Srebrenica - Erinnerungen für die Zukunft

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14. Juli 1995, Tuzla, UN-Basis: Schwedischer Soldat erlaubt Flüchtlingen aus Srebrenica den Zutritt zum UN-Flüchtlingslager

Am 11. Juli 2015 jährt sich zum zwanzigsten Mal das Massaker von Srebrenica. Bereits vor zehn Jahren erinnerte die Heinrich-Böll-Stiftung mit einer Fotoaustellung an dieses schreckliche Ereignis. Ein Blick in unser Archiv.

Annähernd zehntausend bosnisch-muslimische Männer und Jungen wurden in der von UN-Soldaten bewachten „Schutzzone“ ermordet, zehntausende Frauen, Kinder und Alte deportiert. Das größte Verbrechen in Europa nach dem zweiten Weltkrieg fand unter den Augen der Weltöffentlichkeit statt – eine Schande für Europa und die Vereinten Nationen. Noch heute leben tausende Überlebende in Flüchtlingslagern, ohne Aussicht auf Rückkehr.

Die Ereignisse vom Juli 1995 erschütterten die internationale Politik, sie stellten die Routinen der politischen Weltordnung, der Vereinten Nationen und des Völkerrechts in ihrer bis dahin geltenden Form in Frage. Bis heute haben diese Fragen nichts von ihrer Aktualität eingebüßt; sie sind durch die Geschehnisse im Kosovo, in Ruanda oder im Sudan eher noch dringlicher geworden.

Veranstaltungsreihe und Fotoausstellung

Mit der internationalen Veranstaltungsreihe „Srebrenica – Erinnerung für die Zukunft“ erinnerte die grünnahe Heinrich-Böll-Stiftung an die Geschehnisse im Juli 1995. Filmvorführungen und eine Abenddiskussion luden ein zur Reflexion über die Folgen für die Menschen in der Region und Auswirkungen auf die europäische und internationale Politik.

Im Mittelpunkt stand die Fotoausstellung „Srebrenica“. In eindringlichen Aufnahmen zeigten 10 renommierte Fotografen aus der Region, Großbritannien und Frankreich das Leid der Überlebenden, die Vertreibung, die triste Existenz in den Flüchtlingslagern und die Suche und Identifizierung der Opfer. Viele der Fotografen, unter ihnen international renommierte wie Roger Hutchings oder Paul Lowe, dokumentierten die Kriegsjahre im Auftrag großer internationaler Medien wie „Time Magazin“, „Newsweek“, „The New York Times“ oder deutscher Publikationen wie „Der Spiegel“. Einige von ihnen arbeiteten noch während des Krieges für die staatliche bosnische „Kommission zur Sammlung von Fakten über Kriegsverbrechen“.

Was diese Fotografien erreichen können, so der bosnische Fotograf Danilo Krstanovic zur Ausstellung „Srebrenica – Erinnerung für die Zukunft“, ist eine veränderte Wahrnehmung unserer eigenen Verantwortung gegenüber Ereignissen wie Srebrenica, unabhängig davon, ob sie in unserer unmittelbaren Nähe oder irgendwo auf der Welt stattfinden.

Auf Initiative der Heinrich-Böll-Stiftung und in Zusammenarbeit mit ihren Büros in den Regionen wurde diese Ausstellung unter anderem in Washington, Brüssel, Straßburg und Berlin sowie in Sarajevo und in Belgrad gezeigt.

Gesamtkoordination
Azra Dzajic, Heinrich-Böll-Stiftung, Regionalbüro für Südosteuropa
 

Die Fotografen:
Acif Hodovic, Darko Bandic, Zijah Gafic, Roger Hutchings, Danilo Krstanovic, Paul Lowe, Muhamed Mujkic, Simon Norfolk, Almin Zrno

 

Fotoausstellung Srebrenica - Erinnerungen für die Zukunft

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Chronik des Genozids (Stand Juli 2005)

Prolog

Die Stadt Srebrenica liegt im Tal des Drina-Flusses in Ostbosnien, ungefähr 15 Kilometer von der Grenze nach Serbien entfernt. Im Jahr 1991 zählte die Gemeinde 37.000 EinwohnerInnen, 73 Prozent Bosniaken und 25 Prozent Serben, die vor dem Krieg ohne größere Konflikte zusammenlebten.

