Energiearmut: Wenig Strom, wenig Chancen

Energiearmut: Wenig Strom, wenig Chancen

Anteil von öffentlichen Grundschulen ohne Elektrizität, 2010/2011, nach Ländern in Prozent - Ausschnitt aus der Grafik "Afrikas Schulen ohne Strom" (s.u.). Urheber/in: Heinrich-Böll-Stiftung u.a.. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Vielen Menschen fehlt der Zugang zu Elektrizität. Wo der Bedarf am größten ist, setzen die Regierungen ganz traditionell auf Kohle. Ein Kapitel aus dem Kohleatlas.

Rund 1,2 Milliarden Menschen leben ohne Elektrizität. Allein in Indien sind es etwa 300 Millionen, in ­Nigeria über 80 Millionen und in Bangladesch über 65 Mil­lionen. Unter den zehn energieärmsten Ländern liegen sieben in Afrika, listet der "Global Tracking Framework"-­Report der Weltbank auf. Von den Menschen, die keinen Strom haben, leben 87 Prozent in Südasien und in Afrika südlich der Sahara.

Die Internationale Energieagentur hat definiert, was unter Energiearmut zu verstehen ist: Sie betrifft Menschen, die über keinen Zugang zu modernen Dienstleistungen wie der Lieferung von Strom verfügen, aber auch mit Kochstellen arbeiten müssen, die die Luft im Haus verschmutzen. Energiemangel hemmt die Entwicklung von Landwirtschaft und Gewerbe. Betroffen ist vor allem die Landbevölkerung. Dörfer ohne Stromanschluss sind in der Armut gefangen. Ohne Kühlung und Maschinen arbeiten Krankenhäuser nur unzureichend. In Afrika gehen Millionen Kinder in Schulen ohne genügend Beleuchtung und Durchlüftung. Erst recht bleiben ihnen ohne Strom eine Ausbildung am Computer und der Zugang zum Internet verwehrt. 

Unterricht ohne Elektrizität für Computer oder Ventilatoren für Millionen Schulkinder in Afrika alltäglich. Urheber/in: Heinrich-Böll-Stiftung. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Ein weiteres Problem: Knapp drei Milliarden Menschen in der Welt kochen und heizen in offenen Feuerstellen und traditionellen Öfen mit Holz, Dung oder Kerosin, je 600 Millionen allein in Indien und China. In Simbabwe deckt fast die gesamte Landbevölkerung ihren Energiebedarf mit Feuerholz, und wo dies fehlt, mit Dung und Gras. Doch das Kochen mit Biomasse schadet der Gesundheit. 3,5 Millionen Menschen sterben jedes Jahr an den Folgen verschmutzter Luft in ihren Häusern. Die traditionellen Kochstellen belasten auch die Umwelt, weil der Wald abgeholzt wird, um Feuerholz und Holzkohle zu gewinnen. Zwar bekamen in den vergangenen 20 Jahren zusätzliche 1,7 Milliarden ­Menschen Zugang zu Strom, vor allem in den Städten. Allerdings wuchs im gleichen Zeitraum die Weltbevölkerung um 1,6 Milliarden Menschen – kaum ein Fortschritt.

Mit einer Kombination aus Urbanisierung und dem Bau Hunderter Kohlekraftwerke ist es in China gelungen, viele Millionen Menschen aus der Energiearmut zu befreien. Auch in Indien schnellt der Verbrauch von Kohlestrom in die Höhe. Doch nun wird der Preis bezahlt: Die Metropolen leiden unter dem Smog aus den Kraftwerken. An manchen Tagen sind Peking und Neu-Delhi, die Hauptstädte der beiden Länder, kaum noch bewohnbar.

Rund um die Kohleabbaugebiete ist die Situation oft noch schlimmer. Die Kohlefelder in Indien sind dicht besiedelt. In Jharia, wo das größte Revier des Landes liegt, bauen die Arbeitskräfte Kohle illegal auch an Straßen, Bahngleisen und in den Dörfern ab. Landflächen senken sich und Häuser stürzen ein. Unter der Erde brennen seit Jahrzehnten Dutzende Kohlefeuer, die durch die Schächte zusätzlich mit Sauerstoff angefacht werden. Diese Flöze pusten Giftdämpfe wie Kohlenmonoxid, Schwefeldioxid, Ruß, Methan und Arsen an die Erdoberfläche. Die Folge: Lungen- und Hautkrankheiten, Krebs und Magenbeschwerden. Auch in China sind Regionen von Kohlebränden unterwandert.

