Im digitalen Vormärz

Im digitalen Vormärz

Das Theater verschanzt sich hinter seinem (moralischen) Anstaltsgedanken, statt seine zweihundertjährige Erfahrung als Plattform und Medium für die eigene digitale Transformation zu nutzen.

In einem Dreieck aus Spiegeln – gefangen in der eigenen Wirklichkeit. Die szenische Installation des Medienkünstlers Benjamin Breitkopf und Szenografen Chris Daubenberger macht das Phänomen «Meinungsblase» erlebbar und hinterfragt das Verhältnis von Privatheit und Öffentlichkeit in sozialen Netzwerken. Auf einer großen Leinwand sind die Akteure für die anderen Besucher*innen sichtbar – im Spiegeldreieck sieht man nur sich selbst – Urheber/in: Benjamin Breitkopf. All rights reserved.

Im Transformationsprozess, den die traditionelle bürgerliche Öffentlichkeit unter dem Druck der Digitalisierung gegenwärtig durchläuft, könnten die Theater eine zentrale Rolle spielen: als Motor und Entwickler neuer, digitalbasierter Formen von Öffentlichkeit und Vernetzung, die keinen wirtschaftlichen Interessen unterworfen sind, als datengeschützte Plattformen gesellschaftlicher Auseinandersetzung und Labore für die demokratische Meinungs- und Willensbildung der Netzgesellschaft – sie könnten also wesentliche Mitgestalter des Raumes Internet im Digitalzeitalter sein.

In diesem Kontext muss man sich zunächst vergegenwärtigen, dass das Theater nicht allein eine Kunstform, sondern auch eine gesellschaftliche Praxis ist. Theater bestehen ja nicht nur aus den Bühnen, auf denen die Kunstform Theater sich abspielt. Sie sind gleichzeitig soziale Räume, wo Kunstrezeption mit sozialer Praxis kurzgeschlossen wird. Diese Praxis besteht im Wesentlichen darin, dass sich unterschiedlichste Mitglieder einer Gesellschaft gemeinsam an einem Ort versammeln, um einer szenischen Darstellung zu folgen. Der Gegenstand dieser Darstellung stammt dabei in der Regel aus einem gemeinsamen gesellschaftlichen oder kulturellen Erfahrungsraum.  

Ort der gesellschaftlichen Selbstperformance

Die Verständigung des Publikums über den jeweiligen Gegenstand dramatischer Verhandlung auf der Bühne ist wiederum ein Prozess zwischen individueller und öffentlicher Meinungsbildung, der oft bereits im Theater selbst als Kommunikation zwischen Zuschauer*innen in den Pausen oder nach der Vorstellung, in Foyers, Wandelgängen oder Bars beginnt. Dafür halten Theater neben der Bühne als Plattform der künstlerischen Darbietung stets ausreichend Raum bereit, wo auch das Publikum sein nicht unerhebliches performatives Potenzial entfalten kann: sei es durch das Vorzeigen mehr oder weniger spektakulärer Garderoben oder Frisuren beziehungsweise das mehr oder weniger demonstrative Negieren solcher Kleiderordnungen, bis hin zu mehr oder weniger demonstrativ zur Schau getragenen Formen des wissenden Umgangs mit dem jeweiligen Gegenstand der Darbietung.Theater ist also in hohem Maße auch ein Ort, an dem die Gesellschaft sich selbst performt.

Auch als Bauten waren Theater stets Abbilder der jeweils herrschenden Vorstellungen von Gesellschaft. So waren Theaterbauten des Barocks Spiegelbilder der feudalistischen Ordnung der Klassengesellschaft. Im Begriff «Rang» ist dieser Sachverhalt bis heute erhalten. Und ebenso wie die Guckkastenbühne auf die Zentralperspektive des Herrschers zugeschnitten war, bildete der Zuschauerraum die hierarchisch strukturierte Klassengesellschaft ab und deren – entsprechend ihrem Rang – der Perspektive des Herrschers nachgeordneten Sicht auf das Bühnengeschehen. Im 19. Jahrhundert ist mit der Entwicklung des parlamentarischen Gedankens eine Enthierarchisierung der Sitzordnung im Zuschauerraum ebenso zu beobachten wie eine Erweiterung der Begegnungsmöglichkeiten für das Publikum jenseits des Zuschauerraums.

