Petra Kelly und die Grünen

Petra Kelly und die Grünen

Essay

Petra Kelly und die Grünen

Eine Wiederannäherung

4. Januar 2008
Von Ralf Fücks

An Petra Kelly zu erinnern, ist nicht ohne Risiko. Man scheut sich, ihr zu nahe zu treten, erst recht angesichts ihres gewaltsamen Todes. Damals war sie erst 45 und schon eine  Legende. Ihr Bild hat viele Facetten. Sie war vieles zugleich: eine Lichtgestalt voller Energie und zu Tode erschöpft, extrem mutig und von Ängsten geplagt, idealistisch und selbstbezogen, großzügig und anstrengend, stark und zerbrechlich. Im Rückblick überwiegt das Visionäre und Unbeugsame. Sie hatte die Gabe, Menschen aufzuwecken und mitzureißen. Sie konnte das Alltägliche mit dem Universellen verbinden, das Engagement für krebskranke Kinder mit dem Weltfrieden. Sie steckte voller Detailwissen und konnte es zu einer großen Erzählung bündeln.

Zu ihren erstaunlichen Begabungen gehörte ihre Fähigkeit, in ganz unterschiedlichen Kulturkreisen Gehör zu finden. Auf allen Kontinenten stößt man auf begeisterte Erinnerungen an Petra Kelly. Sie war eine globale Aktivistin, ihre Sprache war universell: Menschenrechte, Gerechtigkeit, Bewahrung der ökologischen Lebensgrundlagen, Gleichberechtigung, Gewaltfreiheit. Das waren und sind die Kernbotschaften der grünen Bewegung.

Petra Kelly ist eine historische Gestalt, weil sie die Ängste, Sehnsüchte und Bestrebungen einer Umbruchzeit wie in einem Brennglas bündelte und zurückwarf. Sie artikulierte Ideen und Initiativen, die aus dem außerparlamentarischen Raum in die Politik drängten. Und sie verkörperte einen neuen Politikstil: das Handeln „in erster Person“, in dem es keine Trennung zwischen dem subjektiv Empfundenen und der politischen Sprache gab. Emotionalität und Rationalität, Moral und Politik gingen ineinander über. Die daraus entstehende Energie war groß genug, das bestehende Parteiensystem aufzumischen, die politische Tagesordnung zu verändern und die Grünen als dauerhafte Kraft zu etablieren – weit über die Bundesrepublik hinaus.

Neu waren auch die Aktionsformen. Petra war in der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung politisch sozialisiert worden. Dort hatte sie ihren Sinn für symbolische Aktionen geschärft und das Konzept des „zivilen Ungehorsams“ gelernt. Angewandt auf die deutschen Verhältnisse, erwiesen sich die neuen Protestformen als ungeheuer medien- und massenwirksam. Sie mobilisierten Öffentlichkeit und ermutigten zum eigenen Handeln. Und sie erzeugten eine gerüttelte Hilflosigkeit auf Seiten der etablierten Mächte: Wie sollte man einer solchen Frau und einer solchen Bewegung beikommen, die zugleich friedfertig und angriffslustig auftrat? „Gewaltfreiheit“ hieß bei ihr alles andere als Harmonieseligkeit und Harmlosigkeit. Sie war zu leidenschaftlichen, aufrührerischen Reden fähig, angriffslustig, aber nicht persönlich verletzend. Sie war fundamental in der Sache, setzte aber auf Dialog und Überzeugung. Gewalt gegen Menschen war ihr zutiefst zuwider.

Petra Kelly war auf ihrem politischen und persönlichen Zenit, so lange sie quasi als Medium  der neuen Bewegungen agierte, die Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre die politische Landschaft veränderten. Es war eine außergewöhnliche Überschneidung von oppositionellen Grundströmungen, die den Grünen zum Sprung in die Parlamente verhalf. Da war der Protest gegen die atomare Aufrüstung der beiden Militärblöcke auf europäischem Boden; die Anti-Atom-Bewegung; die Entstehung eines breiten Geflechts von Bürgerinitiativen mit dem Anspruch, sich „von unten“ in die Politik einzumischen; die neue Frauenbewegung mit ihrem Protest gegen den § 218 und die patriarchalen Verhältnisse in Politik und Familie; die „3.Welt-Gruppen“, die sich für ein Ende kolonialer Unterdrückung und Ausbeutung einsetzten. Petra war in all diesen Bewegungen zuhause, sie knüpfte Netzwerke und führte zusammen. Wo es nötig war, ging sie auch in den Konflikt, zum Beispiel gegen die Militanten, die auf die gewaltsame Zuspitzung setzten, oder gegen die einäugigen Friedensfreunde, für die nur die US-Atomraketen von Übel waren. Sie gehörte früh zu jenen, die an einem Bündnis der Friedens- und Menschenrechtsgruppen in Ost und West arbeiteten, und sie nutzte jede Gelegenheit, um den Dissidenten auf der anderen Seite der Mauer den Rücken zu stärken. Auch das hatte sie mit Heinrich Böll gemeinsam, mit dem sie mehrfach zusammentraf.

