Anthropozän: Mensch macht Epoche

Anthropozän: Mensch macht Epoche

Die Wissenschaft hat einen neuen Begriff entdeckt: das Anthropozän. Wie der Diskurs um einen neuen Begriff die Ursachen von Umweltkrisen zu verschleiern hilft und tiefgreifende Lösungen verschleppt.

Nahaufnahme von GesteinsschichtenSpuren des Menschen lassen sich schon heute in Gestein und Sediment nachweisen und werden auch in Tausenden von Jahren Zeugnis unseres Wirkens sein – Urheber/in: TheusiNo. Public Domain.

Wir leben über unsere Verhältnisse. Vier von neun ökologischen Belastungsgrenzen unseres Planeten sind bereits überschritten: Biodiversität ist unwiederbringlich verloren gegangen, durch die Landnutzung zerstören wir großflächig Ökosysteme. Das Klima und der Stickstoffkreislauf haben sich für immer verändert.

Bei der Versauerung der Ozeane stehen wir kurz davor, die natürliche Grenze zu überschreiten. Hier könnten irreversible Schäden entstehen, die die Bewohnbarkeit der Erde maßgeblich verändern, wenn nicht sogar einschränken. Wir rotten Tiere und Pflanzenarten aus, überfischen und vermüllen die Meere und beuten natürliche Rohstoffreserven aus.

Wir holzen tropische Wälder ab, legen Monokulturen an und überdüngen Böden und Gewässer. Seit der industriellen Revolution haben wir Menschen technologische und wirtschaftliche Prozesse in Gang gesetzt, deren Konsequenzen für den Planeten enorm sind. Die Menschheit ist zu einer „Naturgewalt“ geworden, sagen daher manche und rufen dabei gleich ein neues geologisches Zeitalter aus: das Anthropozän. „Anthropos“ ist altgriechisch für Mensch, „Zän“ bedeutet Zeit – das Zeitalter des Menschen also.

Die Spuren des Menschen in Gestein und Sediment

Der Begriff wurde schon im Jahr 2000 vom Nobelpreisträger der Chemie Paul Crutzen geprägt. Begründet hat Crutzen dies damit, dass das Handeln der Menschen seit dem industriellen Zeitalter so massive Auswirkungen auf die Atmosphäre unseres Planeten hat, dass es eine neue geologische Epoche ausmacht.

Kein Winkel der Erde bleibt von den menschlichen Eingriffen verschont. Als wichtigste Veränderung sieht er die erhöhte Konzentration von Treibhausgasen in der Atmosphäre, aber auch das Ozonloch, die Nutzung von bis zu 50 Prozent der globalen Landoberfläche durch die Landwirtschaft, die Ausbeutung der Meere durch die Fischerei und andere Phänomene.

Wissenschaftler/innen der Londoner Geologischen Gesellschaft griffen Crutzens Vorschlag 2008 auf und arbeiteten ihn weiter aus. Sie gehen davon aus, dass sich unser bisheriger Abschnitt der Erdgeschichte, das Holozän, durch den Klimawandel dem Ende zuneigt. Auch menschengemachte landwirtschaftliche Veränderungen, die Übersäuerung der Ozeane und die fortlaufende Vernichtung von Biotopen und Biodiversität spielen für sie eine Rolle.

Geologische Epochen lassen sich im Gestein und Sediment nachweisen. Spuren des Menschen und der industrialisierten Gesellschaften lassen sich heute überall finden und werden auch in Tausenden von Jahren Zeugnis unseres Wirkens sein: Spuren der mannigfachen Atomtests, Plastik, Beton, Aluminium und Kohlenstoffverbindungen aus der Verbrennung fossiler Energieträger zum Beispiel.

Von der Sensibilisierung zur Manipulation

Anerkannt ist das Anthropozän als neues Zeitalter noch nicht. Geolog/innen streiten darüber, wann es begonnen hat und ob es ihrer Wissenschaft überhaupt einen Mehrwert bringen würde. Trotzdem haben der Begriff und das Konzept vom Menschen als epochaler geologischer Faktor Einzug in viele gesellschaftliche Debatten gehalten.

