Legitimierte Zerstörung von Biodiversität

Legitimierte Zerstörung von Biodiversität

Regierungen und Konzerne dürfen Naturschutzgebiete zerstören, wenn sie anderswo den Verlust der Biodiversität kompensieren. Warum das nicht funktioniert und trotzdem zunehmend geschieht.

Ein gelbes Naturschutzgebiets-Schild steht vor einem BaumUrheber/in: Thomas Kohler. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Die Idee, Biodiversitätsverlust zu kompensieren, ist nicht neu: Die USA, Deutschland und Indien führten den Ansatz bereits in den 1980er Jahren in ihre Umweltgesetzgebungen ein. Befürworter argumentieren, das Instrument der Kompensation stelle sicher, dass Konzerne, die Biodiversität zerstören, diesen Schaden ausgleichen, indem sie einen anderen Ort mit vergleichbarer Biodiversität erhalten oder wiederherstellen. Die unten aufgeführten Beispiele zeigen jedoch eine andere Wirklichkeit: Kompensation von Biodiversität höhlt Naturschutz aus. Sie erlaubt Firmen im Gegenzug für das Versprechen, Biodiversitätsverlust durch Maßnahmen an einem anderen Ort wieder auszugleichen, den gesetzlichen Schutz ebenjener Gebiete zu umgehen, die für sie von wirtschaftlichem Interesse sind.

Kompensation von Biodiversitätsverlust erlaubt ihnen also vorzugeben, Naturschutz zu respektieren, während sie gleichzeitig – gesetzlich legitimiert – Biodiversität an geschützten Orten zerstören. Letzendlich sichert das Instrument der Kompensation verläßliche Zusagen von Behörden und Finanzinstitutionen für Lizenzen und Finanzierung, selbst wenn die beantragten Maßnahmen Natur in Weltnaturerbestätten oder Schutzgebieten zerstören. Das Instrument der Kompensation, und insbesondere Ausgleichsmaßnahmen (biodiversity offsets im Englischen), höhlt somit den Katalog an Naturschutzgesetzgebung aus, der sich aufgrund von öffentlichen Protesten für besseren Naturschutz seit den 1970er Jahren entwickelt hat.

Kompensation, Ausgleich und Offsets: Was ist der Unterschied?

Das Bundesnaturschutzgesetz fordert, dass der Verursacher einer unvermeidbaren Beeinträchtigung diese durch Maßnahmen des Naturschutzes und der Landschaftspflege auszugleicht (Ausgleichsmaßnahmen) oder in sonstiger Weise zu kompensiert (Ersatzmaßnahmen). Im englischen Sprachgebrauch hat sich der Begriff Kompensation als Bezeichnung von Ausgleichsmaßnahmen durchgesetzt und wird synonym mit dem Begriff offsets verwendet. Die Texte in diesem Dossier verwenden die Begriffe Kompensation und Ausgleich synonym und beschreiben Maßnahmen, die der Verursacher einer Beeinträchtigung von Natur an anderer Stelle unternimmt, um die Naturzerstörung auszugleichen.

Das folgende Zitat einer neuseeländischen Anwaltskanzlei fasst treffend zusammen, warum nicht nur Regierungen, sondern auch, oder vielleicht sogar vor allem, Konzerne Interesse an Kompensation von Biodiversitätsverlust zeigen: "Ausgleichsmaßnahmen können Unternehmen helfen, ihr Risiko effektiver zu verwalten und gesellschaftliche Akzeptanz für ihr Handeln zu stärken, indem sie Behörden gegenüber darlegen, dass ihre Maßnahmen so durchgeführt werden können, dass kein Nettoverlust entsteht oder ein Nettozugewinn an biologischer Vielfalt erzielt und die Unterstützung lokaler Gemeinden und der Zivilgesellschaft gesichert wird. Firmen bemühen sich zunehmend um eine gute fachliche Praxis in Bezug auf Umweltbelange, um gesellschaftliche Akzeptanz für ihr unternehmerisches Handeln und den Zugang zu Kapital zu sichern, um zeitnahe Zustimmung [für ihre Projekte] zu erhalten, kosteneffektiv zu arbeiten, und ihren Wettbewerbsvorsprung zu sichern." [Übersetzung der Autorin]

