Sind die afrikanischen Bauern nicht in der Lage, die Bevölkerung Afrikas zu ernähren?

Sind die afrikanischen Bauern nicht in der Lage, die Bevölkerung Afrikas zu ernähren?

Sind die afrikanischen Bauern nicht in der Lage, die Bevölkerung Afrikas zu ernähren?

Farmer in Ruanda. Foto: Jon Gosier - Lizensiert unter Creative Commons

10. Mai 2010
Von Theo Rauch
Wenn Menschen aus der westlichen Welt an das Afrika südlich der Sahara denken, so haben sie als hervorstechende Merkmale neben bewaffneten Konflikten und korrupten Politikern vor allem den Nahrungsmittelmangel, die Hungersnöte und die Unterernährung vor Augen. Statistische Erhebungen scheinen diesen Eindruck zumindest auf den ersten Blick zu bestätigen. Die Produktion an Grundnahrungsmitteln pro Kopf der Bevölkerung ist in den letzten fünf Jahrzehnten um etwa 15 Prozent zurückgegangen. Die Abhängigkeit des Kontinents von Getreideimporten ist dementsprechend gestiegen. In Verbindung mit Fernsehberichten über den Nahrungsmittelmangel erwecken diese Daten leicht die Vorstellung, die afrikanischen Bauern könnten, obwohl sie etwa 70 Prozent der Bevölkerung ausmachen, sich und ihre afrikanischen Landsleute nicht ernähren.

Wenn man sich die Daten genauer ansieht, ergibt sich allerdings ein differenzierteres Bild. In normalen Jahren können die meisten afrikanischen Staaten in der Regel genügend Nahrungsmittel produzieren, um den Grundbedarf der Bevölkerung zu decken. Das gilt allerdings nicht für Länder wie etwa Sierra Leone, Liberia, die Demokratische Republik Kongo, Simbabwe und den Tschad, die schwer unter bewaffneten Konflikten oder Bürgerkriegen zu leiden hatten. Darüber hinaus gibt es - vor allem in bestimmten semiariden Gebieten in den Ländern der Sahelzone und in Äthiopien - auch noch Länder, die immer wieder von Dürren heimgesucht werden und daher öfter auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen sind. In den meisten Ländern, genauer in mehr als zwei Drittel aller Fälle, hat dagegen seit der Unabhängigkeit die Produktion an Grundnahrungsmitteln mit dem Bevölkerungswachstum Schritt gehalten  - zwar nicht viel mehr, aber auch nicht viel weniger. In diesen 50 Jahren hat sich - solange Kriege und lang anhaltende Dürren ausgeblieben sind - nicht nur die Bevölkerung, sondern auch die Produktion an Grundnahrungsmitteln nahezu verdreifacht. Da der Anteil der Bauern an der Bevölkerung von 90 auf 70 Prozent zurückgegangen ist, hat der einzelne Bauer seine Produktionsmenge bei normalen, friedlichen Verhältnissen um etwa 30 Prozent erhöhen können.

Bewaffnete Konflikte und Dürre als Bremser

Die zusätzliche Produktion war größtenteils darauf zurückzuführen, dass mehr Land bearbeitet wurde. Nur ein geringer Anteil von etwa 25 Prozent ist auf eine Intensivierung der Landwirtschaft, also auf größere Erträge pro Hektar zurückzuführen. Somit ist die landwirtschaftliche Produktivität gemessen am Ertrag pro Hektar in den Gebieten südlich der Sahara immer noch deutlich geringer als in anderen Ländern, und das Ertragspotential des Kontinents wird bei weitem noch nicht voll ausgeschöpft. Während weltweit im Durchschnitt pro Kopf nur 0,12 Hektar kultivierte Fläche benötigt wird, brauchen afrikanische Bauern dafür immer noch 0,25 Hektar. Daher lässt sich beim derzeitigen Stand unserer Analyse konstatieren: anders als gemeinhin angenommen, waren die afrikanischen Bauern durchaus in der Lage, die rasch wachsende Bevölkerung ihrer jeweiligen Staaten zu ernähren, sofern sie nicht von bewaffneten Einheiten oder lang anhaltenden Dürreperioden daran gehindert wurden.

Dabei haben sie allerdings ihr mögliches Produktionspotential nicht voll ausgeschöpft. Mit anderen Worten: sie haben abgesehen von dem, was sie für ihren eigenen Lebensunterhalt benötigten, nur soviel Überschuss produziert, wie sie zu einem vernünftigen Preis verkaufen konnten. Fast überall waren es meist weder das begrenzte Leistungsvermögen der Bauern noch die begrenzten natürlichen Ressourcen, die eine Produktionssteigerung verhindert haben. Es war vielmehr die fehlende Nachfrage, der eingeschränkte Zugang zu Märkten oder unattraktive Marktbedingungen, die afrikanische Bauern daran gehindert haben, ihr Potential voll auszuschöpfen.

