Anne-Klein-Frauenpreis 2017: Laudatio von Ulrike Poppe

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Ulrike PoppeUlrike Poppe hielt die Laudatio bei der Preisverleihung am 3. März 2017. Urheber/in: Stephan Röhl. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

"Nomarussia ist eine Kämpferin. Sie war es ihr Leben lang." In ihrer Laudatio würdigt Ulrike Poppe den Mut und die Arbeit der Preisträgerin Nomarussia Bonase und ihrer Organisation "Khulumani".

Liebe Nomarussia Bonase, liebe Freundinnen und Freunde, sehr geehrte Gäste,

es ist mir eine große Ehre, an der Würdigung einer so mutigen und verdienstvollen Frau, wie Nomarussia Bonase, mit einer Laudatio teilhaben zu dürfen. Nomarussia setzt sich mit ihrem unermüdlichen Kampf für Gerechtigkeit und Wahrheit, für die Überwindung aller nach dem Ende des Apartheidregimes fortwirkenden Benachteiligungen ein.

„Schaut nach Südafrika!“ konnte man in Deutschland Mitte der 90er Jahre in allen Foren hören, in denen es um den Umgang mit der DDR-Vergangenheit ging. Die Apartheidopfer können vergeben, das Land beschreitet den Weg zur Versöhnung, die Täter und Opfer befreit und die Wunden heilt. Der Ruf kam vor allem von jenen, die die Stasiakten verschlossen halten wollten und eine generelle Amnestie forderten. Aber so einfach war das in Deutschland nicht, und ist es auch nicht in Südafrika.

Ohne Frage verdient die Arbeit der südafrikanischen Wahrheits- und Versöhnungskommission (TRC) große Hochachtung. Schien damit doch ein Weg beschritten zu werden, auf dem die tiefe Spaltung der Gesellschaft überwunden werden kann. Tatsächlich war sie angetreten, um „die Spaltungen und Kämpfe der Vergangenheit (zu) überwinden, die zu schweren Menschenrechtsverletzungen geführt …und ein Erbe des Hasses, der Angst, der Schuld und Rachegefühle hinterlassen haben.“ – so die Begründung der Kommission.

Ein Blick ins heutige Südafrika weckt allerdings Zweifel am Erfolg dieser zweieinhalb jährigen Kommissionsarbeit. Es hat sich gezeigt, dass die Aufarbeitung ein langer, komplizierter Prozess ist, der nicht innerhalb von 30 Monaten abgehakt werden kann. Zwar lassen sich die Verbrechen aus der Apartheidzeit nicht mehr leugnen, nachdem Opfer bzw. Überlebende von ihren Leiderfahrungen berichteten und Täter ihre Verbrechen bekannten. Doch sind letztlich die ehemaligen Machthaber und ihre Schergen weitgehend ungeschoren davongekommen. Die weißen Profiteure der Apartheid konnten ohne Reue an ihre Schaltstellen zurückkehren.

Das hat Bitterkeit hinterlassen bei denen, die so sehr auf einen gerechten Ausgleich gehofft hatten. Um der Wahrheit willen habe man die Gerechtigkeit geopfert, meinen die Enttäuschten. Mit dem Ende der Kommission konnte die Tür zur Vergangenheit aber längst nicht geschlossen werden. Vergessen lässt sich nicht verordnen. Die Apartheidopfer organisierten sich in „Khulumani“ und hielten an ihren Forderungen fest: die juristische und gesellschaftliche Aufarbeitung muss weitergehen.

Die „Khulumani Support Group“ gründete sich bereits 1995. Zunächst als Frauen-Selbsthilfegruppe setzte sich für die Wahrheitsfindung und für Entschädigung ein. Inzwischen ist daraus - mit 104.000 Mitgliedern - die größte Basisbewegung Südafrikas geworden. „Khulumani“ verleiht all jenen eine Stimme, die unter der Erblast aus Apartheidzeiten bis heute leiden und fordert für sie staatliche Wiedergutmachungsleistungen. Von ehemaligen Unterstützern der Apartheid, zahlreichen Firmen und Banken, klagt sie Reparationen ein.

Mich verbindet einiges mit Nomarussia Bonase. Wir beide befassen uns mit den Erblasten des jeweils vorherigen Regimes. Wir tragen dazu bei, dass das Unrecht der Vergangenheit benannt und das Leid derer gewürdigt wird, die davon betroffen waren. Und wir setzen uns dafür ein, dass durch Entschädigung und Hilfen die Folgen der Repressionen gemildert werden. Aber es gibt auch ganz entscheidende Unterschiede: Die Rehabilitierungsgesetze in Deutschland garantieren einen gesetzlichen Anspruch, (auch wenn dieser nicht für alle Opfergruppen zufriedenstellend ist). Meine Mitarbeiterinnen und ich werden vom Land bezahlt und wir haben ein Budget zur Verfügung, mit dem wir auch andere Aufarbeitungsinitiativen fördern können. Nomarussia mit „Khulumani“ ist auf sich selbst angewiesen. Sie müssen kämpfen, um sich Gehör zu verschaffen, sie klagen ein, dass die einstmals von den Regierenden in Aussicht gestellten Reparationen noch immer nicht angekommen sind.

