Kurzbiografie: Petra Kelly (1947-1992)











4. Januar 2008




Petra Kelly (1947-1992) war eine herausragende Persönlichkeit der deutschen Grünen und zugleich Symbolfigur und Sprachrohr der weltweiten ökologischen und gewaltfreien Bewegung. Sie stand für eine radikale Erneuerung der Gesellschaft.
Nicht Krisenmanagement war ihr Ziel, sondern tief greifender Wandel der Gesellschaft. Dabei waren die Schwerpunkte ihrer Arbeit an vielen Stellen miteinander verwoben: Anti-Atompolitik und Friedenspolitik hingen für sie ebenso zusammen wie Umwelt- und Demokratiefragen. Der Knoten- und Ankerpunkt all dieser Themen war für Petra Kelly das Thema Menschenrechte.

Als Petra Karin Lehmann am 29. November 1947 in Günzburg an der Donau geboren, verbrachte sie ihre Kindheit im Deutschland der Nachkriegszeit. Den Nachnamen, mit dem sie weltweit bekannt wurde, erhielt sie durch ihren Stiefvater John Edward Kelly, einen US-Amerikaner irischer Herkunft. Im Alter von 13 Jahren übersiedelte Petra Kelly mit ihrer Familie in die USA. Bereits in frühen Jahren setzte sie sich mit der deutschen Zeitgeschichte und den nationalsozialistischen Verbrechen auseinander - aus Günzburg stammte der berüchtigte KZ-Arzt Josef Mengele - und gewann zugleich eine nationale Schranken überwindende Grundorientierung. Von 1966 bis 1970 studierte sie Politische Wissenschaften an der American University in Washington und erwarb den Grad Bachelor of Arts, ausgezeichnet als „Most Outstanding Foreign Woman Student”. Im Präsidentschaftswahlkampf 1968 arbeitete sie für Robert Kennedy und Hubert Humphrey. Damit begann ihr Eintritt in die praktische Politik.

Seit 1967 war sie Mitglied im Studentenrat und organisierte politische Seminare und Vorträge. Sie beteiligte sich an Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg und gegen die Rassendiskriminierung und lernte so den gewaltfreien Protest der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung und die politische Kultur der US-amerikanischen Gesellschaft kennen. Engagement für Frieden und Bürgerrechte zog sich von da an wie ein roter Faden durch ihr Leben. Ihre Vorbilder waren, um nur wenige zu nennen, Menschen wie Martin Luther King und Mahatma Gandhi, Rosa Luxemburg und Alexandra Kollontai, die weltweite Bewegung Schwerter zu Pflugscharen und die Frauen von Greenham Common, Cesar Chavez und Anne Montgomery, Rosa Parks und Dorothy Day, Andrej Sacharow, Vaclav Havel und Solidarnosc.

Ihre Schwester Grace
Im Februar 1970 starb Grace Kelly im Alter von zehneinhalb Jahren an Krebs. Ihr Vermächtnis gab Petra Kelly eine entscheidende Richtung: „Ich habe von ihr gelernt, Wünsche und Forderungen anzumelden, sich mit dem Bestehenden nicht zufriedenzugeben, und ich habe durch sie gelernt, dass man einfach nicht aufgeben darf.”

Petra Kelly gründete im Juli 1973 die Grace P. Kelly Vereinigung zur Unterstützung der Krebsforschung für Kinder e.V., eine Initiative, die sich für die psychosoziale Betreuung von krebskranken Kindern einsetzt und das psychosoziale und sozialpädiatrische Modell Der Kinderplanet initiiert hat, das krebskranken Kindern ein kindgerechtes Leben während ihres Krankenhausaufenthaltes ermöglichen soll. Das Engagement für krebskranke Kinder wurde neben dem Kampf gegen die Atomenergie, eine der Hauptursachen von Krebs, zu einem bestimmenden Anliegen ihrer Politik.

Von der außerparlamentarischen Opposition zur Grünen Partei
Im Herbst 1970 kehrte Petra Kelly nach Europa zurück und schloss 1971 ihr Studium mit dem Masters Degree (M.A.) in Amsterdam ab. Gleichzeitig arbeitete sie als Forschungsassistentin am Europa-Institut. Ihre berufliche Laufbahn begann sie im Herbst 1971 bei der EG-Verwaltung in Brüssel. Bereits 1973 wurde sie Verwaltungsrätin im Sekretariat des Wirtschafts- und Sozialausschusses und arbeitete an ca.150 Stellungnahmen für den Rat und die Kommission der Europäischen Gemeinschaft mit.

