Dokumentation
Über Leben im Nordkaukasus - Zivilgesellschaftliche Akteure berichten
Gemeinsam mit drei weiteren Akteuren der Zivilgesellschaft aus dem Nordkaukasus war Afov von der Heinrich-Böll-Stiftung eingeladen nach Berlin, um ein aktuelles Bild einer Region zu zeichnen, die in der internationalen Öffentlichkeit nur sporadisch wahrgenommen wird, oft im Zusammenhang mit Schlagzeilen über Menschenrechtsverletzungen, unterdrückte Pressefreiheit und terroristische Gruppierungen. Wie schwer es unabhängige, zivilgesellschaftliche Akteure in einer Atmosphäre der Angst, Unsicherheit und Unterdrückung haben, aber auch, welche Freiräume und Perspektiven für soziales und politisches Engagement bleiben, diskutierten Experten und Aktivisten aus den nordkaukasischen Teilrepubliken Dagestan, Kabardino-Balkarien und Tschetschenien.
Ihre Heimat Tschetschenien beschreibt Expertin Fatima Gudieva, Verwaltungsdirektorin der regionsübergreifenden Hilfsorganisation „Denal“ zunächst als Teilrepublik, „die sich sehr gut entwickelt“, in der aber auch starke Korruption herrscht. „Man muss wirklich für alles bezahlen, jede kleinste Bescheinigung in der Behörde“, erzählt Gudieva. In ihrer Arbeit hilft sie Familien dabei, Unterstützung zu erhalten. Ihre Organisation war eine der ersten, die psychologische Hilfe für traumatisierte tschetschenische Kinder anbot. Gudieva erinnert sich, wie suspekt psychologische Betreuung den Menschen im postsowjetischen Raum zunächst erschien. Heute, nach zahlreichen erfolgreichen Hilfsprojekten, seien die Vorurteile weitgehend überwunden.
Marina Seferova aus Dagestan setzt sich vor allem für Rechtsschutz ein. Auch sie hat die Erfahrung gemacht, dass viele Menschen ihre Rechte gar nicht kennen, „nicht wissen, wie sie Subventionen bekommen können“. Als Menschenrechtler in der Region zu arbeiten stufen die Akteure insgesamt als riskant ein: Ihre Organisation betone immer, außerhalb der Politik zu stehen, erklärt Fatima Gudieva: „Weil wir keine Probleme für unsere Mitarbeiter wollen.“
Elena Denisenko, Juristin bei der russischen Menschenrechtsorganisation „Memorial“ entwirft ein alarmierendes Bild von der Lage in Dagestan, nicht nur wegen häufiger Anschläge und den bewaffneten islamistischen Untergrundkämpfern, die sich in den Wäldern verstecken. Sie verzeichnet steigende Zahlen, dass Menschen in Dagestan einfach verschleppt werden oder von den föderalen Sicherheitskräften in Einzelhaft genommen und mit Vorwürfen über Terrorakte konfrontiert werden, „die jeder Grundlage entbehren“.
Als zusätzliche Hürde für ihre Arbeit beurteilten die Akteure das unlängst in Russland verabschiedete, international scharf kritisierte NGO-Gesetz. Das Gesetz verlangt von vollständig oder teilweise vom Ausland finanzierten NGOs, dass sie sich als „ausländische Agenten“ registrieren lassen und detaillierte Finanzberichte vorlegen. Kleine NGOs könnten unter diesem Druck verschwinden, so die Befürchtung. „Man muss sich eintragen lassen“, rät Juristin Denisenko, „es dann aber gerichtlich anfechten“.
Zunehmende radikale Tendenzen und die Rolle der Frauen bereiten auch Fatima Gudieva aus Tschetschenien Sorge. Sie beobachtet, dass in der religiösesten der nordkaukasischen Teilrepubliken der Druck auf Frauen steigt, Kopftuch zu tragen. Schon kleine Mädchen würden ‚ohne’ nicht eingeschult. Sie selbst trage zwar Kopftuch, aber „aus Überzeugung, nicht aus Zwang“.
Zugleich hofft die Mutter dreier Kinder, dass sich in Zukunft wieder mehr internationale Geldgeber im Nordkaukasus engagieren. Denn jenseits der Politik funktioniere die Zusammenarbeit von staatlicher Seite mit NGOs gut, urteilt die Expertin: „Geber müssen sich keine Sorgen machen, dass das Spendengeld irgendwo anders verwendet wird.“
Den Kampf gegen Korruption und religiösen Extremismus nennt Azret-Ali Afov als dringlichste Aufgabe in Kabardino-Balkarien. Er hat eine unabhängige Online-Plattform aufgebaut, über die sich NGOs aus fünf Regionen im Nordkaukasus vernetzen und austauschen können. „Ich denke, dass der Mensch das tun muss, was in seiner Macht steht, dort, wo er lebt“, ist der Aktivist und junge Familienvater überzeugt.
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Annette Streicher ist Rundfunkjournalistin in Berlin und Mitglied des Netzwerks für Osteuropa-Berichterstattung n-ost.

