21. September, 10:21

Deutsche Lockerungsübungen: Von der Mitte-Links-Mehrheit zur Mitte-Links-Regierung

Robert Misik

„Der Bürger weiß jetzt einigermaßen, woran er ist“, hob am Wochenende die FAZ in ihrem Vorwahlkommentar an. Und das stimmt schon: Da die FDP eine Ampel ausschließt und die SPD eine Koalition mit den Linken ist den Wählern, jedenfalls was die Regierungskonstellation angeht, letztlich die eine Frage vorgelegt: Soll Deutschland Schwarz-Gelb regiert werden, oder soll Deutschland nicht Schwarz-Gelb regiert werden? Logischerweise heißt das: Wer Schwarz-Gelb nicht will, darf weder Schwarz noch Gelb wählen. Die Wähler können also ein Signal senden, was sie nicht wollen. Eine sehr viel präzisere Botschaft lässt sich diesmal an der Urne kaum abfassen.

Was ins Auge sticht in dem etwas verschwurbelten FAZ-Kommentar, ist aber ein Halbsatz, in dem in Richtung Union formuliert wird, sie könne ja durchaus C-Prominenz für sich auflaufen lassen, „aber sie muss die Linkspartei nicht dauernd als antidemokratisch hinstellen“. Das ist nun, wenn wir den Kommentator richtig interpretieren, etwas erstaunlich. Erstens: Weil aus der FAZ der Union geraten wird, sie solle aufhören, die Linkspartei so hinzustellen. Zweitens: Weil doch, wenn man genau darüber nachdenkt, die Union das gar nicht mehr wirklich tut. Und das ist das eigentlich Überraschende. „Rote Socken“ war einmal. Dass von der Linkspartei eine Gefahr für die Demokratie ausgeht, das behaupten heute doch nur mehr irgendwelche staatlich alimentierte Eigenbrötler wie Hubertus Knabe, für den PDS, Steuerstaat und staatliche Bürokratien allesamt böser Sozialismus sind (komisch, dass man so etwas immer nur von Leuten hört, deren Gehalt krisenfest aus Steuergeld finanziert wird).

Die Linkspartei kommt an im politischen Spiel. Erst hat man sich gewöhnt, dass sie im Osten an Landesregierungen beteiligt ist. Kein Mensch wird etwas dabei finden, wenn sie demnächst im Saarland mitregiert. Dass es durchaus im Bereich des Möglichen ist, dass sie einen Ministerpräsidenten stellt, diesem Gedanken wird man, selbst wenn Ramelow in Thüringen noch einmal zur Seite tritt, auch bald nähertreten. Sehr bald wird sie auch im Bund als normale Koalitionsoption erscheinen. Was übrigens nicht heißt, dass sich jeder oder auch nur eine signifikante Minderheit eine Regierungsbeteiligung der Linken wünschen muss. Ich, beispielsweise, wünsche mir auch keine Regierungsbeteiligung der FDP. Aber ihr Recht, mitzuregieren, wenn es die Mehrheitsverhältnisse hergeben, würde ich deswegen natürlich nie bestreiten.

Deutschland macht Lockerungsübungen. Wenn es, wie übrigens auch im gegenwärtigen Bundestag, dessen Legislaturperiode eben zu Ende geht, eine Mitte-Links-Mehrheit gibt, dann kann demnächst auch Mitte-Links regiert werden. Muss nicht. Aber kann. Das wird dann die neue Normalität. Die wird noch nicht am 28. September 2009 eintreten, vielleicht auch noch nicht 2010, aber bald danach.

 

Robert Misik ist Publizist, lebt in Wien und schreibt für zahlreiche deutsche Medien.

Comments

Von Thomas ,  21. September, 12:35

Kann demnächst Mitte links regiert werden?

Steinmeier und Müntefering haben leider ein Bündnis ROT-ROT-Grün bis 2013 ausgeschlossen. Das 'Bashing' der Linken kommt hier eher von der SPD als von der CDU. Die kann ruhig zusehen wie die Linke von der SPD selbst auf Bundesebene diskreditiert wird.  Mitte-Links also nur durch Tolerierung durch die Linke einer Rot-Grünen Minderheitsregierung? Was sich in Thüringen bereits abspielt ist bereits gegen jedweden demokratischen 'Common Sense' und Gepflogenheit, da die DRITTSTÄRKSTE Partei (SPD) das Ministerpräsidentenamt für sich fordert. Eine tolerierte Minderheitsregierung wäre ein Zeichen an Millionen von Linkswählern, dass sie Wähler zweiter, ja dritter Klasse sind.

Normalität im Umgang mit der Linken?! Ich kann hier nicht zustimmen. Steinmeier und Münteferings Ausschlussstatement, als auch die Posse in Thüringen zeigen, dass die Linke immer noch nicht als demokratischer Partner akzeptiert wird, obgleich sie einen immer größer werdenden Teil des Souveräns (das wahlberechtigte Volk) repräsentiert. Ein Armutszeugnis für eine Demokratie.

Von Wolfgang ,  23. September, 12:00

Warum verfährt die SPD mit den Linken nicht genau so wie die CDU, die sich ja mit der CSU scheinbar auf Lebenszeit wegen der Mehrheitsbeschaffung zusammen geschlossen hat? Dies würde in der Sitzverteilung des Bundestages ein völlig neues Bildergeben. Im Übrigen sind die Linken längst nicht mehr alle aus den neuen Bundesländern, sondern viele üben Sozialkritik gegen die etablierten Parteien. Man sollte sie mal beim Wort nehmen und feststellen, ob sie das auch durchsetzen, was sie sagen.
Im Übrigen kann ich vor den gelben nur warnen. Wenn ich deren Parolen und die offenbaren Lügen höre,kriege ich Brechreiz. So viel Arroganz ist kaum zu ertragen.

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