Schluss mit der Karriere wegen schwarzer Schminke?

Hintergrund

Im US-Bundesstaat Virginia hat ein altes Foto des Gouverneurs, auf dem er angeblich als Schwarzer geschminkt ist, erneut eine landesweite Debatte über Rassismus ausgelöst.

Foto des Vaudeville-Stars Bert Williams als schwarzer Mann geschminkt.

Vergangenen Freitag veröffentlichte die konservative Website Big League Politics ein Foto aus dem Klassen-Jahrbuch der Eastern Virginia Medical School des Jahrgangs 1984. Unter der Seite des damaligen Studenten Ralf Northam, heute Gouverneur des Bundestaates Virginia, ist ein Foto von zwei Männern zu sehen: beide mit Bierdosen in der Hand, einer mit pechschwarz geschminktem Gesicht, Sonnenbrille und Strohhut, der andere in weißer Ku-Klux-Klan Bekleidung. Darunter steht das Zitat „Es gibt mehr alte Besoffene als alte Ärzte in der Welt, deshalb trink ich lieber noch’n Bier“.

Beschreibung: Eine lokale Zeitung twitterte das Foto aus einem alten Universitäts- Jahrbuchs des Gouverneurs, kurz nachdem es von der Website Big League Politics veröffentlicht wurde. Ob der Gouverneur selber abgebildet ist, bleibt umstritten.

Seit Tagen sorgt das Foto für landesweiten Aufruhr. Northam bestätigte zunächst, dass er einer der abgebildeten Männer sei und entschuldigte sich per Video-Nachricht bei den Wähler*innen. Einen Tag später behauptete er bei einer Pressekonferenz, er sei doch nicht auf dem besagten Foto abgebildet, er hätte jedoch bei einem Tanzwettbewerb in seiner Jugend schwarze Schminke getragen, um Michael Jackson darzustellen. Northam sagte in seiner Erklärung: „An dem Ort und in der Zeit, in der ich aufgewachsen bin, galten viele Sachen, die wir heute richtigerweise als abstoßend anerkennen, als normal“.

Innerhalb weniger Stunden hatten die führenden Stimmen der Demokraten Northam zum Rücktritt aufgerufen. „Diese Bilder erregen Wut, Schmerz und erinnern an rassistische Gewalt, die Jahrhunderte alt ist. Sie haben jegliches Vertrauen in Gouverneur Northam‘s Führungskraft untergraben […] Er sollte daher zurücktreten“, erklärte Senator Cory Booker per Twitter.

Inzwischen hat sich der Skandal ausgeweitet: wenige Tage später gab der demokratische Generalstaatsanwalt Mark Herring bekannt, dass auch er sich als junger Mann  mit schwarzer Farbe geschminkt hatte, um einen dunkelhäutigen Menschen darzustellen. Auch dem republikanischen Fraktionsvorsitzendem im Landtag wird vorgeworfen, in seiner Studienzeit Redakteur eines Jahrbuchs mit zahlreichen rassistischen Fotos gewesen zu sein.

Der Fall, der sich ausgerechnet während des Black History Monats ereignet, dominiert derzeit die US-amerikanischen Nachrichten. Politiker*innen und Kommentator*innen sind sich einig: Sich in den USA als Schwarzer zu schminken, ist rassistisch und keines Amtsträgers würdig.

Viele Amerikaner*innen hinterfragen die rassistische Motivation von  „Blackface“

Doch der scheinbar breite Konsens verdeckt einen weitverbreiteten Unmut innerhalb der US-amerikanischen Gesellschaft. Denn nicht alle verstehen, warum ein bisschen schwarze Schminke in der Jugendzeit Northams erfolgreiche politische Karriere beenden sollte. Vielleicht mochte er einfach Michael Jackson, was soll‘s?

Die konservative Fernsehkommentatorin Megan Kelly brachte diese Zweifel letzten Oktober in einer Debatte über Halloween-Kostüme zum Ausdruck:

Ich bin der Meinung, dass diese politische Korrektheit Amok gelaufen ist.  […] Man bekommt Ärger, wenn man sich als weißer Mensch das Gesicht schwarz schminkt oder sich als schwarzer Mensch weiß schminkt. In meiner Kindheit war das okay, solange man sich als eine Figur verkleidete […] Wer liebt nicht Diana Ross? [...] Ich verstehe nicht, wie solche Halloweenverkleidungen plötzlich rassistisch wurden.

Der Fernsehsender NBC kündigte prompt Kellys Vertrag. Doch das Studiopublikum hatte auf ihren Kommentar hin applaudiert und schien ihre Fragestellung zu teilen: Warum sollte man sich nicht als Diana Ross schminken dürfen? Warum wird das plötzlich als rassistisch verurteilt?