Die steigende Popularität von Ausgleichsmaßnahmen ist vor diesem Hintergrund leicht nachvollziehbar. Nach Angaben der International Union for Conservation of Nature (IUCN) hat sich die Zahl der Länder, die Ausgleichsmaßnahmen oder vergleichbare Ansätze zur Kompensation von Biodiversitätsverlust in ihrer Naturschutzgesetzgebung verankert haben, seit der Jahrtausendwende nahezu verdoppelt.

Auf internationaler Ebene sorgte die Rio+20-Konferenz, die 2012 in Brasilien stattfand, für einen Popularitätsschub. Beherrschendes Thema der Konferenz war die Grüne Ökonomie. Ansätze zur ökonomischen Bewertung von Natur und die Kompensation von Biodiversitätsverlust spielten dabei eine wichtige Rolle und wurde als integrale Bestandteile einer solchen Grünen Ökonomie präsentiert. Viele der Initiativen zur Kompensation von Biodiversitätsverlust, die heute im Privatsektor und in multilateralen Insititutionen existieren, wurden im Vorfeld oder als direkte Folgemaßnahmen der Rio+20-Konferenz initiiert.

Im Jahr 2017 enthielten laut IUCN Umweltgesetze oder Verordnungen in 115 Ländern die Möglichkeit der Kompensation von Biodiversitätsverlust. Die Gründe für diesen Anstieg sind vielfältig:

  • Viele Regierungen haben sich auf das politische Ziel festgelegt, den Verlust von biologischer Vielfalt auf 'Nettonull' zu reduzieren ("No Net Loss of biodiversity"); Ausgleichsmaßnahmen sind das bevorzugte Instrument, um dieses Ziel zu erreichen;
  • Konzerne fordern vermehrt Genehmigungen für Bergbau, Infrastruktur, Großstaudämmen etc. in gesetzlich geschützten Gebieten oder für Flächen, die eine besondere Bedeutung für den Erhalt biologischer Vielfalt haben – Flächen also, für die nur in Ausnahmefällen eine Genehmigung für Projekte des Privatsektors erteilt wurde, die Natur zerstören. Vor diesem Hintergrund wird der Ruf von Konzernen nach mehr 'Flexibilität‘ in der Auslegung gesetzlicher Einschränkungen laut. Ausgleichsmaßnahmen und ähnliche Kompensationsinstrumente liefern eben diese 'Flexibilität', indem sie Zerstörung am geschützten, aber für den Konzern wirtschaftlich interessanten Standort ermöglichen, im Gegenzug für ein Versprechen, Biodiversitätsverlust anderswo zu verhindern;
  • Die Weltbank und die International Finance Corporation (IFC) - der auf die Förderung privater Unternehmen spezialisierte Teil der Weltbankgruppe – gehören zu den aktivsten Unterstützern von Instrumenten zur Kompensation von Biodiversitätsverlust. Insbesondere in Ländern des Globalen Südens forcieren sie die Verankerung von Kompensation in der Naturschutzgesetzgebung. Beweggrund hierfür ist nicht zuletzt, die Umsetzung der IFC Richtlinie 6 zu erleichtern. Die IFC-Richtlinien, im Englischen als Performance Standards bezeichnet, beschreiben Mindeststandards, die für die IFC-Finanzierung eines Projekts erfüllt sein müssen. 2012 ergänzte die IFC ihre Richtlinien und führte die Kompensation von Biodiversitätsverlust in ihr Regelwerk ein. Die Überarbeitung der Richtlinien fand zu einem Zeitpunkt statt, als die Rio+20-Konferenz Kompensationsinstrumenten einen enormen Popularitätsschub verlieh. Die Integration von Kompensation in die 2012 überarbeiteten Richtlinien eröffnet der IFC die Möglichkeit, Privatsektorprojekte auch dann zu finanzieren, wenn sie Flächen zerstören, die laut Weltbankdefinition einen "kritischen Lebensraum" für den Erhalt von biologischer Vielfalt darstellen. Ohne eine solche Erweiterung der Richtlinien um die Kompensationsoption wäre die Zusage von IFC-Finanzierung für Privatsektorprojekte, die "kritische Lebensräume" zerstören, zunehmend schwierig und kontrovers gewesen. 

