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Nachrichten aus dem Nahen Osten und Nordafrika
Aktualisiert: vor 1 Stunde 25 Minuten

Warum Milch, Wasser und Benzin in Marokko boykottiert werden

14 Mai, 2018 - 12:49

Milch und Wasser einkaufen ist in Marokko dieser Tage gar nicht so einfach. Denn, es ist zu einem Politikum geworden. Seit Ende April werden die beiden marktführenden Produkte, Wasser von Sidi Ali und Milch von Centrale, boykottiert. Dasselbe gilt für den Sprit der marokkanischen Tankstellen-Kette Afriquia.

Angefangen hat alles mit ein paar Facebook-Posts, die dazu aufriefen, die genannten drei Marken einen Monat lang zu boykottieren, um die Produzenten zu zwingen, die Preise für Wasser, Milch und Benzin zu senken. Der Aufruf verbreitete sich wie ein Lauffeuer – ohne prominente Initiatoren, ohne Unterstützung von politischen Parteien und anderen Organisationen. Im ganzen Land ist der Boykott mittlerweile Thema. Zeitungen und Zeitschriften bringen Titelgeschichten. Die sozialen Medien quellen über. Und Politiker und Konzerne reagieren unbeholfen bis patzig.

Bei dem Boykott geht es aber längst nicht nur um hohe Preise. Mit der Kampagne ist ein heterogenes Bündel von enttäuschten Erwartungen, latenter Unzufriedenheit und handfestem Frust verknüpft. Jeder in Marokko kennt Sidi Ali, Centrale und Afriquia. Dasselbe gilt für die Personen und Familien, denen die Unternehmen gehören. Auf sie und auf das System, für das sie stehen, richtet sich die Wut vieler Marokkanerinnen und Marokkaner. Denn ihre schier unermessliche politische und wirtschaftliche Macht spottet den alltäglichen Sorgen, unter denen die Menschen leiden: Steigenden Lebenshaltungskosten, Arbeitslosigkeit und Korruption.

Sinnbild hierfür ist der Besitzer der Afriquia Tankstellen, Aziz Akhannouch. Er ist nicht nur amtierender Landwirtschaftsminister und Vorsitzender der Regierungspartei RNI, sondern auch der reichste Mann Marokkos. Der Boykott hat ihn aber offenbar überrascht – zumindest lassen seine unglücklichen Reaktionen dies vermuten. Zuerst tat er den Boykott als rein virtuelle Kampagne ab, die keinerlei Bedeutung habe. Kurz darauf appellierte er an die Boykotteure, doch woanders spielen zu gehen. Ähnlich ungeschickt äußerte sich ein Direktor des Centrale-Konzerns, der mittlerweile zum Multi Danone gehört. Wer die Centrale-Milch boykottiere, sei ein Vaterlandsverräter, da er die heimische Wirtschaft schwäche. Gleichzeitig brachte Centrale erstaunlich schnell eine neue Verpackungs-Edition für seine Milch auf den Markt, die dem marokkanischen Kulturerbe gewidmet ist. Für die sozialen Medien war das natürlich ein gefundenes Fressen, bestätigten die Aussagen doch nur, was viele ohnehin schon denken: Die da oben scheren sich nicht um uns und unsere Sorgen und Nöte.

Doch neben dem Verdruss über soziale Ungleichheit, hohe Preise und Monopol-ähnliche Wirtschaftsstrukturen, schwingt auch viel Euphorie und Hoffnung in der Boykott-Kampagne mit. Insbesondere junge Leute sehen in ihr eine neue, vielversprechende Aktionsform. Unter ihnen viele, die sich 2011 für die Bewegung 20. Februar engagiert haben, mittlerweile aber von der stagnierenden politischen Transformation enttäuscht sind. In dem Boykott sehen sie eine Möglichkeit, neuen Reformdruck aufzubauen, ohne eine Verhaftung zu riskieren. Noch. Denn letzte Woche hat die Regierung angekündigt, dass sie Boykottaufrufe, denen falsche Informationen zugrunde liegen, zukünftig strafrechtlich verfolgen werde.

