Da richten sich die Bündnisgrünen nun auf eine knallgrüne Opposition ein, was immer dies heißen mag. Auf jeden Fall müssen sie sich neu sortieren, wollen sie sich auf Dauer nicht mit dem ehrenvollen Platz als Letzte unter fünf Parteien zufrieden geben. Entscheidend wird dafür sein, wie sie über ihre Machtperspektiven diskutiert - denn auch grüne Wählerinnen sind nur begrenzt vom Charme der Opposition fasziniert.
Der einfache Weg liegt nahe – sich als ökologischen und liberalen Part in einem linken Lager zu definieren. Wenn dieses beim nächsten Mal aufzeigen kann, wie man die schwarz-gelbe Regierung abwählen kann, hat es mit Sicherheit bessere Chancen als heute. Wobei die grüne Rolle in diesem Bündnis nicht so einfach zu bestimmen ist – dass Grüne verantwortlicher und zukunftsbewusster mit dem Geld umgehen und dass sie die Frage nach den Folgen der Politik für die Zukunft der Welt stellen, wird für die vielen Themen, die in den kommenden vier Jahren anstehen, nicht hinreichen. Statt sich in eine schmerzhafte Debatte der SPD über angebliche Fehler der Agenda-Politik zu verstricken, ist doch die Frage von Interesse, was Sozialpolitik unter den veränderten ökonomischen Bedingungen sichern und gestalten kann.
Zwar hat Jürgen Trittin im Wahlkampf überzeugend die Grünen als Partei mit einer mittleren Position präsentiert, die nicht so schlichte Antworten auf die Frage nach Markt und Staat gibt. Aber werden die Grünen in der künftigen Lager-Bildung den einfachen Weg gehen und alles auf die Formierung neuer linker Bündnisse setzen? Oder lohnt es sich doch, auch über mögliche Bündnisse auf der bürgerlichen Seite nachzudenken? Die wieder beeindruckenden Ergebnisse in Großstädten sind ein Fingerzeig, dass die Grünen sich da nicht einfach auf eine Seite trollen sollten. Grüne halten es aus, wenn die Welt nicht wohlgeordnet ist in Lager, sie denken gerne in den weiten Raum. Es ist nicht ausgeschlossen, dass es die Grünen sind, die über die Zusammensetzung der nächsten Bundesregierung bestimmen werden – und sie haben vier Jahre Zeit herauszufinden, über welche Themen mit den Bürgerlichen überhaupt gesprochen werden kann. Also: Kein Grund nirgends, sich in ein Lager einzusperren, aber alles Gründe, sich die Perspektiven offen zu halten.
Andrea Fischer war von 1998 bis 2001 grüne Bundesgesundheitsministerin.