Legitimierte Zerstörung von 'kritischen Lebensräumen'

Die IFC-Richtlinie 6 hat sich als besonders wirksamer Treiber für den Ansatz der Kompensation von Biodiversitätsverlust erwiesen. Viele öffentliche wie private Banken wenden die IFC-Richtlinien oder auf den IFC-Richtlinien aufbauende Standards auch für ihre eigene Projektprüfung an. Damit wurde die Präsentation eines Plans zur Kompensation von Biodiversitätsverlust quasi zur Voraussetzung für die Finanzierung von Privatsektorprojekten, welche Lebensräume zerstören, die laut Weltbankdefinition 'kritisch' für den Erhalt von biologischer Vielfalt sind.

Weil aber viele Flüsse schon aufgestaut sind und viele Lebensräume, die besonders reich an biologischer Vielfalt und an Bodenschätzen sind, bereits für den Abbau der begehrten Erze zerstört wurden, betreffen neue Projekte von Bergbaukonzernen und Wasserkraftindustrie immer häufiger "kritische Lebensräume." Da aber eine Finanzierung durch die IFC oft unabdingbar ist für die Gesamtfinanzierung eines Projekts, wurden Bergbaukonzerne, Erdöl- und Gaskonzerne sowie die Wasserkraftindustrie zu Pionieren und Wegbereitern der Kompensation von Biodiversitätsverlust. Neben einer gesicherten Finanzierung erhoffen sie sich von der Vorlage solcher Pläne zudem eine höhere öffentliche Akzeptanz der Zerstörung und die Zustimmung der Naturschutzindustrie für ihre Projekte, selbst wenn diese Schutzgebiete zerstören. Denn Projekte, bei denen Unternehmen einen Vorschlag für Kompensation von Biodiversitätsverlust vorlegen, sind in der Regel Projekte, die aufgrund ihrer Lage in Gebieten mit besonderer Bedeutung für den Erhalt biologischer Vielfalt auf öffentliche Ablehnung treffen.

Kompensation von Biodiversitätsverlust also Türöffner für Erdölförderung in Weltnaturerbestätten und Naturschutzgebieten

In Kenia erleichterte die Vorlage von Plänen zur Kompensation von Biodiversitätsverlust dem Erdölkonzern KJV die Genehmigung und Finanzierung der Erdölförderung in zwei Weltnaturerbegebieten, dem Nationalpark Lake Turkana und dem Gebiet um den Keniasee im Great Rift Valley, dem Großen Grabenbruch. Weitere Schutzgebiete werden ebenfalls durch die Erdölförderung beeinträchtigt. KJV hat sich dazu verpflichtet, die Erdölbohrungen unter Einhaltung der IFC-Richtlinien durchzuführen. Der Konzern legte einen Plan zur Kompensation von Biodiversitätsverlust vor, nicht zuletzt in der Erwartung, dass dies die Erteilung von Genehmigungen für die Zerstörung von Flächen mit herausragender Bedeutung für den Erhalt von biologischer Vielfalt vereinfacht.