Boten Theaterbauten dem neu auf der Bühne der Geschichte in Erscheinung tretenden Bürgertum zunächst nur pompöse Rahmungen an, wo sie in großer Garderobe höfisches Leben imitieren konnten, wurden Theater in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zunehmend zu Orten einer neuen städtischen und damit bürgerlichen Hochkultur. Die dort zelebrierten Rituale haben mit der zunehmenden Überschreitung von Schicht- und Standesgrenzen und im regen Austausch mit dem damals neuen Medium Zeitung und seinen expandierenden Feuilletons die Entstehung der modernen Öffentlichkeit und ihrer politischen Kultur, deren Erosion unter dem Druck der Digitalisierung wir gerade erleben, enorm beeinflusst.

Am Modell Theater wurde symbolisch im späten 19. Jahrhundert auch das Modell parlamentarische Demokratie eingeübt. Das Publikum begann, Gefühle sozusagen an die Darsteller*innen auf der Bühne zu delegieren, die stellvertretend für sie (nicht immer auflösbare) gesellschaftliche und private Konflikte verhandelten – so, wie sie später Entscheidungs- und Willensbildung an die gewählten politischen Repräsentanten delegierten. Parallel zur Vorstellung und über ihre Dauer hinaus wurde dann in einem komplexen Prozess der Meinungsbildung im Dialog mit dem (am Anfang des 19. Jahrhunderts noch vollkommen neuen) Medium Zeitung darüber befunden, wie gut die stellvertretende Konfliktverhandlung des Kunstwerks jeweils gelungen war.

In den Zeitungen ergriffen damals völlig neue (bürgerliche) Stimmen das Wort, die zuvor vom Diskurs ausgeschlossen waren. Die in den Jahren des deutschen Vormärz (die aktuell stark aus dem Fokus des Geschichtsbewusstseins gerückt sind, tatsächlich aber viel Potenzial bieten, den gegenwärtigen Transformationsprozess besser zu verstehen) langsam entstehende bürgerliche Öffentlichkeit hat das Führen eines öffentlichen Gesprächs samt Entwicklung der Spielregeln in seiner Implementierungsphase stark am Sprechen über das Theater eingeübt, damals ein ebenfalls vollkommen neues Medium der sich herausbildenden bürgerlichen Öffentlichkeit.

Das allgemeine Krisengefühl, das dem gefühlten Kontrollverlust der (damals noch feudalistisch strukturierten) Mainstreamgesellschaft über seine Diskurshoheit geschuldet war, ist an den hektischen Theater- und Zeitungszensurgesetzen jener Zeit bis heute gut ablesbar. Und gleicht in gewisser Weise dem Krisengefühl, das in der aktuellen Implementierungsphase digitalbasierter Medien und Kulturtechniken unsere Gegenwart prägt.   

Digitale Theaterformate entwickeln

War die Öffentlichkeit bisher stets Marktplatz und zivilgesellschaftliche Instanz, wo sich die einzelnen Mitglieder der Gesellschaft mit ihren Wahrheiten und Meinungen in der Auseinandersetzung mit Fakten, allgemein zugänglichen Informationen und vernünftigen Argumenten zu behaupten hatten, ist unter dem Druck der Digitalisierung der tradierte Öffentlichkeitsbegriff erodiert und in ein diffuses, enthierarchisiertes Gewirr von Öffentlichkeiten zerfallen. Gehörten Medien, denen man vertraute, zu den Konstanten dieser Öffentlichkeit, wird heute jede*r Einzelne zum Kämpfer auf dem Meinungsmarkt, via Social Media mit eigenem Medium.