Nomarussia ist National Coordinator bei „Khulumani“. „Khulumani“ heißt: Laut sprechen, aussprechen, das Wort ergreifen. Die TRC hatte damit begonnen, das Schweigen zu brechen. Aber dieser Prozess wird so lange noch nicht abgeschlossen sein, wie für die Apartheidopfer die Benachteiligungen fortwirken, wie nicht alle Verbrechen benannt sind, wie so viele weiterhin in sozialer Not leben müssen. Die fortbestehende und sich offenbar noch weiter verschärfende Polarisierung der südafrikanischen Gesellschaft hat den ersehnten Heilungsprozess ins Stocken gebracht.

Nomarussia Bonase setzt sich mit „Khulumani“ für die politische Anerkennung des besonders an Frauen verübten Unrechts ein. Sie hat in ihrem eigenen Leben erfahren, was Not und Unterdrückung bedeutet. Als ihre Mutter mit ihr hochschwanger war, wurde sie von den Apartheidschergen vergewaltigt. Ihr Vater, ein Bergarbeiter, fand sie im Blute liegend und konnte in letzter Minute das Leben von Mutter und Kind retten. Das war 1966.

In der Folge kam Nomarussia als Frühgeburt zur Welt. Schon als Kind begriff sie, dass ihr Leben beständigen Kampf erfordere. Ihr Kampf begann damit, dass sie sich nicht mit dem minderwertigen Bantu-Bildungssystem für schwarze Afrikaner abfinden wollte. Sie erreichte, eher als andere schwarze Kinder in die Schule zu kommen, schaffte zwei Klassen pro Schuljahr. In der High School engagierte sie sich politisch, ermutigte ihre Mitschülerinnen zum Protest gegen das Unrecht. Wie gerne hätte sie eine Universität besucht, aber eine solche Ausbildung konnten die Eltern ihr nicht bezahlen. Sie fand eine Anstellung in einem Transportunternehmen, wo sie sich ihrer Überzeugung gemäß für die gewerkschaftliche Organisierung der Arbeiter einsetzte.

In den gegen die Bergarbeiter Johannesburgs verübten Gewaltexzessen von 1993, vor dem Beginn der Demokratisierung, wurde ihr Bruder getötet. Frauen war es nach afrikanischer Kultur nicht erlaubt, in den Leichenhallen nach Familienmitgliedern zu suchen. Sie nahm allen Mut zusammen und setzte sich durch. Zwischen all den Leichen, Männer, Frauen und Kindern, fand sie schließlich ihren Bruder. So konnte sie verhindern, dass er unidentifiziert im Massengrab verschwindet.

Von der TRC war Nomarussia, - nach anfänglicher Hoffnung – enttäuscht. Sexuelle Gewalt gegen Frauen war kein Thema. Über Vergewaltigungen wurde geschwiegen. Die Empfehlungen der TRC an die Regierung, besonders hinsichtlich der Entschädigungsleistungen, wurden kaum umgesetzt. Es bedarf offensichtlich massiven Drucks durch die Zivilgesellschaft, um die derzeitigen Machthabenden an ihre Versprechen und Verpflichtungen zu erinnern. „Khulumani“ fordert eine angemessene Unterstützung für die betroffenen Gruppen. Sie setzt sich ein für die Würdigung des durch den Rassenwahn erzeugten Leids und für ein Gedenken an die Opfer.

Hier in Europa mögen wir uns kaum vorstellen können, wie viel Mut, Kraft und Ausdauer es kostet, mit diesen Forderungen vorzudringen gegen all jene, die in den oberen Etagen der Gesellschaft sitzen, und sich, wie der Township-Poet James Matthews sich ausdrückt, „einen Dreck scheren, um die armen, arbeitslosen und obdachlosen Massen“.

Aber Nomarussia ist eine Kämpferin. Sie war es ihr Leben lang. Vier Kinder hat sie großgezogen. Sie hat ihren Mann verloren. Sie hat nie aufgegeben.

Die tiefere Ursache für das Massaker an den Streikenden der Marikana Mine 2012 sieht sie in den fortbestehenden ungleichen Lebensverhältnissen. 34 Minenarbeiter wurden von der Polizei erschossen. Sie hinterlassen Familien in großer Not. „Khulumani“ gab ihnen Raum, ihren Schmerz, ihre Trauer, ihre Verzweiflung zu benennen. Sie ermöglichte ihnen, an der von der Regierung eingesetzten Untersuchungskommission teilzunehmen. Und sie bot ihnen Trauma-Healing-Workshops, in welchen sie ihre Leiderfahrungen in graphischer Form auszudrücken konnten. In den Interpretationen der Bilder beschrieben sie ihre Zukunftsängste und Erwartungen an die Regierung. „Der Schmerz sitzt tief und brennt und will einfach nicht vergehen.“- kann man in einer dieser Schilderungen lesen. „All die Versprechungen, die die Regierung und Lonmin den Familien der Männer gemacht haben, die beim Massaker starben, haben sie mir und gegenüber meinen Kindern nicht eingehalten. …Trotzdem gebe ich nicht auf.“ – heißt es weiter. „Ich werde `Khulumani‘ und meine Anwälte bitten, meine Forderungen…vorzubringen. Ich werde mir die Stiefel meines Mannes anziehen und für meine Menschenrechte kämpfen.“ „Ich hasse die südafrikanische Polizei.“ – schreibt eine andere Hinterbliebene. „Nie werde ich Lonmin und der Bergbauindustrie verzeihen, dass sie uns arm gemacht und uns vorsätzlich unsere Liebsten genommen hat. … Wir werden uns Gehör verschaffen.“