Kein Wunder, das Anthropozän erscheint attraktiv: Es sensibilisiert dafür, dass der Mensch eindeutig der Urheber der Umweltkrisen ist. Es erkennt an, dass unsere Lebensweise und Art zu wirtschaften verantwortlich dafür ist, dass unser Planet zugrunde zu gehen droht. Wenn dies nun zum Ausgangspunkt dafür würde, dass wir endlich eine radikale Trendwende einleiteten, und eine radikale ökologische und soziale Transformation unserer Produktions- und Konsummuster stattfände, wäre das Anthropozän sehr sinnstiftend.

Leider passiert aber genau das Gegenteil: Die Erkenntnis, dass der Mensch den Planeten nachhaltig prägt, wird ins Positive gekehrt und als Gestaltungsmacht dargestellt. Wenn wir die Erde nachhaltig beeinflussen, können wir diese Macht auch zu unseren Gunsten nutzen. Also mehr statt weniger Einwirken – getreu dem Motto, dass der Anthropos es mit seiner Gestaltungskraft schon wieder richten wird. 

Paul Crutzen selbst steht für diese Sichtweise. Er forderte im selben Atemzug, mit dem er das Anthropozän ausrief, dass wir uns Technologien der Klimamanipulation zuwenden sollten, um die zukünftige Bewohnbarkeit der Erde zu gewährleisten.  Wir sollen großmaßstäbliche Manipulationen an globalen Ökosystemen oder dem Klima vornehmen, um es zu beeinflussen.

Heute werden solche Technologien als Geoengineering bezeichnet. Am weitesten auf dem Vormarsch sind Vorschläge, Kohlendioxid (CO2) aus der Atmosphäre zu saugen und unterirdisch zu speichern, Bioenergy with Carbon Capture and Storage (BECCS), um den Treibhauseffekt aufzuhalten.

Mit dieser Technologie soll die natürliche Fähigkeit von schnell wachsenden Pflanzen, CO2 zu speichern, auf technische Weise genutzt werden. Biomasse wird durch Verbrennung in Bioenergie umgewandelt. Das dabei freiwerdende Klimagas soll chemisch in Schornsteinen gelöst werden, um dann später unterirdisch gespeichert zu werden.

Geoengineering bringt gravierende Risiken und Nebenwirkungen mit sich

Die Technologie ist noch nicht ausgereift und ihr Einsatz rechnet sich überhaupt nicht. Damit BECCS eine klimarelevante Wirkung entfalten könnte, bräuchte man eine zusätzliche Fläche von 430 bis 580 Millionen Hektar Land, um Pflanzen anzubauen – das entspricht etwa der Fläche der Europäischen Union. Eine Umwandlung von Landfläche in einem solchen Maßstab würde nicht nur bereits existierende Landkonflikte auf der ganzen Welt weiter anheizen.

Es würde auch bedeuten, dass noch mehr lebensnotwendige Ökosysteme wie Primärwälder, Moore und natürliches Grasland zerstört würden. Hinzu kämen die nachteiligen ökologischen Folgen des immensen Wasser- und Düngerbedarfs der Technologie. Anstatt also die multiplen Umweltkrisen in ihrer Gesamtheit zu sehen, verkürzt BECCS das Problem auf ein CO2-Problem und der Erderwärmung und verschärft andere Probleme nur noch zusätzlich.

Andere Vorschläge der Geoengineerer sind, Algen im Meer im großen Stil zu düngen, um mehr Biomasse wachsen zu lassen, die CO2 aus der Luft speichern kann. Oder mit Partikeln die Effekte eines Vulkanausbruchs in der Atmosphäre zu simulieren oder Wolkenkonstellationen künstlich aufzuhellen, um das Sonnenlicht zu reflektieren und so den Klimawandel aufzuhalten.

