4. September, 10:21

Linkspartei und FDP auf Koalitionsfähigkeit testen! (Failed-Democracy-Debatte, Teil 1)

Helmut Wiesenthal

Teil 1 einer Reihe von Antworten auf einen Leitartikel*.

Es ist nicht ganz abwegig, wenn Bertrand Benoit in der Financial Times vom 1.9.09 im Koalitionsgerangel nach den Landtagswahlen ein Indiz dafür sieht, dass die Wähler im Fünfparteiensystem ihren Einfluss auf die Regierungsbildung, also das letztenendes wichtigste „Wahlergebnis“, verloren haben. Doch so ganz neu ist dieses Problem nicht. Denn die Wahl zwischen einer Großen Koalition auf der einen Seite und einer (linken oder rechten) Lagerkoalition auf der anderen, bestand schon immer. Das Neue an den Wahlergebnissen dieses Jahres ist etwas anderes, nämlich die Wiederkehr und neue Zusammensetzung einer Mitte-Links-Mehrheit. Das kann man nun, je nach Geschmack, auf die Chuzpe von Lafontaine oder das mangelnde Konzeptualisierungs- und Integrationsvermögen der SPD zurückführen. Aber ihre politische Brisanz erhalten die Nachwahl-Konstellationen im Saarland und in Thüringen erst durch die von CDU/CSU und FDP mit viel Liebe praktizierte Tabuisierung der ex-SED-ex-PDS-ex-WASG-Linken und die selbst gebastelten Stolperfallen der SPD.

In Thüringen hat sich die Lage mit dem Rücktritt von Althaus abrupt entspannt: Nun mag sich die SPD für die Realisierung ihrer hochgesteckten, aber material unerheblichen Wahlziele – Althaus den Laufpass geben und Ramelow verhindern – fröhlich feiern. Im Saarland werden vermutlich erst nach der Bundestagswahl eine Handvoll grüner Delegiertenstimmen entscheiden, welche Variante eines spannenden Experiments zum Zuge kommt: Jamaika oder Rot-Rot-Grün. Angesichts des enormen Einflussgewichts von gerade einmal 3,9 % der Wahlberechtigten, die im Saarland grün wählten, kann man die demokratietheoretischen Bauchschmerzen des FT-Kommentators gut nachempfinden, aber größere Sorgen sollte man sich um die Belastbarkeit des grünen Landesverbandes an der Saar machen: Wie immer auch die Entscheidung ausfallen wird, in jedem Fall wird die Loyalität einer großen Minderheit Andersmeinender gefordert sein.

Meine Präferenz für den Ausgang der Tragikomödie war und ist, dass im Saarland und in Thüringen unterschiedlich gefärbte Regierungskoalitionen mit Beteiligung der Grünen zu Stande kommen. Nicht, dass ich in Rot-Rot-Grün oder Jamaika besonders große Hoffnungen setzen würde, was ihren politischen Ertrag angeht. Aber es ist höchste Zeit, dass die nicht unerheblichen Argumente, die gegen Linkspartei und FDP angeführt werden, auf den Prüfstand kommen. Blieben sie weiterhin empirisch ungeprüft, würde das Fünfparteiensystem Gefahr laufen, am Mangel inhaltlicher und machtpolitischer Alternativen zu ersticken. Deshalb sollten wir endlich beobachten dürfen, wie die Akteure mit den neuen, so gefährlich anmutenden Optionen umzugehen verstehen. Es drohen doch keine wirklichen Katastrophen, sondern allenfalls neue Einsichten! 

 

Helmut Wiesenthal ist Politikwissenschaftler und emeritierter Professor der Humboldt-Universität Berlin sowie Mitglied der Grünen Akademie.


* In einem Leitartikel in der Financial Times vom 1. September (online) bezeichnete Bertrand Benoit Deutschland als "failed democracy", weil Wähler ohne Koalitionsaussagen der Parteien nicht mehr wissen, welche Regierung sie wählen. Der Originaltext ist nach kostenloser Anmeldung lesbar. Der Autor ist Büroleiter der FT in Berlin. Zur Debatte erschienen bisher folgende Beiträge:

Teil 4: Lothar Probst, Grüne müssen sich gegen Linkspartei und FDP durchsetzen

Teil 3: Tine Stein, Das Mehrheitswahlrecht ist nicht demokratischer

Teil 2: Robert Misik, Was Wähler nicht entscheiden dürfen 

 

Comments

Von Norbert Schellberg ,  4. September, 14:20

Ich kann Helmut Wiesenthal nur zustimmen, was die Notwendigkeit angeht, die Koalitionsfähigkeit von Grünen mit Linken und FDP emprisch zu überprüfen.
Nur eines: Rot-Rot-Grün in Thüringen zu machen, wo es die Grünen zur Erlangung der Mehrheit gar nicht braucht, hielte ich für absolut dämlich. Damit wäre man nur Feigenblatt für dem Tabubruch der beiden Roten. Ohne tatsächliches Machtpotential wäre man überflüssig und damit jederzeit erpressbar. Das sollen die SPD und die Linken mit ihrer Mehrheit mal schön selbst versuchen, wenn sie es denn hinkriegen. Das hat es meines Wissens in Deutschland auch (zu Recht) bisher nirgends gegeben: eine Koalition mit einem Partner, der für die Mehrheit gar nicht gebraucht wird.