Der französische Energiekonzern Total verweist ebenfalls auf die IFC-Richtlinie 6 als Grund für seinen Kompensationsplan von Biodiversitätsverlust durch Erdölförderung in Tilenga, Uganda sowie weiteren Projekten zur Erdölförderung in Nationalparks und anderen Schutzgebieten: "Total hat zugesagt, die Richtlinien der International Finance Corporation (IFC, Weltbank) für die Konzernprojekte Tilenga, Papua LNG und EACOP einzuhalten, um der besonders sensiblen Biodiversität einiger Standorte Rechnung zu tragen." [Übersetzung der Autorin] Die Erdölförderung im Rahmen des Tilenga-Projekts und die East Coast Oil Pipeline (EACOP) beeinträchtigen einen der weltweit prominentesten Brennpunkte für Naturschutz: den Albertgraben.  Betroffen ist auch der spektakuläre Murchison Falls Nationalpark, der ohne Zweifel die Kriterien eines "kritischen Lebensraums" für den Erhalt von biologischer Vielfalt erfüllt. Auch der Konzern erkennt an, dass die Erdölförderung in einem "für Biodiversität besonders sensitiven Gebiet" stattfindet. Ein Blick in Totals Plan zur Kompensation von Biodiversitätsverlust durch die Förderung von Erdöl in diesem außergewöhnlich artenreichen Lebensraum überrascht daher umso mehr, als der Konzern kleinbäuerliche Landnutzung für die Beeinträchtigung von Biodiversität in der Region verantwortlich macht, gleichzeitig aber die Zerstörung und Verwüstung durch die Erdölförderung auf der Liste der Gefahren für die biologische Vielfalt in der Region keine Erwähnung findet. Ziel des Total Kompensationsplans ist es, ebenjene der kleinbäuerlichen Landnutzung zugeschriebene Degradierung von Lebensräumen zu unterbinden – als Ausgleich für die Zerstörung durch Erdölförderung im "kritischen Lebensraum" des Murchison Falls Nationalpark.

In Deutschland erleichtern Ausgleichsmaßnahmen die Zerstörung eines jahrhundertealten Waldes – des Hambacher Forsts – für den Abbau von Braunkohle. Das Abbaugebiet erstreckt sich auf insgesamt 85km². Der Kohleabbau zerstörte unter anderem bis zu 12.000 Jahre alte Wälder, die durch besonders hohe strukturelle und biologische Vielfalt gekennzeichnet sind. Die verbleibenden Waldflächen des Hambacher Forsts gehören zu einer Waldformation, die nach Anhang 1 der EU Habitat-Richtlinie geschützt ist, und der Energiekonzern ist verpflichtet, nicht nur die zerstörten Abbauflächen zu rekultivieren, sondern auch zusätzliche Ausgleichsmaßnahmen umzusetzen. Diese Ausgleichsmaßnahmen finden außerhalb der zum Abbau freigegebenen Flächen statt. Die Ausgleichsmaßnahmen beinhalten die Renaturierung ehemals landwirtschaftlich genutzter Flächen nördlich des Abbaugebiets. Im Rahmen einer viel kritisierten Partnerschaft des Energiekonzerns RWE und IUCN veröffentlichte die Naturschutzorganisation einen Bericht, in dem sie unter anderem die Prüfung zusätzlicher "möglicher Kompensationsmaßnahmen" vorschlägt – nicht ohne im gleichen Bericht darauf zu verweisen, dass solche Ausgleichsmaßnahmen "niemals die Biodiversität eines alten Waldes erreichen werden." [Übersetzung der Autorin]

In Costa Rica experimentiert der Energiekonzern Instituto Costarricense de Elecricidad mit Ausgleichsmaßnahmen, die die Zerstörung von Lebensräumen aufgrund des Baus eines Staudamms am Fluss Reventazón ausgleichen sollen. Neben der Europäischen Investitionsbank beteiligt sich auch die IFC an der Finanzierung des Staudammprojekts. Nach Angaben des Unternehmens erfüllt der Fluss Reventazón die Kriterien der IFC-Richtlinie 6 eines "natürlichen Lebensraums"; die durch den Staudammbau veränderte Wasserführung wird zudem Auswirkungen auf den Tortuguero Nationalpark haben. Zum Ausgleich der Zerstörung des "natürlichen Lebensraums" des Reventazón verspricht das Unternehmen, einen anderen Fluss, den Parismina, zu renaturieren.  Die Regierung von Costa Rica verpflichtete sich zudem, in den kommenden Jahrzehnten keine Staudammprojekte entlang des renaturierten Parismina zu genehmigen.

