Birma, Burma, Myanmar? - Zur Klärung der Staatsbezeichnung

4. November 2008
Von René Hingst
Dies ist der Appenix A der Studie Herausforderungen des politischen Wandels in Burma/Myanmar.

Die komplette Studie als PDF (916 KB, 97 Seiten)

Begleitet man eine Delegation von Passinhabern aus der Union of Myanmar nach Deutschland, dann muss man bei der Einreise mit etwas Verzögerung rechnen, da die Beamten am Einreiseschalter zunächst einmal Länderlisten konsultieren müssen, um herauszufinden, ob der präsentierte Pass denn tatsächlich von einem existierenden Land ausgestellt wurde. Man kann den Vorgang in aller Regel mit dem Hinweis beschleunigen, dass unter „B“ wie Burma oder Birma der Hinweis „auch Myanmar“ zu finden ist.

In der deutschen Presse, im Bundestag und deutschsprachigen EU-Dokumenten wird durchgängig Birma verwandt. Es handelt sich dabei um eine „Eindeutschung“ einer Lautvariante von Burmah, wie es im 19. Jahrhundert geschrieben wurde. Das war wiederum eine lokale Adaption des Wortes Myanma(r), eigentlich ohne R.

Birma wurde in Ostdeutschland nicht verwandt. In der modernen deutschsprachigen Fachliteratur hat sich wegen der größeren Lautnähe zum Original Burma durchgesetzt.

Myanma(r) ist der formale und in der Schriftsprache verwandte Ausdruck, während Burma(h) die Alltagssprache, in Form einer leichten Umlautung, mit eher lässigem, weniger starkem Lippeneinsatz repräsentiert. In allen schriftlichen Dokumenten, also auch Kopfbögen beispielsweise von Oppositionsorganisationen, die sich im Englischen als Burmese oder of Burma übersetzen lassen, findet sich aber der Schriftzug für Myanma(r).

Das Auswärtige Amt und das BMZ benutzen „Myanmar“, die von der UN anerkannte offizielle Staatsbezeichnung.

Die Heinrich-Böll-Stiftung verfolgt in ihrer Arbeit einen Dialogansatz. Sie hat sich deshalb für eine Kombination beider Bezeichnungen entschieden, um beiden Seiten gerecht zu werden. Zunächst hatten wir uns in der Publikationsarbeit für Burma/Myanmar entschieden. Mit zunehmenden Engagement im Land und durch die Arbeit mit jungen Menschen im Rahmen unseres Stipendienprogrammes für junge Leute aus Myanmar/Burma, die den Begriff Burma nicht verwenden, sondern von ihrem Land und ihrer Sprache als „Myanmar“ reden, haben wir uns für Myanmar/Burma entschieden. Da im Land für den Durchschnittsbürger die Namensfrage lediglich eine Frage der Phonetik und des Sprachniveaus ist, sollte man nicht darauf schließen, dass mit der Verwendung von Myanma eine persönliche Identifikation mit dem politischen System und der Regierung verbunden ist.

Die Exilkräfte und die internationalen Burmagruppen, die weitgehend im thailändisch-burmesischen Grenzbereich arbeiten, sind in aller Regel daran zu erkennen, dass sie in Abgrenzung vom SPDC die Bezeichnung „Burma“ verwenden. Die Militärregierung hingegen benutzt ausschließlich „Myanmar“. Die britische Presse verwendet die Staatsbezeichnung „Burma (Myanmar)“ oder „Burma/Myanmar“. In der amerikanischen wie auch der englischsprachigen Presse in Thailand oder Kambodscha findet sich nur der Begriff „Burma“. In Thai hat sich „Phuma“ , in Khmer (Kambodschanisch) eigenen Lautregeln folgend „Phumea“ eingebürgert, was dem englischen „Burma“ lautlich nahe ist.

Aus der sprachlichen Bezeichnung für das Land eine Glaubensfrage zu machen, ist wenig zielführend, so unser eigener Lernprozess. Als Stiftung haben wir vor dem Hintergrund unseres Dialoginteresses mit Rücksicht auf die Verhältnisse im Land, die eingebürgerte Gewohnheit unter den Menschen dort, die Umkehrung Myanmar/Burma zum Standard gemacht. Das geschah auch in der Absicht, dass unsere Publikationen im Land verbreitet werden können und möglichst auch von Regierungsvertretern gelesen werden. Trotz der im Oktober 2007 erneut aufgegriffenen Diskussion um die Verwendung der „richtigen“, des politisch korrekten Staatsbezeichnung möchten wir nicht von dieser Entscheidung abweichen. Man kann sich flexibel auf die jeweilige Gesprächssituation einstellen und nur den einen oder den anderen Begriff verwenden, um seinem Gegenüber zu entsprechen.

Der nachfolgende Text soll zu einem besseren Verständnis der Begrifflichkeiten beitragen und die Hintergründe darstellen, die zu der Staatsbezeichnung „Myanmar“ durch das SPDC-Regime geführt haben.