In Haushalten mit offener Feuerstelle und wenig Lüftung sind die Rauchgase oft lebensgefährlich. Urheber/in: Heinrich-Böll-Stiftung. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Bisher war Kohle der Treibstoff der wirtschaftlichen Entwicklung, die Energie für Industrialisierung und Bekämpfung der Armut. Die Hoffnung der Politik und das Versprechen der Kohleindustrie sind auch heute noch, große Mengen an Energie zu liefern, die rund um die Uhr verfügbar ist und die sich die meisten leisten können. Auf der Suche nach Alternativen rief UN-Generalsekretär Ban Ki-moon im Jahr 2011 die Initiative "Nachhaltige Energien für alle" aus. Ihr Ziel ist es, bis 2030 allen Menschen Elektrizität und saubere und moderne Kochstellen zu bieten. Zugleich soll sich der Anteil der erneuerbaren Energien im Weltenergiemix verdoppeln und auch die Energieeffizienz weiter zunehmen. Etwa 80 Länder beteiligen sich. Unternehmen haben mehrere Milliarden Dollar an Unterstützung zugesagt. NGOs wie Friends of the Earth werfen der Initiative allerdings vor, die eigentlich Betroffenen nicht genug mit einzubeziehen; außerdem sei der Prozess kaum überprüfbar und wenig ambitioniert.

Der UN-Plan unterstützt die Vision einer dezentralen Versorgung mit Fotovoltaik-, Biogas- oder kleinen Wasserkraftanlagen. Das ist vor allem für abgelegene Dörfer interessant. Denn Kohlekraftwerke werden schon wegen ihrer Größe vor allem für die Versorgung von Zentren errichtet. Wo sich der Bau eines Stromnetzes nicht lohnt, weil die Menschen weit entfernt wohnen und nur wenig Strom verbrauchen, unterblieb er bisher. Doch Sonne, Wind und Wasser gibt es überall; "think big" ist nicht mehr die unhinterfragt beste Lösung. In Indien oder Bangladesch existieren schon Hunderte kleiner Stromnetze, die unabhängig vom Hauptnetz bestehen, in denen Ökostrom fließt und die untereinander Strom austauschen können. Je mehr Dörfer, desto besser die Versorgung.

Indien ist das letzte große Land, für das Kohle noch Wachstum und Modernisierung versprechen soll. Urheber/in: Heinrich-Böll-Stiftung. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Allein der Anschluss ans nationale Stromnetz bietet jedenfalls keine Garantie für eine sichere Versorgung. In Indien kamen über 20 Millionen Haushalte in den vergangenen zehn Jahren neu ans Netz. Doch trotz zusätzlicher 100 Gigawatt an installierter Leistung übersteigt der Bedarf noch immer bei Weitem die Nachfrage; auch Strom aus fossilen Brennstoffen steht deshalb vielerorts nur für einige Stunden am Tag zur Verfügung.

Um die wachsende Energienachfrage in ihrem Land zu befriedigen und die Energiearmut zu bekämpfen, besinnt sich die indische Regierung nun auch auf erneuerbare Energien. Bis 2022 will sie Solaranlagen mit einer Leistung von 100 Gigawatt aufbauen. Ähnlich wie China und auch Südafrika nutzt sie zugleich alle Ressourcen, die zur Verfügung stehen – Kohle, Gas, selbst Atomkraft. Die neuen Kohlekraftwerke jagen trotz ihrer höheren Effizienz den Ausstoß von Treibhausgasen weiter in die Höhe. Um die Verhältnisse nicht aus den Augen zu verlieren: Der indische Sechsjahresplan sieht auch für 2022 noch vor, den Energieverbrauch zu zwei Dritteln mit Kohle zu decken.  

Verwandte Inhalte

Neuen Kommentar schreiben