Wenn Ewigkeit nicht ewig dauert

Ausgleichsmaßnahmen in Verbindung mit dem umstrittenen Bujagali Staudamm in Uganda verdeutlichen, wie unzuverlässig Kompensationsversprechen sein können. Die IFC ist an der Finanzierung des Staudammprojekts am Nil beteiligt. Der Stausee flutete kulturell und ökologisch bedeutende Wasserfälle sowie Flussauen, die für die Basoga - die indigene Bevölkerung im Einzugsbereich des Staudamms - von kultureller und spiritueller Bedeutung waren.

In der öffentlichen Darstellung versicherte die IFC Kritiker/innen des Projekts, dass "vergleichbar wichtige" Wasserfälle und Flussauen als Kompensationsmaßnahme für den Bujagalistausee auf ewig geschützt würden. Im Kreditabkommen, das die IFC mit der Regierung von Uganda unterzeichnete, fehlte jedoch der Verweis, dass die Wasserfälle der Kompensationsmaßnahme auf ewig zu schützen seien. Die Ewigkeit dauerte dann auch nur so lange, bis ein Konzern eine Genehmigung für einen weiteren Staudamm entlang des Nils erhielt. Der neue Stausee wird die angeblich auf ewig geschützten Wasserfälle und Flussauen aus der Kompensationsmaßnahme für den Bujagalistausee fluten. Die IFC stimmte der Zerstörung der als Kompensationsmaßnahme für den Bujagalistausee ausgewiesenen Flächen zu – unter der Bedingung, dass eine neue Kompensationsfläche identifiziert und geschützt werde.

Auch in Australien wurde eine Kompensationsfläche zerstört, als sie für den Bergbaukonzern wirtschaftlich interessant wurde. Der Wald Warkworth Sands Woodland war zuvor als Kompensationsfläche ausgewiesen worden, der die Zerstörung von Biodiversität durch den Abbau von Kohle ausgleichen sollte. Jahre später beantragte der Bergbaukonzern Rio Tinto die Erweiterung des Abbaugebiets und die ausgewiesene Kompensationsfläche wurde ebenfalls zur Zerstörung freigegeben. 

Die Beispiele verdeutlichen eine der viele Gefahren, die Kompensation für den Schutz von Biodiversität darstellt: Wenn die Zerstörung einer heute als Kompensationsmaßnahme ausgewiesenen Fläche in Zukunft wirtschaftlich interessant wird, kann auch die Zerstörung der Kompensationsfläche genehmigt und finanziert werden – solange der Konzern zusagt, auch die Zerstörung der Kompensationsfläche zu kompensieren. Kompensation von Biodiversitätsverlust ermöglicht somit nie endende Zerstörung statt verlässlichen Schutz von Biodiversität.

Immer mehr Länder setzen auf Kompensation von Biodiversitätsverlust

Doch die Zahl von 115 Ländern, deren Umweltgesetzgebung laut IUCN Ausgleichsmaßnahmen ermöglicht, deutet darauf hin, dass nicht nur Konzerne Ansätze zur Kompensation von Biodiversitätsverlust in ihr Geschäftsmodell integrieren. Liberia und Mosambik gehören zu den Ländern, in denen die Weltbank Initiativen zur Kompensation von Biodiversitätsverlust finanziert. Berater der Weltbank erarbeiteten einen Wegweiser für eine nationale Strategie zur Kompensation von Biodiversitätsverlust. Der Weltbankvorschlag sieht vor, dass etwa Bergbau in Schutzgebieten und anderen Gebieten mit großer Bedeutung für den Schutz von Biodiversität zulässig wird, wenn sich der Bergbaukonzern im Gegenzug dazu verpflichtet, eine Kompensationsgebühr zu zahlen. Diese soll in den Unterhalt und das Management von Schutzgebieten fließen und somit der chronischen Unterfinanzierung entgegenwirken. Die Finanzierung der Schutzgebiete wird dadurch abhängig von Genehmigungen zur Zerstörung anderer Schutzgebiete.