Doch diese Technologien bringen gravierende Risiken und Nebenwirkungen mit sich: Sie verschlimmern bestehende Umweltkrisen und schaffen neue Zielkonflikte, auch sozialer Natur. Globale Land- und Wasserkonflikte würden verschärft, die Phosphor- und Stickstoffkreisläufe durch Dünger weiter belastet, mehr Biodiversität unwiederbringlich zerstört, die Versauerung der Meere vorangetrieben. Eine nachhaltige Antwort auf den Klimawandel sieht anders aus.

Außerdem kämen neue Zielkonflikte und Risiken hinzu: Ob die Geoengineering-Technologien überhaupt funktionieren würden und welche Effekte sie auf regionale Wetterfolgen haben werden, können wir erst wissen, wenn wir sie global nutzen – und vielleicht schon irreparable Schäden am globalen Ökosystem verursacht haben. Das ist ein gewaltiges Risiko, das wir nicht eingehen sollten.

Demokratie, Einsicht und Verantwortung

Wir brauchen dringend eine grundsätzliche und breite gesellschaftliche Diskussion: Wie sollen die Antworten auf unsere Umweltkrisen aussehen? Welche Risiken können wir eingehen? Welche Zielkonflikte nehmen wir in Kauf? Wie müssen wir wirtschaften, um der Zerstörung der Umwelt ein Ende zu setzen? Welche Lösung könnte die beste sein, welche Lösungen lehnen wir grundlegend ab? Doch solche Diskussionen drohen derzeit zu kurz zu kommen, auch im Kontext anderer Technologien wie der Gentechnik in der Landwirtschaft oder synthetischen Biologie.

Das Reden vom Anthropozän befördert meines Erachtens diese Entwicklung. Denn das Anthropozän ist mehr als ein Begriff und mehr als eine mögliche geologische Epoche. Er erhärtet vor allem ein altbekanntes Weltbild: der Mensch als Maßstab aller Dinge, der sich über die Natur erhebt, sie gestaltet und beherrscht.

Es ver-naturwissenschaftlicht Phänomene, die eigentlich politischer, ökonomischer, kultureller und gesellschaftlicher Natur sind. Wie der Mensch auf die Natur einwirkt, ist nicht eine Selbstverständlichkeit, sondern durch das gesellschaftliche Mensch-Natur-Verhältnis bestimmt, also das Ergebnis von Produktions- und Konsummustern, von Machtverhältnissen, die wir selbst wählen und damit auch verändern könnten. Und dass es auch anders geht, zeigen andere Gesellschaften und Zeitalter.

Das Anthropozän als Begriff verdeckt beziehungsweise nivelliert unsere Verantwortung für die Zerstörung der Natur. Es sind eben nicht alle Menschen, die den Planeten ruinieren, sondern globale ökonomische Eliten und globale Mittelklassen, die über die Verhältnisse und auf Kosten anderer leben, emittieren, konsumieren, verbrauchen und vermüllen. Die gesamte Menschheit über Zeit und Raum hinweg in Sippenhaft zu nehmen, verhindert die Debatte um ökologische, soziale und globale Gerechtigkeit, statt sie zu befördern.

Entpolitisierung der Debatte über Ursachen und Lösungen der Umweltkrisen

Und gleichzeitig stärkt die Rede vom Anthropozän den Trend, dass ausschließlich technologische und damit sehr einseitige Lösungen von einzelnen Forschungsanstalten und Wissenschaftler/innen vorangetrieben werden. Fragen von Maßhalten, Weniger, von Freiheit, Verantwortung und Teilhabe bleiben außen vor. Der Diskurs um das Anthropozän entpolitisiert die Debatte über Ursachen und Lösungen der Umweltkrisen.