Im April 1992 nahmen serbische paramilitärische Truppen aus diesem und benachbarten Gebieten Ostbosniens die Stadt für mehrere Wochen ein. Einen Monat später eroberten Soldaten der Armee Bosnien-Herzegowinas Srebrenica zurück. Bis September 1992 gelang es den Streitkräften, die Stadt Srebrenica mit der benachbarten Enklave Zepa zu verbinden. Diese vereinigte Enklave erreichte im Januar 1993 mit 900 Quadratkilometern ihre größte territoriale Ausdehnung. Dennoch konnte sie nie aus ihrer territorialen Isoliertheit befreit und mit dem übrigen von der bosnischen Armee kontrollierten Territorium vereinigt werden.

Im Januar 1993 starteten Einheiten der Republika Srpska (RS) eine mehrmonatige Offensive, an deren Ende sie die Dörfer Konjević Polje und Cerska eroberten. Damit war die Verbindung zwischen Srebrenica und Žepa wieder unterbrochen; die Srebrenica-Enklave schrumpfte auf  eine Größe von 150 Quadratkilometer. Die bosniakischen Einwohner der umliegenden Gebiete strömten in die Stadt Srebrenica, deren Bevölkerungszahl auf 50.000 bis 60.000 anstieg.

Der Kommandant der UN-Schutztruppen (UNPROFOR), der französische General Philippe Morillon, besuchte Srebrenica im März 1993. Zu dieser Zeit war die Stadt bereits übervölkert und von der Belagerung geprägt. Die Truppen der bosnischen Serben unterbrachen die Wasserversorgung, es mangelte an Nahrungsmitteln, Medikamenten und anderen lebenswichtigen Gütern. Vor seiner Abreise versprach General Morillon den von Panik ergriffenen Einwohnern Srebrenicas, dass sich die Stadt unter dem Schutz der UN befinde und er sie nie im Stich lassen werde.

Der UN-Sicherheitsrat verabschiedete am 16. April 1993 eine Resolution, wonach „alle Seiten und alle anderen Srebrenica und ihre Umgebung als ‚Schutzzone’ zu betrachten haben, die weder militärisch angegriffen noch irgendeiner anderen feindlichen Handlung ausgesetzt werden darf.“

Die erste Gruppe von UNPROFOR-Soldaten kam am 18. April 1993 in Srebrenica an. Diese wurde nach dem Rotationsprinzip alle sechs Monate von neuen Soldaten abgelöst. Im Januar 1995 zog ein niederländisches Bataillon, auch „Dutchbat“ genannt, in der Enklave ein.

Ab Anfang 1995 gelang es den UN-Hilfskonvois kaum mehr, zur Enklave vorzudringen. Die Versorgung der Bevölkerung verschlechterte sich rapide. Dafür erreichten die Stadt andere schlimme Nachrichten. Im März und April registrierten niederländische Beobachtungsposten, dass in der Umgebung Truppen der Armee der Republika Srpska zusammengezogen wurden. Es war offensichtlich, dass serbische Truppen einen Großangriff auf Srebrenica vorbereiteten.
 

Chronologie des Genozids

  • März 1995 - Radovan Karadžić, der damalige Präsident der Republika Srpska, gibt eine Direktive ("Direktive Nr. 7" vom 8. März 1995) für das Vorgehen der Armee der Republika Srpska gegenüber der Enklave heraus. Konkret beinhaltet diese Strategie, dass die Armee der Republika Srpska eine „physische Abtrennung Srebrenicas von Žepa ausführen und die Hilfskonvois auf ihrem Weg nach Srebrenica blockieren soll“.
     
  • 2. Juli 1995 – Der General der Armee der Republika Srpska, Milenko Živanović, unterschreibt zwei Befehle, in denen er den Angriffsplan auf die Enklave darlegt und befiehlt, verschiedene Einheiten des Drina-Korps in Kampfbereitschaft zu versetzen. Die Operation wurde „Krivaja 95" getauft.
     
  • 6. Juli 1995 – Der Angriff der serbischen Truppen auf Srebrenica beginnt. Der Kommandant des niederländischen Bataillons, Oberst Karremans, wendet sich mit der Forderung nach „Luftunterstützung“ an den UN-Generalstab in Sarajevo, nachdem Flüchtlingslager und UN-Beobachtungsposten mit Granaten beschossen worden waren.
     
