Anne-Klein-Frauenpreis 2017: Rede von Barbara Unmüßig

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Barbara Unmüßig bei der Verleihung des Anne-Klein-Frauenpreises 2017Barbara Unmüßig bei der Verleihung des Anne-Klein-Frauenpreises 2017. Urheber/in: Stephan Röhl . Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Der Anne-Klein-Preis 2017 geht an Nomarussia Bonase aus Südafrika. Barbara Unmüßig, Vorsitzende der Jury, hielt diese Rede in gekürzter Form bei der Preisverleihung in Berlin am 3. März 2017.


Liebe Gäste,
Liebe Nomarussia Bonase,

herzlich willkommen zur nun mehr schon 6. Verleihung des Anne-Klein-Frauenpreises.

Anne Klein hat uns diesen wunderbaren Preis gestiftet und rund um ihren Geburtstag am 2. März, versammeln wir uns jedes Jahr hier erneut gemeinsam, um neben der aktuellen Preisträgerin auch Anne selbst zu feiern.

Mit dem Preis wollte Anne Klein über ihren Tod hinaus Frauen Mut machen, für ihre Rechte und gegen Diskriminierung und Gewalt zu kämpfen. Anne Klein war eine Pionierin für Menschenrechte, Gleichberechtigung und sexuelle Selbstbestimmung und hat Basisarbeit und institutionalisierte Frauenpolitik bestens miteinander verknüpft. Die Heinrich-Böll-Stiftung ist Anne Klein für ihre großzügige Schenkung sehr dankbar.

Unser Ziel ist es, mit allen Preisträgerinnen über den Preis hinaus politisch zu kooperieren. Das gelingt uns sehr gut.

Letztes Jahr haben wir Gisela Burckhardt und ihre Mitstreiterinnen von FEMNET e.V. für ihr rastloses Engagement für Frauen- und Arbeitnehmerinnenrechte in der globalen Textilindustrie, vor allem in Süd-und Südostasien, geehrt. Die Arbeitsbedingungen sind generell und besonders für arbeitende und werdende Mütter in der Textilindustrie in Indien katastrophal. Deshalb geht es u.a. darum, die Kinderbetreuung in den Fabriken zu verbessern und Mutterschutzgesetze zu verankern. Was für uns längst selbstverständlich ist, ist in Indien, Bangladesch oder Kambodscha weit von jeder Realität entfernt.

FEMNET e.V. und Gisela Burckhardt arbeiten seit längerem mit der indischen Organisation Cividep im südindischen Bangalore zusammen. Und seit 1. Februar dieses Jahres unterstützen wir mit unserem Büro in Delhi Cividep auch projektbezogen in ihrer Arbeit für bessere Arbeitsrechte und Lebensverhältnisse der Textilarbeiterinnen. Hier sind mutige und professionelle Frauen am Werk, die Seite an Seite mit den Textilarbeiterinnen und Gewerkschafterinnen für bessere Arbeitsrechte und Lebensbedingungen kämpfen.

Ganz im Sinne Anne Kleins: der Preis wirkt – ganz konkret, ermutigt, schafft öffentliche und politische Anerkennung und bietet Schutz für mutige Frauenrechtsaktivistinnen.

Liebe Nomarussia, du bist eine solch mutige Menschenrechts- und Frauenaktivistin – Frauen, wie Dich, wollte Anne unterstützt wissen. Der Anne-Klein-Preis ist ein Zeichen der Solidarität und Wertschätzung Deiner jahrelangen Arbeit, das Unrecht des Apartheidregimes nicht zu vergessen und für Wiedergutmachung zu kämpfen.

Ich erinnere mich noch deutlich an die Mitschnitte aus der südafrikanischen Wahrheits- und Versöhnungskommission (TRC), die 1996 um die ganze Welt gingen. Zusammen mit einer vorbildhaften Verfassung und den ersten demokratischen Wahlen im Jahr 1994, war es diese friedliche Aufarbeitung, die den internationalen Ruhm der jungen Demokratie Südafrika besiegelten. Doch wer heute – mehr als 20 Jahre später – nach Südafrika reist, sieht, dass die Wunden, die die Apartheid geschlagen hat, noch lange nicht verheilt sind. Die frappierende soziale Schere und die räumliche Segregation zwischen den Städten und den riesigen Townships in meist unwirtlichen Gegenden außerhalb der Städte existiert weiter.