Myanmar: „Die Erfindung der Tradition”

Während das Regime versuchte, auf der Suche nach politischen und wirtschaftlichen Partnern seine außenpolitische Position zu definieren und sich dabei auf einem schmalen Grad zwischen den strategischen Interessen der ASEAN und Chinas zum einen, und der kritischen Haltung des Westens und den Bemühungen um Investitionen und neue Hilfsgeldzahlungen zum anderen bewegte, arbeitete es innenpolitisch an der Konsolidierung seiner Herrschaft. Ähnlich wie zu Beginn des „Burmesischen Sozialismus“ (unter dem 2002 verstorbenen langjährigen Herrscher Ne Win) versuchte die Militärführung, ihren Führungsanspruch mit Hilfe kultureller und historischer Legitimationsmuster ideologisch zu untermauern.

Nachdem mit dem Ende des „Burmesischen Sozialismus” in den späten 80er Jahren und vor allem seit dem Erscheinen Aung San Suu Kyis, der Tochter des Nationalhelden Aung San auf der politischen Bühne des Landes, die alten Legitimationsmuster plötzlich ihre Wirksamkeit verloren hatten oder sich gar gegen die Herrschaft des Militär selbst zu richten drohten, benötigte der SLORC (die Militärregierung, heute als SPDC bezeichnet) neue Erklärungsmuster zur Rechtfertigung seines Führungsanspruches. Bereits kurz nach seiner Machtübernahme begann das Regime deshalb mit der erneuten Instrumentalisierung des Nationalhelden Aung San. Begleitet wurde dieser Prozess von Angriffen der staatlichen Medien auf die persönliche Integrität Aung San Suu Kyis, die ihr „Verwestlichung“ vorwarfen (sie benutze Lippenstift, trage BH´s, lebe mit einem Briten und habe Kinder mit ihm etc.).

Parallel zur Dekonstruktion der alten Legitimationsmuster konstruierte das Regime neue und „myanmarifizierte“ die Geschichte des Landes und die Ortsbezeichnungen, was mit der offiziellen Umbenennung des Landes in Myanmar im Mai 1989 auch nach außen sichtbar wurde.

Mit Myanmar wollte das Regime dem Land einen Namen geben, der die Dominanz der Mehrheitsethnie nicht bereits im Ländernamen zum Ausdruck brachte, obwohl Myanma(r) von den ethnischen Burmesen wie oben erklärt bereits synonym zu Burma(h) verwendet wurde. War mit dem Wort „Burmesen” (bamah) augenfällig nur eine Ethnie des Landes bezeichnet worden, so sollte der Begriff „Myanmaren” nach dem Willen des SLORC nun alle Ethnien des Landes umfassen.

In einem Akt bewusster Geschichtsverfälschung wurden die vorkolonialen burmesischen Königreiche unter dem Namen Myanmar kurzerhand zu friedlichen multiethnischen Gesellschaften erklärt, die erst nach der kolonialen Intervention der Briten entlang der ethnischen Linien zerbrochen seien. Die Geschichte des heutigen Staatsterritoriums kennt aber auch immer wiederkehrende Unabhängigkeitskriege, zum Beispiel zwischen dem Königreich der Mon und den schließlich endgültig überlegenen Burmesen. Es entspricht durchaus den Tatsachen, dass durch die koloniale Herrschaft das zuvor im Fluss befindliche ethnische Gefüge in klar definierte Grenzen gedrängt und so die Grundlagen für die späteren Probleme zwischen den Ethnien gelegt wurden. Tatsache ist aber auch, dass es erst nach der Unabhängigkeit und insbesondere nach dem Putsch des Militärs zum Ausbruch und zur Eskalation zwischen-ethnischer Konflikte kam.

Mit dieser verspäteten Wiederbelebung des antikolonialen Nationalismus wurde - auch mit Blick auf die als Britin geltende Aung San Suu Kyi - den ehemaligen britischen Kolonialherren die Schuld am konfliktträchtigen Auseinanderfallen der angeblich einst einheitlichen myanmarischen Familie in die vielen verschiedenen Ethnien gegeben. Um „nominell” die letzten Spuren der Kolonialmacht zu tilgen, wurden neben der offiziellen Umbenennung des Landesnamen auch alle anglisierten Städtenamen im Land - bekanntestes Beispiel ist die Umbenennung der Hauptstadt Rangoon (deutsch Rangun) in Yangon - gemäss der vorkolonialen Schreibweise “re-myanmarisiert”.

Vor dem Hintergrund dieser politisch motivierten Neuinterpretation von Geschichte, die von der Opposition als historischer Betrug bezeichnet und nicht akzeptiert wurde, entwickelte sich die Frage, ob man das Land Myanmar oder Burma nennen sollte, zu einer politischen Glaubensfrage.

