20. September, 18:08

Ampel-Gehampel

Ralf Fücks

Man fiebert dem Wahltag entgegen, weil dann der „Wahlkampf“ ein Ende hat. Doch ab und zu schimmert ein lustiger Funke im Trüben. Zum Beispiel, als Peer Steinbrück mal wieder politically incorrect aussprach, was alle wissen: Die SPD steuert wieder auf eine große Koalition zu, auch wenn sie dabei immer kleiner wird. Was soll sie auch sonst tun? Ampel! rufen die Herren Steinmeier und Müntefering. Dumm nur, dass keiner daran glaubt. Hätte eine interessante Kombination sein können – sozial, liberal, ökologisch. Klingt fast wie das grüne Grundsatzprogramm. Aber leider haben alle drei alles getan, damit es nicht dazu kommt.

Westerwelle schwört tausend Eide, dass die FDP für eine Ampel niemals nicht zu Verfügung steht. Und SPD wie Grüne machen es ihm leicht. Für beide blieb die FDP im Wahlkampf, was sie schon vorher war: der neoliberale Prügelknabe. Dafür gibt es gute Gründe. Aber zugleich wollen die Sozialdemokraten ganz offiziell und die Grünen eher inoffiziell mit der FDP regieren. Wie soll das gehen? Ungefähr so: wenn es für Schwarz-Gelb nicht reicht, werden wir die FDP schon weichklopfen, Rot-Grün zur Macht zu verhelfen. Das ist aber genau die Methode, mit der eine Ampel nie und nimmer zustande kommt: die FDP als bloßer Mehrheitsbeschaffer für Rot-Grün. Man müsste sich schon darauf einlassen, nach Gemeinsamkeiten und tragfähigen Kompromissen zu suchen – und der FDP politisch Luft zum Überleben lassen. Merke: Wer das Lager wechseln soll, kann eine Sonderprämie verlangen. Sonst tut es keiner.

Spiegelbildlich verhält es sich mit „Jamaika“. Dieser Dampfer wird nicht ablegen, versichern die grünen Spitzen bei jeder Gelegenheit: „Die Grünen werden Schwarz-Gelb nicht zur Macht verhelfen“. Ja, wenn man die Sache so sieht, kann man nur Nein sagen – wie die FDP zur Ampel. Man kann aber schlecht von der FDP verlangen, was man selbst kategorisch ausschließt: politischen Selbstmord zu begehen. Das geht vielleicht im Wahlkampf, aber nicht, wenn die Gesetze der Logik wieder gelten. So blockieren sich FDP und Grüne gegenseitig und ebnen den Weg für eine Neuauflage der großen Koalition, die doch eigentlich keiner will. Außer Peer Steinbrück natürlich. Und vermutlich auch Angela Merkel.

Doch halt, da ist ja noch eine dritte Dreier-Kombination: das breite linke Bündnis. „Inhaltlich“, also gemessen an den Forderungen, die im Wahlkampf präsentiert werden, läge das womöglich näher als eine Koalition mit der FDP. Erst recht, seit die Linke signalisiert, dass der Abzug aus Afghanistan nicht schon morgen erfolgen muss, übermorgen würde auch reichen. Aber Politik ist halt keine simple Addition von Programmpunkten. Zur Zeit ist ein „Breilibü“ im Bund weder in der SPD noch bei den Grünen konsensfähig, und „draußen im Lande“ wäre eine solche Regierung ohne Rückhalt. Aber was nicht ist, kann ja noch werden. „Mehrheit ist Mehrheit!“ pflegten Konrad Adenauer wie Gerhard Schröder zu sagen. Wenn der Leidensdruck einer neuen großen Koalition zu groß wird, wird bei der SPD die Versuchung wachsen, sich vom Regen in die Traufe zu flüchten. Aber wer weiß: vielleicht entdecken Liberale, Grüne und Sozialdemokraten bis dahin doch noch den Reiz einer Modernisierungskoalition.

 

Ralf Fücks ist Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung. Dieser Text erschien zuerst am 19.9 auf Spiegel online. 

Comments

Von Wolfram Tetzner ,  20. September, 21:12

Werter Ralf Fücks,

schöner Artikel, musste herzlich auflachen über das BREILIBÜ, das wollen wir doch gleich mal groß schreiben und somit die noch weitere Zukunft vielleicht etwas näher heranholen, wer weiß...

Ich bin SPD-Mitglied seit 1989, da kamen die Rechten wieder hoch und ich wollte im klassischen Hamburg-Harburger Büro mit meinem Eintritt einen demokratischen Kontrapunkt setzen. Bin aufgrund innerdeutscher Familenvergangenheit eindeutiger Willy Brandt-Enkel. Hier in Brasilien bin ich vor drei Wochen der PV, der Partido Verde, also den hiesigen Grünen beigetreten.

