Wissenschaft und Gesellschaft – ein schwieriges Verhältnis?












19. Dezember 2008

Von Stephan Ertner



Von Stephan Ertner

Lange ist sie vorbei die Zeit, in der das Wort der Wissenschaft noch uneingeschränkt galt, in der Wissenschaftler vor die Öffentlichkeit traten um die Welt zu erklären – und das Publikum uneingeschränkt auf das vertraute, was es da hörte. Heute begegnet die Öffentlichkeit der Wissenschaft mit einem guten Maß an Skepsis. Dabei ist das moderne Leben von Wissenschaft und Technik durchdrungen. In kaum einem Lebensbereich kommen wir ohne wissenschaftliches Wissen aus. Und dennoch: gerade weil wissenschaftliches Wissen allgegenwärtig ist, scheint es zu einer gewissen Relativierung wissenschaftlicher Aussagen gekommen zu sein.

Gleichzeitig beobachten wir eine Öffnung der Wissenschaft. Nicht nur die institutionelle Politik, sondern auch andere politische Akteure, Verbände, NGOs bedienen sich wissenschaftlicher Expertise. Und sie wollen mitreden, wenn es darum geht, wie und zu welchen Fragen wissenschaftlich geforscht wird – zumal mit öffentlichen Geldern.
Kurz: Das Verhältnis zwischen Wissenschaft und Gesellschaft ist komplex geworden. Grund genug für die Heinrich-Böll-Stiftung und das Institut Mensch, Ethik und Wissenschaft im Rahmen der 21. Berliner Hochschuldebatte am 10. Dezember 2008 nach den Beziehungen zwischen der Wissenschaft und der Gesellschaft zu fragen.

Dabei sollte es vor allem um die Partizipation zivilgesellschaftlicher Akteure in der Wissenschaft gehen. Claudia Neubauer, die Koordinatorin der französischen Nichtregierungsorganisation „Fondation Sciences Citoyennes“, stellte in ihrem Einleitungsvortrag einen wachsenden Einfluss von zivilgesellschaftlichen Organisationen auf die Wissenschaft fest. In der Folge der Umwelt-, Frauen und Friedensbewegungen entstanden ab den 1960er und 70er Jahren zahlreiche Nichtregierungsorganisationen. Sie entwickelten einen politischen Zugang zu Themen, die zuvor als rein wissenschaftliche Fragestellungen betrachtet worden waren. So haben sie maßgeblich zu einer Öffnung der Wissenschaft beigetragen und dafür gesorgt, dass neue wissenschaftliche Fragen und Methoden aufgeworfen und neue wissenschaftliche Einrichtungen geschaffen wurden.
Gleichwohl gibt es laut Neubauer immer noch einen eklatanten Mangel in der Beteiligung zivilgesellschaftlicher Akteure bei Entscheidungen darüber, mit welchen Zielen und an welchen Themen geforscht wird. Eine Folge sei, dass die Forschungsförderung auf nationaler und europäischer Ebene zu wenig an der Lösung drängender gesellschaftlicher Problemlagen orientiert ist. Auch die wenigen Initiativen zu „Science and Society“ im Forschungsrahmenprogramm der Europäischen Union ändern daran bislang wenig. Dass die EU jedoch solche Programme auflegt weist daraufhin, dass sie selbst an dieser Stelle Legitimationsdefizite sieht.


Dabei gebe es gute Beispiele dafür, wie Bürgerinnen und Bürger, wie Interessengruppen und die Politik an wissenschaftspolitischen Fragen so beteiligt werden können, dass es zu tragfähigen gesellschaftlichen Arrangements kommt. So habe sich mittlerweile ein „3rd sector of knowledge production“ entwickelt, bei dem wissenschaftliches Wissen außerhalb der formalen Wissenschaft oder im Dialog zwischen wissenschaftlichen Einrichtungen und der Zivilgesellschaft generiert wird. Dabei würden nicht nur neue Forschungsfelder eröffnet, sondern auch neue Forschungsperspektiven geschaffen. Als Beispiel verwies sie auf die landwirtschaftliche Forschung in Frankreich. Dort habe der Dialog mit Umweltorganisationen und Bauernverbänden neue Forschungsperspektiven eröffnet, beispielsweise auf den Schutz der Artenvielfalt oder Fragen der Gesundheit von Bauern. Neubauer plädierte dafür, Bürger in der Wissensgesellschaft nicht nur als Konsumenten von Wissen zu betrachten, sondern sie aktiv in forschungspolitische Fragen einzubeziehen und als Produzenten von Wissen ernst zu nehmen.

