Heng Barone, RWTH Aachen

Heng Barone, RWTH Aachen

Nicht selten ist im (wissenschaftlichen) Heimatdiskurs die Rede von der Unübersetzbarkeit des Wortes 'Heimat' oder zumindest von elementaren Übersetzungsschwierigkeiten, die dasselbe bereitet. Heimat und damit der ihr inhärente Bedeutungskomplex avanciert dergestalt zu einem hermetischen Konzept, dessen Exklusivität auf den deutschsprachigen Kulturraum begrenzt scheint. Als monokulturelles bzw. homogenes Konzept beteiligt sich Heimat an der Konstitution von Grenzen, die über Inklusion und Exklusion entscheiden. Bereits in der über mehrere Jahrhunderte dominierenden Bedeutung des Wortes als unmittelbarer Grundbesitz, also als das Recht oder eben 'Nicht-Recht' auf Haus und Hof, ist dieser Ausschlussmechanismus angelegt.

Vor diesem Hintergrund widmet sich die Studie der Frage, wie Gegenwartsautor/innen anderer kultureller Herkunft, die aber in deutscher Sprache literarische Texte verfassen und publizieren, narrativ Heimat inszenieren. Vertreten wird dabei die These, dass sich diese Heimatnarrationen als Texte des Aufbruchs oder Aufbruchs-Texte lesen lassen und dies in einem doppelten Sinn: Auf der textimmanenten Ebene brechen die Protagonist /innen in den Texten auf, d.h. sie verlassen ihre erste - hier chronologisch, nicht hierarchisch gemeint - Heimat und versuchen, sich in einem anderen Land eine neue Existenz aufzubauen; auf der diskursiven Ebene brechen die Texte etablierte bzw. nach wie vor konservierte Vorstellungen von Heimat auf, indem sie den ersteren dadurch subversiv begegnen, dass sie in einem kreativen Prozess von Ablehnung und Aneignung, sowie Transferleistung und reziproker Durchdringung Heimatrepräsentationen schaffen, die die Annahmen eines deutsch-monokulturellen Konzepts überwinden. Damit vollziehen sie einen diskursiven Aufbruch, der Heimat zu einem hybriden Konzept werden lässt.

Die Studie versteht sich im engeren Sinn als literaturwissenschaftliche, im weiteren als kulturwissenschaftliche Arbeit. Ausgehend von den beiden Prämissen, dass die textuelle Fassbarkeit von Heimat nur anhand von Hilfskategorien gelingt und der Begriff aufgrund der ihm attestierten Undefinierbarkeit eher als 'Assoziationsgenerator' zu verstehen ist, erfolgt die Beschreibung von Heimat in der interkulturellen Literatur zunächst mittels der kulturwissenschaftlichen Kategorien 'Raum', 'Zeit', 'Sprache' und 'Identität', die sich während der Korpusbildung als elementare Heimatdimensionen des designierten literarischen Phänomens herausgestellt haben. In einem weiteren Schritt wird eine Übertragung von Bhabhas Überlegungen zur Nation auf den Heimatdiskurs versucht. Damit reagiert die Studie auf vereinzelt auftretende Versuche, Bhabhas Hybriditätskonzept und Heimat zusammenzudenken, ohne dies theoretisch und methodisch zu fundieren.

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