Eine Organisation, die an der Erarbeitung der ebenfalls von der Weltbank finanzierten nationalen Kompensationsstrategie in Mosambik beteiligt ist, erklärt, warum Kompensation von Biodiversitätsverlust keine Gefahr für Konzerne darstellt: "Diese neue Richtlinie ist weit davon entfernt, eine Last für private Firmen zu sein; sie könnte vielmehr den Genehmigungsprozess für neue Projekte beschleunigen, indem sie das Vorgehen klar darlegt und Firmen aufzeigt, wie sie nationale Regeln und internationale Standards erfüllen können, deren Umsetzung sie zunehmend nachweisen müssen." [Übersetzung der Autorin]

Auch Kolumbien hat in den vergangenen Jahren seine Naturschutzgesetzgebung überarbeitet, und dabei den vermutlich umfassendsten gesetzlichen Rahmen für Ausgleichsmaßnahmen in der Region geschaffen. Weil die Zahl der Privatsektorprojekte, die nun Ausgleichsmaßnahmen erfordern, schnell anstiegen ist, wird eines der Konfliktfelder in der Umsetzung der Kompensation bereits deutlich: Biodiversitätskompensation hat letztendlich einen doppelten Landraub zur Folge. Denn die Konzerne kontrollieren die Landnutzung an zwei Standorten: Nicht nur dort, wo der Konzern Bergbau betreibt oder einen Staudamm baut, sondern auch an dem Standort, der nun als Kompensationsfläche ausgewiesen ist. Das Beispiel Kolumbien zeigt, um wieviel Land es dabei geht: Allein für den Zeitraum von 2013 bis 2015 ergibt sich eine potenzielle Nachfrage nach mehr als 180,000 Hektar Land, das als Kompensationsfläche ausgewiesen werden kann. Die Frage nach der Verfügbarkeit von Land zeichnet sich deutlich ab, wie ein Beobachter in Kolumbien erläutert: "Mit Bergbaukonzessionen für mehr als acht Millionen Hektar Land, mit mehr als 130 Erdöl- und Erdgasfirmen, einschließlich Shell, Oxy, Chevron, ExxonMobil und Petrobras, die Konzessionen auf mindestens 1,5 Millionen Hektar Land besitzen, und tausenden Kilometern an geplantem Straßenbau, die alle kritische Lebensräume für Biodiversität beeinträchtigen, ist eine der zentralen Fragen, wo die hunderttausende Hektar Land herkommen sollen, die für die Kompensation von Biodiversitätsverlust benötigt werden.“

Kompensation facht Konflikte um Land an

Der Konflikt um Land wird somit zu einer zunehmenden Folgeerscheinung der Kompensation von Biodiversitätsverlust. In bestehenden Kompensationsprojekten zeichnet sich diese Realität bereits deutlich ab. Nehmen wir das Beispiel eines Bergbaukonzerns auf der Suche nach einer Kompensationsfläche für einen Wald mit vielen endemischen Arten, den die Bergbaumaßnahmen des Konzerns zerstören werden. Damit ein Wald als Kompensationsfläche in Frage kommt, muss das Unternehmen nachweisen, dass der Wald ohne Ausweisung als Kompensationsfläche zerstört worden wäre. Indem das Unternehmen diese hypothetische Bedrohung abwendet, kompensiert es den durch die Zerstörung des Waldes im Bergbaugebiet verursachten Biodiversitätsverlust. Dieser Nachweis einer hypothetischen Gefahr der Waldzerstörung, die das Unternehmen mit der Ausweisung als Kompensationsfläche angeblich verhindert hat, basiert in der Regel auf Variationen der folgenden Argumentation: 'Arme Kleinbauern degradieren den Wald, indem sie Wanderfeldbau betreiben, brandroden und zu viel Brennholz aus dem Wald entnehmen. Unsere Kompensationsmaßnahme wird diesen Wanderfeldbau und die Brennholzgewinnung aus dem Wald in Zukunft unterbinden und dadurch eine Renaturierung der degradierten Waldfläche fördern.' Diese Argumentationskette hat mehrere Vorteile für das Unternehmen: Kleinbäuerliche Landnutzung und Brennholzgewinnung für die Entwaldung und den Verlust von Biodiversität verantwortlich zu machen, erleichtert es, von den eigentlichen Risiken für biologische Vielfalt und ihrer Zerstörung durch die Mine, den Staudamm, etc., abzulenken. Weil die Gefahr einer Zerstörung des Waldes auf Jahrzehnte bzw. Jahrhunderte abgewendet werden muss (in anderen Worten: so lange, wie der Biodiversitätsverlust durch Bergbau, Staudamm, etc. weiterbesteht), bestimmen die Bedürfnisse des Konzerns die Landnutzung sowohl auf der Kompensationsfläche als auch dort, wo der Bergbau stattfindet oder der Stausee Ackerland flutet. Aus diesem Grund warnen Kritiker/innen vor einem doppelten Landraub, bei dem die Bedürfnisse von Konzernen die Bedürfnisse von kleinbäuerlicher Landwirtschaft an zwei Standorten übertrumpfen.