In der Tat müssen wir dringend drastische und radikale Antworten auf die Umweltkrisen finden. Wie diese aussehen sollen, müssen wir aber demokratisch diskutieren. Wer darf entscheiden, was taugt? Wie vermeiden und lösen wir Konflikte? Wollen wir uns auf Technologien als Antwort verlassen? Oder vielseitige Alternativen erkunden?

Denn wir kennen schon heute Maßnahmen, mit denen wir dem Klimawandel und den diversen Umweltkrisen bis hin zum Artensterben wirksam entgegentreten könnten. Ihre Hauptursachen sind unsere desaströsen Produktions- und Konsummuster, nicht, dass wir kein technologisches Allheilmittel für die Folgen haben.

Um die Erderwärmung aufzuhalten, müssen wir nicht darüber reden, wie wir CO2 speichern können, sondern wie wir weniger verursachen. Das geht, indem wir uns endgültig von fossiler Energie verabschieden, uns von industrieller Landwirtschaft und Tierhaltung abkehren und unsere Mobilität revolutionieren.

Wir müssen als Menschen wieder anerkennen, dass wir Teil des Ökosystems Erde sind und die natürlichen planetaren Grenzen respektieren müssen – und uns nicht der Illusion hingeben, dass wir uns über sie erheben können.

Dieser Artikel erschien in der Zeitschrift umwelt aktuell 2/2018.

Verwandte Inhalte

  • Geoengineering ist nicht die einzige Lösung

    Die Vertragsstaaten der CBD müssen eine überzeugende Botschaft an ihre Klimakolleg/innen senden: Macht Eure Hausaufgaben und kümmert Euch um echte Lösungen, die für Ökosysteme und Menschen funktionieren, statt schnelle Technofixes anzubieten.

    Von Lili Fuhr
  • Radikaler Realismus in der Klimapolitik

    Im Dezember 2015 haben sich in Paris 196 Regierungen darauf verständigt, die globale Erwärmung auf 1,5 °C zu begrenzen. Manche Lösungsansätze schaden dabei mehr als dass sie nutzen.

    Von Lili Fuhr
  • Dossier zur UN-Biodiversitätskonferenz in Cancún

    Mainstreaming Biodiversity war das zentrale Motto der Cancún-Konferenz vom 4. bis 17. Dezember 2016. Die Heinrich-Böll-Stiftung  begleitete die Konferenz speziell zu den Themen Synthetische Biologie, Neue Ökonomie der Natur und Geoengineering.

  • Kurswechsel 1,5°: Wege in eine klimagerechte Zukunft

    pdf

    In Paris wurde 2015 beschlossen, die Erderwärmung auf deutlich unter 2 Grad zu halten. Die hauptsächlich vorgeschlagenen Wege setzen auf riskante und kostspielige Technologien. Welche Alternativen für einen Kurswechsel möglich und nötig sind, zeigt diese Publikation.

1 Kommentar

Neuen Kommentar schreiben

Neuen Kommentar schreiben

Reinhold Leinfelder

Zu obigem Artikel gab es bereits Kommentare in den Social Media. Dank auch an die dort ausgedrückte Gesprächsbereitschaft der Böll-Stiftung. Kai Niebert und ich haben versucht, einiges zum obigen Artikel zurechtzurücken. Wir sind ebenfalls extrem kritisch gegenüber "Ein-Knopf"-Lösungen (Geoengineering ieS). Allerdings befördert das Anthropozän-Konzept genau dies nicht, sondern generiert aus Erdsystemanalyse und geologischem Befund heraus einen "Verantwortungsimperativ", der eben systemische, integrative Ansätze fordert (symbolische Integration in das Erdsystem). Einseitige Schuldexternalisierungen helfen allerdings auch nicht weiter, es sind schon alle gesellschaftlichen Gruppen gefragt. Unsere Entgegnung ist heute in UmweltAktuell erschienen https://www.oekom.de/fileadmin/zeitschriften/umak_Leseproben/ua2018-03-l... .Weiteres zum Thema gibt es bei https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker Wir freuen uns auf weiteren konstruktiven Austausch.