Hollywood in Kambodscha: First They Killed My Father

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Insassen des berüchtigten Foltergefängnisses S-21 in Phnom Penh, Kambodscha. Urheber/in: Leon . Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Angelina Jolies neuer Film über den Genozid in Kambodscha ist Hollywood pur. Seine eigentliche Bedeutung liegt jedoch jenseits der Leinwand.

Kambodscha erhält für gewöhnlich wenig internationale Aufmerksamkeit. Zu unbedeutend ist das kleine Land am Mekong. Daher versetzte die Nachricht, dass Angelina Jolie einen Film über den von den Roten Khmer verursachten Völkermord drehen würde, die kambodschanische Bevölkerung in helle Aufregung. Endlich schien sich jemand für das Land und seine Geschichte zu interessieren - und mit Jolie gleich eine Regisseurin, die schon 2001 als Lara Croft im Film "Tomb Raider" kambodschanische Tempel berühmt gemacht hatte. In den Jahren danach ist Jolie wiederholt nach Kambodscha zurückgekehrt, hat einen Jungen adoptiert und für ihr Engagement als UNHCR Botschafterin von der kambodschanischen Regierung die Staatsbürgerschaft verliehen bekommen.

Diese Nähe zur Regierung ließ nichts Gutes für die Verfilmung der Autobiographie von Loung Ung erhoffen, die als Kind die Gräuel der Roten Khmer der 70er Jahre erlebte und ihre Erfahrungen in dem Buch „First They Killed My Father“ niedergeschrieben hatte. Und so folgt auch der Film einem Narrativ, der niemanden weh tut, am wenigsten der Regierung.

Wichtige Zusammenhänge bleiben unerwähnt

Gleich zu Beginn des Films (und auch am Ende) wird auf die amerikanischen Flächenbombardements im Zuge des Vietnamkrieges hingewiesen, die viele Betroffene in die Hände der Roten Khmer trieb. Und so sehr dies auch eine Rolle gespielt hat, bleiben andere Ursachen der Popularität der Roten Khmer und ihres Erfolgs unerwähnt. Hier muss die Rolle des damaligen Königs erwähnt werden, der sich mit den Roten Khmer verbündet und dazu aufgerufen hatte, sich ihnen im Kampf gegen die pro-amerikanische Regierung in Phnom Penh anzuschließen. Sicherlich spielte auch der eklatante Widerspruch zwischen einer dekadent lebenden Stadtbevölkerung und der Masse der verarmten Landbevölkerung eine Rolle bei der kommunistischen Propaganda der Führungskräfte der Roten Khmer, die allesamt in Frankreich eine universitäre Ausbildung genossen hatten. Ebenso lässt der Film die Unterstützung Chinas für die Roten Khmer unerwähnt, das Kambodscha als Gegengewicht gegen das von der damaligen Sowjetunion unterstützte kommunistische Regime in Vietnam sah.

Vielleicht ist eine solche Differenzierung aus der Zeit des Kalten Krieges für einen Hollywoodfilm zu viel verlangt. Und so plätschert der Film teilweise dahin und wechselt ab zwischen Schönheiten kambodschanischen Landlebens (Reisfelder, Palmen) und den Darstellungen der Grausamkeiten der Roten Khmer. Weder wird die Ideologie der Roten Khmer erklärt, die Kambodscha mit brutaler Gewalt und unter der Ermordung von ca. 2 Millionen Menschen in einen reinen Bauernstaat verwandeln wollten, noch die Führungskader beleuchtet, die zum Teil heute vor Gericht stehen. Die weit verbreite sexuelle Gewalt und die Praxis der Zwangsverheiratung bleiben unerwähnt. Da der Film aus der Perspektive der fünfjährigen Ung erzählt wird, mag manches zu Recht im Dunkeln bleiben. Verständlicher wird er dadurch aber nicht. 

Zum Schluss steigert sich der Film in das plakative Instrumentarium, das Hollywood zu bieten hat: Menschen fliegend explodierend durch die Luft, Musikuntermalung wird dramatisch, und am Ende finden sich die verstreuten Geschwister der Protagonistin im sicheren Flüchtlingslager wieder.

Der Film wurde am 19. Februar in Anwesenheit des Königs in den historischen Stätten von Angkor Wat zum ersten Mal gezeigt, und damit wurde unbewusst der Bogen zwischen der einstigen Größe Kambodschas und seiner dunkelsten Zeit geschlagen.

Stabilität wichtiger als Aufbereitung

Trotz aller Defizite wird der Film allerdings seine Wirkung zeigen. Denn es sollte nicht vergessen werden, dass es auch in Deutschland erst der Hollywood-TV-Serie „Holocaust“ aus dem Jahre 1979 mit Meryl Streep in der Hauptrolle bedurfte, um trotz aller historischen Ungenauigkeiten und Plakativität einen Bann in Deutschland zu brechen: Über 20 Millionen Deutsche verfolgten damals die Geschichte der fiktiven Familie Weiss, und zum ersten Mal wurden jenseits der intellektuellen Kreise der so genannten 68er Bewegung die Gräueltaten der Nazis breitenöffentlich diskutiert.