  • 9. Juli 1995 – Serbische Truppen umzingeln die Stadt Srebrenica. Karadžić gibt einen neuen Befehl heraus, in dem er der Einnahme der Stadt Srebrenica zustimmt.
     
  • 10. Juli 1995 – Die Serben beschießen Srebrenica mit Granaten. Die Einwohner Srebrenicas fliehen in Richtung Potočari, wo sich die UN-Basis befindet.

Oberst Karremans stellt einen formellen Antrag an das UN-Kommando mit der Bitte um Luftunterstützung, nachdem serbische Truppen Stellungen seiner Soldaten mit Granaten beschossen hatten. Der Kommandant der UN-Truppen, der französische General Janvier lehnt den Antrag zunächst ab, stimmt aber nach einem erneuten Antrag Luftangriffen zu. In der Zwischenzeit enden die Angriffe der serbischen Truppen auf UN-Soldaten, so dass auch die Luftangriffe verschoben werden.

Oberst Karremans wendet sich an die bosniakische Bevölkerung in Srebrenica und versichert ihnen, dass die NATO mit einen Großangriff auf die serbischen Truppen reagieren werden, sollten sich diese nicht bis um 06:00 Uhr am nächsten Morgen aus dem Gebiet der Schutzzone zurückgezogen haben.

  • 11. Juli 1995 – Die Serben beschießen das Stadtgebiet von Srebrenica intensiv mit Granaten.
     
  • 09:00 Uhr: Oberst Karremans erhält die Antwort, dass sein Antrag mit der Bitte um Luftunterstützung auf einem falschen Formular eingereicht wurde. Um 10:30 Uhr erreicht der nochmals gestellte Antrag General Janvier, doch die NATO-Flugzeuge, die seit 06:00 Uhr morgens Srebrenica überflogen hatten, mussten zu ihrer Basis in Italien zurückkehren, da ihr Treibstoff aufgebraucht war.
     
  • 14:30 Uhr: Die NATO bombardiert Panzer der Armee der Republika Srpska. Die Armee der Republika Srpska droht mit der Ermordung der gefangen genommenen niederländischen Soldaten und mit Granatenbeschuss der UN-Basis in Potočari. Die Luftunterstützung wird eingestellt.
     
  • Zusammen mit General Krstić, General Živanović und anderen zieht Ratko Mladić in Srebrenica ein.
     
  • 20:00 Uhr: Im Hotel „Fontana“ in der benachbarten Stadt Bratunac wird ein Treffen zwischen Vertretern der Armee der Republika Srpska und dem Befehlshaber der holländischen UNPROFOR-Einheiten abgehalten. Das Treffen findet unter Mladićs Vorsitz statt. Bei dem Treffen werden Flüchtlingsfragen erörtert.
     
  • Gegen 22:00 Uhr: Die militärische und zivile Führung von Srebrenica fasst den Beschluss, eine fast ausschließlich aus Männern bestehende Kolonne zu bilden, die versuchen soll, sich durch den Wald bis auf das freie Territorium um Tuzla durchzuschlagen. Die Kolonne bricht um Mitternacht Richtung Norden auf.
     
  • 12. Juli 1995 - General Živanović unterschreibt einen Befehl an alle Einheiten des Drina-Korps, in dem er fordert, dass „alle Busse ... die sich im Besitz der Armee der Republika Srpska befinden, dem Drina-Korps zur Verfügung gestellt werden.“ Das Verteidigungsministerium der Republika Srpska übermittelt seinen Gebietssekretariaten drei Befehle mit der Anordnung, Busse zu organisieren und sie nach Bratunac zu schicken.
     
  • 10:00 Uhr: Im Hotel "Fontana" wird ein drittes Treffen abgehalten, wieder unter dem Vorsitz von General Mladić. General Krstić ist bei ihm. Mladić befiehlt, die bosniakischen Flüchtlinge zu evakuieren. Er teilt den Anwesenden außerdem mit, dass wegen des Auffindens von „Kriegsverbrechern“ alle Männer im Alter zwischen 16 und 60 Jahren von den anderen getrennt werden müssen.
     
