„In Indien wird nationale Identität über das Essen definiert“

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Urheber/in: Nikhil Roshan; hbs. All rights reserved.

Indiens Wirtschaft ist in den vergangenen Jahren stark gewachsen. Dennoch leiden weiterhin viele Menschen aufgrund einer fehlgeleiteten Ernährungspolitik und aufoktroyierten Ideologien unter Hunger und Mangelernährung. Die Ernährungswissenschaftlerin Veena Shatrugna erklärt, wie Vorstellungen politischer Eliten und höherer Kasten über die „richtige“ Ernährung für Arme hierzu beigetragen haben.

Das Interview mit Veena Shatrugna führte Sadia Sohail, Programmkoordinatorin im Büro der Heinrich-Böll-Stiftung in Delhi.

Der Welthungerindex 2015 verzeichnete Indien auf Platz 20 der am schwersten von Hunger betroffenen Länder weltweit. Obwohl die Regierung in den vergangenen Jahrzehnten zahlreiche politische Maßnahmen gegen Hunger umsetzte, weist Indien immer noch eine der höchsten Raten an Unterernährung in Asien auf. Was sind die Gründe für diese Fehlentwicklung?
Die indische Gesellschaft ist stark nach Kasten- und Klassenunterschieden aufgeteilt. Diese soziale Spaltung zieht sich auch durch die Ernährung der indischen Bevölkerung. Die hohe Unterernährungsrate Indiens ist das Ergebnis einer elitären Politik, die Richtlinien und Populärwissen über Lebensmittel und Ernährung verbreitet, die die wahren Lebensumstände der Armen nicht berücksichtigen. In Armut lebende Menschen sind jedoch auf die Hilfe des Staates angewiesen, um ihre Grundbedürfnisse erfüllen zu können. Daher lautet die entscheidende Frage: „Wer plant in der indischen Politik für wen?“ Die indischen Verwaltungs- und Ernährungsfachleute kommen alle aus einer gewissen Kaste und sozialen Schicht. Sie haben sich noch nie mit den Lebensbedingungen der Armen und der Dalits beschäftigt und kommen mit deren Lebenswirklichkeit kaum in Berührung. Stattdessen erklärt die Regierung den Armen auf perfide Art und Weise: „Wenn dein Magen voll ist, solltest du auch dankbar sein.“ Das ist ziemlich dreist, denn dein Magen könnte mit Reis oder Chapatis gefüllt sein, aber du fühlst dich trotzdem schwach und schlapp.

Wie manifestiert sich Unterernährung in Indien?
Das Kernproblem ist, dass unsere Ernährung hauptsächlich aus Getreide besteht. Mangelt es dem Körper an Proteinen, also an Vitaminen und Mineralstoffen aus Eiern, Obst, Gemüse, Nüssen oder Fleisch, führt der Verzehr von Getreide zu einer Vergrößerung des Fettgewebes. Schließlich benötigt der Körper eine ganze Bandbreite an Nährstoffen, damit sich die menschlichen Organe und Gewebe, wie z.B. Nerven, Blut und Muskeln, voll entwickeln können. Wenn solche für den Körper wichtigen Nahrungsmittel nicht konsumiert werden, fehlt es dem Körper an essentiellen Nährstoffen. Aus diesem Grund leiden die Armen häufig an Kalorie- und Proteinmangel, und sind in der Folge anfälliger für chronische Krankheiten wie z.B. Diabetes. In Indiens Bevölkerung gibt deshalb viele „dick-dünne Menschen“: Wir sind dünn, aber unser Gewebe besteht nur aus Fett. Die Folgen dieser Ernährung sind verheerend. Kinder können sich beispielsweise in ihrer Wachstumsphase, nicht richtig entwickeln. In Indien sind heute bis zu 30 Prozent der Erwachsenen und 40 Prozent der Kinder zu klein und untergewichtig.

Amartya Sen hat einmal geschrieben: „In der ganzen Weltgeschichte hat es keine Hungersnot in einer funktionierenden Demokratie gegeben“ Warum ist es der indischen Demokratie nicht gelungen, den Hunger zu beseitigen?
Weil in unserer Demokratie die falschen Prioritäten gesetzt werden. Indien verschließt beim Problem der massenhaften Mangelernährung die Augen. Unsere Ökonominnen und Ökonomen berechnen zwar die Sterbeziffern Indiens, aber Hunger, Krankheiten und Unterernährung werden in den Statistiken nicht erfasst. Ökonomen wie Arvind Panagariya, der Vize-Direktor von NITI Aayog (einem staatlichen ökonomischen Think Tank), behaupten sogar, dass Inderinnen und Inder nicht wegen Unterernährung sondern aus genetischen Gründen klein sind. Solche Debatten sind absurd und hindern Indien daran, die Kernprobleme anzupacken. Es mag zwar zutreffen, dass Kinder nicht verhungern, aber es gibt Menschen, die unter Blutarmut, Untergewicht, zahlreichen Nährstoffdefiziten leiden. Das Schicksal der Armen hat in unserer Demokratie keine hohe politische Priorität und sie erhalten daher nur wenig Unterstützung. Stattdessen privilegiert unsere Demokratie die Reichen, wenn z.B Kraftwerke oder Einkaufszentren finanziert werden. Daher müssen wir uns fragen, über wessen Demokratie wir eigentlich reden und wer in diesem Land tatsächlich demokratische Rechte wahrnehmen kann. Dies lässt Amartya Sen unerwähnt.

