16. September, 11:31

Mehr Glück ins Bruttoinlandsprodukt!

Robert Misik

Erinnern Sie sich noch, wie gerne forsche Marktfetischisten darauf hingewiesen haben, dass Europa gegenüber Amerika im Produktivitätsfortschritt zurückfalle? Und wissen Sie, worauf ein Gutteil dieses „Produktivitätsfortschritts“ beruhte? Auf dem Produktivitätsfortschritt in der Finanzindustrie! Aber wie misst man eigentlich die Produktivität von Bankern, Brokern und Kredithaien? Ganz einfach: Transaktionen pro Person und Zeiteinheit. Also: Ein bisschen weniger „Produktivitätsfortschritt“, und uns wäre so manches erspart geblieben.

Zahlen sind Fallen. Sie sind nicht nur Statistik, sondern auch Anreizsysteme. Sie messen nicht nur, sondern beeinflussen auch das Gemessene. Sie stacheln zu einem Wettbewerb an, denn jeder will so „gute“ Kennziffern wie die Konkurrenz.

Aber versteckt sich hinter einem „guten“ Wert immer Gutes? Eine dieser fragwürdigen Kennziffern ist das BIP, das Bruttoinlandsprodukt. Es misst Güter und Dienstleistungen zu Marktpreisen. Gibt’s kein Wachstum, also kein BIP-Wachstum, geht es uns schlecht, heißt es. Wächst es, das BIP, dann geht es uns gut, heißt es. Aber was misst schon das BIP? Schlicht die wirtschaftliche Leistung. Wird ein Kraftwerk gebaut, das die Umwelt verpestet, wächst das BIP. Wird ein Kraftwerk gebaut, das die Umwelt nicht verpesstet, wächst das BIP auch. Wird ein Kraftwerk gebaut, das die Umwelt schont, und eines abgerissen, dass die Umwelt verpestet, wächst es noch mehr.

Ersteres ist schlecht, zweiteres besser, dritteres noch besser – also ist die BIP-Kennzahl keine gute Maßeinheit zur Bewertung. Manche Güter werden überhaupt nicht auf den Markt verkauft. Der Beitrag der Polizei zum BIP besteht in den Lohnzahlungen an Polizisten – was diese Polizisten „produzieren“, etwa „Sicherheit vor Überfällen“, geht in die gefühlte Wohlfahrt ein, aber nicht in die gemessene. Stehen Autofahrer im Stau, wächst das BIP, weil sie Sprit verbrauchen. In Wien wird am Tag mehr Brot weggeworfen als in Graz gegessen – gut für’s Wiener BIP.

Eine 22köpfige Kommission unter Leitung der Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz und Amartya Sen hat nun vorgeschlagen, eine neue Wohlstandsmessung einzuführen, die die Wachstumsorientierung des BIP zwar nicht aufgibt, aber ergänzt: Bildung, Lebensqualität, Umweltqualität, Lebenschancen, Nachhaltigkeit, Gesundheit etc. sollten berücksichtigt werden. Sicher, Lebensfreude lässt sich schlecht messen – aber Lebenserwartung beispielsweise ziemlich leicht. Für den neuen Index ist schon der elegante Titel des „Bruttonationalglücks“ im Gespräch.

Jetzt macht sich auch Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy stark dafür, einen solchen realitätsnäheren Index zum Maßstab volkswirtschaftlichen Fortschritts zu machen. Auch der EU-Umweltkommissar ist dafür. Späte Einsicht - Bobby Kennedy sagte schon 1968: „Das BIP misst alles – außer das, wofür sich das Leben lohnt."

 

Robert Misik ist Publizist, lebt in Wien und schreibt für zahlreiche deutsche Medien.


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