Man fiebert dem Wahltag entgegen, weil dann der „Wahlkampf“ ein Ende hat. Doch ab und zu schimmert ein lustiger Funke im Trüben. Zum Beispiel, als Peer Steinbrück mal wieder politically incorrect aussprach, was alle wissen: Die SPD steuert wieder auf eine große Koalition zu, auch wenn sie dabei immer kleiner wird. Was soll sie auch sonst tun? Ampel! rufen die Herren Steinmeier und Müntefering. Dumm nur, dass keiner daran glaubt. Hätte eine interessante Kombination sein können – sozial, liberal, ökologisch. Klingt fast wie das grüne Grundsatzprogramm. Aber leider haben alle drei alles getan, damit es nicht dazu kommt.
Westerwelle schwört tausend Eide, dass die FDP für eine Ampel niemals nicht zu Verfügung steht. Und SPD wie Grüne machen es ihm leicht. Für beide blieb die FDP im Wahlkampf, was sie schon vorher war: der neoliberale Prügelknabe. Dafür gibt es gute Gründe. Aber zugleich wollen die Sozialdemokraten ganz offiziell und die Grünen eher inoffiziell mit der FDP regieren. Wie soll das gehen? Ungefähr so: wenn es für Schwarz-Gelb nicht reicht, werden wir die FDP schon weichklopfen, Rot-Grün zur Macht zu verhelfen. Das ist aber genau die Methode, mit der eine Ampel nie und nimmer zustande kommt: die FDP als bloßer Mehrheitsbeschaffer für Rot-Grün. Man müsste sich schon darauf einlassen, nach Gemeinsamkeiten und tragfähigen Kompromissen zu suchen – und der FDP politisch Luft zum Überleben lassen. Merke: Wer das Lager wechseln soll, kann eine Sonderprämie verlangen. Sonst tut es keiner.
Spiegelbildlich verhält es sich mit „Jamaika“. Dieser Dampfer wird nicht ablegen, versichern die grünen Spitzen bei jeder Gelegenheit: „Die Grünen werden Schwarz-Gelb nicht zur Macht verhelfen“. Ja, wenn man die Sache so sieht, kann man nur Nein sagen – wie die FDP zur Ampel. Man kann aber schlecht von der FDP verlangen, was man selbst kategorisch ausschließt: politischen Selbstmord zu begehen. Das geht vielleicht im Wahlkampf, aber nicht, wenn die Gesetze der Logik wieder gelten. So blockieren sich FDP und Grüne gegenseitig und ebnen den Weg für eine Neuauflage der großen Koalition, die doch eigentlich keiner will. Außer Peer Steinbrück natürlich. Und vermutlich auch Angela Merkel.
Doch halt, da ist ja noch eine dritte Dreier-Kombination: das breite linke Bündnis. „Inhaltlich“, also gemessen an den Forderungen, die im Wahlkampf präsentiert werden, läge das womöglich näher als eine Koalition mit der FDP. Erst recht, seit die Linke signalisiert, dass der Abzug aus Afghanistan nicht schon morgen erfolgen muss, übermorgen würde auch reichen. Aber Politik ist halt keine simple Addition von Programmpunkten. Zur Zeit ist ein „Breilibü“ im Bund weder in der SPD noch bei den Grünen konsensfähig, und „draußen im Lande“ wäre eine solche Regierung ohne Rückhalt. Aber was nicht ist, kann ja noch werden. „Mehrheit ist Mehrheit!“ pflegten Konrad Adenauer wie Gerhard Schröder zu sagen. Wenn der Leidensdruck einer neuen großen Koalition zu groß wird, wird bei der SPD die Versuchung wachsen, sich vom Regen in die Traufe zu flüchten. Aber wer weiß: vielleicht entdecken Liberale, Grüne und Sozialdemokraten bis dahin doch noch den Reiz einer Modernisierungskoalition.
Ralf Fücks ist Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung. Dieser Text erschien zuerst am 19.9 auf Spiegel online.