Vorwort zum Buch „Petra Kelly. Eine Erinnerung“

Vorwort zum Buch „Petra Kelly. Eine Erinnerung“

Vorwort zum Buch „Petra Kelly. Eine Erinnerung“

4. Januar 2008

Von Ralf Fücks und Barbara Unmüßig

Vorwort

Petra Kelly war ein Star. Sie war eine weltweit bekannte Ikone der Antiatom- und der Friedensbewegung, eine der ersten Sprecherinnen der Grünen, eine Vorkämpferin für Ökologie und Menschenrechte und ein Vorbild für Frauen, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. „Sie macht und sie denkt“, wie die Washington Post schon 1969 ihre politische Leidenschaft auf den knappen Nenner brachte. Wie niemand sonst repräsentierte sie den internationalen Charakter der grünen Bewegung; sie war eine begnadete Botschafterin der grünen Idee. Doch wie alle eigenwilligen Menschen, die einer Mission folgen und die Öffentlichkeit suchen, zog sie Bewunderung wie Ablehnung auf sich. Ihr gewaltsamer Tod im Jahr 1992 hat den Blick auf ihre Persönlichkeit und ihre politische Leistung nicht leichter gemacht.
    
Petra Kelly wäre im November dieses Jahres 60 Jahre alt geworden. Das ist ein guter Anlass, sich an Sie und ihre Bedeutung für die Grünen zu erinnern. Zum ersten Mal, nach über 25 Jahren, erscheint der Abstand zu den Anfängen der Grünen groß genug, damit der Blick auf diese Gründerzeit und ihre Protagonisten weitgehend frei von ideologischen Streitigkeiten und anhaltenden Kränkungen möglich ist.

Keine andere Person hat die Gründungsimpulse der Grünen so verkörpert wie Petra Kelly. „Die Grünen, und darum bin ich auch Mitglied bei den Grünen und setze meine Kraft und Energie dort ein“, so schrieb sie in der für sie typischen moralischen Zuspitzung, „sind die einzige politische Partei im Widerstand gegen eine Zukunft des Todes.“ Sie bündelte die Leidenschaft für Themen, die noch heute zum Kernbestand grüner Politik gehören: Ökologie, Menschenrechte, Geschlechtergerechtigkeit, Frieden und europäische Einigung. Es ist offenkundig, dass diese Themen bei Petra Kelly ihre ganz eigene, biographische Prägung hatten: so z.B. ihr Kampf gegen radioaktive Strahlung oder gegen ein Europa der Bürokraten. Ungeachtet aller persönlichen Färbung sind das aber die Themen, die als Erbe der achtziger Jahre in weite Teile deutscher und europäischer Politik vorgedrungen sind.

Auch die Frage nach dem Verhältnis von Moral und Macht, die Petra Kelly umgetrieben hat, bleibt aktuell. Die moralische Aufladung der eigenen Position und die Entgegensetzung von Gesinnungsethik und pragmatischer Politik werden heute vielfach anders beurteilt als zu ihren Zeiten. Aber auch heute gilt, dass Politik für Werte stehen muss, wenn sie glaubwürdig sein will.

Auch das Verhältnis von Individuum und Partei, von Unabhängigkeit im Denken  und Bindung an eine politische Gemeinschaft, kann am Beispiel Petra Kellys überdacht werden. Sie, die glühende Plädoyers für Basisdemokratie hielt, agierte doch weitgehend einzelgängerisch. Sie wurde zum ersten Superstar der Grünen, bevor ein Prozess wechselseitiger Entfremdung einsetzte. Mit den Jahren rückte sie vom Zentrum an den Rand der Partei. Auch darüber sollte heute offen gesprochen werden können.

Das vorliegende Buch kombiniert Fotos, die eine schon zur Geschichte gewordene Zeit in Erinnerung rufen, mit Texten zur Person Petra Kelly und zur Genese grüner Politik. Wenn dieser Band gerade den Jüngeren ein wichtiges Kapitel grüner und bundesdeutscher Geschichte erschließen könnte, würde uns das sehr freuen.

Aber neben all dem soll das Buch vor allem eines sein: eine Hommage an die grüne Politikerin Petra Kelly, die auf ganz eigene Art ihre Zeit geprägt hat.

Wir danken allen Autorinnen und Autoren, die sich mit Texten an diesem Band beteiligt haben; allen Freundinnen und Freunden, Weggefährten und Bekannten, die das Projekt mit Hinweisen und Ratschlägen, mit Fotos und Ideen unterstützt haben; und dem Petra-Kelly-Archiv im Archiv Grünes Gedächtnis, namentlich Robert Camp, für die kompetente Unterstützung unseres Vorhabens.

Berlin, im November 2007
Ralf Fücks und Barbara Unmüßig
Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung

Das Buch:

Petra Kelly. Eine Erinnerung
Ein Foto- und Essayband
Hrsg. von der Heinrich-Böll-Stiftung
192 Seiten und über 140 Bilder
Preis: 10 Euro
ISBN 978-3-927760-68-4  

 Barbara Unmüßig

Barbara Unmüßig

Barbara Unmüßig ist Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung. Sie hat zahlreiche Zeitschriften- und Buchbeiträge zu Fragen der internationalen Finanz- und Handelsbeziehungen, der internationalen Umweltpolitik und der Geschlechterpolitik veröffentlicht. 

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