Von Wasserbetten Journalist ,  6. September, 12:21

"Das sollen die SPD und die Linken mit ihrer Mehrheit mal schön selbst versuchen"

Dem kann man nur zustimmen!
Was veranstalten die da eigentlich für eine Show?
Die Linken haben eine Menge Stimmen erhalten und was einige Leute von der CDU und CSU dazu sagen ist mir als Demokrat erlich gesagt ziemlich egal.

Ich bin gewiss kein rechter. Wenn die aber 20% bekommen würden dann muss ich das akzeptieren oder auswandern. Und Intelektuel betrachtet sind die Linken da weiß gott noch das kleinere übel!

Zu sagen das 20% der Wähler nur Protestwähler oder dumme linke Schweine sind, das geht mal gar nicht! Entweder man geht in die Politik, dann muss man sich den stimmen des Volkes beugen und mit dem was man vorfindet saubere Politik betreiben oder man macht Journalismus bei Axel Springer.


Der Umgang, sowohl von CDU/CSU wie auch der SPD mit den Linken ist für mich zumindest sehr seltsamm.

Nicht das ich überhaupt einen Politiker wählen würde. Die sind für mich auf selben gesellschaftlichem Niveau wie Hamburger Kitz grössen. Aber der einzigste der ganzen Bagage der überhaupt einigermassen glaubwürdig ist, ist Guido Westerwelle. Leider ist aber auch der, aus diversen Gründen nicht wählbar. Das aber ist ein anderes Thema.

Von Viktor Panic ,  6. September, 13:53

Was bedeutet Demokratie?
Für Amerikaner und Briten bedeutet es wohl die Alleinherrschaft jeweils einer einzigen Partei, sie sind es in ihren (wahlrechtsbedingten) Zwei-Parteien-Systemen gewöhnt, dass diejenige, die die Mehrheit erringt, alles tun kann, was sie will, und ihre Wähler wissen vorher, was das sein wird.
Ob diese auch alles richtig finden, was "ihre" Partei wünscht, ist eine andere Frage. Insofern haben britische und amerikanische Wähler nur die Wahl des "kleineren Übels".
Nun ja, wie man an Obama's (überfälliger, aber dennoch schleppender) Gesundheitsreform sieht, gibt es dort andere Mechanismen, die ein Wahlergebnis verwässern.
Deutsche hingegen haben die Wahl zwischen fünf Programmen bzw Parteien, das darf man wohl als eine "größere Wahl" bezeichnen! Sicher, hierzulande können sie nicht im Voraus wissen, welche Programmpunkte tatsächlich durchgesetzt werden, wenn die Partei eine Regierungsbeteiligung erhascht, doch jeder gebildete Wähler weiß, welche Punkte den jeweiligen Parteien wichtig sind, die für ihn in Betracht kommen, und im Normalfall kann er gleich nach Bekanntgabe des Resultats einschätzen, welche Koalition sich ergeben wird, wenn diejenigen Parteien, die aufgrund programmatischer Schnittmengen "eine Wahl haben", diese Machtposition in Verhandlungen ausspielen werden. Zum Beispiel war in Thüringen sofort klar, dass es keine Mehrheit ohne die SPD geben würde, obwohl diese nur 18% der Stimmen geholt hatte. Sind etwa die anderen 80 Prozent der Abgeordneten nicht in der Lage, eine Regierung ohne Beteiligung der SPD hinzubekommen? Wenn sie es müssten, könnten sie, doch es ist hierzulande jedem Wähler klar, dass dies nicht der Fall ist.
Briten und Amerikanern mag sich dieser Zusammenhang jedoch entziehen.
Unser Demokratieverständnis lautet nun mal, dass das Parlament die weltanschauliche Zusammensetzung unserer Bevölkerung widerspiegeln sollte, auch auf diese Weise ist sichergestellt, dass die regierende Parlamentsmehrheit tatsächlich eine Bevölkerungsmehrheit repräsentiert.
Besser übrigens als bei Wahlen in Amerika und England, wo es durchaus passieren kann, dass aufgrund des Wahlrechts eine Minderheit der Wähler eine Mehrheit im Parlament erhält!
Daher habe ich das Mehrheitswahlrecht immer schon als die schlechtestmögliche Form der Demokratie angesehen, und wir können mit gutem Grund auf diese Länder herabschauen! Es sind die ältesten Demokratien, ihr demokratischer Geist ist gereift, ihr Wahlrecht jedoch - ist antiquiert.

