„Beginne dort, wo Du bist.“ Das Leben der Petra Kelly

„Beginne dort, wo Du bist.“ Das Leben der Petra Kelly

Das Leben der Petra K. Kelly

4. Januar 2008
Von Lukas Beckmann

von Lukas Beckmann

Petra Kelly wäre am 29. November dieses Jahres 60 Jahre alt geworden. Am 1. Oktober 1992 wurde sie im Alter von 44 Jahren von ihrem Lebenspartner Gert Bastian im Schlaf erschossen. Anschließend erschoss er sich selbst. Beide wurden 18 Tage später in der Wohnung von Petra Kelly in Bonn tot aufgefunden. Freunde vermuteten sie in England und den USA.

Petra Kelly und Gert Bastian hatten sich im November 1980 in München kennengelernt, einige Monate vorher gab es einen ersten Briefwechsel; ein Jahr später begann ihre persönliche und auch politische Freundschaft.
Petra Kelly wurde am 26. Oktober 1992 auf dem Waldfriedhof in Würzburg beigesetzt. An der Beerdigung nahmen nach Agenturberichten mehr als 5000 Menschen teil.

Wer war Petra Kelly? Was hat sie geprägt? Was war das Besondere an ihr? Ich will in diesem Beitrag versuchen, diese Fragen zu beantworten und mich dabei auf ihre Kindheit, ihre Schulzeit, auf ihr Studium, ihre ersten Berufsjahre in Brüssel und auf die Gründungsjahre der Grünen beschränken.

Die Entstehungsgeschichte der Grünen ist eng mit dem Namen Petra Kelly verknüpft. Vielleicht lässt sich sogar sagen, dass die Partei, die sich heute Bündnis 90/Die Grünen nennt, ihr Vermächtnis ist – ungeachtet der Entfremdung, die sich in den letzten Lebensjahren Kellys zwischen ihr und der Partei eingestellt hatte.
   
Die ersten Jahre: Trennung der Eltern, Umzug in die USA, Eindrücke

Petra Karin Kelly wurde am 29. November 1947 in Günzburg geboren. Ihre Mutter: Margarethe Marianne Birle, geboren am 11. Dezember 1929. Ihr Vater: Richard Siegfried Lehmann, geboren am 19. Februar 1924. Die Eltern werden 1954 geschieden. Petra Kelly sieht ihren Vater seit der Trennung der Eltern nicht mehr. Die Mutter heiratet in zweiter Ehe John Edward Kelly. Er ist Oberst der US-Armee, in Würzburg stationiert. Im Mai 1959 wird Petras Schwester Grace Patricia Kelly geboren. Ende dieses Jahres zieht die Familie mit beiden Kindern in die USA. Dort wird 1960 Petra Kellys Bruder, John Lee Kelly, geboren. 1966 erkrankt Grace Patricia Kelly an Krebs. Wenige Monate vorher hatte Petra Kelly ihr Studium an der American University in Washington aufgenommen. Die Eltern leben noch ein knappes Jahr in den USA, ziehen dann wieder zurück nach Würzburg, auch um der schwerkranken jüngeren Tochter die bestmögliche medizinische Betreuung an der Universitätsklinik in Heidelberg zu ermöglichen. Im Februar 1970 stirbt Grace Kelly im Alter von 11 Jahren an Krebs. Im gleichen Jahr verlässt John Kelly die Armee, er arbeitet ab September 1971 in der Verwaltung eines Krankenhauses.

