Fellowships für Journalist*innen 2021 „Verschwörungsideologien in Europa: Ursachen, Gefahren, Prävention“

Fellowship

Die Heinrich-Böll-Stiftung verleiht in diesem Jahr drei Journalismus-Fellowships für Journalist*innen, Blogger*innen und Medienschaffende mit dem Ziel: die Ursachen, Gefahren und Präventionsmöglichkeiten der Verbreitung verschwörungstheoretischer Ideologien und rechtsextremen Gedankenguts in europäischen Ländern zu untersuchen.

truth wird auf schreibmaschine geschrieben

Das Jahr 2021 startete mit einem Knall. Am 6. Januar 2021 stürmten rechts-radikalisierte Anhänger*innen Donald Trumps das Kapitol in Washington, mit der erklärten Motivation die endgültige Bestätigung Joe Bidens als Wahlsieger und US-Präsidenten zu verhindern. Unter ihnen waren auch eine große Anzahl von Q-Anon Anhänger*innen, einer rechtsextremen Bewegung von Verschwörungstheoretiker*innen, die besonders im Pandemiejahr 2020 international an Stärke und Bedeutung gewonnen hat. Die Mitstreiter*innen von Q-Anon glauben an Weltverschwörungstheorien und verbreiten antisemitische und rassistische Narrative vor allem über Online-Chatgruppen und in Sozialen Netzwerken. So abstrus die postulierten Verschwörungserzählungen oft klingen, so hartnäckig werden sie jedoch von ihren Anhänger*innen verteidigt - und die Bewegung findet täglich neue Mitstreiter*innen. Q-Anon ist dabei nur ein Beispiel für eine bereits international vernetzte Gruppierung von Menschen, es gibt viele weitere. Doch wie ist es überhaupt möglich, dass derartige Erzählungen solch einen Resonanzboden finden? Wie ist es zu erklären, dass immer mehr Menschen in westlichen Gesellschaften in diese oder ähnliche Bewegungen abdriften?

Vor allem die Corona-Pandemie hat im letzten Jahr die Verbreitung kruder Theorien noch beschleunigt. In Frankreich sorgte Ende letzten Jahres der Verschwörungsfilm „Hold-up“ für Aufregung. Eine Studie der Universität Oxford ergab, dass in Großbritannien jeder vierte Verschwörungserzählungen zu „einem gewissen Grad zustimmt“. Die zunehmende Verbreitung von Verschwörungserzählungen verstetigt so auch die Verbreitung rechtsextremen Gedankenguts weltweit. Extremismusforscher*innen mahnen seit Jahren, dass Hate Speech im Internet zunehmend konkrete Folgen auch für das reale Leben hat und verweisen auf die Zunahme tätlicher Angriffe (Zahlen für Deutschland[1]), die rassistisch oder antisemitisch motiviert sind. Zugleich werden diese vielfach auf historische Muster  zurückgreifenden Narrative in aktuellen Kontexten neu interpretiert und von neuen rechten Akteur*innen in gezielten digitalen Kampagnen massiv eingesetzt und politisch instrumentalisiert.

Der Glaube an Verschwörungsideologien und deren politische Instrumentalisierung in konkreten Taten, in gezielten digitalen Kampagnen und Mobilisierungsaufrufen stellen so eine zentrale Gefahr für unsere liberalen Demokratien dar. Erschreckende Beispiele der jüngsten Vergangenheit sind die Attentate in El Paso, Christchurch sowie Halle und Hanau, in der sich die Täter im Internet radikalisierten und als Anhänger rechter Verschwörungsideologien gezielt Rezipienten waren. Auch Gewalttaten gegen (lokale) Politiker*innen haben stark zugenommen.