  • 13:00 Uhr: Dutzende Busse kommen in Potočari an. Frauen, Kinder und Alte werden mit Bussen von Potočari weggefahren, in Richtung des von der Armee BuH kontrollierten Territoriums bei Tuzla. Die Männer im Alter zwischen 16 und 65 Jahren werden systematisch separiert und zunächst in Potočari gefangen gehalten, um dann nach Bratunac verlegt zu werden.
     
  • Truppen der bosnischen Serben, Angehörige der Armee der Republika Srpska und der Spezialeinheiten des Innenministeriums beziehen mit gepanzerten Transportern, Panzern, Luftabwehrgeschützen und Artillerie entlang der Straße Bratunac-Milići Stellung, um die Kolonne abzufangen. Die serbischen Truppen eröffnen Artilleriefeuer auf die Kolonne, welche die asphaltierte Straße zwischen Konjević Polje und Nova Kasaba überquert. Es gibt erste Gefangene aus der Kolonne.
     
  • 13. Juli 1995 – Die Evakuierung der Frauen, Kinder und Alten wird fortgesetzt. Die Männer werden auch weiterhin von den anderen getrennt und nach Bratunac gebracht.
     
  • Viele Männer aus der Kolonne werden gefangen genommen. Einige Tausend von ihnen werden zu Sammelstellen in der Ebene bei Sandići und in das Fußballstadion in Nova Kasaba gebracht.
     
  • Die Massenmorde beginnen: beim Fluss Jadar, im Cerska-Tal und in der Lagerhalle von Kravica.
     
  • 20:00 Uhr: Der Abtransport der bosniakischen Bevölkerung aus Potočari ist abgeschlossen.
     
  • 13.- 14. Juli – Das Morden geht weiter in Tišća.
     
  • 14. Juli. – Das Morden geht weiter in Orahovac.
     
  • Der UN-Sicherheitsrat bringt seine „Besorgnis wegen der Zwangsaussiedlung der Zivilisten aus Srebrenica“ zum Ausdruck. Die Internationale Gemeinschaft erklärt ihre „außerordentliche Besorgnis angesichts der verschwundenen Bosniaken“.
     
  • 14.-15. Juli – Das Morden geht weiter beim Staudamm Petkovci.
     
  • 16. Juli – Das Morden geht weiter auf dem Militärgelände von Branjevo und im Kulturzentrum von Pilica.
     
  • Der Spitze der dezimierten bosniakischen Kolonne gelingt es, bis zum von der Armee der Republik BuH kontrollierten Gebiet vorzudringen.
     
  • 17.-18. Juli – Das Morden geht weiter bei Kozluk und an anderen Orten.
     
  • September - 1. November 1995 – Serbische Truppen öffnen systematisch (sog. primäre) Massengräber, graben sie um und vergraben die Körper in kleineren (sekundären) Gräbern.
     

Epilog

Im Rahmen der umfangreichen Untersuchung und der Gerichtsverhandlung gegen General Radislav Krstić stellte der Internationale Gerichtshof für das ehemalige Jugoslawien (ICTY) in Den Haag fest, dass Truppen der bosnischen Serben im Juli 1995 bei Massenexekutionen zwischen 7.000 und 8.000 bosniakischer Männer und Jungen umgebracht haben.

Im Urteil gegen General Radislav Krstić wurde festgestellt, dass an den Bosniaken von Srebrenica ein Genozid verübt wurde, an dem zahlreiche Angehörige der politischen und militärischen Strukturen der bosnischen Serben beteiligt gewesen sind.

Unmittelbar nach dem Massaker wurden Radovan Karadžić und Ratko Mladić, die höchsten politischen und militärischen Führer der bosnischen Serben, vor dem Den Haager Tribunal wegen persönlicher Verantwortung für den Genozid in Srebrenica angeklagt. Sie haben sich bis heute ihrer Verhaftung erfolgreich entzogen. 

Das Verbrechen in Srebrenica ist auch Teil der Anklage gegen Slobodan Milošević.