Petra Kelly hatte als Studentin aktiv an der amerikanischen Bürgerrechts- und Protestbewegung der 60er Jahre gegen die zerstörerische Dynamik der Industriegesellschaft und den Vietnamkrieg teilgenommen. In Westdeutschland richtete sich die außerparlamentarische Opposition vor allem gegen die autoritäre und restaurative Nachkriegsgesellschaft. Seit den 70er Jahren organisierte sich eine weit verzweigte Bewegung von Bürgerinitiativen, die Alternativen zur herrschenden Wachstumsideologie entwickelte und basisdemokratische Modelle der politischen Beteiligung erprobte. Aus diesen Impulsen für eine umfassende politische und gesellschaftliche Erneuerung gingen Ende der 70er Jahre DIE GRÜNEN als neue politische Partei hervor.

Als sich 1972 fünfzehn Bürgerinitiativen und ca. 450 Einzelmitglieder aus dem Südwesten der Bundesrepublik zum Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz (BBU) zusammenschlossen, war Petra Kelly von Anfang an als Mitarbeiterin des BBU-Umweltmagazins dabei. Sie übernahm die Aufgabe, internationale Kontakte zu knüpfen, und wurde 1979 in den Bundesvorstand des BBU gewählt. Mit anderen Aktiven des BBU wie Roland Vogt wurde sie Redaktionsmitglied der von den Jungen Europäischen Förderalisten herausgegebenen Zeitschrift Forum Europa. Im Umfeld dieser Zeitschrift entwickelte sich ein wichtiges Netzwerk der künftigen Grünen.

Weltweit war Petra Kelly an Aktionen der Anti-Atom- und Friedensbewegung beteiligt. Der von ihr und dem irischen Gewerkschafter John Caroll mitorganisierte, weltweit erste gewerkschaftliche Anti-Atom-Kongress und ihr gemeinsames Buch A Nuclear Ireland haben mit dazu beigetragen, das erste geplante Atomkraftwerk in Irland zu verhindern. Bis zu ihrem Tode blieb Petra Kelly Irland in besonderer Weise verbunden.

Die Gründung der Partei DIE GRÜNEN
Seit Mitte der 70er Jahre entstanden überall in Westdeutschland sogenannte grüne, bunte und / oder alternative Listen, die sich an den Wahlen zu Kommunal- und Landesparlamenten beteiligten.

Die Entscheidung dieser ökologisch orientierten Listen, 1979 unter dem Namen DIE GRÜNEN gemeinsam für das Europaparlament zu kandidieren, führte ein Jahr später, im Januar 1980, zur offiziellen Parteigründung, basierend auf den vier programmatischen Grundsäulen Gewaltfreiheit, Ökologie, soziale Gerechtigkeit und Basisdemokratie. Petra Kelly, die allgemein anerkannte und über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannte Vertreterin der Anti-Atom-Bewegung, wurde zur Spitzenkandidatin bei der Wahl zum Europäischen Parlament, bei der DIE GRÜNEN beachtliche 3,2 % der Wählerstimmen erzielten. Im März 1980 wurde Petra Kelly in den ersten Bundesvorstand gewählt und war bis vor der Bundestagswahl 1983 eine der drei gleichberechtigten Vorsitzenden der Grünen Partei.

Zugleich gewann sie auch internationale Anerkennung. 1982 wurde sie mit dem Alternativen Nobelpreis, 1983 mit dem Preis "Frau des Jahres" der amerikanischen Frauenorganisation Women Strike for Peace ausgezeichnet. Bereits im März 1969 würdigte die Washington Post die Leistungen der 21jährigen Studentin durch eine eigene große Reportage. In dem 1983 erstmals aufgelegten Buch Um Hoffnung kämpfen formulierte Petra Kelly ihre sozialen und politischen Utopien. Nach ihrer Auffassung dürfen männlicher Sachzwang und männliche Logik nicht übernommen werden, wenn es gelingen soll, die innere und äußere Befreiung der Menschen zu erreichen und die Gesellschaft konstruktiv zu verändern.

Im Deutschen Bundestag
Als DIE GRÜNEN am 6. März 1983 mit einem Stimmenanteil von 5,6 Prozent erstmals den Einzug in den Deutschen Bundestag schafften, wurde Petra Kelly, über die bayerische Landesliste in den Deutschen Bundestag gewählt, gemeinsam mit Otto Schily und Marie Luise Beck-Oberdorf erste Fraktionssprecherin.