Wir wollen deshalb in diesem Jahr unser Fellowship der Frage nach den Ursachen, den Gefahren und den möglichen Präventionsmöglichkeiten dieser immer populärer werdenden Ideologien widmen, mit Blick auf ihre Bedeutung innerhalb unserer europäischen Gesellschaften. Dabei sollen die verschiedenen Facetten ihrer Entstehung und Ausprägung im nationalen Kontext und konkret vor Ort in Europa in den Blick rücken, aber auch, wie die internationale Vernetzung ihrer Anhänger*innen stetig weiter voranschreitet. Besonders interessiert es uns, spannende und beispielhafte kommunale oder zivilgesellschaftliche Projekte für Rassismus –und Antisemitismus Prävention vorzustellen, die als best practice dienen können, um mögliche Auswege aufzuzeigen.

 

Fragen, die im Rahmen der Artikel und Reportagen thematisiert werden sollen/können:

  1. Warum erleben wir eine Hochzeit der Verschwörungstheorien und wieso glauben immer mehr Menschen an sie? Welches sind die Ursachen für den Erfolg dieser Mythen?
     
  2. Welche Mythen und Verschwörungsideologien herrschen in einzelnen europäischen Ländern vor? Welche historischen Entstehungslinien lassen sich nachzeichnen? Welche konkreten Instrumentalisierungen und Kampagnen welcher Kräfte sind in einzelnen Länder identifizierbar? Inwieweit erreichen diese Phänomene und Kampagnen eine globale Dimension, wie weit sind rechtsextreme Strömungen und Verschwörungserzählungen vernetzt?
     
  3. Welche Gefahren für unsere liberalen Demokratien in Europa stellen sie dar?
     
  4. Welche positiven Beispiele für Präventionsprojekte, Antidiskriminierungsprojekte und Initiativen zur Bekämpfung von Antisemitismus und Rassismus können in den einzelnen Ländern als ‚best practice‘ Beispiele dienen?
     
  5. Welche europäischen Ländervergleiche lassen sich ziehen? Wie steht es um die europäische Vernetzung im Kampf gegen Verschwörungstheorien und deren Vertreter*innen?

 

Das Fellowship richtet sich an Journalist*innen oder Blogger*innen, die in deutschsprachigen Medien in drei Beiträgen (Print, Online oder Audio) innerhalb Europas berichten möchten. Dabei entscheiden die Autor*innen selbst über das Thema und den Rechercheort (bzw. Land). Die sich daraus ergebende Reportagen und Artikel sollen anschließend in deutschsprachigen Medien publiziert werden und werden ebenfalls auf der Homepage der Heinrich-Böll-Stiftung veröffentlicht.

Das Fellowship umfasst:

  • Recherche- und Reisehonorar in Höhe von 2000 Euro.
  • Unterstützung bei der Organisation von Interviews (die Reise soll bis 31. Oktober 2021 abgeschlossen sein*)
  • Das Reisehonorar wird zur Hälfte vor Antritt der Reise gezahlt, das restliche Honorar nach Veröffentlichung der drei Artikel

 

Bewerben können sich Journalist*innen bzw. Blogger*innen, die freiberuflich tätig sind, sich für das Thema interessieren und darüber berichten möchten. Die Artikel oder Hörbeiträge sollen in einschlägigen deutschsprachigen Medien platziert werden. Wir freuen uns über Bewerber*innen, die bereits Expertise bzgl. des Themenbereichs mitbringen oder zuvor zum Thema gearbeitet haben und auf Bewerbungen von Menschen mit Migrationsgeschichte.

Eine aussagekräftige Bewerbung enthält folgende Unterlagen:

  • Lebenslauf (1 Seite)
  • Formelles Anschreiben (1 Seite, Motivation, Qualifikation, Erfahrung)
  • Ausführlicher Recherchevorschlag für alle drei Artikel/ Hörbeiträge (insgesamt 1 Seite), der auf folgende Kriterien eingeht:
    • Vorschlag zur geplanten Storyline, Vorschlag zu Interviewpartner*innen, Planung zur Veröffentlichung
    • Reisedaten (Ort und Zeitraum, Minimum von 5 Reisetagen)
  • zwei aktuelle Arbeitsproben

Die Bewerbungen bitte bis zum 20. Juli 2021 an mediafellowships@boell.de senden.