Die realen Effekte des Boykotts lassen sich jenseits der Flut an Facebook-Posts nur schwer abschätzen, da bislang weder die betroffenen Unternehmen noch die Supermärkte Zahlen über verkaufte Wasserflaschen, Milchtüten und Tankfüllungen veröffentlicht haben. Messbar sind aber die Kurseinbrüche der Aktien von Afriquia und Centrale-Danone an der Börse in Casablanca.

Wie es weitergeht? Das ist ungewiss. Es dürfte schwer werden, die Kampagne ohne zentrale Koordination und klare Forderungen über einen längeren Zeitraum durchzuhalten. Zumal diese Woche in Marokko der Ramadan beginnt. Gleichzeitig hat der Boykott aber schon jetzt ein Ausmaß angenommen, das Befürworter und Gegner überrascht hat. Die erstaunliche Dynamik, die der Boykottaufruf entwickelt hat, zeigt, wie sehr es unterhalb der Oberfläche gärt. Die Boykott-Kampagne hat der latenten Unzufriedenheit im Land ein Ventil gegeben.

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Wie das Radler in den Libanon kam

7 März, 2018 - 11:44

 

Radler im Libanon (c) hbs Beirut

Ein Gastbeitrag von Bastian Neuhauser

Wenn sich jemand auskennen muss mit den Details der Biergeschichte, dann ist es wohl der Verein zur Förderung der Fränkischen Braukultur. Auch wenn auf den ersten Blick nicht klar wird, warum diese Kultur in einem Gebiet wie Oberfranken, auf dessen gut 1 Million Bewohnern gut und gerne 160 Brauereien kommen,  spezieller Förderung bedarf, bietet sie doch erhellende Einblicke in die Geschichte des Radlers.

Das Radler wird von Menschen im hohen Norden Deutschlands auch Alster genannt, von benachbarten Bergbewohnern auch Panasch, und von den Liebhabern gekochter Fleischware anscheinend auch Wurstwasser. Während die Legende besagt, dass das Getränk 1922 vom findigen Münchner Wirt Max Kugler zur Verpflegung einer eintreffenden Radfahrergruppe erfunden wurde, klärt der Verein auf: Mitnichten! Alles nur erfunden und erlogen! Die Fachzirkel der Genesis regionaler Biermischgetränke sind sich heute sicher, dass die Radlermaß bereits Ende des 19. Jahrhunderts in einem der zumeist sozialdemokratisch geprägten Radlerklubs erfunden wurde. Es handelt sich also geradezu um das Ambrosia der gemäßigten Linken; was Obelix sein Zaubertrank, Popeye sein Spinat, ist der Sozialdemokratie ihr Radler.

Von dort an – vermutlich aus Gründen nachbarschaftlicher Zuneigung oder aus Liebe zur deutschen Sozialdemokratie – hat es sich sie niederländische Industriebrauerei Heineken zur Aufgabe gemacht, dieses Vermächtnis um die ganze Welt zu tragen. Und das wohlweislich nicht als britisches Shandy oder französisches Panaché, sondern unter seinem angestammten Münchner Bierkellernamen: Ob Honshu oder Honduras, Schweden oder Swasiland, das Radler sollte „Radler“ bleiben. Und so begab es sich, dass Heineken die libanesische Brauerei Almaza und mit ihr gut  70% des libanesischen Brauereigeschäftes übernahm, und eines Tages das Radler nach Beirut kam.