Die Pluralisierung der Wissenschaft: ein ambivalenter Prozess

Auch für den Bielefelder Soziologen Peter Weingart lässt sich die Entwicklung des Verhältnisses von Wissenschaft und Gesellschaft als Demokratisierung eines ehemals technokratischen Modells beschreiben. Die Wissenschaft habe in den letzten Jahrzehnten lernen müssen, dass es neben ihrer eigenen auch andere Rationalitäten gibt, nämlich die Rationalität derer, die von wissenschaftlicher Entwicklung berührt sind. Das sei zu begrüßen weil es dazu beitrage, schwerwiegende Fehlentwicklung zu vermeiden. Die entstehen nämlich vor allem dann, wenn außerwissenschaftliche Perspektiven in der Entwicklung und Anwendung von Technologien ausgeblendet werden.
Dieser Prozess sei aber nicht ausschließlich positiv. Vielmehr sei die Demokratisierung ein ambivalenter Prozess. Die Öffnung der Wissenschaft habe auch zu ihrem Autoritätsverlust beigetragen und zu einer nicht unproblematischen Politisierung.

Politik: Nichts geht mehr ohne Wissenschaft

Im politischen Betrieb zeige sich dies am deutlichsten. Krista Sager, stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag, wusste zu berichten, wie sehr dort die Bedeutung der Wissenschaft zugenommen habe. Schon lange könne man politische Positionierungen nicht mehr auf Ideologie oder auf Glaubenssätzen aufbauen. Heutzutage reiche es auch nicht mehr aus, sich auf Interessen zu berufen, seien diese auch noch so legitim. Jede politische Position müsse heute mit wissenschaftlichen Erkenntnissen, mit Zahlen oder am besten mit Studien untermauert werden. Dabei dürfe man aber nicht die Augen davor verschließen, dass die Interessen dahinter keineswegs verschwunden sind.

Genau hier kommt es zu dem, was Peter Weingart als Relativierung wissenschaftlicher Expertise bezeichnet. Wenn alle Parteien und Interessengruppen wissenschaftliche Ergebnisse ins Feld führen, um ihre – sich zum Teil diametral widersprechenden – Position zu stärken, dann verliert Wissenschaft in der Folge an Eindeutigkeit und die Autorität, die „Wahrheit“ zu vertreten.

Krista Sager wies darüber hinaus auf die Gefahr hin, dass Außenstehende die zum Teil hochwissenschaftlichen Dispute häufig nicht mehr nachvollziehen könnten. Als Beispiele könne die Auseinandersetzung um die Schulstruktur gelten. So würden sich beispielsweise Anhänger wie Gegner des dreigliedrigen Schulsystems auf die Ergebnisse der PISA-Studien berufen.

Das grundsätzliche Dilemma, dass Beratungswissen eine Ressource in der Politik ist, die auch strategisch eingesetzt werden kann, lässt sich nicht auflösen. Missbrauch lässt sich durch die Formulierung von Standards eingrenzen, nicht aber gänzlich verhindern. Problematisch sei darüber hinaus, dass sich auch Wissenschaftler immer mehr auf das politische Spiel eingelassen hätten. So würden sie teilweise das Blaue vom Himmel versprechen, wenn es um den Nutzen ihrer Forschung geht – nicht zuletzt um deren Finanzierung zu sichern. Wenn aber Wissenschaftler durch ihre Arbeit in eigener Sache sprechen, würde die Autorität der Wissenschaft zusätzlich beschädigt.

Wer sind die „Guten“?