Unterstützt von einer neu ins Leben gerufenen, zum Teil mit Propagandaexperten des Geheimdienstes besetzten historischen Kommission, des „Committee for the Compilation of Authentic Data of Myanmar History”, suchte das Regime noch expliziter als zu Zeiten des „Burmesischen Sozialismus“ den Bezug zur vorkolonialen Vergangenheit. Wie zuvor wurden dabei die Könige Anawrahata, Bayinnaung und Alaungpaya als die ersten drei und Aung San (Vater von Daw Suu Kyi) als der vierte große „Reichseiniger” der burmesischen Geschichte portraitiert. Verschwiegen wurde dabei, dass die ersten drei Herrscher eine aggressive Eroberungspolitik verfolgt und versucht hatten, sich benachbarte Dynastien nicht-burmesischer Herkunft Untertan zu machen . Neu war, dass nach Auffassung des Regimes mit dem Putsch im Jahr 1988 eine fünfte Ära der „Reichseinigung” begonnen hatte, obwohl mit dieser Phase noch keine konkrete politische Überschrift oder Persönlichkeit verbunden war. Ohne die Möglichkeit, den Nationalhelden Aung San einfach aus den Geschichtsbüchern und den Köpfen der Burmesen zu streichen, erklärte das Regime damit die Zeit seines (Nach-) Wirkens für beendet. Die staatlich angeordnete „Historisierung” des politischen Lebens in Burma wurde dabei zum einen von einer Reihe wiederbelebter vorkolonialer Rituale, wie etwa Bootsrennen und Reiterfestspiele, und zum anderen von der „Musealisierung” aller Zeugnisse der vorkolonialen Vergangenheit begleitet.

Dazu gehörten in erster Linie die unzähligen Pagoden des Landes, von denen der SLORC/SPDC die wichtigsten propagandaträchtig unter der Aufsicht eines weiteren „Committee for the Revitalization and Preservation of Myanmar Cultural Heritage”, dessen Leitung der 2004 abgesetzte Geheimdienstchef und Premierminister Khin Nyunt persönlich übernahm, wiederaufbauen oder renovieren ließ. Besonderes Aufsehen erregte dabei die Rekonstruktion der vielen tausend Pagoden Pagans, der Hauptstadt des ersten burmesischen Reiches. Weil sie als weitläufigster religiöser Komplex der Welt von der UN zum Weltkulturerbe erklärt worden war, wurde die Rekonstruktion finanziell von der internationalen Gemeinschaft unterstützt. Willkommener Nebeneffekt dieser Aktion war, dass sich die Generäle als gute Buddhisten profilieren konnten, weil der Bau oder die Pflege dieser Heiligtümer im Kontext des Theravada-Buddhismus als eines der größten religiösen Verdienste gilt. Zusammen mit dem Wiederaufbau alter Klöster und königlicher Paläste und dem Neubau von mehr als zwei Dutzend Museen, die den Besuchern neben dem vorkolonialen Erbe auch die Geschichte der Armee näher bringen sollen, hat das ehrgeizige Programm des SLORC/SPDC mittlerweile ein in Südostasien einzigartiges Ausmaß erreicht.

Vergleichbar mit dem in den 70er Jahren entstandenen „Indonesia Indah” - Park („Schönes Indonesien”- Park), der entsprechend den Vorstellungen Suhartos als ein „Human Zoo” en miniature das ganze Land mitsamt seinen vielen verschiedenen Ethnien repräsentieren sollte, bemühte sich das Regime in Rangoon darum, mit Hilfe von „multiethnischen Festivals”, über die breit in den staatlichen Medien berichtet wurde, eine Repräsentation seiner Vorstellung von der Nation „Myanmar” zu verbreiten.

Die „Myanmarfizierungs“-Kampagne ist also in erster Linie als ein kulturpolitischer Werbefeldzug zu verstehen, der die historische Rolle der Streitkräfte in der Geschichte des Landes glorifiziert und sich vor allem an das Tatmadaw (die Armee) und die Staatsangestellten als Zielgruppe richtete.

Quellen

Der Abschnitt „Myanmar: „Die Erfindung der Tradition” basiert weitgehend auf Ausführungen von René Hingst in seiner Dissertationsschrift, „Burma im Wandel - Hindernisse und Chancen für eine Demokratisierung in Burma (Myanmar)“, eingereicht bei der Humboldt Universität Berlin im September 2002. In dem entsprechenden Abschnitt bezieht er sich vor allem auf:
  • Gustaaf Houtmann, Mental Culture in Burmese Crisis Politics, Tokyo, 1999
  • Eric Hobsbawm/Terence Ranger, The Invention of Tradition, Cambridge 1983 und
  • Martin Smith, Burma. Insurgency and the Politics of Ethnicity, London 1999.

Dossier

Myanmar/Burma: Der schwere Weg zur Demokratie

2007 fanden in Burma/Myanmar Demonstrationen gegen die drastische Erhöhung der Treibstoffpreise und später gegen das seit 1962 herrschende Militärregime statt. Den buddhistischen Mönchen und Nonnen schlossen sich Zehntausende von Zivilisten an, bis die Proteste von der Junta blutig niedergeschlagen wurden. Ein Dossier zu der "Safran-Revolution" und den Hintergründen.