Südafrikas Atompolitik nach Fukushima

Foto: Philipp P. Egli, Quelle: wikipedia, Lizenz: CC BY 3.0

 

Jochen Luckscheiter
Interview mit Tristen Taylor, Energy Policy Unit, Johannesburg.

Während viele Länder weltweit begonnen haben, ihre bestehenden und geplanten Kernenergiekapazitäten zu überprüfen, erscheint die südafrikanische Regierung von den Ereignissen in Japan ungerührt und will an ihren Plänen zum Bau von bis zu sechs neuen Atomkraftwerken festhalten. Was sind Ihrer Ansicht nach die Gründe dafür?


In der Woche nach dem Unfall von Fukushima erklärte die südafrikanische Regierung ihre Absicht, bis spätestens 2030 weitere 9600 Megawatt an Kernenergie zu schaffen. Dies entspricht in etwa sechs europäischen Druckwasserreaktoren. Die Hauptgründe für diese Entscheidung lassen sich wohl am ehesten in dem starken Interesse Frankreichs (Areva will diese Reaktoren an Südafrika verkaufen) und bei der kleinen, aber einflussreichen Lobbygruppe von Atomwissenschaftlern in Südafrika finden.

Während sich die Begründungen immer wieder auf den niedrigen Kohlendioxidausstoß stützen, wie in dem Integrated Resource Plan der Regierung von 2010 (IRP2010) nachzulesen ist, liegt dieser Argumentation die Annahme einer Null-Emission zugrunde, anstatt die Emissionen anhand der Lebenszyklus-Analyse zu bewerten. Zudem verhindert der Bau neuer Atomkraftwerke in Südafrika keineswegs die Errichtung neuer Kohle-Kraftwerke gemäß des IRP2010, der bis zum Jahr 2030 eine 16383 Megawatt-Leistung an Kohle vorsieht. Seltsamerweise schätzt die Regierung die Kosten für Nuklearenergie als weniger bedenklich ein als die Ausgaben für erneuerbare und fossile Brennstoffe.

Wie steht es mit dem institutionellen und politischen Regelwerk zur Kernenergie in Südafrika? Sind Transparenz und Partizipation darin vorgesehen?

Das System ist undurchsichtig, und die Haltung des staatlichen Versorgungsunternehmens Eskom, der Aufsichtsbehörde NNR (National Nuclear Regulator) und der Atomic Energy Corporation von Südafrika bleiben in nuklearer Hinsicht der alten Apartheid-Mentalität der Geheimhaltung und Bevormundung verhaftet, ganz nach dem Motto: „Wir wissen schon, von was wir reden, vertraut uns einfach.“ Die Repräsentantin der Zivilgesellschaft bei der NNR sieht sich einer konstanten Abwehrhaltung gegenüber, so dass sie bereits mit ihrer Kündigung drohen musste, um sich Gehör zu verschaffen.

Für Earthlife Africa hat es sich als äußerst schwierig bis nahezu unmöglich erwiesen, Einsicht in den Stilllegungsplan für das Kernkraftwerk Koeberg zu erhalten. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird man, allein um diese grundlegenden Daten zu erhalten, gerichtlich vorgehen müssen, wie es Earthlife Africa bereits 2005 getan hat, um an die Informationen zu dem Kugelhaufenreaktor (PBMR Pebble Bed Modular Reactor) zu gelangen. 
Ein Überblick über die südafrikanische Atomindustrie ist in einem Kurzdossier des Institute for Security Studies zur Branche und ihrer Transparenz zu finden.

Wie sieht es mit Südafrikas Kompetenz im Bereich nukleare Sicherheit aus? Wie gut gelingt dem Land die Entsorgung des Atommülls?