Radislav Krstić und Vidoje Blagojević, hohe Offiziere der Armee der Republika Srpska, wurden wegen Beteiligung am Genozid verurteilt, und Dragan Jokić, stellvertretender Kommandant der Zvorniker Brigade, wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Die Offiziere Momir Nikolić und Dragan Obrenović sowie der Soldat Dražen Erdemović gaben ihre Beteiligung an den Verbrechen, die in und um Srebrenica begangen wurden, zu und wurden wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilt. Es wurden Strafen zwischen fünf und 35 Jahren Gefängnis ausgesprochen. Dražen Erdemović wurde wegen Mordes an mindestens 75 Gefangenen aus Srebrenica zu fünf Jahren Haft verurteilt und befindet sich bereits auf freiem Fuß.

Ljubiša Beara, Sicherheitschef des Generalstabs der Armee der Republika Srpska, wurde wegen Genozids angeklagt und wartet auf seine Gerichtsverhandlung.

Die Armee- und Polizei-Offiziere Drago Nikolić, Ljubomir Borvčanin, Vinko Pandurević, Vujadin Popović, ebenfalls wegen Genozid angeklagt, haben sich dem Haager Tribunal freiwillig gestellt und warten auf ihre Gerichtsverhandlung. Freiwillig an das Haager Tribunal haben sich auch die Generäle der Armee der Republika Srpska Radivoje Miletić und Milan Gvero gestellt, die aufgrund der Vertreibung der Einwohner aus Srebrenica wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt sind. Wegen des gleichen Verbrechens ist auch General Zdravko Tolimir angeklagt der aber befindet sich immer noch auf der Flucht.

Im Urteil des Berufungsgerichts, das die Beteiligung des Generals der Armee der Republika Srpska, Radislav Krstić, am Genozid bestätigt, wird unter anderem angeführt: “In ihrem Bestreben, einen Teil der Bosniaken zu eliminieren, begingen die serbischen Truppen einen Genozid. Sie bestimmten 40.000 bosniakische Einwohner von Srebrenica zur Vernichtung, die als Gruppe die Bosniaken im Allgemeinen repräsentierten. Sie nahmen allen gefangenen bosniakischen Männern, Soldaten wie Zivilisten, Alten wie Jungen, ihre persönlichen Gegenstände und Dokumente ab und töteten sie planmäßig und methodisch ausschließlich aufgrund ihrer Zugehörigkeit. Die Truppen der bosnischen Serben waren sich, als sie sich auf dieses genozidale Vorkommen einließen, bewusst, dass das Böse, das sie ihnen antaten, den Bosniaken dauerhaftes Leid zufügen wird. Die Berufungskammer erklärt mit voller Überzeugung, dass die Gerechtigkeit den zugefügten gewaltigen und dauerhaften Schaden mit angemessenen Formulierungen verurteilt und das Blutbad in Srebrenica bei seinem wahren Namen nennt: Genozid. Die Verantwortlichen werden dieses Stigma tragen, und es wird all denen als Warnung für die Zukunft dienen, die das Begehen einer solch abscheulichen Tat in Erwägung ziehen.“

Aus den zahlreichen Massengräbern wurden bisher mehrere Tausend Körper und Körperteile von Opfern des Genozids exhumiert. 1.327 von ihnen wurden identifiziert und auf dem Gelände der im Jahr 2003 errichteten Gedenkstätte Potočari bei Srebrenica begraben.

Bis zum heutigen Tage sind nur einige hundert Bosniaken nach Srebrenica zurückgekehrt.

 

Chronologie der Balkankriege

Mai 1980: Mit dem Tod von Staats- und Parteichef Josip Broz Tito stirbt die zentrale Integrationsfigur Jugoslawiens. Damit verwandelt sich die schleichende Gesellschaftskrise endgültig in eine offene staatspolitische Krise.

1986: Durch einen innerparteilichen Putsch übernimmt Slobodan Milosević die Führung der serbischen Kommunisten. Zum Zweck des Machzuwachses in Serbien und darüber hinaus schlägt er einen populistischen Kurs ein. Als ideologische Grundlage dient ihm dabei das im gleichen Jahr veröffentlichte Memorandum der Serbischen Akademie der Wissenschaften, das kaum verdeckt einen großserbischen Nationalismus propagiert.