Deren Bewohner/innen geben nicht nur einen Großteil ihrer ohnehin mageren Gehälter für Transport aus, sondern müssen auch Tag für Tag einen Kampf für Dienstleistungen wie Wasser, Strom und würdige Sanitätsanlagen führen. Ungleicher Zugang zu Bildung und Gesundheit sind ein Riesenproblem, auch mehr als 20 Jahre nach dem Ende der Apartheid. Hinzu kommen die seelischen Narben einer immer noch zutiefst gespaltenen Gesellschaft.

Dies ist der Hintergrund, vor dem Nomarussia Bonase ihr Leben dem Kampf für die würdigen Lebensbedingungen von Opfern und Überlebenden des Apartheidregimes in Südafrika gewidmet hat. Einigen Südafrikaner/innen, vor allem denjenigen, die vom rassistischen System bewusst oder unbewusst profitierten, wäre es lieber, einen Schlussstrich zu ziehen. „Warum konzentrieren wir uns nicht auf die aktuellen Probleme und blicken nach vorn?“, fragen sie. Dabei vergessen sie, - oder verdrängen bewusst - dass der Umgang mit der Vergangenheit den Boden für die Gestaltung der Zukunft bereitet.

Obwohl die meisten Südafrikaner/innen weiterhin an die Vision einer vereinten, versöhnten Nation glauben, ist die Mehrheit auch der Meinung, dass dies nicht zu erreichen ist, solange diejenigen, die historisch benachteiligt waren, arm bleiben. Korruption auf allen Ebenen des Staates und die systematische Aushöhlung demokratischer Institutionen verhindern heute, dass sich Lebensbedingungen in Südafrika sichtbar verbessern. Die Wut und Enttäuschung darüber treibt tausende von Südafrikaner/innen auf die Straße.

Die massiven Studierendenunruhen der vergangenen zwei Jahre haben Südafrika wieder in die Schlagzeilen gebracht. Unter den Bannern „Rhodes must fall“ und „Fees must fall“ fordern vor allem schwarze Studierende eine umfassende kulturelle Dekolonisierung, und dass der soziale und ökonomische Ausschluss der schwarzen Bevölkerung endet. Streiks, Vandale und die brutale Antwort der staatlichen Sicherheitskräfte legten die Universitäten über Monate hinweg lahm und kosten den Staat Millionen.

Nomarussia wundert das nicht. Sie sagt „Wenn wir nicht wissen, wie das Fundament gebaut wurde, werden wir nicht verstehen, warum heute die Wände bröckeln“. In ihrem Engagement nimmt sie immer wieder Bezug auf das “Unfinished Business” der Wahrheits- und Versöhnungskommission. Erzbischof Desmond Tutu, ehemaliger Vorsitzender der Kommission, prägte diesen Begriff, als er 2014 öffentlich die politischen Versäumnisse kritisierte: Weder wurden die von der Kommission vorgeschlagenen Reparationen an Opfer von Menschenrechtsverletzungen gezahlt, noch eine Vorlage zur Besteuerung der Hochverdienenden umgesetzt. Die Ahndung der meisten politischen Verbrechen, die nicht unter die Amnestie fielen, blieb aus.

