Nejma Tamoudi, Hochschule für Philosophie - München

Nejma Tamoudi, Hochschule für Philosophie - München

Eine zentrale Herausforderung unserer Zeit ist die Tatsache, dass wir durch unser gegenwärtiges Handeln die Lebensbedingungen künftiger Generationen umfassend beeinflussen. Will die Sozialphilosophie ihrem kritischen Responsivitätsanspruch angesichts gesellschaftlicher Pathologien auch weiterhin gerecht werden, muss sie folglich den Begriff des Sozialen neu denken und das Phänomen zeitlicher Relationalität in ihre Überlegungen integrieren. Eine entsprechende Aufnahme der Zeitlichkeitsproblematik steht derzeit allerdings noch aus. Ziel des vorliegenden Promotionsprojektes ist es, in diesem Zusammenhang das Denken Paul Ricœurs einzuführen und die Frage zu stellen, inwiefern eine Berücksichtigung des ricœurschen ‚Sozialen Imaginären‘ zu einer Neuauslegung sozialer Wirklichkeit angesichts diachroner Relationalität beitragen kann?

Ricœur muss dabei als einer der wichtigsten französischen Denker unserer Zeit bezeichnet werden, dessen Beitrag für die Philosophie umfassend ist. Innerhalb der Sozialphilosophie fehlt es allerdings bislang an einer systematischen Erarbeitung seiner Überlegungen. Zwar lassen sich vereinzelt Verweise auf seine Thesen zu Utopie und Ideologie sowie die, seinem Spätwerk zu entnehmenden, Studien zur Anerkennung finden. Jedoch kommt es zu keiner grundlegenden Befragung der Anschlussmöglichkeiten seines Gesamtwerks. Im Rahmen des Promotionsprojektes soll eine entsprechende sozialphilosophische Aufnahme nachgeholt werden, wobei die eingangs erwähnte Zeitlichkeitsdimension den systematischen Hintergrund bildet.

Darüber hinaus entspricht Ricœurs sozialphänomenologischer Zugang einem Trend gegenwärtiger Sozialphilosophie, das Prinzip immanenter Gesellschaftskritik auf die Konstitution von Erfahrungszusammenhängen auszuweiten. In diesem Zusammenhang eröffnet das ricœursche ‚Soziale Imaginäre‘ als Fluchtpunkt der Untersuchung eine neue sozialphilosophische Heuristik, die sowohl gesellschaftskritische (vgl. Entfremdungstendenzen), als auch sozialtheoretische (vgl. Grundkategorien des Sozialen) und -ontologische (vgl. Strukturanalyse des Sozialen) Aspekte umfasst.

Dabei gilt es im Denken Ricœurs eine relationale Sozialkonzeption herauszuarbeiten, die sich durch eine explizit diachrone Perspektive auszeichnet. Im Zuge dessen werden nicht nur die klassisch sozialphilosophischen Normenkritiken, sondern auch die Ermöglichungsbedingungen unseres Selbst- und Weltverständnisses auf einen Zeitlichkeitsbegriff hin durchstiegen, demzufolge Diachronizität eine grundlegende Kategorie des Sozialen bildet. Der Anspruch des Promotionsprojektes erschöpft sich somit nicht allein in einer Herausstellung der Anschlussmöglichkeiten Ricœurs innerhalb der sozialphilosophischen Debatte. Ausgehend hiervon soll zugleich eine alternative Grundlegung des Sozialen vorbereitet werden, indem die Frage nach sozialer Relationalität mit Blick auf das Zeitlichkeitsphänomen neu gestellt wird.

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