11. September, 08:57

Grüne müssen sich gegen Linkspartei und FDP durchsetzen (Failed-Democracy-Debatte, Teil 4)

Lothar Probst

Teil 4 einer Reihe von Antworten auf einen Leitartikel*.

Nicht nur für ausländische Beobachter wird der Ausgang von Wahlen in Deutschland immer unübersichtlicher. Nachdem das fluide Fünfparteiensystem seit den letzten Landstagswahlen endgültig zur gesamtdeutschen Realität geworden ist, dreht sich das Koalitionskarussell immer schneller. Regierungsfähige Mehrheiten scheinen nur noch unter großen Mühen zustande zu kommen.

Schnell wird die Ursache dieser Malaise im deutschen Verhältniswahlsystem gesehen, so als ob diesem die Tendenz zur Unregierbarkeit eingeschrieben sei. Ganz unabhängig davon, dass es den Ruf nach einer Änderung des Wahlsystems auch schon früher gegeben hat, als das deutsche Parteiensystem mit drei Parteien noch vor Stabilität strotzte, lässt sich aus einer Analyse der Wahlen seit 2007 keineswegs eine generelle Tendenz zur Unregierbarkeit bzw. zur Verfälschung des Wählerwillens ableiten.

Nicht einmal die These, dass im Fünfparteiensystem Koalitionsbildungen nur noch im Rahmen von Dreier-Bündnissen oder Großen Koalitionen möglich sind, lässt sich halten. In Bremen, Hamburg, Niedersachsen, Hessen (nach der Neuwahl) und Bayern waren Zweier-Koalitionen aus einer großen und einer kleinen Partei trotz Fünfparteiensystem arithmetisch möglich und wurden dort auch realisiert. Sachsen wird voraussichtlich diesem Trend folgen, und das sogar in einem Sechsparteiensystem. Auch in Thüringen werden die Grünen rein arithmetisch nicht für eine Koalitionsbildung gebraucht – jenseits der Großen Koalition wäre eine Zweier-Verbindung aus Linkspartei und SPD möglich. Nur im Saarland ist die Situation komplizierter und wird mit hoher Wahrscheinlichkeit im Rahmen eines Dreier-Bündnisses gelöst werden müssen.

Nicht zuletzt muss daran erinnert werden, dass es selbst auf Bundesebene 1998 in einem Fünfparteiensystem für eine rot-grüne Zweier-Koalition gereicht hat. Eine Mehrheit für eine große und eine kleine Partei ist vor diesem Hintergrund auch bei der Bundestagswahl 2009 durchaus möglich – ausgenommen alle denkbaren Zweierbündnisse der SPD mit eine der kleinen Parteien.

Lassen sich aus diesem Befund Schlussfolgerungen für grüne Wahlkampfstrategen ziehen? Egal in welche Richtung die grüne Parteiführung spekuliert: Offensichtlich ergeben sich für die Grünen nur dann Chancen für eine Regierungsbeteiligung, in der sie Gewicht haben, wenn sie im Wettbewerb der kleinen Parteien das beste Ergebnis erzielen. Die Auseinandersetzung mit der FDP und der Linkspartei als den natürlichen ideologischen Gegenspielern müsste deshalb schon aus rein arithmetischen Gründen eigentlich im Zentrum eines grünen Wahlkampfes stehen.

 

Lothar Probst ist Politikwissenschaftler und Professor an der Universität Bemen. Am Institut für Politkikwissenschaft leitet er den Arbeitsbereich Wahl-, Parteien- und Partizipationsforschung. Probst ist Mitglied der Grünen Akademie.

 

* In einem Leitartikel in der Financial Times vom 1. September (online) bezeichnete Bertrand Benoit Deutschland als "failed democracy", weil Wähler ohne Koalitionsaussagen der Parteien nicht mehr wissen, welche Regierung sie wählen. Der Originaltext ist nach kostenloser Anmeldung lesbar. Der Autor ist Büroleiter der FT in Berlin. Zur Debatte erschienen bisher folgende Beiträge:

Teil 3: Tine Stein, Das Mehrheitswahlrecht ist nicht demokratischer

Teil 2: Robert Misik, Was Wähler nicht entscheiden dürfen 

Teil 1: Helmut Wiesenthal, Linkspartei und FDP auf Koalitionsfähigkeit testen!

 

Comments

Von Wahlblog'09 ,  11. September, 09:28

Das Mehrheitswahlrecht ist nicht demokratischer (Failed-Democracy-Debatte, Teil 3)

Das Mehrheitswahlrecht ist nicht demokratischer (Failed-Democracy-Debatte, Teil 3)

Von JoSch ,  11. September, 12:46

Ich denke wir werden in Deutschland unsere Vorstellung von Demokratie ändern müssen. Neben CDU/CSU, SPD, FDP, GRÜNE und Linke drängen immer mehr Parteien in den Bundestag. Jüngstes Beispiel ist die Piratenpartei. Die etablierten Parteien haben wichtige Themen wie Vorratsdatenspeicherung und Internetsperren falsch eingeschätzt und sich dadurch eine rasant wachsende Konkurrenz geschaffen. Selbst wenn die Piraten es nicht am 27.9. in den Bundestag schaffen sollten, die Angriffe auf die Freiheit im Internet gehen immer weiter und die Piratenpartei wird dadurch weiter wachsen. Das Thema Informationsfreiheit wird nicht das letzte sein, dass von den alten Politikern vernachlässigt wird. Im Bereich Bildung z.B. gibt es bei jeder Gelegenheit schöne Worte, aber kaum Taten und noch weniger Geld. Es wird nicht ernst genug genommen. Worte reichen nicht. Bekommen wir zur nächsten Wahl noch eine Bildungspartei oder eine Ärztepartei? Was passiert, wenn keine Koalitionen möglich sind, weil die gegensätzlich Ansichten zu unterschiedlich werden und es zu viele Parteien gibt? Wie stabil ist eine Koalition aus 4 oder 5 Parteien? Gibt es jedes Jahr 2 bis 3 Neuwahlen, weil die "stabilen Mehrheiten" nicht mehr gewährleistet sind? Was ist, wenn bei der Neuwahl die gleichen Mehrheitsverhältnisse herauskommen?

Ich denke wir werden uns an wechselnde Mehrheiten in den Parlamenten gewöhnen müssen. Das ist sicher nicht bequem für die Parlamentarier, aber durchaus demokratisch. Die Politikerverdrossenheit rührt ja auch daher, dass sich unsere Volksvertreter nur zu den Wahlen um das Volk kümmern. Selbst eindeutige Umfrageergebnisse wie zur Atomkraft und Auslandseinsätzen der Bundeswehr beeindrucken sie wenig. Wenn der Wille des Volkes aber nicht mehr bei den Volksvertretern beachtet wird, dann hat die Demokratie ein Problem.

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