Sie vertrat DIE GRÜNEN als Mitglied im Auswärtigen Ausschuss, in den Unterausschüssen Abrüstung und Rüstungskontrolle und für Fragen der Europäischen Gemeinschaft sowie in der Parlamentarischen Versammlung des Europarats und der Westeuropäischen Union (WEU). Neben den europa- und sicherheitspolitischen Fragen brachte sie auch zahlreiche Themen, die bis dahin nicht oder kaum behandelt worden waren, auf die Tagesordnung des Deutschen Bundestages. Die Bedrohung indigener Völker, die fehlende psychosoziale Betreuung von krebskranken Kindern, die Notwendigkeit einer präventiven und alternativen Medizin, die Gefährlichkeit von Amalgan und Elektrosmog wurden von ihr parlamentarisch und außerhalb des Parlaments konsequent verfolgt und angemahnt.

Auch als Abgeordnete arbeitete sie weiterhin eng mit außerparlamentarischen Gruppen zusammen, insbesondere mit internationalen Friedens- und Menschenrechtsorganisationen und mit der Bürgerrechtsbewegung in der DDR und anderen Ländern in Mittelosteuropa. Petra Kelly gehörte zu den wenigen politischen Menschen und PolitikerInnen, die eine konsequente Friedens- und Menschenrechtspolitik jenseits der Ideologien und Militärblöcke verfolgte und deshalb auch Oppositonsgruppen in den sozialistischen Ländern Osteuropas kompromisslos unterstützte. Einen besonderen Stellenwert hatten für sie die Bürgerrechtsgruppen in der DDR, die sie häufig besuchte und deren politische Bedeutung und Wirkungsmöglichkeiten sie nachhaltig durch Literatur, technische Geräte und politische Diskussionen förderte. Auch wurden in den 80er Jahren zahlreiche politische Gefangene durch Telegramm- und Telefonkampagnen unter ihrer Führung freigelassen.

Nach einem Besuch der baskischen Stadt Gernika im April 1987 anlässlich des 50. Jahrestages der Bombardierung und Zerstörung durch die deutsche Legion Condor (26. April 1937) initiierte Petra Kelly mehrere parlamentarische Initiativen, um die Bundesregierung zu einer deutlichen Geste der Versöhnung gegenüber den BürgerInnen Gernikas und des Baskenlandes zu bewegen. Auch wenn diesen Initiativen zu ihren Lebzeiten der gewünschte Erfolg verwehrt blieb, so bereiteten sie doch den Weg zum Brief des Bundespräsidenten Roman Herzog im April 1997, mit dem sich erstmals ein Repräsentant des deutschen Volkes für das begangene Unrecht entschuldigte. Im Herbst 1987 gelang es Petra Kelly, für einen Antrag gegen die Menschenrechtsverletzungen in Tibet erstmals die Stimmen aller Bundestagsfraktionen zu gewinnen, nachdem sie seit 1984 als erste Abgeordnete im Deutschen Bundestag die menschenrechtliche und völkerrechtliche Situation Tibets wiederholt parlamentarisch zur Sprache gebracht hatte. Frei von ideologischen Scheuklappen standen die weltweite Achtung und Förderung der Menschenrechte im Zentrum ihrer Politik. Der deutschen Menschenrechtspolitik hat Petra Kelly wichtige Impulse gegeben und in ihrer politischen und menschlichen Integrität maßgebend zum breiten, fraktionsübergreifenden Konsens beigetragen, der sich bei der Behandlung menschenrechtlichen Fragen im Deutschen Bundestag herausgebildet hat. Gemeinsam mit Gert Bastian initiierte sie im April 1989 in Bonn die weltweit erste internationale Tibet-Anhörung. Und mit demselben, ihr selbstverständlichen Engagement unterstützte sie nach dem Massaker der chinesischen Regierung auf dem Platz des Himmlischen Friedens im Juni 1989 die Demokratiebewegung in der Volksrepublik China und im Exil. Im tibetischen Buddhismus fand sie Werte und Vorstellungen, die sie im Kampf für eine solidarische Gesellschaft vertreten hatte: Liebe und Achtung gegenüber allem Lebendigen, Gewaltfreiheit, Entwicklung des Geistes und das Wissen, dass der Mensch die Lösung aller Probleme in sich trägt.

Am 01. Oktober 1992 wurde Petra Kelly von ihrem Lebensgefährten Gert Bastian im Schlaf erschossen. Motiv und Hintergründe sind bis heute nicht abschließend geklärt. Die Untersuchungen haben jedoch deutlich gemacht, dass Petra Kelly mitten im Leben stand, dass sie zahlreiche Pläne hatte und nicht freiwillig aus dem Leben geschieden ist.

mehr über Petra-Kelly:
» Deutsches Historisches Museum, Berlin Projekt LEMO (Lebendiges Museum Online)