Wie alle anderen Länder hat auch Südafrika keinen Plan, was mit seinem hochradioaktiven Abfall geschehen soll. Dieser wird in den Abklingbecken im Kernkraftwerk Koeberg gelagert. Zudem hat sich in den Abraumhalden der Goldminen des Landes bereits eine enorme Masse an Atommüll in Form von Uran angesammelt. Uran ist ein Abfallprodukt aus der Goldgewinnung im Witwatersrand-Becken. Das Uran belastet Bäche, Seen und außerdem die Wohnstätten der Menschen rund um Johannesburg; die Schlickdämme im Westen des Witwatersrand-Beckens enthalten schätzungsweise 100.000 Tonnen Uran. Erst letztes Jahr noch hat der NNR behauptet, dass sich die Strahlenbelastung im sicheren Bereich bewegt, musste dies dann aber revidieren und in Folge betroffene Menschen aus ihren Häusern evakuieren, nachdem die vorigen Berechnungen von einem internationalen Sachverständigen als falsch nachgewiesen worden waren. Der Goldabbau in Südafrika hat also ein großes Uranmüllproblem hinterlassen, das nicht angemessen thematisiert wird, obwohl eine Vielzahl von Menschen (meist arm und schwarz) dem Strahlenrisiko ungeschützt ausgeliefert ist.

Der Unfall im Kernkraftwerk Fukushima wurde durch einen Tsunami verursacht, dem ein 8,9 starkes Erdbeben vorausging. Wäre eine derartige Naturkatastrophe auch in Südafrika denkbar? Ist das Kernkraftwerk Koeberg bei Kapstadt für derartige Vorfälle gerüstet?

Das Kernkraftwerk Koeberg befindet sich in acht Kilometern Entfernung zur der Küste vorgelagerten Milnerton-Verwerfung und wurde so errichtet, dass es einem Erdbeben der Stärke 7 auf der Richter-Skala standhalten kann. Das letzte große Erdbeben das von dieser Verwerfung ausging, war im Jahr 1809 und ist mit 6,5 eingestuft worden. Es ist nicht auszuschließen, dass Erdbeben mit einer Stärke von 8 auf der Richter-Skala auftreten könnten.

Derzeit verlässt sich Südafrika stark auf Kohle bei der
Energieproduktion. Für die langfristige Begrenzung der Treibhausgase des Landes soll Kernenergie eine wesentliche Rolle spielen. Wäre es möglich, dass sich Südafrika zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaft ohne Kernenergie wandelt?


Eine kernenergiefreie, kohlenstoffarme Wirtschaft ist nicht nur möglich, sondern wäre höchstwahrscheinlich auch noch kostengünstiger als eine Zukunft mit Nuklearenergie. Mehrere Organisationen in Südafrika von Earthlife über WWF-SA bis Greenpeace haben dazu aussagekräftige Studien herausgegeben. Das Energieministerium hat erklärt, dass sie bereits ein Energie-Szenario ohne Kernenergie erstellt hätten, aber sie haben sich bisher geweigert, dieses Szenario zu veröffentlichen.

Was hält die breite Öffentlichkeit in Südafrika von der Atomkraft? Wie einflussreich ist die südafrikanische Zivilgesellschaft in der Vergangenheit in Fragen der Atompolitik gewesen und was kann sie derzeit bewirken?

Gewerkschaften, Glaubensgemeinschaften und die Zivilgesellschaft haben stets ihren Widerstand gegen die Kernenergie zum Ausdruck gebracht. Letzte Woche war ich zu einem Programm eines hiesigen Radiosenders eingeladen, wo sowohl Tony Twine, ein bekannter Ökonom, als auch das ehemalige Eskom-Vorstandsmitglied Richard Linell mit mir darin übereinstimmten, dass sich Eskom eine Kernenergieversorgung gar nicht leisten kann.

Wir haben bereits einige Erfolge vorzuweisen, insbesondere die Stilllegung des PBMR-Vorhabens. 2010 war es endlich soweit, nachdem mehr als neun Milliarden Rand dafür aufgebracht worden waren. Die Ironie ist, dass noch nicht einmal ein Jahr später und nur ein paar Tage nachdem Fukushima (mindestens) eine partielle Kernschmelze erlitt, ein neues nukleares Programm ins Leben gerufen wurde. Das zeigt, dass die südafrikanische Regierung nicht nur unfähig ist, aus den eigenen Fehlern zu lernen, sondern es zudem noch ablehnt, aus den Fehlern von Fukushima zu lernen.

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Das Interview führte Jochen Luckscheiter, Programmkoordinator, Heinrich-Böll-Stiftung Kapstadt.

 
 
 

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