Abstract
Ökologische Modernisierung der deutschen Aquakultur - Rekonstruktive Analyse von Adaptionsprozessen bei Produzenten
Tobias Lasner, Universität Gesamthochschule - Kassel
Die Überkapazität der Fischereiflotten führt zu einem Rückgang der Fangerträge und gefährdet die natürliche Regeneration der marinen Fischbestände (EU 2009, S. 9) . Gleichzeitig steigt die Nachfrage nach Fisch als Lebensmittel stetig an. Im Gegensatz zur sogenannten Wildfischerei kann der Aquakultursektor der Fischwirtschaft seit Jahren ein gutes Wachstum verzeichnen (FAO 2009, S. 3). Dies berücksichtigt auch die Europäische Union in ihrer angestrebten Reform der Gemeinsamen Fischereipolitik (GFP). Sie kommt zu dem Schluss, dass eine weitere Ausdehnung der europäischen Produktion von fischereilichen Erzeugnissen nur noch durch einen Ausbau der in Kulturen gehaltenen Organismen geschehen kann (EU 2007, S. 1). Die industriell konventionelle Aquakultur birgt jedoch viele Umweltrisiken in sich (BERGLEITER 2008). Deshalb ist das Paradigma der Nachhaltigkeit für einen Ausbau der Aquakultur einerseits und dem sozialverträglichen Rückbau der Fischereiflotte andererseits ein zentrales Element für die Reform der GFP (EU 2007). Mit dem umweltsoziologischen Begriff der ökologischen Modernisierung lassen sich die Anliegen der GFP-Reform wie folgt zusammenfassen: „Ziel […] ist [die] höhere Wertschöpfung bei geringerem Ressourcenverzehr.“ (DIEKMANN et al. 2001, S. 29).Für eine ökologische Modernisierung der Aquakultur ist die Übernahme (Adaption) und anschließende Verbreitung (Diffusion) von Innovationen in Form von ökologisch-nachhaltigen Produktionsverfahren ausschlaggebend. Im Zentrum des vorliegenden Forschungsvorhabens steht die Frage nach den Faktoren, die eine Adaption solcher Innovationen bzw. deren Ablehnung bedingen. Entscheidend für den Verlauf des Adaptionsprozesses bei mittelständigen Unternehmen ist die Innovationsorientierung der Betreiber von Aquakulturanlagen (Fischwirte). Die Fischereiforschung in Europa hat die sozialwissenschaftlichen Ansätze aus dem anglo-amerikanischen Raum zur Innovationsdiffusion in der Fischwirtschaft bisher ignoriert. Das Promotionsvorhaben will die Fischwirte und ihre Innovationsorientierung in den Fokus der Betrachtung stellen, um diese Wissenslücke zu schließen.
Die Diffusionsforschung bietet eine empirisch fundierte Forschungsperspektive, mit der sozialer Wandel strukturiert analysiert werden kann (BRAUN-THÜRMANN 2005, S. 10). Das Diffusionskonzept hat einer Vielzahl von mit quantitativen Methoden arbeitenden Studien ein theoretisches Konzept für die Empirie zur Verfügung gestellt. Ihrer universellen Anwendbarkeit in den verschiedensten Wissenschaftsdisziplinen ist inhärent, dass das abstrakt gehaltene Diffusionskonzept für einen Forschungsgegenstand wie die Aquakultur spezifiziert werden muss (TANGO-LOWY et al. 2002, S. 249).
Standardisierte quantitative Forschungsdesigns sind kaum geeignet, die Komplexität von Adaptionsprozessen offenzulegen (ROGERS 2003, S. 115-124). Daher kommt im Rahmen dieser Arbeit eine Methodenkombination von narrativen und Leitfaden gestützten Interviews mit Betriebsinhabern zum Einsatz, um die subjektiven Relevanzsysteme der Fischwirte für oder gegen die Entscheidung, ihren Betrieb ökologisch zu modernisieren, in Erfahrung zu bringen. Dabei stehen zwei sehr unterschiedliche Gruppen, ökologisch wirtschaftende Fischwirte einerseits und Betreiber von technischen Kreislaufanlagen andererseits, im Mittelpunkt der Empirie. Beide Gruppen haben den Umweltschutz auf unterschiedliche Weise in ihr Produktionsverfahren integriert und gehen weit über das von der GFP geforderte Maß der Nachhaltigkeit hinaus. Ein anschließender komparativer Fallvergleich mit konventionellen Teichwirtschaften soll einen Schluss auf das Adaptionspotenzial der deutschen Aquakultur gegenüber ökologisch nachhaltigen Innovationen ermöglichen.