Eine Geschichte aus der Region um Sumbawanga im Südwesten Tansanias, die weit von der Hauptstadt Daressalam entfernt ist und in der Nähe der Grenzen zu Sambia und der Demokratischen Republik Kongo liegt, soll diese aus Makro-Daten abgeleitete Diagnose veranschaulichen. Ausländische Entwicklungshilfeorganisationen unterstützten in der Region die Produktion von Nahrungsmitteln. Als man in einem Workshop mit den Betroffenen herausfinden wollte, auf welche Weise die Bauern ihre Probleme bei der Nahrungsmittelproduktion lösen, stand ein Mann auf und meinte: „Wissen Sie, was wir machen? Wir beten!“ – „Ah ja, vermutlich für mehr Regen.“ – „Nein, Regen ist in der Regel nicht so sehr unser Problem. Wir beten, dass unsere Nachbarn in Sambia oder im Kongo von einer Dürre heimgesucht werden und zu wenig Nahrungsmittel haben. Das ist die einzige Möglichkeit, dass wir unsere Überschüsse los werden können.

Unsere Landsleute in Daressalam essen lieber den amerikanischen Mais, an den sie sehr günstig herankommen, für unseren Mais dagegen sind die Transportkosten zu hoch.“ In Verbindung mit den Subventionen der Industrieländer für ihre landwirtschaftlichen Produkte sorgt somit die Devisenpolitik der meisten afrikanischen Regierungen, die den Verbrauchern in den Städten lieber billig importierte Produkte bieten, dafür, dass afrikanische Bauern noch nicht einmal auf ihren eigenen Märkten konkurrenzfähig sind.

Aber auch Fehler bei der Zuteilung von Nahrungsmittelhilfe haben mit dazu beigetragen, die afrikanischen Bauern zu demotivieren. Ein Beispiel aus Sambia soll zeigen, wie solche Fehler alle Anstrengungen der Bauern, mehr Überschuss zu produzieren, zunichte machen können. Während in den südlichen Teilen Sambias eine Dürre herrschte, waren die nördlichen Regionen nicht ernsthaft betroffen. Weil Politiker aus einigen nördlichen Provinzen aber ihren in den Städten wohnenden Landsleuten mit billigem amerikanischen Mais aus Hilfslieferungen gefällig sein wollten, gaben sie manipulierte Zahlen heraus, die eine Notlage in der Lebensmittelversorgung vortäuschten. Die nordamerikanischen und europäischen Länder waren nur allzu gern bereit, diesen überhöhten Zahlen, die einen Nahrungsmittelmangel suggerierten, Glauben zu schenken, um die Überschüsse ihrer eigenen Bauern absetzen zu können.

Die Hilfslieferungen verzögerten sich und trafen dann in den nördlichen Provinzen Sambias ausgerechnet nach der nächsten Ernte ein, bei der ein Rekordergebnis erzielt wurde. Die Kleinbauern vor Ort, die bei dem Versuch, ihre Produktivität zu steigern, mit Erfolg unterstützt worden waren und die an die Transportprobleme bei der Vermarktung ihrer Überschüsse  gewöhnt waren, sahen nun zu ihrer Überraschung in der Region viele Lastwagen, die mit amerikanischem Mais beladen waren. Frustriert sagten sie sich: „Künftig werden wir wieder nur für unseren eigenen Bedarf produzieren.“

Ein ruinöser Konkurrenzkampf

Es ist den afrikanischen Bauern zwar gelungen, mit ihrer Produktion dem Bedarf für die Selbstversorgung und den Binnenmarkt gerecht zu werden, die Mehrheit (beziehungsweise deren Regierungen) hat es dagegen nicht geschafft, langfristig mit ihren Agrarprodukten auf den internationalen Märkten konkurrenzfähig zu bleiben. Der Anteil der afrikanischen Länder am internationalen Handel mit landwirtschaftlichen Produkten ist von den 1960er Jahren bis heute von acht auf zwei Prozent zurückgegangen. Während in den 1960er Jahren noch Nigeria über 80 Prozent des international gehandelten Palmöls abgedeckt hat, haben diesen Anteil inzwischen Malaysia und Indonesien übernommen. Bis 1990 war es die Handelspolitik der afrikanischen Regierungen mit ihrer Überbewertung der Währungen, zu hohen Steuern auf Exporte sowie weiteren Handelsbeschränkungen, die nach und nach die Konkurrenzfähigkeit der afrikanischen Produzenten untergraben hat.

