischen Interview gar nichts. Um kluge Fragen zu stellen, mussten wir uns vorab bis ins Detail über unsere Gesprächspartner und ihre politischen Haltungen und Aktivitäten informieren. Eine weitere Schwierigkeit bestand darin, Zeitvorgaben einzuhalten: Das Gespräch durfte nicht länger als sechs Minuten dauern. Aber was tun, wenn das Gegenüber ohne Punkt und Komma redet? Wenn das Thema so spannend ist, dass man glatt die Zeit vergisst und vom Journalisten zum Zuhörer wird? Oder wenn – und das ist noch viel schlimmer – der Interviewpartner einem so sympathisch ist, dass man ihm eigentlich gar kein Kontra bieten konnte?
Diese Probleme versuchten wir im Anschluss beim Abhören unserer aufgezeichneten Interviews in der Gruppe zu erörtern. Dabei lernten wir, das Gespräch besser zu steuern, gezielter zu fragen, den Interviewten festzunageln und vielleicht sogar zu provozieren. An anschaulichen Beispielen aus der realen Medienwelt sahen wir, dass die Regel „Der Interviewte bestimmt den Inhalt, der Interviewer die Form“ nicht immer zutrifft und manchmal sogar ganz schön in die Hose gehen kann. So erhält Friedrich Nowottny in seinem berühmten Interview mit Willy Brandt nur einsilbige Antworten, weil er Brandt zuvor gebeten hatte, sich kurz zu fassen.
Uns passierte so etwas glücklicherweise nicht. Unsere Gesprächspartner waren uns freundlich gesinnt, plauderten vor und nach den Interviews sogar noch recht offen aus dem Nähkästchen: über ihre Erfahrungen mit den Journalisten. Denn, wie Wolfgang Wieland es ganz treffend zusammenfasste: „Politiker sind auf die Medien angewiesen, und andersherum auch.“
Von Royna Noristani
Ein Thema suchen, einen Artikel schreiben und frei über die Darstellungsform wählen können. Darum ging es in dem ersten Basisseminar „Journalistische Darstellungsformen.“ Journalistin und Dozentin Ute Hempelmann, die sich nach langjähriger Arbeit beim NDR mit Ihrem Medienbüro „Klartext“ selbstständig gemacht hat, begleitete uns auf diesem dreitägigen Seminar. Sie stellte die These auf, dass sich der Journalismus im Wandel befinde. Das konnte sie anhand von Anekdoten aus ihrem Leben auch beweisen.
Praktisch ging es in erster Linie darum, dass wir ausprobieren konnten. Ein besonderes Highlight war das Interview, das wir binnen kürzester Zeit führen und mit entsprechenden technischen Hilfsmitteln aufnehmen sollten. Überraschend und erfreulich zugleich, dass es ein Beitrag auf die Homepage von Frau Hempelmann geschafft hat. Es ist ein Interview, das Filiz, eine Anwärterin für das Medienprogramm, mit mir geführt hat. Sie stellte mir Fragen über meine Heimat Afghanistan und wie ich die Berichterstattung über mein Land einschätze.
Zurück zu unseren Beiträgen. Vom Arbeitsprozess bis zum fertigen Ergebnis ist es ein weiter Weg. Und auf diesem stolpert man über so einige Hindernisse: Was macht einen guten Artikel aus? Wie schaffe ich einen sanften Übergang? Diese und weitere Fragen stellten sich uns vor allem in der Arbeitsphase, einer Phase, in der wir am meisten lernten.
Die Präsentation unserer Texte bildete den Abschluss der Veranstaltung. Neben den unterschiedlichen, interessanten Beiträgen gab es konstruktives Feedback, sowohl von der Dozentin als auch von den Teilnehmern.
Die Atmosphäre war angenehm. Während der Arbeitsphase ging es allerdings jedem von uns anders. Die einen, die schon etwas mehr journalistische Erfahrung mitbrachten, schienen sich ihrer Sache sicherer zu sein. Die anderen, für die Journalismus noch ein Neuland ist, bewegten sich in kleinen Schritten auf dem journalistischen Terrain. Eines hatten wir doch alle gemeinsam: Wir waren neugierig darauf, was dieses Seminar uns bringen wird.
Mir hat das Seminar viel gebracht. Ich habe nicht nur neue theoretische Kenntnisse gewinnen können, sondern vor allem auch praktische. Und: Ich habe mehr über meine journalistische Arbeitsweise gelernt. Ich weiß jetzt, dass ein organisiertes Chaos und eine klare Vorstellung vom Endprodukt wahre Wunder bewirken können. Außerdem kam ich auf den Geschmack audiovisueller Medien, bislang war ich nur im Printbereich tätig.