1987-89: Als Ausgangspunkt der populistischen Mobilisierung von Serben im gesamten Jugoslawien dienen Milosević die Auseinandersetzungen zwischen Albanern und Serben in der autonomen serbischen Unruheprovinz Kosovo. Vom Belgrader Regime geförderte nationalistische Massendemonstrationen von Serben aus dem Kosovo führen zum Rücktritt der Regierungen der serbischen Provinz Vojvodina wie der Republik Montenegro. In ihre Positionen gelangen Milosević-treue Kräfte. Im Kosovo erzwingt Milosević die Absetzung des albanischen Parteichefs, das serbische Parlament beschließt die Aufhebung des Autonomiestatus der Provinz Kosovo (und Vojvodina); beides wird von albanischen Streiks und gewaltsamen Protesten begleitet. Weitere Kundgebungen führen zur nationalistischen Mobilisierung von Serben in Kroatien (und begrenzt in Bosnien-Herzegowina).

In Slowenien, wo sich national orientierte Intellektuelle und Republikführung als Reaktion auf die Politik Serbiens angenähert haben, erklärt das Parlament im September 1989 die Souveränität der Republik.

1990:  Auf dem 14. Parteitag bricht die kommunistische Partei Jugoslawiens am Konflikt zwischen den Delegationen aus Serbien und Slowenien bzw. Kroatien auseinander. Damit hört das sozialistische Nachkriegsjugoslawien de facto auf zu existieren. Im Verlauf des Jahres finden in allen Republiken Mehrparteienwahlen statt, bei denen mit Ausnahme von Serbien und Montenegro die kommunistischen Parteien die Macht verlieren. In Kroatien erringt die nationalistische HDZ unter dem zukünftigen Präsidenten Franjo Tudjman die Macht, in Bosnien-Herzegowina gewinnt eine Dreierkoalition nationalistischer Parteien (kroatische HDZ, serbische SDS unter Radovan Karadžić, bosnisch-muslimische SDA unter Alija Izetbegović) die Wahlen.

1991: Nachdem Slowenien und Kroatien im Juni ihre Unabhängigkeit ausrufen, kommt es zum zehntätigen Krieg zwischen slowenischen Einheiten und der Jugoslawischen Volksarmee (JNA), der mit dem Abzug der letzteren endet. In Kroatien bricht der Krieg zwischen der entstehenden kroatischen Armee und lokalen bewaffneten Serben, die von der zerfallenden JNA unterstütz werden, aus.

1992: Anfang Januar erwirkt der UN-Vermittler Cyrus Vance einen Waffenstillstand für Kroatien, der die Stationierung von Blauhelmtruppen in serbisch kontrollierten Gebieten umfasst. Kroatien und Slowenien werden von den Staaten der Europäischen Gemeinschaft (EG) und weiteren Ländern international anerkannt.

Anfang März findet in Bosnien-Herzegowina auf Initiative von SDA und HDZ ein Referendum über die Unabhängigkeit der Republik statt. Zwei Drittel der Wähler stimmen mit „Ja“, ein Großteil der serbischen Bevölkerung folgt dem Boykottaufruf der SDS, die den Verbleib der Republik im serbisch dominierten Rest Jugoslawiens fordert und bereits im Januar ihre eigene, serbische Republik in Bosnien (die sog. Republika Srpska – RS) ausgerufen hatte. Bewaffnete Anhänger der SDS errichten nach der Abstimmung für mehrere Tage Barrikaden in Sarajevo und weiten Teilen der Republik.

Nachdem die EG am 6. April 1992 die Unabhängigkeit Bosnien-Herzegowinas anerkennt, beginnt der Bosnienkrieg. Bewaffnete Einheiten der SDS, unterstützt von paramilitärischen Gruppen aus Serbien und der Jugoslawischen Volksarmee erobern rasch 70 Prozent des bosnischen Territoriums. Sarajevo und weitere Städte werden belagert. Auf dem Gebiet der Republika Srpska kommt es zu systematischer „ethnischer Säuberung“. Im Verlauf des Sommers gelangen Informationen über Lager an die Weltöffentlichkeit, in denen Nicht-Serben tausendfach misshandelt und ermordet werden. Nach internationalen Protesten wird ein Großteil von ihnen aufgelöst.

Die in Bosnien stationierte UN-Blauhelmtruppe UNPROFOR mit ihrer Neutralitätsverpflichtung verkommt zum hilflosen Beobachter der Ereignisse.

Im Mai gründen Serbien und Montenegro den Bundesstaat Jugoslawien, gegen den die internationale Gemeinschaft kurz darauf Wirtschaftssanktionen verhängt.

