Hannah-Arendt-Film: Eine Geschichte intellektueller Redlichkeit

Hannah-Arendt-Film: Eine Geschichte intellektueller Redlichkeit

Rezension

Hannah-Arendt-Film: Eine Geschichte intellektueller Redlichkeit

Barbara Sukowa als Hannah Arendt.
Foto: Heimatfilm

17. Januar 2013

"Ihr Denken veränderte die Welt" - mit diesem etwas großspurigen Untertitel kommt der neuste Film von Margarete von Trotta gerade in Deutschland in die Kinos. Barbara Sukowa spielt wie bereits in Filme wie "Rosa Luxemburg" oder "Aus dem Leben der Hildegard von Bingen" auch in diesem biographisch angelegten Werk die Hauptrolle und, das sei bereits vorweg genommen, sie wird der Herausforderung, der Intellektuellen und Philosophin Hannah Arendt Engagement und Emotionen glaubhaft einzuhauchen, auf wunderbare Art gerecht.

Die Erwartung, die die Ankündigung des Films erweckt, nämlich eine gesamtbiographische Darstellung Hannah Arendts zu liefern, wird allerdings nicht erfüllt, was dem Gesamteindruck jedoch keinen Abbruch tut. Er widmet sich vielmehr einer entscheidenden Periode im Leben Hannah Arendts: der Beobachtung und anschließenden essayistischen Bearbeitung des Eichmann-Prozesses in Jerusalem. Das ist insofern gerechtfertigt, weil das im Anschluss erschienene Buch „Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen“ einen öffentlichen Skandal auslöste und einen tiefen Einschnitt in Arendts Leben bedeutete. Sie verlor mindestens zwei Freunde, die sie fast ihr ganzes bisheriges Leben begleitet hatten: Gershom Sholem und Kurt Blumenfeld. Der Konflikt mit letztem wird im Film gezeigt, die Isolation, in die Arendt durch ihr Urteil über die Beteiligung der Judenräte an der Vernichtungspolitik gedrängt wird, wird angedeutet, ihre Exkommunizierung aus dem öffentlichen und intellektuellen Leben Israels spart der Film aus. Es wäre sicher eine Überfrachtung gewesen.

Keineswegs proträtiert der Film die gesellschaftliche Atmosphäre der 60er Jahre, wie der Filmverleih ankündigt. Er ist vielmehr ein Kammerspiel, leicht klaustrophobisch in seiner Innensicht des Freundeskreises um Arendt und ihrem Mann Heinrich Blücher, ein Kreis, in dem auch in New York offensichtlich überwiegend deutsch gesprochen wurde. Axel Milberg spielt den Ehemann als selbstbewussten und fürsorglichen Gefährten, die Sekretärin Lotte Köhler, von der ansonsten vitaleren Julia Jentsch verkörpert, bleibt etwas unterbelichtet im Hintergrund. Auch die Charakterisierung ihrer Freundschaft zu der als leicht frivol gezeichneten Schriftstellerin Mary McCarthy, Arendts wohl wichtigste amerikanische Bezugsperson, ist ein wenig schief geraten.

Die Gerichtsverhandlung gegen Eichmann in Jerusalem wird durch die Originalaufnahmen wiedergegeben, eine äußerst weise Entscheidung der Regisseurin. Die wachsende Fassungslosigkeit Arendts angesichts der verbalen Selbstentblößung des Angeklagten ist nicht nur hervorragend gespielt, ihre Schlussfolgerungen werden so auch für den nicht vorinformierten Zuschauer plausibel.   

Der Film gewinnt durch seine Selbstbeschränkung. Er erzählt das Drama, das Hannah Arendt durch ihr Buch erfuhr, als eine Geschichte intellektueller Redlichkeit. So vermeidet er Voyeurismus und bleibt dicht bei seiner Protagonistin. Es gibt einige lose Enden, die Anfangsszene  mit der Kidnapping Eichmanns, die nicht wieder aufgenommen wird, die Rückblenden auf eine junge betörend schöne  (was sie, zieht man die Jugendbilder heran, nie war) Hannah und vor allem die Szenen mit Heidegger, der von Blücher als „Hosenmatzphilosoph“ charakterisiert, als Rätselgestalt durch einige Szenen geistert, ohne das sein Bedeutung in der Gesamterzählung deutlich wurde.

Im April wird der Film in die Kinos nach Israel kommen. Man kann auf die öffentliche Debatte hier gespannt sein. Seine Premiere hatte der Film bereits durch das Goethe-Institut  auf dem 9. Internationalen Frauenfilmfestival in Rehovot Anfang November letzten Jahres.

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