1. September, 10:56

Den öffentlich-rechtlichen Anstalten eine Zukunft stiften

Thierry Chervel

Alle Welt debattiert über die höchst unwahrscheinliche Einführung einer Kulturflatrate und vergisst dabei, dass es so etwas wie eine Kulturflatrate in Deutschland längst gibt. Sie wird allmonatlich von der GEZ eingezogen.

Acht Milliarden Euro gehen automatisch an einen Apparat, der höchst solide in der Landschaft ruht, während die gesamte Ökonomie der Kultur und der Information ringsherum radikal in Frage gestellt ist. Acht Milliarden Euro - das ist soviel wie Länder und Gemeinden Jahr für Jahr für ihre Kulturinstitutionen ausgeben. Nicht jeder dieser Euros ist verschwendet. Doch es empfiehlt sich heute nicht mehr, vor zehn oder halb elf Uhr abends durch die Sender zu zappen, denn in der Hauptsendezeit setzen die Öffentlichen-Rechtlichen nur ihren weichen Populismus gegen den drastischen Populismus der Privaten. Innovation fehlt auf beiden Seiten, und ein gar nicht so kleiner Teil des Publikums bestellt sich darum heute seine HBO-Serien auf DVD. Die Privaten sehen in ihnen offenbar nicht genug Potenzial, und die Öffentlich-Rechtlichen? Die bringen lieber eine Nonnen-, Ärzte- oder Pilcher-Schmonzette fürs einzig verbliebene ältere Publikum.

Es ist deprimierend: Auf der einen Seite steht der private Mediensektor, der von Sendern über die Presse bis hin zu Internetmedien reicht, und um sein Geschäftsmodell bangt und nicht weiß. Auf der anderen Seite ein riesiger, bürokratischer und hermetisch wirkender öffentlich-rechtlicher Block. Kreative Unruhe ist nirgends zu spüren. Die freie Presse ruft nach Staatsgeldern. Die Öffentlich-Rechtlichen igeln sich ein im Status quo.

Worin genau besteht heute noch die Existenzberechtigung der Öffentlich-Rechtlichen? Welches ist das knappe Allgemeingut, das sie hüten? Nach dem Krieg war das offensichtlich. Es stand nur eine äußerst knappe Anzahl an Frequenzen zur Verfügung, und es wäre nicht in Frage gekommen, diese einem Alfred Hugenberg oder irgendwelchen Parteiorganen zuzuschanzen. Dies war eine gute Entscheidung. Die öffentlich-rechtlichen Sender spielten bei der geistigen, kulturellen, politischen und intellektuellen Konstitution der jungen Bundesrepublik eine zentrale Rolle. Doch heute lässt sich der Anspruch der Öffentlich-Rechtlichen nicht mehr aus der Knappheit der Sendeplätze herleiten.

Welche Partei wäre in diesem Wahlkampf, in dem nichts zur Debatte zu stehen scheint, bereit, hier einen wirklichen Bruch zu skizzieren? Zum Beispiel: die Anstalten aufzulösen und an ihre Stelle Stiftungen treten zu lassen, die einzelne Sende- oder Medienprojekte ausschreiben?

Alle Medien wären dann frei, sich darauf zu bewerben, die neu gefassten Strukturen der Öffentlich-Rechtlichen ebenso wie Zeitungskonzerne oder Internetmedien. An die Stelle einsamer Intendanten-Entscheidungen, die von Rundfunkräten abgenickt werden, solange der Parteienproporz gewahrt ist, träte eine gesellschaftliche Diskussion über die Relevanz von Formaten und Inhalten. Vielleicht gäbe es dann auch witzige Ideen für Fernsehserien statt Alpenglühen und Volksmusik. Das knappe öffentliche Gut sind heute jedenfalls nicht mehr ein paar Frequenzen, zu deren Verwaltung fest installierte Institutionen notwendig sind. Das knappe Gut ist die Öffentlichkeit selbst.

Es hat jedenfalls keinen Sinn, neben der Debatte um Kultursubventionen, der Diskussion um GEZ-Gebühren, dem Streit um staatlichen Artenschutz für die Presse noch ein ratloses Stochern um die Frage der Kulturflatrate zu veranstalten. Das Ganze muss überdacht werden.


Thierry Chervel ist Mitbegründer des Online-Magazins Perlentaucher.

 

Nachrichtenlage: Aktuelle Marktanteile der Sender.

