„Aufstieg durch Bildung“ - Wie viel Mythos, welche politischen Optionen?












3. September 2008



Das Werkstattgepräch der Grünen Akademie „Aufstieg durch Bildung“ - Wie viel Mythos, welche politischen Optionen? fand am Freitag, den 12.Septmber, im neuen Stiftunghaus der Heinrich-Böll-Stiftung statt. 

Es diskutierten u.a. Prof. Helmut Fend, Bildungsforscher, Zürich, Priska Hinz MdB Bündnis 90/Die Grünen, Reinhard Pollak, WZB, Abt. Bildung und soziale Lebenschancen, Anja Schillhaneck MdA, Sybille Volkholz, Prof. Georg Krücken sowie Dr. Andreas Poltermann.

Die Aussage, dass Bildung die soziale Frage der Gegenwart sei und Wohlstand und Wachstum ohne Bildung nicht möglich sei, gehört mittlerweile zum politischen Standard. Allerdings ist der empirische Nachweis schwierig, inwieweit dies heute und hier jenseits der individuellen Situation für ganze Schichten oder Gesellschaften zutrifft.

Das Versprechen, durch Bildung in die „nivellierte Mittelstandsgesellschaft“ aufzusteigen, kennzeichnete in den 70er Jahren nicht nur das Fortschritts- und Gerechtigkeitsverständnis der sozialdemokratischen Ära, sondern beschrieb auch die soziale Erfahrung vieler Arbeiter- und Bauernkinder. Von der Bildungsexpansion, insb. der Öffnung der weiterführenden Schulen und der Hochschulen haben vor allem die Mädchen profitiert. Es ist zu vermuten, dass der Aufstieg der deutschen Bevölkerung in den 60er und 70er Jahren vor allem durch den Zuwachs an Schuljahren und Realschulabsolventen erreicht wurde, wodurch sie in höherwertige Berufe einsteigen konnte, während die unqualifizierten Positionen weitgehend von Arbeitsimmigranten übernommen wurden (deren Bildungsniveau sich statistisch gleichfalls verbessert hat).

Wenn heute wieder die Notwendigkeit von Bildungsförderung und Bildungsgerechtigkeit in aller Munde ist, findet dies in einem veränderten Kontext statt: Bildungspolitik wird als wesentliches Instrument gegen soziale Selektion und gesellschaftliche Desintegration relevant. In welchem Umfang Bildung heute in der Bundesrepublik zur sozialen Mobilität beiträgt, ist dabei ein empirisch noch zu klärender Sachverhalt. Die PISA-Ergebnisse, die einen hohen Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Schulerfolg in Deutschland belegen, legen die Vermutung nahe, dass der soziale Aufstieg durch Bildung hier und heute eher geringe Chancen hat. Wieviel Aufstiegs- und Integrationserwartung ist also „Mythos“? In welchem Maß und in welchem Sinn treten soziale Fakten und bildungspolitischer Aufbruchsappell in einen Widerspruch? Vor welchen Herausforderungen steht Bildungspolitik, die nicht mehr Aufstiegsversprechen, aber eine Bedingung sozialer Kohärenz und damit eine essentielle Zukunftsinvestition ist?

» Zum Vortrag von Sybille Volkholz: Bildung und soziale Mobilität