Die Jahre der Kindheit und Jugend sind für jeden Menschen prägend. Petra Kelly wurde durch den Wechsel von Deutschland in die USA und durch den frühen Tod ihrer jüngeren Schwester in einem besonderen Maße sensibilisiert. Sie hat seinerzeit selbst beschrieben, was sie gesehen und empfunden hat: „Die Umstellung von der altvertrauten Kleinstadt Günzburg auf das neue abenteuerliche Land war sehr groß. Die amerikanische Utopie, die ich mir immer durch Kinos oder Bücher in Europa vorstellte, wurde eine andere Wahrheit. Amerika wurde für mich ein kompliziertes Land, eines, das mit den Gegensätzen, der Auswahl, der Menge, der Individualität und dem Lebensweg einen bezaubern und gleichzeitig sorgen kann. Ja, es gab Autoschlangen, drei Fahrbahnen, Menschengewimmel, schreiend bunte Reklameschriften, riesige Straßenkreuzer, Polizeitrillerpfeifen, für mich ungewöhnlich, als ich im motorisierten Traum der Millionenstadt New York ankam. Ja, ich sah dort Geldscheine fliegen und Armut verfaulen. Das ist eine Szene aus einer Riesenstadt, einer Stadt der unheimlichen Gegensätze. Ich sah Menschen, die sich des Krieges wegen verbrennen und gleichzeitig wie mit Blei gefüllte gleichgültige Bürger, die nicht wählen gehen. Und ich sah diese Gegensätze zwischen Demokratie und Fanatismus. Ich glaube und sehe, dass dieses Land die Geschichte der Einwanderer ist. Darum gibt es die Gegensätze und dieses bunte Menschengewimmel und eine Deutsche, die begeistert ist, diese Geschichte der Einwanderer verfolgen und daran teilhaben zu können. Ich muss ehrlich zugeben, dass ich mein Teilnehmen oft übertrieben habe, auch wenn es meine Gesundheit in Anspruch nahm, doch mein Ehrgeiz und meine Freude an der amerikanischen Hochschule waren am meisten schuld daran. Später möchte ich gerne in die diplomatische Bahn eintreten. Vielleicht habe ich das schon längst angefangen durch mein Interesse an Politik, öffentlicher Rede usw., aber ich wollte auch, seit ich hier bin, diplomatisch beweisen, dass die Deutschen vieles aushalten und fertigbringen können. […] Also habe ich Amerika gezeigt, so oft die Möglichkeit kam, was eine Deutsche leisten kann, und ich bin stolz zu sagen, dass ich das mit überraschendem Erfolg machte. Wenn das eingebildet sich anhört, dann will ich noch einmal wiederholen, dass ich alles den Leistungen, Fähigkeiten und der Grundweise von Günzburg aus dem Englischen Institut zu verdanken habe, denn dort wurden mein Charakter, meine Standards und mein Glauben gegossen und langsam in das jetzige Ich gemacht. Natürlich habe ich auch sehr viel Amerika zu verdanken, denn hier kämpfte ich, um diesen Charakter zu behalten und weiterzubilden. Hier entdeckte ich neue Talente in mir, kam auf wichtige Ideen […].“

Amerikanerin oder Deutsche?

Als Petra Kelly ihr Studium in den USA beginnen will, steht sie vor der Frage, ob sie sich an der American University in Washington als Amerikanerin oder als Deutsche und damit als Ausländerin einschreibt. Sie muss über ihre Staatsbürgerschaft entscheiden, und das treibt sie in eine große innere Zerrissenheit. Sie schreibt dazu: „Dazu wollte ich auch sicher sein, dass niemand mich für undankbar hält hier. Wenn ich als Deutsche bleibe, da auch mein Beruf und späterer Wohnort in Frage steht, da meine Familie jetzt amerikanisch ist und da meine einzigen wahren Verwandten Deutsche sind, gab es viel zu überlegen. Es ist wirklich nicht leicht, auch wenn man ein neues Land noch so sehr liebt, das Mutterland vor einem Richter abzugeben.“
Petra Kelly wird als Deutsche gesehen,  doch gleichzeitig bekommt sie zu hören, sie sei so amerikanisch wie ein Cowboy, wie der Hot Dog und die rot-weiß-blaue Fahne. Sie ist zu dieser Zeit noch Abiturientin, Klassendichterin der Schule, Präsidentin vieler Schulclubs und Herausgeberin des Jahrbuchs der Schule. Seit einem Jahr macht sie eine Rundfunksendung in Virginia. Sie erhält ein französisches Stipendium und ist Gewinnerin bei staatlichen Redewettbewerben,  „worin ich von Herzen über die Demokratie, Thomas Jefferson, Lincoln und John F. Kennedy sprach und die Richter mit meinen Ideen und Meinungen überzeugte“.

In Hampton wird sie 1966 die „erfolgreichste Abiturientin“ – eine Auszeichnung als beste Schülerin ihrer Schule unter 2300 Schülerinnen und Schülern. Sie wird Ehrenstudentin in Weltgeschichte, englischer und amerikanischer Literatur, Empfängerin der Leistungsmedaille der Stadt New York.

Vor Beginn ihres Studiums ist sie drei Wochen in Deutschland. Vor ihrer Abreise setzte sie sich nochmals mit der Frage auseinander, ob sie die amerikanische Staatsbürgerschaft annehmen solle oder nicht. Am Ende dieser Reise entscheidet sie sich dafür, die deutsche Staatsangehörigkeit zu behalten. In diese Zeit fällt auch eine andere innere Auseinandersetzung mit der Frage nach den gesellschaftlichen Systemen: „Ich glaube“, schreibt sie, „dass bis jetzt die beste Regierung eine demokratische Regierung ist, da man darin seine Individualität und sein Eigentum sichern kann. Man hat den Frieden, nicht friedlich zu sein, man ist frei, solange man niemand anders wehtut. Daran glaube ich sehr. Darin habe ich den größten Fehler der kommunistischen Welt gefunden, denn zum ersten Mal in der Geschichte der Welt musste eine Art von Regierung eine große Mauer bauen, um die Leute dahinter zu behalten. In einer Demokratie gehen die Leute frei ihren eigenen Weg.“ (...weiterlesen)

Das Buch:

Petra Kelly. Eine Erinnerung
Ein Foto- und Essayband
Hrsg. von der Heinrich-Böll-Stiftung
192 Seiten und über 140 Bilder
Preis: 20 Euro
ISBN 978-3-927760-68-4  

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