Desmond Tutus persönliches Fazit klingt bitter: “Die Kommission ermöglichte auf wunderbare Weise, dass der Horror der Apartheid erzählt werden konnte. Ich glaube daran, dass Wahrheit eine zentrale Rolle in jedem Heilungsprozess spielt. Denn wenn man vergeben will, muss man wissen, wem man vergibt, und warum. Heilung ist jedoch ein Prozess. Wie wir mit der Wahrheit umgehen, nachdem sie ans Licht kommt, definiert den Erfolg dieses Prozesses. An diesem Punkt haben wir tragisch versagt. Indem die Regierung den Empfehlungen der Kommission nicht vollends folgte, hat sie nicht nur den Beitrag der Kommission kompromittiert, sondern den Prozess selbst.“

Genau hier setzt die Arbeit der ‚Khulumani Support Group‘ an, die Nomarussias politisches Zuhause ist. Die Organisation ruft dazu auf, den vollen Namen der Kommission ernst zu nehmen. Denn dieser beinhaltet nicht nur das Wort ‚Wahrheit‘, sondern auch ‚Versöhnung‘. Diese wurde jedoch bis heute noch nicht vollzogen. Laut den 104.000 Opfern von Menschenrechtsverletzungen unter der Apartheid, die sich unter dem Dach von Khulumani organisieren, ist Versöhnung ohne Gerechtigkeit nicht möglich. Die meisten von ihnen gehören den älteren Generationen an und leben immer noch in prekären Verhältnissen am Rande der Gesellschaft. Sie fordern eine umfassende Wiedergutmachung, die auch Gesundheits- und Bildungsmaßnahmen für betroffene Familien und Gemeinschaften einschließt.

Als nationale Koordinatorin streitet Nomarussia Bonase dabei insbesondere für eine feministische Perspektive. Sie hinterfragt immer wieder die Geschlechterblindheit des Wahrheits- und Versöhnungsprozesses. Frauen wurden von der Kommission vor allem als Hinterbliebene von Männern angehört - als Mütter und Ehefrauen. Spezifisch von Frauen erfahrenes Unrecht, wie z.B. sexuelle Gewalt, die ihre Mutter am eigenen Leib erleben musste und die bewusst als politische Waffe eingesetzt wurde, war nicht Teil der Aufarbeitung. In den wenigen Fällen, in denen Frauen öffentlich Zeugnis ablegten, traumatisierte sie der Prozess meist eher, als dass er sie heilte. Dabei sind sich Feministinnen einig, dass auch die gewalttätige Vergangenheit eine Rolle darin spielt, dass Südafrika heutzutage schockierend hohe Gewaltraten gegen Frauen aufweist.

In die Presse kam Khulumani aber vor allem durch gerichtliche Klagen gegen internationale Unternehmen, die zur Infrastruktur der Apartheid beigetragen haben. Unternehmen wie General Motors, Ford Motors, IBM, Daimler und Rheinmetall standen dabei im Fokus. Sie lieferten spezielle Sicherheitsfahrzeuge, mit denen die Armee Proteste niederschlug, oder entwickelten Computersysteme, die der Kontrolle der Bevölkerung dienten. Inspiriert war Khulumani dabei im Übrigen von den Klagen von Überlebenden des Holocaust.

Ihr Vorstoß ging der südafrikanischen Regierung unter Thabo Mbeki allerdings gründlich gegen den Strich. Diese setzte auf ausländische Direktinvestitionen für die Entwicklung des Landes und warf Khulumani vor, Investoren abzuschrecken. Auch wenn die damalige Regierung alles daransetzte, diese Anklagen zu verhindern und zudem einige Fälle verloren wurden, gelang es Khulumani, die Öffentlichkeit für die Verantwortung internationaler Akteure zu sensibilisieren. Durch ihre mutige Haltung gegenüber der eigenen Regierung, nahm Khulumani zudem im Land eine enorm wichtige zivilgesellschaftliche Rolle ein.

Die Hauptarbeit der Organisation findet jedoch an der Basis, in den so genannten Townships des Landes, statt – etwa durch die Beratung, praktische Unterstützung und Mobilisierung von Überlebenden, die sich gegen das Vergessen wehren, aber nicht als Bittstellende auftreten wollen, sondern sich als aktive Staatsbürger/innen in einer Demokratie verstehen.