Neue Trends, alte Konflikte

Ein Trend, der sich in den letzten Jahren in Bezug auf die Kompensation von Biodiversitätsverlust abzeichnet, besteht darin, dass Unternehmen statt die Kompensationsmaßnahme selbst durchzuführen, eine Zahlung in Treuhandfonds leisten. Die Fonds setzen dann die Ausgleichsmaßnahmen um. Dies erschwert es, einem Bergbauprojekt oder Staudamm eindeutig die zum Ausgleich durchgeführte Kompensation zuzuordnen.

Ein weiterer Trend ist ein Wandel in der verwendeten Terminologie in den Veröffentlichungen von Konzernen und der Naturschutzindustrie zum Thema Kompensation. In vielen Broschüren von Konzernen und Naturschutzorganisationen wird der im Englischen bisher gängige Begriff biodiversity offset kaum noch verwendet. Stattdessen erscheinen in diesen Publikationen sowie in Planungsdokumenten, Genehmigungsentscheidungen und Finanzierungszusagen immer häufiger Formulierungen wie ‚Quantifizierung von Verlusten und Gewinnen‘, ‚Netto-Biodiversitätsgewinn‘ oder das Ziel, den ‚Netto-Verlust‘ (No Net Loss im Englischen) von biologischer Vielfalt durch die Einrichtung von Biodiversitätsbanken und Treuhandfonds zu verhindern. Es wäre jedoch ein Fehler, die Abkehr vom bisher häufig verwendeten Begriff biodiversity offset als Signal zu verstehen, dass das Instrument der Kompensation für Bergbau- und andere Konzerne, für die Naturschutziundustrie oder für Institutionen wie den IFC und die Weltbank an Attraktivität verliert.


Weiterführende Literatur und Quellennachweise:

World Rainforest Movement (2018): "Mainstreaming biodiversity" in extractive industries: Concealing devastation and land grabbing. 

ReCommon (2017): Your Mine. Video about a biodiversity offset project in Madagascar. 

ReCommon and World Rainforest Movement (2016): Rio Tinto’s biodiversity offset in Madagascar – Double landgrab in the name of biodiversity? 

International Rivers website on the Bujagali dam.

A. Brock & A. Dunlap (2018): Normalising corporate counterinsurgency: Engineering consent, managing resistance and greening destruction around the Hambach coal mine and beyond. Political Geography 62: 33-47.

IUCN and TBC (2017): 'Understanding Government Biodiversity Offset Policies in the Mining Sector.' 

Total (2018): Total and Biodiversity. Commitments and Action.

M. Christensen (2008): RMLA Conference. Biodiversity Offsets – A Suggested Way Forward. Anderson Lloyd Lawyers. September 2008. 

J. Kill (2014): Finanzprodukt Natur. Wirtschaft & Umwelt Schwerpunkt Naturschutz. 2014/02. 

M. Heuwieser (2016): Wir schützen die Umwelt …woanders. Biodiversitäts-Offsets – Eine Lizenz zur Naturzerstörung. In: FDCL (2016): Geld wächst nicht auf Bäumen – oder doch? 

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