Was übrigens die Personalisierung des Wahlrechts betrifft, gäbe es auch andere, bessere Möglichkeiten.

Zu Norbert Schellberg:
Für alles gibt es ein erstes Mal.
Eine Koalition mit einer einzigen Stimme Mehrheit, oder anders ausgedrückt, mit der EXAKTEN Mehrheit, ist von jedem Einzelnen ihrer Abgeordneten abhängig, dadurch wird sie viel eher erpressbar, zumindest anfällig für "gewissensbedingte" Blockaden. Natürlich gibt es den "Segen" der namentlichen Abstimmung, abgesehen von der wichtigsten Frage, wie es bei uns in Hessen war, der Wahl von Ministerpräsident/Landesregierung.
Wie peinlich wäre es, wenn diesmal in Thüringen wieder ein Einzelner dazwischen funkte!!!
Außerdem ist es keineswegs anti-demokratisch, einen "überflüssigen" Partner mit ins Boot zu holen, denn Demokratie bedeutet nicht, dass die kleinstmögliche Mehrheit alleine regieren MUSS.
Und in der derzeitigen großen Koalition in Berlin gibt es sehr wohl einen "überflüssigen" Partner, die CSU, obgleich diese natürlich gebraucht wurde, um den inerkoalitionären Führungsanspruch der CDU (Kanzleramt) zu begründen.
In vielen Demokratien im Anfangsstadium sind sogar All-Parteien-Regierungen üblich, um die jeweils unterlegene Seite zu schützen.
In Thüringen könnten die Grünen, die ausdrücklich zur Stabilisierung der Regierung erwünscht sind, auch den Anspruch der SPD auf den Ministerpräsidentenposten legitimieren und dadurch diesen Konfliktpunkt auflösen. Oder vielleicht einigt man sich sogar, dies käme der Linken entgegen, die einen neutralen Ministerpräsidenten angedacht hat, auf den/die erste(n) Grüne(n) als Landeschef(in). Falls der Landesverband keine geeignete Persönlichkeit aufzuweisen hat, wird sich außerhalb sicher eine finden.

Von Benno ,  6. September, 22:39

Die aktive Unterstützung des Putsches in Honduras durch die FDP disqualifiziert die FDP leider als Koalitionspartner.
direkteaktion.over-blog.de/article-33474964.html

Man kann gern mit Neoliberalen über Wirtschaftspolitik streiten und zu Kompromissen kommen.

Wer aber den demokratischen Konsenz aufgibt und die Absetzung eines gewählten Präsidenten durch das Militär rechtfertigt, ist nicht mehr als Koalitionspartner akzeptabel!

Nicht mal die CDU geht so weit. Lieber Schwarz-Grün als die Ampel!

Von Thomas ,  7. September, 14:03

'Meine Präferenz für den Ausgang der Tragikomödie war und ist, dass im Saarland und in Thüringen unterschiedlich gefärbte Regierungskoalitionen mit Beteiligung der Grünen zu Stande kommen.'

Das wäre ein falsches Signal. Ich bin es langsam leid zu hören es gebe keine Lager, sondern nur unterschieliche Inhalte und man müsse eben einen Konsens finden, mit welchem Koalitionspartner auch immer. Was macht denn unterschiedliche Lager aus? --> Unterschiedliche Inhalte und zwar erhebliche unterschieliche Inhalte. Jamaika dort und Rot-Rot-Grün dort, sagt nichts anderes als Politik ist beliebig. Es besagt, dass hinter den einzelnen Parteien keine gesamgesellschaftliche Idee, kein Projekt mehr steckt. Die Wähler sind dies auch leid. Kein Wähler kann die Fülle aller Sachthemen in einer komplexen Gesellschaft des 21. Jahrhunderts alleine übersehen. Deswegen sollten Parteien für eine Idee, ein gesellschaftliches Projekt stehen, und Ideen teilen nuneinmal in Lager auf.

Von Wahlblog'09 ,  8. September, 10:13

Das Mehrheitswahlrecht ist nicht demokratischer (Failed-Democracy-Debatte, Teil 3)

Das Mehrheitswahlrecht ist nicht demokratischer (Failed-Democracy-Debatte, Teil 3)

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