Eine lange Geschichte rassistischer Darstellungen

Wie schwarze Schminke rassistisch wurde, ist in den dunkelsten Epochen der US-amerikanischen Geschichte zu finden. Anfang des 19. Jahrhunderts, während in den Südstaaten noch die Sklaverei herrschte, entwickelten Komiker in New York eine neue Form des amerikanischen Varieté-Theaters. Sie schminkten sich mit schwarzer Schuhcreme, großem roten Mund und/oder riesigen Glotz-Augen und bedienten sich den übelsten Stereotypen, um Afro-Amerikaner*innen als faul, dumm, instinkt-getrieben und übersexualisiert darzustellen. Bestimmte Figuren, wie der sogenannte „Jim Crow“, waren beim weißen Publikum besonders beliebt und „Jim Crow“ Tänze und Lieder wurden zum Kanon der neuen Kunstform.

Ein Werbebild für den Film The Jazz Singer (1927) von Warner Bros. Der Schauspieler Al Jolson stellt sich in schwarzer Schminke als „Jack Robin“ dar und singt „My Mammy“, ein Lied über die schwarzen Frauen, die für die Kinder der weißen Sklavenhälter sorgten.
„Blackface“, wie die Nutzung schwarz-geschminkter Darsteller*innen genannt wurde, etablierte sich und dominierte auch Jahrzehnte nach Abschaffung der Sklaverei weiterhin die amerikanische Unterhaltungsindustrie.  Auch Hollywood bediente sich der „amüsanten“ Karikatur. 1938 erschien im Film „Everybody Sing“ eine junge, schwarz geschminkte Judy Garland; mit überzogenem weißen Mund und unschuldigem Blick singt sie vom schönen Leben im alten Süden. Auch die junge Shirley Temple wurde 1935 in einem Film über die Folgen des Bürgerkriegs mit schwarzer Schminke dargestellt. In späteren Filmen tantzt sie strahlend neben glückseligen, schwarz geschminkten Sklaven.

Nicht alle Blackface-Aufführungen waren komödiantisch. In dem rassistischen Kultfilm „Birth of a Nation“ von 1915 stellen weiße Schauspieler in schwarzer Schminke gefährliche, übersexualisierte schwarze Männer dar, die aus tierischer Begierde weiße Frauen vergewaltigen.

Für ein weißes Publikum dienten derartige Karikaturen nicht nur als Unterhaltung, sondern als Rechtfertigung für die gesellschaftliche Diskriminierung und Dehumanisierung schwarzer Menschen: zu dumm, um frei zu sein; zu faul, um nicht unter der harten Hand eines Sklavenhalters zu arbeiten; zu gefährlich, um sich mit der weißen Gesellschaft zu vermischen.
Blackface-Karikaturen waren der bildliche Ausdruck einer gesellschaftlichen Logik und Machtstruktur. So wie der Nationalsozialismus das Bild des großnäsigen, geizigen Judens erfand, um letztendlich seine Enteignung und Vernichtung zu rechtfertigen, erfand das weiße Amerika die absurde Karikatur des „Jim Crow“ und rechtfertigte somit die Unterordnung von Afro-Amerikaner*innen.

Ob Northam zurücktritt oder nicht, der Rassismus bleibt

Als US-Amerikaner*innen können wir uns von dieser Geschichte nicht befreien. Sich in den USA das Gesicht schwarz anzumalen, erinnert an die Jahrhunderte lange Dehumanisierung schwarzer US-Amerikaner*innen—egal, was damit gemeint war oder wie sehr man Michael Jackson mag.

Dass Blackface und andere Formen rassistischer Diskriminierung trotzdem bis in die 1980er Jahre in Virginia alltäglich waren, wie Northam beteuerte, ist nicht weiter verwunderlich. Jedoch gerade dort, im alten Süden, wo die Erinnerungen an die Zeiten der Sklaverei und der Segregation noch frisch sind, und wo 2017 ein gewalttätiger Mob in Charlottesville für weiße Vorherrschaft marschierte, sind sie besonders schmerzhaft.#

Der Skandal ist dabei auch von Scheinheiligkeit geprägt. Republikaner verurteilen Northams Verhalten besonders leidenschaftlich und sogar Trump twitterte ein strenges „Unverzeihlich!“. Für US-Amerikaner*innen, die sich seit zwei Jahren gegen die diskriminierende Gesetzgebung des republikanischen Präsidenten wehren—von islamfeindlichen Asylregelungen bis hin zu gezielten Versuchen, das Stimmrecht schwarzer Wähler*innen einzuschränken—wirkt die Empörung der republikanischen Partei heuchlerisch. Denn schließlich ist nicht nur die schwarze Schminke im Gesicht rassistisch, sondern die gesamte Ideologie, die dahinter steckt. Doch, um diesen tiefgreifenden, strukturellen Rassismus zu bekämpfen, braucht es Amtsträger*innen mit klaren, ethischen Grundsätzen. Dafür scheint Northam nicht mehr der Richtige.