Später dann lieferten sich die tropischen Staaten auf dem freien Markt einen ruinösen Konkurrenzkampf um die begrenzte internationale Nachfrage nach traditionellen landwirtschaftlichen Exportprodukten wie Kaffee, Kakao oder Bananen, was dazu geführt hat, dass die Erzeugerpreise sanken. Nur mit wenigen Produkten wie mit von Hand gepflückter Baumwolle sowie handverlesenen Früchten und Blumen und nur an wenigen Orten mit guter internationaler Verkehrsanbindung ist es afrikanischen Ländern gelungen, wieder konkurrenzfähig zu werden. Insgesamt ist die Produktion bei den für den Export bestimmten Agrarprodukten, den sogenannten Cash Crops, in den letzten fünf Jahrzehnten bei weitem nicht so stark gestiegen wie bei den Food Crops - den Grundnahrungsmitteln, die vorrangig für die Selbstversorgung und den Konsum im Inland bestimmt sind.

Somit wurden die afrikanischen Bauern nicht durch ein Konkurrieren zwischen Food und Cash Crops um sich verknappende Ressourcen davon abgehalten, mehr Grundnahrungsmittel anzubauen, sondern sie hatten  kaum irgendwo  eine Chance - sei es  mit Food Crops oder Cash Crops - ein ausreichendes Einkommen zu verdienen. Diese generelle Aussage gilt sicherlich nicht für alle Orte gleichermaßen. Natürlich gibt es dichtbesiedelte Regionen wie das kenianische Hochland, in denen Kleinbauern, die Subsistenzwirtschaft betrieben haben, ihren Eigenbedarf nicht mehr decken konnten, weil dort vermehrt wirtschaftlich bedeutende Cash Crops angebaut wurden. Es gibt jedoch zu viele andere Orte, an denen Familien auf dem Land verzweifelt (und oft vergeblich) versuchen, ein bisschen dazu zu verdienen, indem sie ihre landwirtschaftlichen Überschüsse verkaufen.

Einer weitverbreiteten Ansicht zufolge, die im übrigen in den reichen Ländern des Nordens häufiger vertreten wird als in den armen Ländern des Südens, führt die Produktion von Cash Crops in armen Ländern zu Hunger und Unterernährung. Diese Meinung basiert auf der Annahme, Hunger und Unterernährung seien in erster Linie auf begrenzte Produktionskapazitäten zurückzuführen. In den meisten unter Nahrungsmangel leidenden Regionen findet man jedoch reichlich Belege dafür, dass dort mehr als genug Lebensmittel vorhanden sind, die Menschen aber trotzdem hungern oder unterernährt sind, weil ihre Kaufkraft nicht ausreicht oder sie, wie Amartya Sen sagen würde, kein „entitlement“, also keinen Rechtsanspruch darauf, besitzen. Aus der Sicht der armen Kleinbauern gibt es mehrere gute Gründe, neben Nahrungsmitteln für den Eigenbedarf auch noch Cash Crops für den in- und ausländischen Markt anzubauen.

Der erste ist, dass sie im Rahmen ihrer vielfältigen Überlebensstrategien nicht nur ihre Nahrungsmittel weitgehend selbst erzeugen, sondern auch Bargeld einnehmen müssen. Im Vergleich zu anderen Möglichkeiten, Geld zu verdienen, wie Arbeitsmigration hat die Produktion von Cash Crops den Vorteil, dass sie auf dem Bauernhof selbst stattfinden kann und daher die Familien nicht auseinandergerissen werden müssen. Ein weiterer Vorteil einer  Kombination von Nahrungs- und Verkaufsfrüchten ist, dass anstelle einer die Bodenfruchtbarkeit reduzierenden (oder aber auf hohe Mineraldüngermengen angewiesenen) Nahrungsmittel (oft Mais)-Monokultur tendenziell ein diversifizierteres und nachhaltigeres System der Landnutzung tritt. Arme Bauern aus West-Kenia, die nur wenig Land besitzen, kombinieren z. B. ihr Grundnahrungsmittel Mais über einen Fruchtwechsel vor allem mit Cash Crops wie Erdnüssen, anstatt ihren Grad der Selbstversorgung mit Nahrungsmitteln auf Haushaltsebene mithilfe eines erhöhten Mineraldüngereinsatzes zu  steigern.

