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Organisationsstrukturen und Politikansätze der tibetischen Exilregierung

22. Februar 2008
Von Stephanie Römer
Von Stephanie Römer

Beitrag hier abgebildet mit freundlicher Genehmigung der Autorin


Einleitung

Als der 14. Dalai Lama, das weltliche und geistliche Oberhaupt der Tibeter, im Jahr 1959 vor der chinesischen Volksbefreiungsarmee aus Lhasa flüchtete, gründete er bereits auf dem Weg ins indische Exil eine Nachfolgeregierung. Diese rief er im April 1959, einen Monat nach seiner Ankunft in Indien, offiziell aus. Allein zwischen 1959 und 1962 folgten dem Dalai Lama mehr als 85.000 Tibeter nach Indien. Diese Massenmigration erforderte schnelle und wirkungsvolle Soforthilfe zur Ansiedlung der Exiltibeter auf dem indischen Subkontinent. Aufgrund eines beträchtlichen Medieninteresses an den politischen Entwicklungen in Tibet erhielten die Exiltibeter beachtliche finanzielle Hilfe von Seiten der indischen Zentralregierung und zahlreicher internationaler Nichtregierungsorganisationen (NROs), wodurch ein umfangreiches Rehabilitations- und Wiederansiedlungsprogramm erfolgreich implementiert werden konnte. Im Zuge dessen wurden bis heute 53 tibetische Siedlungen in Indien, Nepal und Bhutan errichtet. Die neu gegründete tibetische Exilregierung war von Anfang an der exklusive Ansprechpartner für indische und internationale Experten und konnte somit im Namen aller Exiltibeter entscheiden, welche Projekte umgesetzt wurden und welche nicht. Somit arbeitete sie als Schnittstelle zwischen den verschiedenen internationalen Akteuren und den Exiltibetern.

Gegenwärtig leben nach offiziellen Angaben der Exilregierung ca. 122.000 Tibeter im Exil die Dunkelziffer dürfte allerdings höher liegen. Die Mehrzahl der Exiltibeter wurde in Indien, Nepal und Bhutan angesiedelt. Aber auch in Europa (vornehmlich in der Schweiz, in Frankreich, Deutschland und Großbritannien) und in Nordamerika (in den USA und Kanada) leben inzwischen viele Tibeter.

Seit ihrer Gründung sieht sich die tibetische Exilregierung, offiziell als Central Tibetan Administration of His Holiness the Dalai Lama (CTA) benannt, als einzige und legitime Vertretung des tibetischen Volkes. Diese Exilregierung formuliert ihre Ziele von ihrer nordindischen Basis wie folgt: „…to seek justice for our homeland and, to preserve our identity and language by practicing our culture and traditions.“ Die CTA wird allerdings international nicht als Regierung der Tibeter anerkannt. Die chinesische Regierung in Beijing hat die gleichen Repräsentationsansprüche, die aber im Gegensatz zur exiltibetischen Position auf effektiver Machtausübung in Tibet und internationaler Anerkennung basieren. Somit gibt es seit 1959 zwei unterschiedliche administrative Gebilde mit identischen Ambitionen bezüglich der tibetischen Bevölkerung und des tibetischen Territoriums. Der Tibeterkonflikt zwischen beiden Parteien um die politische Vertretung Tibets beinhaltet eine Vielzahl offenbar unüberwindbarer Differenzen, die jede Verhandlung behindern. So herrscht beispielsweise Uneinigkeit über die Bestimmung der territorialen Ausmaße Tibets: Während China Tibet in den Grenzen der heutigen Autonomen Region Tibets (ART) definiert, sieht sich die CTA in Anlehnung an eine ethnographische Definition Tibets als Repräsentant des gesamten tibetischen Siedlungsgebiets in China. Dieses so genannte Großtibet umfasst neben der Fläche der ART (der zentraltibetischen Regionen Ü und Tsang) auch große Teile der chinesischen Provinzen Qinghai, Gansu, Sichuan and Yunnan (osttibetisches Amdo und Kham). Ein weiteres Thema, das konstruktive Verhandlungen von vorn herein verhindert, ist die Frage nach den historischen, momentanen und auch zukünftigen Beziehungen zwischen den tibetisch besiedelten Gebieten und China. Hier lassen sich folgende Grundpositionen ausmachen: Die chinesische Regierung sieht Tibet aufgrund seiner Geschichte als Teil des chinesischen ‚Mutterlandes’, während die CTA für ein weitgehend unabhängiges oder zumindest autonomes Tibet eintritt.

Diese komplexe Situation zwischen den beiden Parteien wird in westlichen Ländern auf der politischen Ebene offiziell äußerst selten thematisiert. Das Thema „Tibet“ rückte in den vergangenen Jahrzehnten oft nur im Zusammenhang mit der chinesischen Minderheitenpolitik in den Mittelpunkt des politischen Medieninteresses. Die breite internationale Aufmerksamkeit im Vorfeld der Olympischen Spiele stellte da eine Ausnahme dar. Bislang interessierte die Situation Tibets vor allem Friedens-, Menschenrechts- oder Umweltaktivisten sowie Buddhisten und New Age-Anhänger in Europa und Nordamerika.

In dem Beitrag soll vornehmlich der Frage nachgegangen werden, wie sich die Organisations- und Machtstrukturen der tibetischen Exilregierung in Anlehnung an die politischen Traditionen Tibets entwickelt haben. Außerdem werden die Schwerpunkte der exiltibetischen Außenpolitik dargestellt.

Über die Autorin

Stephanie Römer erhielt Ihren Doktortitel an der Freien Universität Berlin. Nach intensiven Studien der Strukturen und Machtverhältnisse innerhalb der exiltibetischen Diaspora und Regierung veröffentlichte sie "The Tibetan Government-in-Exile: Politics at large" (Routledge, London and New York, 2008).

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