29. September, 16:51

Piraten bedrohen Grüne kaum

Administrator

Die Piraten schnitten am Sonntag wenig überraschend ab: 2 Prozent mit 850.000 Wählern bundesweit bei der Bundestagswahl (nach 0,9 Prozent mit 230.000 Wählern bei der Europawahl). Das bring ihnen 720.000 Euro Wahlkampfkostenerstattung ein. Hier Details der Wahlergebnisse.

 

Dazu vier Thesen:

1. Mit nur 150.000 Stimmen, die die Grünen laut Infratest-Dimap an alle Anderen abgegeben hat, sind die Grünen kaum Opfer der Piraten geworden. Selbst wenn 2/3 dieser Abgewanderten zu den Piraten gegangen sein sollten, läge der Verlust bei knapp über 0,2 Prozent oder einem MdB. Vermutlich haben die Piraten das Gros ihrer Wähler von der SPD (das legt die Wählerwanderungsanalyse nahe) und den Nichtwählern erhalten.

2. Gründe dafür, dass die Piratenpartei für die Grünen nicht so bedrohlich ist wie zunächst vermutet, liegen sowohl in der Stärke der Grünen als auch in der Schwäche der Piraten. Die Grünen haben sich doch deutlich inhaltlich als Bürgerrechts- und formal als internetaffine Partei behaupten können. Dazu gehören die eindeutigen programmatischen Aussagen, aber auch die starke Präsenz auf der Freiheit-statt-Angst-Demo und die Dreitagewach-Aktion als bestes Internetelement des ganzen Wahlkampfs. Die mit den Piraten liebäugelnden Grünenwähler haben doch nicht auf eine anspruchsvollere, weil breiter aufgestellte und reifere Politik verzichten wollen; darauf deuten vor allem Diskussionen in der Blogosphäre mit teils scharfer Kritik an den Piraten hin. 

3. Im nächsten Jahr ist der wichtigste politische Termin die Landtagswahl in NRW. Ausgerechnet im urbanisiertesten Flächenland haben die Piraten bei der Bundestagswahl mit 1,7 Prozent das zweitschlechteste Ergebnis (nach dem Saarland mit 1,5 Prozent) eingefahren. Eine organisierte Diskussion darüber findet bei den Piraten offenbar nicht statt. Qualitativ deutet dies möglicherweise bereits auf ein Ende des Piratenhypes hin, quantitativ heißt dies, dass – nach derzeitigem Stand – die Grünen mit einem umsichtigen Wahlkampf in NRW und möglicherweise einem netzaffinen prominenten Kandidaten keinen besonderen Flurschaden durch die Piraten zu befürchten haben.

4. Wenn Grüne, SPD und Linkspartei nicht die landespolitisch relevanten Netzthemen besetzen und sich die Piraten inhaltlich breiter aufstellen, werden die Piraten in Berlin (Wahlen 2011) wahrscheinlich die Fünfprozenthürde überspringen (landesweit bei den Bundestagswahlen: 3,4 Prozent für die Piraten).

 

Dietmar Bartz

 

Reaktionen im Netz:

Zeitrafferin: Wozu brauchen wir die Piratenpartei?

F!XMBR Warum die Piratenpartei ihren Zenit überschritten hat

Altonablog: Was die Grünen von den Piraten lernen können

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Comments

Von CNeuner ,  29. September, 17:41

Grundsätzlich mag die Interpretation stimmen. Mit Blick auf den Verlust an "andere" sind die Grünen mit 150.000 Stimmen jedoch direkt hinter dem Wahlverlierer SPD mit 270.000 dorthin abgewanderten Stimmen. Selbst 0,2 Prozent bzw. 1 MdB finde ich viel. In jedem Fall aber absolut ausreichend, die Piraten - mehr aber noch die deutliche Besetzung bestimmter Themen durch die Grünen - ernstzunehmen. Sozusagen ein re-entering.

