Perspectives 01/2017: Südafrika – aufstrebende Macht oder sinkender Stern?

Perspectives 01/2017: Südafrika – aufstrebende Macht oder sinkender Stern?

Heinrich-Böll-Stiftung
Kostenlos
Veröffentlichungsort: Kapstadt
Veröffentlichungsdatum: Januar 2017
Seitenanzahl: 31
Lizenz: CC-BY-NC-ND

Vor etwa zehn Jahren galt Südafrika als einflussreichster Staat auf dem afrikanischen Kontinent. Inzwischen büßt das Land immer mehr jene moralische und demokratische Legitimität ein, die es mit dem Ende der Apartheid gewonnen hatte. Wo steht Südafrika heute?

Südafrika im Jahr 2006: die Wirtschaftswachstumsrate des Landes erreicht mit 5,6 Prozent den höchsten Stand seit den ersten demokratischen Wahlen im Jahr 1994. Nachdem sich Präsident Thabo Mbeki zu Beginn des neuen Jahrtausends dafür stark gemacht hatte, die Organisation für Afrikanische Einheit (OAU) in die Afrikanische Union (AU) umzuwandeln, steht seine Vision einer „Afrikanischen Renaissance“ – getragen von Frieden, Stabilität und Entwicklung – in ihrem Zenit.

Im Juli finden in der Demokratischen Republik Kongo erstmals seit 41 Jahren pluralistische Wahlen statt – die Folge eines Friedensabkommens, das Pretoria im Jahr 2002 ausgehandelt hatte. Im September trifft das aus Indien, Brasilien und Südafrika bestehende IBSA-Dialogforum erstmals in Brasilia zusammen. Einen Monat später wird Südafrika mit 186 von 192 Stimmen als nichtständiges Mitglied in den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen gewählt (2007-2008). Dank seiner Wirtschaftskraft, seines regionalen Einflusses und seiner internationalen Ambitionen untermauert Südafrika seine Stellung als aufstrebende Macht und als einflussreichster Staat auf dem afrikanischen Kontinent.

Zehn Jahre später hat sich das Bild deutlich verändert: der afrikanische Kontinent hat in den vergangenen Jahren einen sichtbaren Wirtschaftsaufschwung genossen, dennoch hat sich die Erwartung, dass die höchstentwickelte Volkswirtschaft Afrikas weiter unangefochten an der Spitze bleibt, nicht erfüllt. In den Vordergrund drängen inzwischen Länder wie Äthiopien und Kenia, deren Wirtschaft rasant wächst. Südafrika, einst die mit Abstand größte Volkswirtschaft Afrikas, ist zwischenzeitlich von Nigeria beziehungsweise von Ägypten abgelöst worden – je nachdem, wie der Wechselkurs der jeweiligen Landeswährung zum US-Dollar sich gerade entwickelt. Südafrikas Wirtschaft ist 2016 so gut wie nicht gewachsen, und die Kreditrating-Agentur Standard & Poor’s beurteilt die Bonität des Landes als nur geringfügig besser als „Junk“ – viele Wirtschaftsfachleute erwarten, dass Südafrika 2017 weiter herabgestuft wird.

Obwohl die gegenwärtig niedrigen Rohstoffpreise vielerorts in Afrika das Wachstumspotential geschwächt haben, wird der Glaube der internationalen Gemeinschaft, Südafrika könne auf der Weltbühne die Interessen des Kontinents vertreten, zunehmend diskutiert. Auch wenn das Land für 2011 bis 2012 ein zweites Mal als Mitglied des UN-Sicherheitsrats gewählt wurde, ist sein Anspruch, ständiges Mitglied des Gremiums zu werden, in seiner eigenen Region umstritten. Unter Präsident Jacob Zuma wurde Südafrika im Jahr 2010 zwar zu dem aus Brasilien, Russland, Indien und China bestehenden BRIC-Forum zugelassen und als einziger afrikanischer Staat Mitglied der G20, eine schlüssige Strategie in der Außenpolitik des Landes ist jedoch nur schwer zu erkennen.

Stattdessen verzehrt sich Südafrika in innenpolitischen Querelen, die sich in Form von Korruptionsskandalen, dem Zerfall von staatlichen Institutionen und vermehrten öffentlichen Unruhen entfalten. In der Folge büßt Südafrika immer mehr jene moralische und demokratische Legitimität ein, die das Land nach dem Ende der Apartheid genossen hat. Kurz gesagt, Südafrikas Stern scheint zu sinken.

Beide Momentaufnahmen sind natürlich verkürzt und bewusst polarisiert. Gleichwohl – in jenem Maße, in dem sich die internationale Landschaft gewandelt hat, hat sich auch die Art und Weise, wie Südafrika wahrgenommen wird, verändert. Die Artikel in dieser Ausgabe von Perspectives basieren auf Diskussionen der internationalen Konferenz „Emerging Power or Fading Star? South Africa’s Role on the Continent and Beyond“, die – organisiert vom Deutschen Institut für Entwicklungspolitik, der Heinrich-Böll-Stiftung und der Universität Standford – vom 12. bis 14. Juli 2016 in Kapstadt stattfand. Ziel dieser Beiträge ist es, jene Details und Herausforderungen zu beleuchten, die Südafrikas gegenwärtige Rolle in der Welt bestimmen.

 

Jochen Luckscheiter
Programmkoordinator
Heinrich-Böll-Stiftung

Stephan Klingebiel
Abteilungsleiter
Deutsches Institut für Entwicklungspolitik

 

Inhaltsverzeichnis:

  • Editorial

  • Emerging Powers, Clubs and Equality
    Elizabeth Sidiropoulos

  • South Africa on the Global Stage: Between Great Expectations and Capacity Constraints
    Philani Mthembu

  • Still a Champion? South Africa’s Economic Diplomacy
    Catherine Grant Makokera

  • Interview: South Africa’s Status as a Regional Power: A Nigerian Perspective
    Victor A.O. Adetula

  • Prioritising Justice and Accountability in South Africa: The Al-Bashir Saga
    Angela Mudukuti

  • A Fading Peacemaker? The “Dark” Side of South Africa’s Contribution to Peace, Security and Governance in Africa
    John Akokpari

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