Welche Rolle spielt die Regierung dabei?
Anstatt die staatlichen Ernährungsempfehlungen im Sinne einer größeren Nahrungsmittelvielfalt zu ändern, konzentriert sich die Regierung nur auf die Produktion und Verteilung von Getreide. Das Public Distribution System (PDS, Öffentliches Verteilungssystem) verteilt ausschließlich Weizen und Reis an die Armen, und das noch nicht mal in einer ausreichenden Menge. Zudem fördert die Regierung eine Ernährungspolitik aus ideologischen Gründen. Die überzogenen Rindfleischverbote in vielen Bundesstaaten führen dazu, dass der Verzehr vieler proteinhaltiger Nahrungsmittel, wie Geflügel und Fleisch, illegal geworden ist. In Schulmensen werden zum Teil noch nicht mal mehr Eier zum Mittagessen an Kinder ausgegeben. Dabei ist vor allem Rindfleisch für die einfachen Leute in Indien oft die preisgünstigste Art, Proteine zu sich zu nehmen. Mit dieser Politik wird ein vegetarischer Lebensstil der Hindus gegenüber Essgewohnheiten anderer Religionen bevorzugt. Diejenigen, die an der Macht sind, fördern damit eine kulturelle vegetarische Hegemonie. In höheren Kasten wird der Konsum von Fleisch als etwas Unreines angesehen und die Tötung der heiligen Kuh, kommt der Ermordung der eigenen Mutter gleich. Der Schutz von Kühen wurde z.B. nur in der Verfassung verankert, um die Brahmaninnen und Brahmanen, Mitglieder der höchsten indischen Kaste, zu beschwichtigen. Den Armen in Indien bleibt somit keine andere Wahl, als ihre Kalorien aus Getreide zu beziehen, weil sie sich entweder hochwertige vegetarische Nahrungsmittel nicht leisten können, oder fürchten für den Verzehr von Fleisch strafrechtlich verfolgt zu werden.

Ist das Bild eines tierliebenden, vegetarischen Indiens also ein Mythos?
Ja; diese Vorstellung basiert auf einem weitverbreiteten Stereotyp. Tatsächlich ernähren sich nur die Mitglieder der höchsten Kasten (Brahmanen, Jains und Vaishyas) ausschließlich vegetarisch. Im Nordosten, in Kerala und in West Bengalen wird Rindfleisch regelmäßig gegessen, auch von vielen Kasten im Süden und den meisten Dalits. Es gibt natürlich viele regionale Unterschiede, wenn man z.B. in die Städte kommt, sind meist nur zwei oder drei Arten Fleisch verfügbar, hauptsächlich Hühner- und Hammelfleisch, weil die Muslime kein Schweinefleisch essen und bestimmte Hindus der höheren Kasten kein Rindfleisch. Ich schätze, dass zwischen 80 und 85 Prozent der indischen Bevölkerung nicht vegetarisch leben. Dennoch will Indien die Welt glauben machen, dass es ein vegetarisches Land ist, denn heute definiert Indien die nationale Identität über das Essen. Das ist eine sehr gefährliche Entwicklung!

Premierminister Modi hat sich gegen militante Fundamentalisten ausgesprochen, die Kühe schützen, und sie als „Ketzer“ bezeichnet. Geraten religiöse Überzeugungen in Indien außer Kontrolle?
Wir befinden uns in einer sehr schwierigen Phase, in der „patriotisch sein“ bedeutet, kein Rindfleisch zu essen. Rindfleisch ist ein derart beängstigendes Thema geworden, dass man heutzutage noch nicht einmal Hammelfleisch im Kühlschrank aufbewahren sollte, weil andere vermuten könnten, dass es sich um Rindfleisch handelt. Kürzlich wurde ein Muslim in Dadri (in der Nähe von Delhi) von einem Hindu-Mob gelyncht, weil ihm vorgeworfen wurde, eine Kuh geschlachtet zu haben. Bundesstaaten wie Maharashtra und Haryana haben sämtliches Fleisch von Büffeln und Bullen und natürlich auch von Kühen verboten. Die weit verbreitete Ideologie der Hindutva schafft Chaos und beeinflusst nicht nur Ernährungsgewohnheiten, sondern gefährdet Lebensgrundlagen. Die Esskultur der fleischessenden Bevölkerung steht in Indien unter verschärfter politischer Beobachtung.

