Anne-Klein-Frauenpreis 2017: Die Begründung der Jury

Anne-Klein-Frauenpreis 2017: Die Begründung der Jury

Nomarussia BonaseNomarussia Bonase. Urheber/in: Valerie Murray/Heinrich-Böll-Stiftung. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Die Jury des Anne-Klein-Frauenpreises 2017 würdigt mit Nomarussia Bonase eine südafrikanische Aktivistin für Frauenrechte und Frauenpolitik, die für Aufarbeitung und Versöhnung eintritt und hierin für viele ein Vorbild ist.

Nomarussia Bonase setzt sich in Südafrika für Gerechtigkeit für die Opfer und Überlebenden des Apartheidregimes ein. Sie tut das auch und besonders für Frauen, die nicht von der Wahrheits- und Versöhnungskommission (1996 – 1998) gehört wurden und denen Gerechtigkeit und Reparation zustehen sollte. Nomarussia Bonase ist National Coordinator bei “Khulumani”. „Khulumani“ bedeutet „laut sprechen, aussprechen, das Wort ergreifen“. Der Organisation gehören 104.000 Apartheidopfer/-überlebende an. Die Lokalgruppen sind sehr gut vernetzt. Hier bestärken sich vor allem Frauen gegenseitig, gemeinsam für die politische Anerkennung des verübten Unrechts an Frauen zu kämpfen. Sie fordern zum Beispiel anzuerkennen, dass sexuelle Gewalt bewusst als Waffe eingesetzt wurde. Sie bieten konkrete Beratungen bei Gesundheitsproblemen und bei rechtlichen Fragen. Sie ermutigen Frauen, den Versöhnungsprozess aus frauenpolitischer Perspektive kritisch zu hinterfragen und sich nicht in die Rolle der passiven Opfer oder der Bittstellerinnen drängen zu lassen.

Nomarussia Bonase ist 1966 geboren worden und wohnt im Thokoza Township nahe Johannesburg. Um Geld zu verdienen musste sie ihre Schulausbildung abbrechen. Sie engagierte sich in der Gewerkschaft für menschenwürdige Arbeitsverhältnisse und bessere Löhne. Sie belegte Kurse zur Bildungsverbesserung von Arbeiterinnen. Nomarussia Bonase ist früh verwitwet und hat ihre vier Kinder alleine erzogen und versorgt.

Nomarussia Bonase versteht ihre zivilgesellschaftliche politische Arbeit als Beitrag zur sozialen Gerechtigkeit, mit ihrer rechtspolitischen Lobbyarbeit möchte sie der nationalen Heilung und Demokratisierung in Südafrika den Weg bereiten. Unter Berufung auf die Verfassung fordert sie staatsbürgerliche Rechte und funktionierende staatliche Institutionen ein. Derzeit bereitet sie eine Gerichtsklage vor, die eine umfassende Wiedergutmachung einfordern soll. Umfassend bedeutet, dass sie sich nicht auf individuelle Kompensationszahlungen für die Opfer begrenzt. Vielmehr schließt die Klage auch Gesundheit, Bildung und andere Aspekte für die Opfer und ihre Familien ein, von denen sie bis heute ausgeschlossen sind.

Bonase engagiert sich außerdem für Witwen, deren Ehemänner beim Streik der Bergarbeiter der Lonmin-Platinmine in Marikana im August 2012 von der südafrikanischen Polizei erschossen wurden. Neben praktischer Hilfe, die weder die Minenbetreiber noch die staatlichen Behörden leisteten, erreichte Khulumani, dass diese Witwen in die Untersuchungskommission einbezogen wurden. Nomarussia Bonase begleitete die Witwen auch bei ihren Reden anlässlich der BASF-Aktionärsversammlung 2016. Der Lonmin-Konzern ist ein BASF-Hauptlieferant für südafrikanisches Platin, das für Katalysatoren gebraucht wird.

Mit Nomarussia Bonase würdigt die Jury des Anne-Klein-Frauenpreises den persönlichen Mut der südafrikanischen Kämpferin für Frauenrechte und Frauenpolitik und den überzeugenden Ansatz der Khulumani, die in Südafrika und darüber hinaus strahlend für Versöhnung, aber auch für explizite Benennung von Unrecht und Wiedergutmachung eintreten.

 

Der Jury des Anne-Klein-Frauenpreises gehören an:

  • Barbara Unmüßig, Vorstand Heinrich-Böll-Stiftung, Juryvorsitzende
  • Renate Künast, MdB, Bündnis90/Die Grünen
  • Prof. Dr. Michaele Schreyer, Vize-Präsidentin des Netzwerks Europäische Bewegung Deutschland
  • Jutta Wagner, Rechtsanwältin, ehemalige Präsidentin des Deutschen Juristinnenbundes
  • Thomas Herrendorf, Inneneinrichter


Berlin, den 17. Januar 2017

 

Kontakt
Ulrike Cichon
E-Mail: cichon@boell.de
Fon: (030) 285 34-112

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Kommentare

Ich freue mich sehr über

Ich freue mich sehr über diese Auszeichnung von Nomarussia Bonase, die ich persönlich seit vielen Jahren kenne. Selbst ein Opfer des unmenschlichen Apartheidstaates engagiert sie sich unermüdlich für die Rechte der anderen Geschädigten und tritt für Gerechtigkeit ein. Als nationale Koordinatorin von Khulumani war sie vielen Anfeindungen ausgesetzt. Das hat sie aber nicht davon abhalten können, ihren Weg weiter zu gehen. Ich kann mir vorstellen, dass dieser Preis für sie auch materiell eine grosse Bedeutung hat, kann sie doch oft die Mittel nicht aufbringen für die medizinische Betreeung, die sie aufgrund der erlittenen Folter braucht. So wie ihr geht es der Mehrzahl der Opfer von schweren Menschenrechtsverletzungen der Apartheid. Khulumani tritt dafür ein, dass diejenigen Unternehmen in Deutschland und der Schweiz, die von der Apartheid profitierten und sie mit ihrer Geschäftstätigkeit am Leben erhielten, Reparationen zahlen sollten.

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