Erste Reaktionen des kambodschanischen Publikums gehen genau dahin, dass sich nun Menschen aufgefordert fühlen, ihre Eltern nach dem zu befragen, worüber sie viele Jahre geschwiegen haben. Schweigen war lange die Überlebenstaktik vieler Opfer, die sich nicht sicher sein konnten, dass die Roten Khmer nicht doch wieder an die Macht kommen. Und zum Teil mussten sie auch mit ansehen, wie sich ehemalige Kader der Roten Khmer wieder in ihren Dörfern ansiedelten, unbehelligt von der Justiz und geschützt durch eine Politik, die innere Stabilität an die Stelle von Aufarbeitung setzte.  Das Regierungsnarrativ, dass nur das Vergeben und Vergessen vor einem erneuten Bürgerkrieg schützen würde, war viele Jahre (und ist vielleicht bis heute) noch wirkungsmächtig.

Die Heinrich Böll Stiftung unterstützt kambodschanische NGOs in ihrem Engagement um Gedenken und Aufarbeitung. So werden beispielsweise Dialogveranstaltungen mit Jugendlichen, Konferenzen und Workshops sowie Dokumentationen von Einzelschicksalen gefördert. Dadurch soll langfristig der Teufelskreis von Schweigen, Trauma und Ungerechtigkeit aufgebrochen werden. Die Aufarbeitung der Verbrechen der Roten Khmer steht damit noch ganz am Anfang.  

Mehr Informationen zur Erinnerungsarbeit der Heinrich Böll Stiftung Kambodscha unter:
kh.boell.org/en/2017/02/06/personal-reflections-conference-dealing-past-engaging-present
kh.boell.org/en/2016/11/24/stick-out-your-head-move-forward
kh.boell.org/en/2016/03/18/justice-and-reconciliation-after-khmer-rouge-what-has-been-achieved
kh.boell.org/en/2016/03/09/justice-done-legacy-khmer-rouge-tribunal-after-judgment-case-00201-12th-aug-2014-phnom

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Kommentare

Ali Al-Nasani schreibt ganz

Ali Al-Nasani schreibt ganz richtig, dass auch ein Hollywood-Film trotz gewöhnlicher - konventioneller -, Bildersprache doch außergewöhnliche Diskussions- und Erkenntnisprozesse befördern kann. Ob dies bei Angelina Jolies Film der Fall sein wird, werden wir sehen, zu wünschen wäre es. Und dies nicht nur im Hinblick auf das Gedenken und die Aufarbeitung des Genozids in Kambodscha selbst, sondern auch die Erinnerungsarbeit in der westlichen Linken, die sich in ihrer Haltung zum Kambodscha der Roten Khmer wahrlich nicht mit Ruhm bekleckert hat. Jüngst war ich einem Ein-Frau-Theaterstück mit dem Titel „Pol Pots Lächeln“ (nach dem Buch von Peter Fröberg Idling über Vertreter einer linksextremen Gruppierung aus Schweden, die durch das Kambodscha der Roten Khmer im Jahre 1978 reist, einer Rundfahrt, bei der die Besucher von Hunger, Folter und Mord nichts gesehen hatten oder gesehen haben wollten, ein Buch über das Schuldbewusstsein, das die meisten Teilnehmer in späteren Jahren plagt, als der Genozid sich als eine nicht mehr zu bestreitende Tatsache herausgestellt hatte). In diesem Stück schien auf (bzw. wurde über einer Auseinandersetzung zwischen Mutter und Tochter in die Gegenwart transportiert), was uns heute allenthalben umtreibt: Das „Postfaktische“, die „Fake News“ (Noam Chomsky bezeichnete damals Flüchtlingsberichte pauschal als nicht vertrauenswürdig, wenn auch nur ein einziger Sachverhalt in einem solchen Bericht sich als nicht zutreffend erwies), den Zusammenhang von Vor-Urteil, Voreingenommenheit und Wahrnehmung, die undifferenzierte Betrachtung und Gleichsetzung der Opfer imperialer Politik usw.usf. Wenn ich die nachfolgende mehr als einstündige Diskussion der hundert Besucher/innen mit der Schauspielerin Anne Hoffmann richtig deute, wird in den hiesigen Breitengraden der Genozid der Roten Khmer keineswegs, wie man befürchten könnte, als exotisches, fernes, der Vergangenheit anheimgefallenes und einen nicht mehr berührendes Ereignis angesehen, sondern als ein Menschheitsverbrechen, aus dem man Schlüsse ziehen kann und muss, ähnlich wie man nach Milo Raus „hate radio“ ja ebenfalls nicht nur an Ruanda denkt, sondern mit Klaus Theweleit in „Das Lachen der Täter: Breivik u.a.“ an die „Tötungslust“ und deren Mechanismen generell. Von daher wäre zu wünschen, dass Angelina Jolies Film in die gleiche Richtung wirkt und auch bei uns Diskussionen nicht nur über die Roten Khmer, deren Opfer und die USA befördert, sondern auch über die Rolle der westlichen Linken.

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