Paradoxerweise war es gerade der Erfolg der Grünen, an dem sie entscheidenden Anteil hatte, der Petra den Boden unter den Füßen entzog. Der Einzug in den Bundestag 1983 war zugleich Höhepunkt und Wendepunkt ihrer Karriere. Die flammenden Anklagen, die Endzeitrhetorik verpufften im parlamentarischen Raum, wo andere Qualitäten des politischen Diskurses gefragt waren. Die Grünen waren jetzt in einer Doppelrolle: Sie waren Außenseiter, die darum kämpften, anerkannt zu werden. Das war unumgänglich, wenn sie als parlamentarische Kraft wirken und die deutsche Politik von innen heraus verändern wollten. Man musste die Spannung aus Angriff und Dialog halten, um Gehör zu finden. Wer das konnte, steigerte sein politisches Gewicht. Petra gehörte nicht dazu. Zu Beginn war sie – neben Marieluise Beck und Otto Schily – selbstverständlich eine der Sprecherinnen der Bundestagsfraktion. Als es dann nach zwei Jahren darum ging, ihr Mandat für eine Nachrückerin zu räumen, geriet sie in Konflikt mit den selbst proklamierten Prinzipien der Basisdemokratie. Das war aber nicht ausschlaggebend für den zentrifugalen Prozess, der sie allmählich aus dem Zentrum an den Rand der Grünen beförderte.

Sie kam mit den Seilschaften, den Flügelkämpfen, dem Kaderstil nicht zurecht, von denen die Grünen geprägt wurden. Für innerparteiliche Winkelzüge und Machtspiele fehlte ihr der Sinn oder das Geschick. Aber sie konnte auch dem Rollenwandel der Grünen zu einer parlamentarischen Reformpartei nicht folgen – oder ihn zumindest nicht anführen. Dabei war sie alles andere als eine „Systemoppositionelle“ linker Provenienz. Ihre Leidenschaft galt konkreten Problemen und Veränderungen. Aber sie blieb in der Rhetorik des „Sofortismus“ gefangen, der radikalen Veränderungen hier und jetzt, und sie war stärker in der Anklage als im Aufzeigen realpolitischer Schritte, mit denen Veränderungen in Gang gesetzt werden konnten. Auch mit der koalitionspolitischen Wende der Grünen konnte sie sich nicht anfreunden: Wie viele Kompromisse konnte man eingehen, ohne den eigenen Idealen untreu zu werden?

So wuchs die Fremdheit zwischen ihr, der vormaligen Ikone der Grünen, und der Partei. Es fiel ihr schwer, das zu realisieren, und sie ging durch bittere Niederlagen. Sie wurde nicht wieder für den Bundestag aufgestellt, und als sie in einer der schwärzesten Stunden der Grünen, auf dem Parteitag von Neumünster, noch einmal als Sprecherin (Vorsitzende) kandidierte, erhielt sie nur noch zwei Dutzend Stimmen. Ihrem internationalen Renommee schadete das nicht, vermutlich konnte außerhalb der Bundesrepublik auch kaum jemand nachvollziehen, dass Petra Kelly nicht mehr im Zentrum der grünen Partei stand. Sie wurde weiterhin von der halben Welt eingeladen, schmiedete Pläne und Projekte. Vielleicht würde sie auf die europäische politische Bühne zurückkehren, und tatsächlich gab es  auch andere, die an eine Kandidatur Petras für das Europaparlament dachten. Es kam nicht mehr dazu. Ihr gewaltsamer Tod erschütterte viele, auch solche, die in den Jahren zuvor auf Distanz gegangen waren. Ob aber die Doppeltrauerfeier, die die Grünen für Petra Kelly und Gert Bastian ausrichteten, angesichts der Umstände ihres Todes ein Missgriff war? Die Inszenierung ihrer Verbundenheit über ihren Tod hinaus unterstellt ein Einverständnis, das durchaus zweifelhaft ist.

Inzwischen ist das Geschichte. Die Zeiten haben sich geändert, und mit ihnen auch die Grünen. Aber die Erinnerung an Petra Kelly und die Gründerzeit der Grünen mag helfen, darüber nachzusinnen, was aus dieser Zeit bis heute wertvoll und aktuell geblieben ist. Die grüne Wende zur „Realpolitik“, zur reformerischen Veränderung und zum parlamentarischen Kompromiss, ist nur bei Strafe des Untergangs der Partei rückgängig zu machen. Aber daraus darf keine Beschönigung der Größe der Herausforderungen und der Reichweite der notwendigen Veränderungen folgen, vor denen wir angesichts von Klimawandel und Globalisierung stehen. „Wenn das Funktionale und das Pragmatische allein die Politik bestimmen, verfällt die Politik in bloßen Opportunismus.“ (Petra Kelly). Daran muss man sich ab und zu auf dem langen Marsch durch die Institutionen erinnern.

 
 

Ralf Fücks ist Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung

Er publiziert in großen deutschen Tages- und Wochenzeitungen, in internationalen politischen Zeitschriften sowie im Internet zum Themenkreis Ökologie-Ökonomie, Politische Strategie, Europa und Internationale Politik.

 

 
 
 

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