Nun bleibt abzuwarten, ob dieses Biermischgetränk im Libanon einen ähnlich erfolgreichen Siegeszug antritt wie im gemäßigten Klima Mitteleuropas. Die Libanes_innen besitzen viele Talente – zweifelsohne einen ganz ausgeprägten Sinn fürs Geschäft, die perfekte Organisation von Hochzeiten biblischen Ausmaßes und eine Treue zu ihren politischen Idolen bis dass der Tod sie scheide – doch Kompromiss und Mäßigung sind nun leider keine davon. Reden ist Silber, Schreien ist Gold. Man füllt sein Haus mit barockem Mobiliar, verlängert Wimpern bis sie von innen an die Sonnenbrille kratzen, errichtet Statuen von Heiligen, die den Koloss von Rhodos vor Neid erblassen lassen würden. Es werden Delikatessen bestellt, bis auch die letzte Kreditkarte bedingungslos vor der Konsumlust ihrer Besitzer kapituliert, Musik wird aufgedreht bis sich die getönten Scheiben der SUVs am liebsten aus ihren Halterungen in den wohlverdienten Freitod stürzen würden und man brettert betrunken über Autobahnen zum nächstbesten Club auf der Suche nach dem letzten Rest Exzess, als gäbe es kein Morgen im Morgenland.

Auch das Parlament gibt hierbei kein Vorbild. In maßloser Auto-Apotheose streiten sich dort alte Männer, scheinbar gerade mühsam aus Uniformen in uniforme Anzüge geschlüpft, einig in ihrer Uneinigkeit. Man trifft sich einmal, zweimal, fünfundvierzigmal, bei Regen, Donner, Wetterstrahl, und geht ohne Entscheidung wieder auseinander. Sie zeugen stur von einer selbstgerechten Selbstüberhöhung, einer Unwilligkeit Mittelwege zu finden oder Lösungen für Probleme, die dringender sind als lang überbaute grüne Linien: pah, lieber Konkurs als Konkordanz, sollen sie doch Knefeh essen! Und wenn schon Vertreter des Volkes dazu nicht gewillt sind, warum sollte dann ein Kompromiss beim wohlverdienten Glas nach Feierabend gefunden werden? Warum zu Dabkeh und Dubstep etwas trinken, dessen Alkoholgehalt niedriger ist als der Anteil von Frauen im Parlament oder Grünflächen in Beirut? Nein, nein, man trinkt Arak statt Alster, und dreht die Musik noch etwas lauter.

Kein vielversprechender Ort also für das unschuldig halbherzige daherkommende Radler, diesen gebrauten Kompromiss. Doch wer weiß, vielleicht schafft es das Radler ja ein kleines bisschen Ausgeglichenheit in die Levante zu bringen. Vielleicht. Oder es ereilt ihn dasselbe tragische Schicksal, wie seinen Erfindern, den Sozialdemokraten in Bayern. Wünschen möge man es ihm nicht.

___________

Bastian Neuhauser

Bastian Neuhauser ist seit April 2017 Projektassistent im Büro der Heinrich Böll Stiftung in Beirut. Davor studierte er Politikwissenschaften und Soziologie unter anderem in Berlin.

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Zugang zu Wasser – eine Glückssache

21 Februar, 2018 - 14:48

Foto (c) hbs Ramallah

Von Zeinah Kamel

Wasser bedeckt drei Viertel der Erd-Oberfläche. Es ist das wichtigste Element des Lebens. Ohne Wasser – kein Leben. Manche Menschen haben immer sauberes Wasser, manche haben schmutziges Wasser, und manche haben gar keine sichere Wasserversorgung. So wie die Palästinenser: sie versuchen immer, sich Wasser zu besorgen.

Wenn man Palästina von oben anschaut, dann sieht man sehr viel Wasser. Aber wenn man näher heranzoomt, dann sieht man nichts als Wasser-Behälter auf den Dächern der Häuser. Darin wird das Wasser gespeichert, das Palästinenser verbrauchen. Fließendes Wasser aus der Leitung, wann immer man es braucht – das gibt es nicht.

