Konstanze Schiemann, Universiteit van Amsterdam

Tierhetzen in der Spätantike. Wandlungen in Wahrnehmung und Praxis im Osten des Römischen Reichs

Neben Gladiatorenkämpfen, Pferderennen und Theateraufführungen waren Tierhetzen eine beliebte Form öffentlicher Unterhaltung in den Städten der Antike – ähnlich wie heute noch die Stierkämpfe in Spanien. Aus lokalen italischen Fruchtbarkeitsriten, bei denen heimische Tiere wie Füchse gejagt und gequält wurden, entwickelte sich in der Späten Römischen Republik und Frühen Kaiserzeit Großveranstaltungen an Festtagen für das urbane Publikum. Immer öfter wurden hier exotische Tiere vorgeführt, die aus den neuen Provinzen des expandierenden Reiches importiert wurden, die Reichweite des römischen Einflusses demonstrierend. In den Arenen der Amphitheater wurden dann entweder Tiere gegeneinander aufgehetzt oder Kämpfer, die ähnlich Gladiatoren ausgerüstet waren, stellten sich ihnen. Bei anderen Gelegenheiten wurde in der Arena ein künstlicher Wald aufgebaut um die Jagd von Wild vor Publikum nachzuspielen.

In der Spätantike, in der sich das Christentum als dominante Religion etablierte und neue normative Forderungen an das Gemeinwesen stellte, blieben die Tierhetzen nicht nur ein wichtiger Bestandteil urbaner Festkulturen sondern wurden sogar immer beliebter – und das obwohl religiöse Würdenträger Christ/innen vom Besuch dieser Spiele abrieten, sie als unmoralisch und verroht kritisierten. In meinem Forschungsprojekt werde ich diesen Gegensatz zwischen kritischem Diskurs und gelebter Praxis ergründen. Dabei geht es auch darum, wie die spätantike Gesellschaft als eine Gesellschaft im Umbruch mit inneren Widersprüchen zwischen überkommenen Traditionen und neuen religiösen Imperativen umging.

Gleichzeitig ist mein Projekt eine Fallstudie über sich wandelnde Konzepte von Mensch, Tier und Natur und darüber, in welchem Verhältnis sie zueinander verstanden wurden. Dabei können die Tierhetzen in den antiken Arenen als Mikrokosmos der Mensch-Tier Interaktion gedacht werden, in dem Tiere verschiedene Rollen zugeschrieben wurden, deren Komplexität auszuloten ist. Die Moderne und die Antike verbindet die Frage nach dem Status und Wert von Tieren und ihrer Beziehung zum Menschen und tatsächlich lassen sich die Ursprünge aktueller ethischer Debatten auf antiken Autoren zurückführen - in der Spätantike erweiterten die aufkommenden christlichen Stimmen diesen Diskurs durch ihre religiöse Perspektive.