Maike Janssen, Bauhaus-Universität Weimar

Digitalisierung der Organisation / Organisation der Digitalisierung. Situationsanalyse eines Software-Herstellungsprozesses und seiner Effekte für das Krankenhaus

Unter den Bedingungen von Digitalisierung, Kostendruck und dem doppelten Imperativ des Versorgens und des Forschens entwickelten drei Fachärzt*innen für Nierenheilkunde (Nephrologie) an einer deutschen Universitätsklinik die Idee, ihre Patient*innen auch außerhalb der Klinik via Smartphone-App zu betreuen. Unter anderem sollte die App es dieser Patientengruppe ermöglichen, den eigenen Gesundheitszustand und die Therapietreue (Adhärenz) dauerhaft zu überwachen. Die eingegebenen Werte wären dann jederzeit und an jedem Ort – außerhalb der Klinik, in der Klinik oder zur Routineuntersuchung in der Praxis – vorhanden, um eine optimale Behandlung zu ermöglichen. Um die Idee umzusetzen, wurde ein Projektantrag im Zuge der Industrie-4.0-Wirtschaftsförderung gestellt. Aus der sektoren- und branchenübergreifenden Zusammenarbeit ergab sich ein Arrangement, das man mit Anselm Strauss und Howard Becker als Aufeinandertreffen verschiedener „sozialer Welten“ in der „Arena“ des Herstellungsprozesses beschreiben kann.

Aus der ethnografischen Beforschung dieses Software-Entwicklungsprozesses bildete sich zuerst ein spezifisches Theorie-Methoden-Paket heraus, bestehend aus einer Situationsanalyse der Software als Grenzobjekt, ergänzt durch Perspektiven der Artefaktanalyse und der Struktureffektanalyse. Zweitens enstanden gegenstandsverankerte Forschungsfragen betreffend die mehrwertige Logik von digitalen Artefakten in Entstehung, zu ihrer Rolle für soziale Ordnung und zu Annahmen über das digitalisierte Krankenhaus. Drittens konnte ich auf Basis meiner Analysen Erkenntnisse zur empirischen Beforschbarkeit von und zur theoretischen Aussagekraft von Software in Entwicklung generieren. Die Arbeit vollzieht die transformativen Bewegungen von Objekt, Innovationsgemeinschaft und den verschiedenen Erwartungen, Deutungen und Akteurkonstellationen im nächsten Krankenhaus nach und kommt zu einem überraschenden Ergebnis: Aushandlungen über die Digitalisierung des Krankenhauses werden vermittelt über das noch nicht fertige Software-Objekt, das jedoch nicht geeignet scheint, alle beteiligten sozialen Welten und ihre Anforderungen miteinander zu verknüpfen. Eine Begründung: Der digitale Code ist für die Mehrzahl der Akteure so unzugänglich, dass das „materielle“ Objekt kaum in die verschiedenen Interpretationen einbezogen werden kann. Stattdessen wird ein vielgestaltiges diskursives Objekt konstruiert, orientiert u.a. an Förderrichtlinien, ökonomischen und reputationstechnischen Fixpunkten. Während die Software im Projektverlauf mehrfach aufgelöst und neu entwickelt wird, überdauert doch dieser chaotische Diskurs der „digitalen Lösung“ für das Krankenhaus.