Comments

Von Anon ,  2. September, 11:00

Ich finde diesen Beitrag sehr gut und stimme in den meisten Punkten überein.
Allerdings beinhaltet die Diskussion über eine Kulturflatrate (KF) auch die GEZ. Diese soll nämlich der KF weichen und somit freien Wettbewerb ermöglichen.
Es bleibt aber die Sorge, dass dann vllt. nur noch Hartz IV Sendungen laufen werden und die Kultur völlig zugrunde geht.

mfg

Von T ,  2. September, 12:26

@Anon:

Sollten nur noch Hartz-IV-Sendungen laufen, dann wird sich auch der Zuschauerkreis immer mehr auf eben diese Gruppe einengen. Dadurch würden dem Fernsehen aber einen Menge Geld verloren gehen, denn wenn praktisch nur noch Hartz-IV-Empfänger den Fernseher einschalten, werden viele Werbekunden (deren Ziel oft keine Hartz-IV-Empfänger sind) abspringen. Spätestens dann wird mind. 1 Sender aus der Reihe tanzen und die Qualität des Programm endlich wieder auf ein erträgliches Niveau erhöhen müssen.

Die Sender produzieren die schlechten Beiträge schließlich auf Grund einer Mischung von Ahnungs- und Bocklosigkeit und beides wird auf Dauer der Tot des Mediums Fernsehen sein, sollte die entsprechende Entwicklung weiter anhalten, die bei ARD und ZDF nicht weniger stark ausgeprägt ist als bei den Privaten. Neutrale, objektive Beiträge mit korrekten Fakten findet man heutzutage praktisch gar nicht mehr, subjektives Werbefernsehen und Beiträge auf Basis völlig falscher Daten ist an der Tagesordnung.

Ich denke aber, dass die Sender das Problem noch spüren werden. Wenn man mir Blödsinn unter die Nase reiben will, den man mit 2 Minuten Prüfen oder 1 Minute Nachdenken als falsch hätte identifizieren können, dann müssen sich auch die Sender nicht wundern, wenn ich statt 1h zum Zuschauen nur noch 5s zum Ausschalten investiere.

Von Spendler ,  2. September, 18:00

Quatschkopf. Banaler gehts nimmer. Die Frage ist doch, wieso eine Internettvproduktion schon für 500 euro möglich ist und eine fernsehproduktion nur für 500 tsd.

Von Stefan3 ,  2. September, 22:32

Jupp, und wo 500 tsd in die Hand genommen werden, da ist der Wille eines "Herausgebers" oder "Besitzers" nicht weit. In den Ö-R sind wenigstens Direktoren am Werk die nicht dynastisch Springer oder Mohn heißen. Meist sind sie (hier im Süden) auch Konservativ, lassen aber auch mal ein frisches Projekt durchgehen.

Stiftungen? Wer soll da wo über welches Projekt entscheiden, auf dass sich wer berwirbt? Mit verlaub auch wenn Perlentaucher eine gute Idee ist, entschuldigt das nicht unausgegohrendes Zeug zu schreiben.

Grüße Stefan Reiner

Von Teddy A. ,  4. September, 12:57

"Es hat jedenfalls keinen Sinn, neben der Debatte um Kultursubventionen, der Diskussion um GEZ-Gebühren, dem Streit um staatlichen Artenschutz für die Presse noch ein ratloses Stochern um die Frage der Kulturflatrate zu veranstalten. Das Ganze muss überdacht werden."

Richtig!
Nur leider hat der Verfasser genau das, was er hier beklagt, selbst gemacht: nicht nachgedacht und alles mögliche in eine Topf geworfen.

Bei der Kulturflatrate (im Sinne von Grassmuck) geht es um eine Pauschalabgabe als Ausgleich für private Kopien urheberrechtlich geschützter Werke.

Nicht um Kulturförderung. Nicht um "bessere" Medien(-Produkte). Nicht einmal um eine "gerechtere" Verteilung zwischen Hitproduzenten und anderen.

Deshalb hat "Kulturflatrate" nicht das geringste mit der durch Steuern finanzierten Förderung von "Kultur" zu tun - und genauso wenig mit einem gebührenfinanzierten öffentlich-rechtlichen Fernsehen.

Eine Vermischung von kommerziellen und öffentlich-rechtlichen Medienangeboten und -anbietern wie im Beitrag angedacht, macht keinen Sinn.

Entweder besteht ein Bedarf nach nicht-kommerziellen Medien(angeboten) oder nicht. Falls ein Bedarf besteht, muss der öffentlich-rechtliche Medienbereich möglichst unabhängig vom kommerziellen organisiert werden.

Die Vorstellung, das öffentlich-rechtliche und kommerzielle Anbieter gegeneinander um "Kulturförderung" durch irgendwelche "Stiftungen" (oder eine "Superstiftung) konkurrieren, ist absurd.

Nicht nachvollziehbar ist auch der Glaube kommt, "Stiftungen" könnten die ihne zugewiesen Aufgaben generell besser erfüllen als die öffentlich-rechtlichen Rundfunksender.

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