Die Hilfestellungen der Dozentin waren äußerst hilfreich. Frau Hempelmann ist eine Journalistin mit Leib und Seele. Vielmehr aber noch ist sie ein Mensch. Womit sich Birand Bingül's Bemerkung während der Auftaktveranstaltung zu diesem Programm wieder einmal bewahrheitet hat. Er sagte: „Ein Journalist ist ein Journalist, ist ein Mensch.“
Von Alexander Potetjurin
Der 31. Januar 2009 war ein besonderer Tag für mich und sieben andere Stipendiaten der Böll-Stiftung. Wir fanden im Berliner Stadtteil Friedrichshain zusammen, um am ersten Basisseminar im Rahmen des Stipendienprogramms „Medienvielfalt, anders“ teilzunehmen. Dieses Programm zielt auf StipendiatInnen mit Migrationshintergrund und interkultureller Erfahrung, die Journalisten werden möchten.
An diesem Wochenende ging es vor allem darum, verschiedene Stil- und Gestaltungsformen zu erlernen und einen Zugang zur Produktion des eigenen Beitrags zu finden. Dementsprechend brauchte ich zunächst einige Zeit, bis ich, zwischen Backsteinhäusern herumirrend, den Eingang ins Stiftungsarchiv fand. Der Weg eines Migranten in den Journalismus erwies sich dabei als wahrhaftig steinig und unübersichtlich. Umso größer war dann die Freude, als ich im dunklen Innenhof das vertraute, leuchtende Schild der Heinrich-Böll-Stiftung entdeckte.
Die Veranstaltung wurde von Ute Hempelmann geführt, einer freien Journalistin aus Hamburg. Am ersten Abend wurden Themen behandelt wie ausführliche Recherche, journalistische Ethik und Einsatz von Medien. Dann sollten wir uns ein eigenes Thema suchen und der Gruppe vortragen. Eine ganz praktische Übung, denn die Medientrainerin nahm dafür die Rolle der Chefredakteurin ein. Sie nahm die verschiedenen Vorschläge kritisch unter die Lupe und gab uns u.a. Tipps, wie wir unsere Ideen überzeugender vortragen könnten. Die wichtige Erkenntnis an diesem Abend: JournalistInnen folgen nicht nur ihrer eigenen Neigung bei der Suche und bei der Gestaltung ihrer Beiträge. Sie müssen auch permanent Bedürfnisse der AbnehmerInnen berücksichtigen. Und die variieren von Medium zu Medium sehr stark.
Am nächsten Seminartag versuchten wir uns an einem Hörfunkinterview. Dazu mimten wir gegenseitig die Journalisten und die Interviewten. Die journalistische Herausforderung hier war vor allem, eine freundliche und persönliche Atmosphäre zu schaffen und das Gespräch souverän zu leiten. Ebenso schwierig: Die Fragen so zu formulieren, dass sie den Kompetenzbereich des Befragten nicht überschreiten.
Später ging es richtig zur Sache, wir verfassten einen Text. Zur Wahl standen verschiedene Themen, darunter: Cem Özdemir und sein im vorigen November erschienenes Buch. Die schöpferische Atmosphäre im PC-Zimmer war förmlich zu spüren, die Musik der Tippgeräusche dauerte mehr als vier Stunden. Stand mir und anderen StipendiatInnen am Anfang noch Verzweiflung und Ratlosigkeit ins Gesicht geschrieben, so strahlten wir beim imaginären Redaktionsschluss einheitlich Zufriedenheit aus.
Zu guter Letzt präsentierten wir am Sonntag unsere Werke. Obwohl die Mehrheit sich für das vorgegebene Thema entschieden hat, ähnelten sich die Artikel keinesfalls oder waren gar eintönig. Ein klares Bekenntnis zum Motto unseres Programms: Medienvielfalt. Es war alles dabei, angefangen bei einem romantischen Portrait bis hin zur bissigen Glosse.
Am Ende des Seminars stellte Ute Hempelmann zufrieden fest: „Ich sehe bei Euch allen ein journalistisches Talent. Arbeitet weiter an Euch und Ihr werdet es schaffen. Die Nachfrage nach Journalisten mit interkulturellen Erfahrung ist da, sie wird auch in der Zukunft weiter wachsen“.
Schöner Schlusspunkt. Den ich mit einem Erlebnis aus dem Zug, mit dem ich zurück nach Hause fuhr, ergänzen kann: In meiner Nähe unterhielt sich der Schaffner lebhaft mit zwei Kindern. Die hatten sich erkundigt, ob man dem Lokführer bei der Arbeit zusehen dürfte. Darauf antwortete der Schaffner: „Natürlich geht das. Leider trauen sich nur wenige, danach zu fragen. Viel zu wenige.“
Deshalb mein persönlicher Aufruf an alle Interessenten am Medienprogramm der Heinrich-Böll-Stiftung: Traut Euch! Bewerbt Euch!