Von renovieren 20 ,  29. September, 19:18

Mir geht es ähnlich. Es ist ein schwacher Trost zu wissen, dass von den Grünen weniger zu den Piraten gegangen sind. Meiner Meinung nach sind es zu viele - und sie besetzen genau das Thema, dass die Grünen für sich auch kulturell beanspruchen: Avantgarde zu sein. Nun findet die Avantgarde nicht allein im Netz statt - aber ein Großteil geht davon aus.

Von blumentopf ,  29. September, 19:54

Ich fände es angemessen, wenn der/die Autor/in hier unter dem Realname schreiben würde, und nicht anonym als "Administrator".

Von admin ,  29. September, 20:58

Hi Blumentopf, steht doch im Impressum, aber ich hab's auch zum Text gesetzt: Dietmar Bartz

Von Felix Neumann ,  29. September, 20:58

Trotz alledem: Die Piratenpartei hat mit ihrem Wahlkampf und indem sie so viele Menschen für die Politik begeistert hat, enorm viel erreicht. In meinem Blog habe ich das ausführlich besprochen: fxneumann.de/.../

Von admin ,  29. September, 21:10

Die Kandidatur der Piraten war auf jeden Fall unausweichlich. Mal sehen, was nun passiert.

Ein Kampf um die "Netzthemen-Hegemonie" zwischen den Parteien ist das, was ihnen (den Netzthemen und den Parteien) jetzt gut tun dürfte.

Von Till ,  30. September, 12:00

Wieso ist mein Kommentar von gestern zu diesem Eintrag eigentlich verschwunden?

Von Admin ,  30. September, 14:38

unausgereifte software. meine verschwinden auch manchmal. sehr ärgerlich.

Von Till ,  30. September, 14:45

Ärgerlich vor allem, weil's doch gute und ausgereifte Blog-Software gibt. Warum keine der Standardanwendungen?

Von Admin ,  30. September, 16:33

Don't shoot me – I'm only the piano player. Im Ernst: Es hat etwas mit der Einbindbarkeit auf boell.de zu tun, kein Fall für Standardsoftware.

Hattest du den Einwand erhoben, die Erstwähler und die Moblisierungspotenziale seien im Text oben unberücksicht geblieben? Dann hättest du lesen können - wenn es nicht auch verschwunden wäre -, dass ich wegen der Berücksichtigung der Erstwähler bei Infratest Dimap angefragt habe.

Ich bin allerdings skeptisch. Es kann auch sein, dass die Piratenpartei eine Menge Nichtwähler neugierig gemacht hat, die dann doch bei den Grünen gelandet sind. Zu sagen, dass 6 Prozent Piraten-ErstwählerInnen (200T) ein Potenzial für die Grünen gewesen wären - okay, aber wenn man das durchrechnet (1/8 der Piratenstimmen kommen von den Grünen), sind damit den Grünen bei den Erstwählern auch nur 25T (0,05 %) verloren gegangen.

Das sind alles so Spekulationen. Ich denke in die Richtung: 850T Piratenstimmen setzen sich zusammen aus 225T ErstwählerInnen (relativ sicher), 100T Exgrünen (relativ sicher), ein paar 10T von CDU und FDP sowie der Rest aus protestwählenden SPDlern (100-200T SPD von insgesamt 270T Abgängen an die "Anderen") und 300-400T mobilisierten Exnichtwählern.

Das Entscheidende ist imho, dass die Grünen sich mit Strukturen auf die Netzthemen einstellen (netzpolitischer Sprecher, war das nicht dein Vorschlag in deiner interessanten Analyse?) und in NRW und Berlin checken, wie sie es zur Wahl richtig machen können. Ziel muss sein, die Piraten bei den anderen plündern zu lassen.

Dietmar

Von Till ,  30. September, 18:26

Wink - so ungefähr das hatte ich in dem verlorengegangenen Beitrag argumentiert - danke für die Zusammenfassung und kritische Erörterung (der andere Punkt war der Blick Richtung Zukunft - noch sind' ein paar zehntausende Stimmen, was aber, wenn die Piraten sich professionalisieren und etablieren?).

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