Plastik-Wasserbehälter in Ramallah, Foto (c) hbs Ramallah

Das Wasser in Palästina ist knapp. Warum? Weil Israel das Wasser kontrolliert. 1967 besetzte Israel im Zuge des Sechs-Tage-Krieges die syrischen Golanhöhen und das Westjordanland. Dort liegen die wichtigsten Quellen und Zuflüsse des Jordans, die sich in den See Genezareth ergießen. Israel zapft so viel Wasser aus dem See ab wie es braucht. Rund drei Viertel des Jordanwassers fließen so aus dem See Genezareth in israelische Haushalte und auf israelische Felder. Das Quellwasser des Jordans geht daher zu 87 Prozent an Israelis und nur zu 13 Prozent an Palästinenser. Die Palästinenser haben keinen direkten Zugang zum Wasser des Jordan. Israel entnimmt aber auch Wasser aus den sogenannten Aquifern, den Grundwasseradern, die sich an der Küste und unter dem Westjordanland entlang ziehen. Die Palästinenser beziehen ihr Wasser von der israelischen Wassergesellschaft Mekorot, die es wiederum aus den Vorräten unter dem Westjordanland pumpt. Aber es ist teuer und nie genug. Und vor allem: es wird nur sporadisch geliefert.

Wenn es – ein-, zwei- oder dreimal die Woche – durch die Leitungen gepumpt wird, müssen die Palästinenser es in den großen Wasserbehältern auf ihren Dächern auffangen und speichern – um den Rest der Woche versorgt zu sein.  Manche haben einen Wasserbehälter für 500 oder 1000 Liter auf dem Dach, manche haben zwei Wasserbehälter und manche haben 3 oder mehr.

Große Familien benötigen viele Wasserbehälter, Foto (c) hbs Ramallah

Es hängt von dem Gebrauch der Familie ab. Ist der Behälter leer, muss man warten, bis wieder Wasser geliefert wird. In der Zwischenzeit kann man nicht kochen, nicht duschen und nicht waschen.

Die Frage, wann die Palästinenser Wasser bekommen, ist wie ein schwieriges Rätsel, das niemand lösen kann. Und es ist ein Thema, über das man in Palästina immer sprechen kann, wie in anderen Ländern über das Wetter. Man kann eigentlich nicht Palästinenser sein, wenn man nicht mindestens dreihundert Mal in seinem Leben gefragt hat: „Gibt es heute Wasser? “ „Haben wir noch Wasser in dem Behälter?“, „Wann sind wir dran?“

Die Wasserversorgung hängt davon ab, wie viele Siedlungen in der Nähe sind und wieviel Wasser die Siedler brauchen. In Bethlehem zum Beispiel, bekommen die Einwohner nur an drei oder vier Tagen in jeder dritten Woche Wasser. In Ramallah gibt es manchmal an 3 Tagen in der Woche Wasser – manchmal nur an einem Tag. Im Winter, wenn es regnet, gibt es mehr Wasser, aber niemand weiß, wann es gepumpt wird. Ein guter Tipp, um zu wissen ob es Wasser gibt oder nicht, ist, nach frisch gewaschener Wäsche Ausschau zu halten. Wenn überall in Palästina saubere Wäsche auf den Leinen hängt, dann weiß man, dass es gerade Wasser gibt.

Für Ausländer, die die besetzten Gebiete besuchen, ist es manchmal schwierig, zu erkennen, wo israelische Siedler leben und wo Palästinenser.  Die Wasserbehälter auf den Dächern sind ein sicheres Zeichen, dies unterscheiden zu können. Wo große Plastikbehälter auf den Dächern stehen, da leben Palästinenser. Wo nur die kleinen Metallbehälter für das aus den Sonnenkollektoren aufbereitete Warmwasser stehen, da leben Israelis.

Foto (c) privat

Zeinah Kamel aus Jifna im Westjordanland ist Schülerpraktikantin bei der hbs Ramallah. Im September wird sie ihr Studium in Deutschland aufnehmen.

 

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