Unfinished Business - Afghanistan aus der Sicht der anderen

Unfinished Business - Afghanistan aus der Sicht der anderen

7. August 2008
Fotogalerie

Fünfeinhalb Jahre Wiederaufbau Afghanistan. Trotzdem ist so gut wie alles ‘Unfinished Business’, noch im Aufbau befindlich. Der neue afghanische Staat und seine Strukturen. Das Versprechen, auch und vor allem der internationalen Staatengemeinschaft, nach mehr Sicherheit. Straßen, die die Menschen verbinden sollen. Hoffnungen, auf dauernde Freiheiten und das Abschütteln der Geister von gestern.

Hoch sind die Erwartungen auf schnelle Ergebnisse und groß die kulturellen Missverständnisse. Das Afghanistan-Bild in unseren Köpfen hat damit zu tun. Meist hängt es mit der Reproduktion wiederkehrender Motive zusammen, die sich an Phänomenen wie Bärten, Burkas, Bettlern und Bewaffneten orientiert. Ein scheinbarer Konsens über das Unausgesprochene und Exotische umweht diese Motive. Oft sind Afghanen auf diesen Bildern Objekte, weniger handelnde Subjekte. Inwiefern aber setzen solche Bilder einem Dialog in Gang, der sich als kulturüberschreitend versteht?

„Unfinished Business“ nähert sich Afghanistan mit Hilfe des „regard croisé“, des Blicks des jeweils Anderen auf ein und denselben Gegenstand. Zwei Fotografen und Fotojournalisten, die Fremde in Afghanistan sind, kommen zusammen mit zwei Einheimischen, darunter eine der wenigen Fotojournalistinnen.

Sie laden uns ein, das Land mit ihren Augen zu sehen. Dabei gilt: wer einen neugierigen Blick auf das Fremde wagt, ganz unvoreingenommen, kann sich auch über den eigenen Standpunkt genauere Klarheit verschaffen. Sich mit der Fotografie aus Afghanistan auseinanderzusetzen heißt: besser auf die eigene Kultur zu schauen.

In jüngster Zeit verbinden viele junge Afghanen ihre Suche nach kultureller Identität mit neuen medialen Möglichkeiten. Die Beschäftigung mit Fotografie und Fotojournalismus hat zu zahlreichen Foren und Initiativen geführt. Was liegt also näher, als unseren Blick, der droht im Stillstand stecken zu bleiben, den Bildern junger Afghanen zu öffnen. Es geht, in Abwandlung eines bekannten Mottos darum, dass wir „mehr Afghanistan wagen“.

Afghanische Fotografen im Mittelpunkt dieser Ausstellung - darin soll auch ein gleichberechtigter Dialog zum Ausdruck kommen. Etwas das wir politisch viel zu selten erleben in der aktuellen politischen Auseinandersetzung. Die Bilder dieser Ausstellung zeigen Afghanistan auch als Land von Ausgelassenheit, des Lachens und der Sehnsucht nach Individualität. Deutlich andere Akzente mithin, als wir sie täglich in den Massenmedien und der öffentlichen Wahrnehmung antreffen. In diesem Sinn ist zu hoffen, dass zumindest das Afghanistan-Bild in unseren Köpfen „Unfinished Business“ bleibt.


Unfinished Business - Die Fotografen

Farzana Wahidy
geb. 1984 in Kandahar, Abitur und parallel Ausbildung zur Fotografin bei der internationalen Medieninitiative AINA in Kabul. Sie ist eine der wenigen Frauen, die in Afghanistan fotojournalistisch arbeiten. Zur Zeit ist sie freie Fotografin für AFP in Kabul. Veröffentlichungen und Foto-Reportagen u.a. für Sunday Times, Elle, Le Monde. Anfang 2006 war mit ersten Bildern in einem Fotoprojekt über Afghanistan in der Akademie der Künste in Berlin vertreten. Teilnahme am Wettbewerb Unicef Foto des Jahres 2006.

David Bathgate
geb. 1951 in den USA, lebt in Deutschland. Er besitzt einen Doktor der staatlichen Universität Pennsylvania in Anthropologie und Journalismus. Seit 2002 Ausbildung afghanischer Fotografen bei der internationalen Medienintiative AINA. Lehraufträge für Fotografie auch in Dharamsala/Indien und am South Asian Institute of Photography in Pathshala/Bangladesch. Reportage-Reisen in Afghanistan und Veröffentlichungen u.a. für die Nachrichtenmagazine Newsweek, Time, GEO, Stern und Focus. David Bathgate ist Mitglied der Fotoagentur Corbis in Paris.

Massoud Hossaini
geb. 1980 in Kabul. Im selben Jahr Emigration in den Iran. Rückkehr nach Afghanistan Ende 2001. Ausbildung zum Fotografen bei der internationalen Medieninitiative AINA in Kabul. Er arbeitet als freier Fotograf und Fotojournalist für verschiedene in- und ausländische Magazine und Agenturen in Kabul, darunter BBC Persian und AFP zum diversen Aspekten des Wiederaufbaus. Publikationen u.a. in Der Spiegel, The Independent. Massoud Hossaini lehrt Grundlagen der Fotografie für afghanische Nachwuchsfotografen am Goethe Institut Kabul. 2006 war er Gast der Akademie der Künste
in Berlin und Teilnehmer am Wettbewerb Unicef Foto des Jahres.

Martin Gerner
41, Journalist und fotojournalistisch tätig, hat seit 2004 in verschiedenen Projekten der Medien- Entwicklungshilfe in Afghanistan gearbeitet und engagiert sich für den deutsch-afghanischen Kulturaustausch. Daraus hervorgegangen ist u.a. das Afghanistan Filmfestival Köln 2005. Langjähriger Autor für den Deutschlandfunk und den ARD-Hörfunk sowie für diverse Print- und Online-Medien.


Partner

Die Ausstellung wird gefördert durch: ifa INSTITUT FÜR AUSLANDSBEZIEHUNGEN E.V.

Dossier

Afghanistan - Ziviler Aufbau und militärische Friedenssicherung

Die Heinrich-Böll-Stiftung ist seit Anfang 2002 in Afghanistan aktiv und fördert die zivile und demokratische Entwicklung des Landes. Afghanistan ist auch ein Prüfstein dafür, ob der Prozess des „state building“ und des friedlichen Wiederaufbaus in einem zerrütteten Land gelingt.

All rights reserved.

Neuen Kommentar schreiben