So entstehen Suböffentlichkeiten und Blasen, in denen partikulare Sichtweisen und alternative Fakten blühen, die kaum Widersprüche zu fürchten haben und keine Vernunft: Denn es findet zwischen den einzelnen Meinungsblasen und Suböffentlichkeiten keine Osmose, geschweige denn Kommunikation mehr statt. Inzwischen können auch die alten Grundverabredungen, wer für wen spricht, oder wer von wem zum Sprechen (über wen) überhaupt ermächtigt ist, nicht mehr als allgemein verbindlich gelten, und zwar im Theater ebenso wenig wie in der Politik.

Doch statt auf seine fast zweihundertjährige Erfahrung als Plattform, Medium und Erfahrungsraum öffentlicher Auseinandersetzung zu rekurrieren, verschanzt sich das Theater hinter seinem (moralischen) Anstaltsgedanken. Nachdem die Digitalisierung als Phänomen lange überhaupt nicht als relevant für den eigenen Diskurs zur Kenntnis genommen wurde, beschränkt sich das Nachdenken über ihre Folgen inzwischen lediglich auf ästhetische, inhaltliche oder technologische Aspekte, die sich allein auf das Kunstwerk beziehen. Immer häufiger ist in diesem Kontext auch von digitalen Bühnen und Formaten die Rede, allerdings ausschließlich als Distributionskanäle für Produktionen, als Mediathek für Abgespieltes und als Archiv, wo die flüchtigste aller Kunstformen zumindest digital dingfest gemacht werden soll. Als elektronisches Leporello und Marketingtool sowieso.

Doch sind die Internetseiten der Theater hermetisch gegen Zuschauerbeteiligung abgeschirmt. Das Interaktivste, was dort in der Regel möglich ist, ist der Ticketkauf. Damit aber bieten die Theater, die stets so selbstbewusst auf ihre Nichtmarktorientiertheit verweisen, auch nicht mehr als ganz normale Internethändler an.

Doch Theater, das (auch im Netz) keine Orte mitdenkt, an denen das Publikum noch etwas anderes sein kann als Kunstkonsument und Frontalunterrichtsempfänger, verfehlt seine jahrtausendealte Tradition als Erfahrungsraum von Demokratie und Plattform öffentlichen Gesprächs. Es muss deshalb ein notwendiges Zukunftsprojekt der Theater sein, auch den digitalen Raum zu denken und zu gestalten: ihre Internetseiten zu mächtigen Social-Media-Plattformen auszubauen, digitale Theaterformate zu entwickeln, die den Ort des Publikums mitdenken, statt dieses Publikum lediglich mit einer versiegelten medialen Oberfläche zu konfrontieren, während es vor dem Bildschirm im Nichts versackt.

Das Theater muss also auch digital nicht nur als Kunstform, sondern auch als Ort und soziale Praxis gedacht werden, mit deren Hilfe die (Spiel-)Regeln der digitalen Demokratie ausdifferenziert werden können.

2 Kommentare

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D. Rust

Ein ganz ausgezeichneter Artikel von Esther Slevogt, man kann wünschen, er würde auch auf Nachtkritik.de und bei Zuschauerorganisationen veröffentlicht und bitte auf gar keinen Fall in einer Böll-Stiftungs-Blase versacken! - Danke dafür!

marie

ein aktuelles und spannendes thema, jedoch der letzte satz läd zu viel diskussion und nachdenken ein., denn wäre dann das theater wirklich noch der ORT? oder ist der ort dann schon das netz?

ich ganz persönlich mag einen konkreten ort, mit konkreten menschen - gern mit kantine ...

ich möchte gern, dass diese konkreten orte erhalten bleiben, es gern mehr davon gibt (und keine "kulturbefreiten zonen") und diese auch für ALLE bezahlbar bleiben ...

natürlich schließt das eine das andere nicht aus - in dänemark gibt es schon ein "einsamkeitsministerium" und zugang zum netz wohl flächendeckend

sorry, nachdenken und diskutieren wären angesagt - aber meine prioritätenliste für die kunst-theater-kulturlandschaft wäre eine ganz andere in einer so dominanten informationsgesellschaft, die m.m.n. schon unseren puls überfordert und die herzen auf der strecke bleiben läßt ...