Dabei macht Khulumani nicht Halt bei den Opfern der Apartheid. In staatlicher Gewalt gegen Arbeiter, die in prekären Verhältnissen leben und arbeiten, sieht sie das Fortleben alter Muster. Als im Jahr 2012 die südafrikanische Polizei 34 streikende Bergbauarbeiter in einer Platinmine nahe Marikana bei Johannesburg erschoss, die von dem Unternehmen Lonmin betrieben wird, solidarisierte sich Khulumani und Nomarussia persönlich mit den Arbeitern und ihren Familien. Es war Nomarussia, die sich dafür einsetzte, dass die Aussagen der Witwen von der Marikana-Untersuchungskommission unter Richter Farlam aufgenommen wurden. Auch reiste sie zusammen mit diesen Frauen nach Deutschland und sprach im April 2016 auf der jährlichen Aktionärsversammlung von BASF, einer der wichtigen Abnehmer/innen des Platins von Lonmin.

Dass Khulumani immer den Bogen zur Gegenwart schlägt, zeigt sich auch in Aktionen gegen Fremdenfeindlichkeit. Seit Mai 2008 entlud sich die soziale Frustration in den südafrikanischen Townships wiederholt in schweren Gewalttaten gegen afrikanische Migrant/innen. Khulumani unterstützt diese und thematisiert auf nationale Ebene das eigentliche politische Problem: strukturelle Marginalisierung und politische Korruption, die die verzweifelte Lage vieler Menschen noch verstärken.

Nomarussia streitet also für sehr aktuelle Themen. Nicht nur Südafrika, auch die globale Situation zeigt uns, dass die Verschränkung von Rassismus, Diskriminierung von Frauen, Gewalt und ökonomischer Ausbeutung keineswegs der Vergangenheit angehören.

Die Geschichte gibt ihr Recht: Der nationale Diskurs in Südafrika hat sich verändert. Er ist radikaler geworden, und ungeduldiger, was das Tempo der gesellschaftlichen Transformation angeht. Zu viele Themen wurden zulange unter den Teppich gekehrt. Nomarussia hat sich von jeher dagegen gewehrt.

Zusammen mit anderen Vorkämpferinnen aus den Townships und den ländlichen Gebieten, spricht Nomarussia nicht nur im Namen von Gemeinschaften, sondern ist tief in ihnen verwurzelt. Diese Frauen begnügen sich nicht damit, den Weg für das neue Südafrika geebnet zu haben. Heute verteidigen sie die hart erfochtene Demokratie. Trotzdem - oder gerade deswegen - erfahren sie viel zu selten die Würdigung, die ihnen gebührt. Diese wollen wir Nomarussia mit dem Anne-Klein-Preis zuteilwerden lassen.

Liebe Nomarussia, die Jury des Anne-Klein-Frauenpreises ist von Dir, Deinem Engagement und Deinem Wirken tief beeindruckt. Frauen wie Dich wollte Anne Klein unterstützt wissen.

Unsere Bewunderung – für den sehr konkreten Schutz von Frauen, für die Anerkennung von geschlechterspezifischer Gewalt als Teil der Apartheid, gegen Straflosigkeit, Wiedergutmachung und vor allem für Versöhnung durch Benennung von Unrecht – ist Dir sicher. Du sagst: „Ich werde diese Arbeit bis zu meinem Tod weitermachen. Wir werden Südafrika zu einem besseren Land machen.“ Wir wünschen Dir von Herzen, dass Du weiterhin heiter und mit vielen Mitstreiterinnen und Mitstreitern deinen Weg gehen kannst. Du hast uns an deiner Seite. Möge Dich der Anne-Klein-Preis und unsere Solidarität in deiner Arbeit weiter beflügeln und ermutigen.

Herzlichen Dank!

 

Video-Mitschnitt der Preisverleihung am 3. März 2017

- Jurybegründung: Barbara Unmüßig, Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung und Vorsitzende der Jury
- Laudatio: Ulrike Poppe, Beauftragte des Landes Brandenburg zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur
- Rede der Preisträgerin: Nomarussia Bonase
- Musik: Scollo con Cello, Etta Scollo und Susanne Paul

 

Fotos von der Preisverleihung

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