Der Fruchtwechsel reduziert Risiken, sorgt besser dafür, dass die Fruchtbarkeit des Bodens erhalten bleibt, verringert die Abhängigkeit von Düngemitteln und erlaubt es, das Arbeitspensum gleichmäßiger über die ganze Saison zu verteilen. Es gibt zahlreiche Cash Crops wie Baumfrüchte oder Gartenbauprodukte, für die man nicht so viele knappe Ressourcen wie Land oder Wasser benötigt oder die man außerhalb der Saison produzieren kann, wenn die Menschen nicht so stark mit Arbeit überlastet sind. Kurzum: die Produktion von Agrarprodukten, die für den Export bestimmt sind, konkurriert nicht zwangsläufig mit der Produktion von Nahrungsmitteln für den Eigenbedarf, kann aber im Rahmen eines vielfältigen existenzsichernden Anbau- und Erwerbssystems entsprechend den jeweiligen Verhältnissen die Produktion für die Selbstversorgung ergänzen.

In den letzten Jahrzehnten hatten afrikanische Bauern wenig Anreize, ihr Produktionspotential stärker auszuschöpfen: im Inland war die Nachfrage nach ihren Überschüssen gering, hinzu kamen unattraktive Erzeugerpreise sowie ein eingeschränkter Zugang zu den Märkten. Diese Situation hat sich jedoch seit dem Jahre 2005 grundlegend verändert. Die Preise für landwirtschaftliche Produkte sind in den letzten fünf Jahren gestiegen, ein Trend, dessen dramatischer Höhepunkt in den Jahren 2007/08 erreicht wurde, was in vielen Ländern mit einer dramatischen  Nahrungsmittelknappheit verbunden war. Die Preise sind zwar im Verlauf der globalen Wirtschaftskrise des Jahres 2009 wieder gefallen, liegen aber immer noch deutlich über dem Niveau aus der Zeit vor 2005, und es ist davon auszugehen, dass sie auf lange Sicht weiter steigen werden. Verantwortlich für diesen Trend ist vor allem zweierlei: zum einen die steigende Nachfrage der neuen Mittelklasse in den großen wachsenden Volkswirtschaften in China und Indien nach qualitativ hochwertigen Nahrungsmitteln wie Fleisch und Gemüse; zum anderen der Bedarf an biologischen Brennstoffen (durch den die Trends beim Erntepreis an die Trends beim Ölpreis gekoppelt werden). Infolgedessen werden die unausgenutzten Potentiale der Landwirtschaft südlich der Sahara einschließlich der Potentiale der Kleinbauern immer interessanter.

Regierungen und Hilfsorganisationen sind gefordert

Erstmals seit Jahrzehnten ist es in Afrika wieder attraktiv, Landwirtschaft zu betreiben. Die Tatsache, dass ausländische Investoren Land kaufen, zeigt, dass das Agrobusiness dieses Potential sehr schnell erkannt hat. Afrikanischen Kleinbauern fällt es dagegen deutlich schwerer, die neuen Möglichkeiten so rasch beim Schopf zu packen. Obwohl viele von ihnen ein beträchtliches Potential für eine Intensivierung ihrer Produktion haben, sind sie mehrheitlich nicht flexibel genug, diesen Spielraum schnell  zu nutzen. Sie werden von diesem Agrarboom auf dem falschen Fuß erwischt. Nach Jahrzehnten mit demotivierenden Preisen und ohne ein funktionierendes  landwirtschaftliches Vertriebsnetz haben sich viele Familienmitglieder von der Landwirtschaft abgewandt und anderswo nach besseren Verdienstmöglichkeiten umgesehen - ein Prozess, bei dem nicht nur Arbeitskraft, sondern auch viel landwirtschaftliches Know-how verloren gegangen ist. Bei den afrikanischen Regierungen und den internationalen Hilfsorganisationen sieht die Situation nicht viel anders aus. Auch sie haben seit 1990 die Landwirtschaft und die ländliche Entwicklung vernachlässigt. Dementsprechend sind sie ebenfalls nicht gut darauf vorbereitet, rasch zu reagieren und eine Intensivierung der Landwirtschaft zu fördern.

Was für die afrikanischen Kleinbauern  eine Chance sein könnte  – eine florierende Nachfrage nach landwirtschaftlichen Produkten –, ist jetzt für sie zu einer Bedrohung geworden. Wenn sie die neuen Möglichkeiten nicht schnell genug nutzen, wird es das internationale Agrobusiness tun, ohne dabei die Bauern vor Ort mit einzubeziehen, die dadurch von den natürlichen Ressourcen abgeschnitten würden. In Regionen mit einem hohen Potential an natürlichen Ressourcen müssen sich die Bauern dann zwischen zwei Möglichkeiten entscheiden: Entweder sie ergreifen die Chance, Vertragspartner von Unternehmen aus dem Agrobusiness zu werden, oder sie werden verdrängt und verlieren ihre kleinbäuerliche Existenzgrundlage. Sie geraten in Gefahr zu Saisonarbeitern ohne eigenes Land zu werden. Als Saisonarbeiter ohne eigene Subsistenzflächen werden sie kaum in der Lage sein, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten.