Wenn es die Politik nicht schafft, die Menschen mit ausreichend Nahrungsmitteln zu versorgen, wird es dann vielleicht ein größeres Wirtschaftswachstum richten können?
Das bezweifle ich. Wirtschaftswachstum wird in Bezug auf das Bruttoinlandsprodukt (BIP) gemessen, aber das BIP sagt nichts über die Lebensmittelversorgung im Land aus. Man kann nicht einen ökonomischen Indikator nehmen und erwarten, dass es eine direkte Auswirkung auf die Ernährungssituation haben wird. Trotz Wirtschaftswachstum gehört der Mindestlohn in Indien weiterhin zu den niedrigsten der Welt. Die Menschen können davon nicht die Lebensmittel kaufen, die sie benötigen. Der indische Mindestlohn hängt von der notwendigen Anzahl an Kalorien ab, die eine dreiköpfige Familie pro Tag im Schnitt benötigt. Eine arme Familie wird daher immer gerade nur so viel Geld erhalten, um jene Nahrungsmittel zu kaufen, die sie mit ausreichend Kalorien versorgt. Meistens handelt es sich dabei um Reis. Familien, die vom Mindestlohn leben, sind damit gezwungen, nur Reis zu essen. Selbst wenn das Einkommen steigen sollte, ist der Zugang zu hochwertigen Nahrungsmitteln für einen Großteil der indischen Bevölkerung, die auf dem Land leben begrenzt. Viele Gegenden sind so abgelegen und die Landwirtschaft in einem so schlechten Zustand, dass man sich nicht mit guten Lebensmitteln versorgen kann.

Insbesondere Säuglinge sind von den Folgen von Unterernährung betroffen. Das Füttern und die Pflege der Kinder, die typischerweise als Pflichten der indischen Frau gelten, haben bedeutende Auswirkungen auf die Gesundheit von Kindern. Ist die häufige Unterernährung von Kindern in Indien auch durch eine ernährungsbezogene Diskriminierung in den Haushalten zu erklären?
Es ist nicht belegt, dass Frauen in Indien überdurchschnittlich unter einer ernährungsbezogenen Diskriminierung leiden. In armen Haushalten geht es den Frauen genauso schlecht wie ihren Männern. Richtig ist aber, dass die Folgen der Unterernährung für Frauen weitreichender sind, weil sie mehr Eisen für die Blutbildung benötigen. Frauen menstruieren jeden Monat, und sie bringen Babys zur Welt. Mehr als 50 Prozent der Frauen leiden unter Blutarmut. Die Blutbildung erfordert eine ganze Palette an Nährstoffen, weswegen Menstruation, Schwangerschaft und Stillen die Frauen belasten. Hinzu kommt, dass die Ernährung einer Frau während der Schwangerschaft die Grundlage für die Gesundheit ihrer Kinder in späteren Jahren bildet. Dies bezeichnet man als fötale Programmierung. Ein Fötus, der im Mutterleib an schlechte Ernährung gewöhnt ist, ist später nicht in der Lage mit einem hohen Getreidekonsum umzugehen, weil die Leber Kohlenhydrate nicht verstoffwechselt und die Bauchspeicheldrüse nicht genügend Insulin abgeben kann. Das größte Problem, mit dem indische Familien konfrontiert sind, ist daher, dass sie zu wenig gutes Essen haben.

Welche Politik ist nötig, um die Bevölkerung mit den richtigen Nahrungsmitteln versorgen zu können?
Der erste wichtige Schritt wäre, Nahrungsmittel wieder zu entideologisieren. Seitdem die hindu-nationalistische Partei BJP an der Macht ist, ist Ernährung zu einem Politikum in Indien geworden, wie selten zuvor. Die Vorstellung darüber, was es heißt „indisch zu sein“, gehen drunter und drüber. Schlussendlich dient dies nur der Sache politischer Rowdys, die im Namen nationaler Identität eine hegemoniale Esskultur etablieren wollen. Mit Ernährung und mit Hunger hat das alles nichts zu tun. Der Staat muss aufhören, eine Esskultur durchzusetzen, die auf bestimmten religiösen Überzeugungen basiert. Inderinnen und Inder sollten die gesellschaftliche Freiheit haben, dass zu essen, worauf sie Lust haben, ohne dafür stigmatisiert zu werden. Das ist die Basis, die einer ehrlichen Diskussion über Essen und Ernährung für die indische Bevölkerung den Boden bereiten könnte.

Übersetzt aus dem Englischen von Sandra Lustig


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