Das klingt unversöhnlich. Wer die Geschichten liest, kann gut verstehen, warum hier von Versöhnung keine Rede sein kann. Versöhnung setzt das Eingeständnis und die Aufarbeitung von Schuld voraus. Und Aufarbeitung heißt nicht nur herauszufinden, was war, sondern muss immer mit dem Ziel verbunden sein, die gemeinsame Zukunft von dieser Belastung zu befreien. Das Wort „Versöhnen“ hat seinen biblischen Ursprung in der Sühne. Versühnen bedeutet: Schuld abtragen. Die Schuld kann am ehesten abgetragen werden, indem den geschädigten Familien geholfen wird, ihnen ermöglicht wird, trotz des schmerzlichen Verlustes ein menschenwürdiges und gesellschaftlich integriertes Leben fortzuführen. Die Mehrheit der Südafrikaner wartet immer noch auf ein besseres Leben.

Mit dem gesellschaftlichen Umbruch 1994, dem Beginn demokratischer Reformen, sind nicht auf einen Schlag rassistische Denkweisen und menschenverachtende Verhaltensweisen verschwunden. Wir kennen das aus Deutschland nach dem Ende der Nazi-Zeit und nach der Herbstrevolution in der DDR: Prägungen aus autoritären Regimen wirken lange fort, - übrigens nicht nur bei den Profiteuren des vergangenen Systems.

Umso mehr bedarf es geduldiger Anstrengungen und vielfältiger kleiner Schritte, auf fortwirkendes Unrecht hinzuweisen und menschenrechtliche Maßstäbe zur Geltung zu bringen. Solange Diskriminierung und Perspektivlosigkeit fortdauern bleibt die Idee von Versöhnung weitgehend abstrakt.

Nomarussia ermutigt besonders die Frauen, ihre Lage nicht einfach hinzunehmen, ihre Stimme gegen die Entrechtung zu erheben, das Schweigen zu brechen. In der Gesellschaft schwindet das Interesse an der Apartheid-Vergangenheit. Nomarussia wirkt mit Khulumani gegen das Vergessen und fordert Regierung und Öffentlichkeit auf, sich dem Erbe der Vergangenheit zu stellen. Ihre Kollegin bei „Khulumani“ Marjorie Jobson, beschreibt sie so: Nomarussia ist ein Mensch mit einem tiefen Sinn für Gerechtigkeit und der Überzeugung, dass der Kampf um Gerechtigkeit schließlich Früchte tragen wird. Eine Frau, die Möglichkeiten für eine gleichberechtigte Zukunft aufzeigt, … die mit einer solchen Intensität zuhört, dass sie die Fähigkeit der Menschen, ihre Stimme zu finden, mobilisiert.

Nomarussia hilft anderen Frauen, aus der Opferrolle herauszufinden, selbst aktiv zu werden und das Leben in die eigene Hand zu nehmen. Sie leitet eine Organisation, welche dazu beiträgt, die durch das Apartheidregime gerissenen Wunden zu heilen. Südafrika unter der Apartheid hatte Unterstützer in großen Teilen der westlichen Welt. Das sollte dazu verpflichten, uns auch an der Linderung der Folgeschäden zu beteiligen. Auch der Westen hat hier eine Sühneleistung zu erbringen.

Ich hoffe, dass mit dieser Preisverleihung die großartige Leistung von Nomarussia Bonase und „Khulumani“ eine größere öffentliche Aufmerksamkeit erfährt und damit Sympathie und Unterstützung gewonnen werden.

Ich freue mich, liebe Nomarussia, und ich danke Ihnen, dass Sie hier sind und uns allen mit Ihrem Leben und Ihrem Wirken Mut und Zuversicht geben für eine Veränderbarkeit der Welt zum Guten. Ich wünsche Ihnen weiterhin viel Kraft, Gesundheit, taffe Mitstreiterinnen und Mitstreiter und ein gelingendes Leben auf allen Ebenen. Und ich gratuliere Ihnen von Herzen.

 

Video-Mitschnitt der Preisverleihung am 3. März 2017

- Jurybegründung: Barbara Unmüßig, Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung und Vorsitzende der Jury
- Laudatio: Ulrike Poppe, Beauftragte des Landes Brandenburg zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur

- Rede der Preisträgerin: Nomarussia Bonase
- Musik: Scollo con Cello, Etta Scollo und Susanne Paul

 

Fotos der Preisverleihung

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