Dass die Beteiligung von zivilgesellschaftlichen Akteuren als Demokratisierung der Wissenschaft zu begrüßen sei, darüber war man sich in der Debatte einig. Aber auch die damit verbundenen Probleme sollten gesehen und benannt werden. Ein Problem seien laut Peter Weingart fehlende Qualitätsstandards im grauen Bereich von forschenden Nichtregierungsorganisationen.
Ein anderes läge in der Positionierung: Wer eine stärkere Beteiligung von NGOs fordert, müsse auch die Beteiligung von Organisationen akzeptieren, deren Positionen man politisch nicht teilt. Die Frage, wer die „guten“ NGOs sind, sei dabei keineswegs einfach zu beantworten und hänge auch vom Kontext ab. Welche Rolle zum Beispiel Bürgerinitiativen, Gewerkschaften und Unternehmen und ihre Stiftungen spielen sei von Fall zu Fall verschieden.

Unabhängige Forschungsinstitute als Impulsgeber

Thomas Korbun, der Geschäftsführer des unabhängigen Instituts für ökologische Wirtschaftsforschung, bezeichnete sein Institut als Teil eben dieses grauen Bereichs. Das wollte er aber keineswegs negativ verstanden wissen. Im Gegenteil: Er wies auf die wichtige Funktion hin, die sein Institut und vergleichbare Einrichtungen in den letzten Jahren immer wieder als Impulsgeber übernommen haben. So leiste das IÖW einen wichtigen Beitrag für die Integration von Nachhaltigkeitsfragen in die Ökonomie. Die klassische Wirtschaftslehre habe eine sehr eingeschränkte Sicht auf ökonomische Fragestellungen.

Er verdeutlichte dies am Beispiel der Frage, ob Flüsse als Verkehrswege ausgebaut werden sollten. Die klassische Ökonomie befürwortet dies in der Regel immer, da ein umfangreicherer Schiffverkehr zu höherem Wohlstand führe. Wenn man aber auch den Verlust an anderen Nutzen, die Flüsse unberührte stiften – Artenvielfalt, Erholung etc. – in Wert setze, dann verändere sich das ökonomische Kalkül. Erst langsam würden solche Perspektiven in die Wirtschaftslehre integriert – nicht zuletzt auf Anregung durch Institute des „grauen Bereichs“. So haben diese auch in den traditionellen Wissenschaftsinstitutionen zu einer Öffnung hin zu gesellschaftlichen Problemlagen beigetragen und zur Veränderung von wissenschaftlichen Disziplinen.

Stiefkind Wissenschaftspolitik

Die Öffentlichkeit ist zwar durchaus skeptisch gegenüber der Wissenschaft, andererseits aber auch begeistert und an wissenschaftlichen Fragen interessiert. Das zeigt sich auch an der medialen Aufmerksamkeit für Fragen der Wissenschaft, die in den letzten Jahren zugenommen hat. Auf deutlich weniger Interesse in der Öffentlichkeit stößt die Wissenschaftspolitik. Und das gilt auch in der Wissenschaft selbst. Nach Beiträgen über wissenschafts- oder forschungspolitische Beiträge sucht man auch in den wissenschaftlichen Fachjournalen meist vergebens.
Kurz: Die Wissenschaftspolitik gehört zu den Politikfeldern, denen geringe Bedeutung zugesprochen wird, und sie ist eines der Ressorts mit den geringsten Spielräumen und Profilierungschancen für Politikerinnen und Politiker.

Wie kann die Kluft zwischen der gesellschaftspolitischen Bedeutung wissenschaftspolitischer Fragen und der geringen Aufmerksamkeit für dieses Politikfeld überbrückt werden? Darauf hatten die Gäste der 21. Berliner Hochschuldebatte keine einfachen Antworten. Eine wichtige Rolle müssten die Medien spielen, darin war man sich einig. Die regelmäßig mit großem Aufwand durchgeführten Wissenschaftsjahre, die mit dem Anspruch verbunden sind, die Öffentlichkeit für die Wissenschaft zu begeistern, seien hingegen in der jetzigen Form nicht das richtige Mittel. Ihre Wirkung sei – das zeigten jüngste Studien – sehr gering. Sie schaden nicht, wie Peter Weingart feststelle, sie nutzen aber auch nicht.


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