Ich denke, die Republik braucht nur Zeit, dann hat sie auch Zukunft. Dunkelrot-Rot-Grün,das wäre es, und das soll es meiner Meinung nach auch irgendwann mal sein. Meine Genossen sollten den Groll und etwaige Rachegefühle ablegen. Oskar ist Populist, aber kein Unmensch; Gysis Qualitäten sind unbestritten, SED und Kommunismus sind vergangen, passé. Bitte: "Wandel durch Annäherung", einmal mehr! Miteinander reden, den anderen akzeptieren, zuhören können, dann ginge was, dann könnte man etwas Konstruktives entwerfen.

Also, VIVA BREILIBÜ, dafür käme ich auch eventuell wieder nach Deutschland, quem sabe, wer weiß...

Herzlichst,

Ihr Wolfram Tetzner

Von Norbert Schellberg ,  21. September, 09:41

Sehr schön auf den Punkt gebracht, lieber Ralf. Mit der Ausschließerei schwinden auch die Gründe, die Grünen zu wählen. Wer erkennt, dass es nur noch um schwarz-gelb oder die große Koalition geht, kann entweder für schwarz-gelb die FDP wählen oder die Sozen in der großen Koalition stärken. Jürgens schönes Argument, wer SPD wähle, stimme für die große Koaltion, verliert an Glaubwürdigkeit, wenn wir und die FDP im gleichen Atemzug mitteilen, dass wir für gangbare Alternativen dazu nicht zur Verfügung stehen. So bleiben für die Grünen wieder einmal nur die Stimmen von uns treuen Stammwählern. Mal sehen, ob Schleswig-Holstein am Sonntag wenigstens belegt, dass es auch anders gegangen wäre. Ansonsten: Wenn ich bedenke, wie lange es in unserer Lieblingspartei gedauert hat, Regierungsbeteiligungen überhaupt als Möglichkeit durchzusetzen, dann bin ich auch weiterhin ganz beruhigt und zuversichtlich. Veränderung braucht halt Geduld

Von Helmut Wiesenthal ,  21. September, 11:50

Zugegeben, die FDP-Absage an eine Ampel und die Grünen-Absage an Jamaika laufen auf eine verbindliche Verlängerungsoption für Frau Merkel hinaus. Vielleicht hätten die Grünen gut daran getan, zusätzlich eine echte Alternative anzudeuten, z.B. ihre Bereitschaft in einer Rot-Rot-Grün-Regierung die KanzlerIn zu stellen! Dann bräuchte sich Steinmeier nicht als Kanzler an den Linken abzuarbeiten und die Linke könnte das Arbeits- und Sozialministerium als Kompensation für das Afghanistan-Engagement bekommen. Als Rest-Problem bliebe nur, Jürgen oder Renate zur Kanzler-Kandidatur zu übereden...

Von Toni Langenberg-Vormann ,  21. September, 14:05

Ampel, Schwampel, Breilibü?

Eisbär, Tingerente, Rot-Sockenbär?
Bruno als Marxisto-Rückrübü?

Wie - nix Jamaika? Nix Confoederatio?
Nur Neo-Groß-Koa sowieso?

Von Martin Kühn ,  22. September, 12:15

Allein Schwarz-Gelb verhindern, um dann am Ende wieder in der Großen Koalition zu landen, das ist sicher auf Dauer zu wenig. Grün und Gelb sollten deshalb aufhören, das deutsche Parteiensystem zu blockieren. Dazu mein Vorschlag, wie etwas mehr Farbe in das Spiel gebracht werden könnte:

Die von Fücks oben vorgeschlagene Sonderprämie für den Lagerwechsel wird vor dem Wahltermin ausgeschrieben und heißt:

Wer verliert, wechselt!!!

Oder anders gesagt: Grün und Gelb machen die Bundestagswahl zu einem Volksentscheid über Jamaika oder die Ampel. Nicht mehr die Parteien entscheiden nach der Wahl über die Regierungskoalition, sondern die Bürger bei der Wahl.

Solch ein Wettbewerb zwischen Grün und Gelb brächte nur Vorteile:

- der Wahlkampf würde zu einem echten "race", also neu erfunden werden;
- die Richtungsentscheidung zwischen Jamaika und Ampel würde einen Sog auslösen: Die Kleinen stärken, die Großen schwächen;
- ob wir vor der FDP landen oder nicht, die Grünen wären in jedem Fall in der Regierung.

Die ausgelobte Prämie brächte uns in eine sogenannte win-win-Situation. Und darum sollte es doch bei einer demokratischen Wahl gehen:

Ums Gewinnen !!!

Und nicht darum, sich schon vorher als anständiger Verlierer aus dem Rennen zu nehmen.

Von blumentopf ,  22. September, 17:26

Mal angenommen, es reicht am Sonntag weder für Schwarz-Gelb noch für eine große Koalition:

Die CDU bei 30%, die SPD mit Projekt 18%, dafür die Piraten im Bundestag.

Was dann? Müssen wir uns auf einen erneuten Urnengang gefasst machen?

Von Wahlblog'09 ,  29. September, 12:35

Nicht noch einmal 16 Jahre warten

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