Regierungen und Hilfsorganisationen müssten die Kleinbauern jetzt tatkräftig dabei unterstützen, die neuen Möglichkeiten am Markt auch zu nutzen. Während das Agrobusiness sehr viel bessere Voraussetzungen hat, die Vermarktung sowie die Beschaffung der für die Produktion erforderlichen Materialen zu organisieren, ist kleinbäuerliche Produktion jener in landwirtschaftlichen Großbetrieben oft konkurrenzüberlegen. Entscheidend sind faire Vertragsbedingungen. Zu deren Aushandlung müssen Kleinbauern als verlässliche Zulieferer und starke Verhandlungspartner organisiert sein. Dies bedarf einer Unterstützung durch Regierungen und Entwicklungszusammenarbeit. Damit die neue Marktdynamik weder auf der individuellen noch auf der staatlichen Ebene die Ernährungssicherung gefährdet, müssten solche Verträge darüber hinaus genügend Spielraum bieten, dass die Bauern sowohl weiterhin für ihre Selbstversorgung produzieren, als auch den Bedarf auf dem nationalen Nahrungsmittelmarkt decken können.

Es gibt in Afrika jedoch viele Orte, an denen das Agrobusiness kein großes Interesse hat. Dort stehen die Bauern, die zum einen mit steigenden Erzeugerpreisen und zum anderen mit immer unsichereren klimatischen Bedingungen zu kämpfen haben, ebenfalls vor der Herausforderung, ihre landwirtschaftlichen Methoden intensivieren zu müssen. An solchen für die Wirtschaft uninteressanten Orten können standortgerechte, nachhaltige landwirtschaftliche Methoden, basierend auf einem möglichst geringen Einsatz kommerzieller Inputs   den Bauern die Möglichkeit bieten, ihre Produktion zu intensivieren. Da der private Wirtschaftssektor in der Regel nicht daran interessiert ist, Dienstleistungen für den Einsatz nachhaltiger Landnutzungspraktiken anzubieten, kommt der staatlichen Agrarforschung in Verbindung mit einer adäquaten Wissensvermittlung eine große Bedeutung zu. An vielen Orten ist dank der Unterstützung von NGOs oder Hilfsorganisationen bereits beträchtliches Wissen über nachhaltige Praktiken zur Landnutzung vorhanden. Die meisten dieser Verfahren können auch dazu beitragen, den Klimawandel abzuschwächen (weil mit ihnen die Emissionen der Treibhausgase verringert werden) oder eine bessere Anpassung zu ermöglichen (indem die Toleranz gegenüber schwankenden Niederschlägen vergrößert wird). Daher sind für Projekte, durch die dieses vorhandene Wissen stärker verbreitet wird, Förderungsmöglichkeiten erforderlich und gerechtfertigt.

Fazit

Solange afrikanische Bauern nicht durch Kriege oder lang anhaltende Trockenheit behindert wurden, ist es ihnen in etwa gelungen, die Produktion entsprechend dem Bevölkerungswachstum zu steigern. Darüber hinaus haben sie ihre Produktion allerdings nicht erhöht, weil die Marktbedingungen nicht attraktiv genug waren, als dass sich eine Investition zur Intensivierung der Produktion gelohnt hätte. Jetzt, da die Bedingungen attraktiver sind, sind im Gegensatz zum internationalen Agrobusiness weder die Bauern noch die Hilfsorganisationen so richtig darauf vorbereitet, flexibel auf die neuen Möglichkeiten zu reagieren. Wenn die Kleinbauern nicht dabei unterstützt werden, die steigende Nachfrage mit zu befriedigen, werden sie in dem Kampf um immer attraktivere landwirtschaftliche Ressourcen unter Umständen ihr Land verlieren, was mitten in einer Zeit, in der die Landwirtschaft boomt, zu einer immer größeren Nahrungsmittelunsicherheit führen würde.


Theo Rauch ist Honorarprofessor am Zentrum für Entwicklungsländer-Forschung des Geographischen Instituts der FU Berlin und am Seminar für Ländliche Entwicklung der HU Berlin. Er ist Autor eines Lehrbuchs "Entwicklungspolitik - Theorien, Strategien, Instrumente".

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