1993: Ein Friedensplan der beiden internationalen Vermittler Vance und Owen, der die Aufteilung der Republik in 10 Kantone nach ethnischen Kriterien vorsieht, scheitert am Widerstand der politischen Führung der RS.

Der Teilungsplan befördert die Eskalation des schwelenden Konfliktes zwischen bosnischer Armee und den Militäreinheiten der HDZ zum offenen Krieg, führt zur militärischen Teilung der Stadt Mostar und zu weiteren ethnischen Säuberungen. Die HDZ ruft die Kroatische Republik Herceg-Bosna aus. Bosnisch-kroatische Einheiten zerstören die alte Brücke von Mostar.

Der Sicherheitsrat erklärt Srebrenica, Sarajevo und vier weitere, von bosnisch-serbischen Einheiten belagerte Städte zur UN-Schutzzone.

1994: Nachdem eine Granateinschlag auf dem Marktplatz von Sarajevo 69 Menschen tötet zieht die Armee der Republika Srpska ihre schweren Waffen um Sarajevo unter Androhung von Luftschlägen durch die NATO zurück.

Im März unterzeichnen in Washington die Vertreter der Republik Bosnien-Herzegowinas und der Herceg-Bosna einen Friedensvertrag, der die Gründung einer kroatisch-muslimischen Föderation in Bosnien beinhaltet.

Vertreter der sog. Kontaktgruppe (USA, Großbritannien, Russland, Frankreich und Deutschland) legen einen neuen Friedensplan vor, der die Neuordnung des Landes in zwei Entitäten – der Föderation und der RS – und der Gebietsverteilung von 49 zu 51 Prozent beinhaltet. In Belgrad stimmt Milosevic dem Plan zu, während ihn die RS-Führung in Pale ablehnt. Daraufhin verhängt Belgrad Sanktionen gegen die bosnisch-serbische Republik, und befreit sich so teilweise aus der internationalen Isolation.

1995: Im Frühjahr wendet sich das militärische Kräfteverhältnis zu Ungunsten der Armee der Republika Srpska. Bosnische Armee und bosnisch-kroatischen Einheiten erobern in gemeinsamen Militäraktionen im Verlauf von Sommer und Herbst weite Gebiete im Westen Bosniens.

In Kroatien gelingt der Armee in zwei kurzen Militäraktionen die Eroberung der serbisch kontrollierten Gebiete, die begleitet wird vom Massenexodus der dortigen Serben.

Nach Angriffsdrohung der NATO nimmt die Armee der RS im Mai 350 UN-Blauhelme als Geiseln und benutzt sie als lebende Schutzschilde.

In der einzigen erfolgreichen Gegenoffensive des Jahres erobern serbische Truppen am 11. Juli 1995 die UN-Schutzzone Srebrenica, und kurz darauf auch die benachbarte Schutzzone Zepa.

Nachdem ein weiterer Granateinschlag auf dem Markt von Sarajevo Ende August 41 Zivilisten tötet, bombardieren NATO-Kampfflugzeuge erstmals seit Beginn des Bosnienkrieges großflächig Stellungen der bosnisch-serbischen Armee. Daraufhin willigt schließlich die politische Führung der Republika Srpska als letzte der Aufnahme von Friedensverhandlungen auf der Grundlage des Kontaktgruppenplans zu.

Am 21. November unterzeichnen nach dreiwöchigen Verhandlungen unter Federführung des US-Vermittlers Richard Holbrook im amerikanischen Dayton die Vertreter Bosnien-Herzegowinas, der Bundesrepublik Jugoslawiens und Kroatiens das Dayton-Abkommen und beenden damit den Bosnienkrieg. Zentraler Bestandteil des Friedensvertrages ist die Dayton-Verfassung, die einen Staat Bosnien-Herzegowina vorsieht mit schwachen, weitgehend nach ethnischen Kriterien verfassten zentralstaatlichen Institutionen und zwei mit weitreichenden Kompetenzen ausgestatteten Entitäten, die ebenfalls zu weiten Teilen ethnische verfasst sind.

Am 14. Dezember 1995 unterzeichnen in Paris die Präsidenten Izetbegović, Milošević und Tudjman feierlich den Dayton Peace Accord.