Das "Problem des Bösen" im Nachkriegs-Europa










Festrede anlässlich der Preisverleihung "Das Problem des Bösen im Nachkriegseuropa"


6. Januar 2008



Von Tony Judt

Angesichts berühmter früherer Empfänger des Hannah-Arendt-Preises – unter ihnen Agnes Heller, François Furet, Claude Lefort und Yelena Bonner – bin ich sehr stolz, mich unter ihnen einreihen zu dürfen. Außerdem ist es mir eine besondere Freude, einen Preis zu bekommen, der nach Hannah Arendt benannt ist. Wie so vielen anderen, scheint es auch mir, als hätte ich Arendt schon immer gelesen. In meinem Fall ist vielleicht die Reihenfolge, in der ich zu Arendts Schriften gekommen bin, von Bedeutung. Im Gegensatz zu den meisten Menschen meiner Generation, war Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft nicht das erste Werk, das ich von Hannah Arendt gelesen habe. Es war auch nicht Vita activa oder Vom tätigen Leben, Über die Revolution oder gar Menschen in finsteren Zeiten. Mein erstes Arendt-Buch, das ich im Alter von fünfzehn Jahren gelesen habe, war Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen.
  
Dieses Buch bleibt für mich die bezeichnende Arendt-Schrift. Es ist nicht ihr philosophischstes Buch. Es ist sicherlich nicht in allen Punkten richtig; und es ist ohne Zweifel nicht ihr populärstes Werk. Ich mochte das Buch nicht einmal, als ich es zum ersten Mal las – ich war ein begeisterter junger sozialistischer Zionist, und Arendts Schlussfolgerungen beunruhigten mich zutiefst. Doch mit den Jahren habe ich begriffen, dass Eichmann in Jerusalem Hannah Arendt in Höchstform zeigt: ein schmerzliches Thema frontal in Angriff nehmen; mutig von der herrschenden Meinung abweichen; eine Debatte nicht nur unter ihren Kritikern, sondern auch und besonders bei ihren Befürwortern herausfordern; und vor allem den bequemen Frieden der landläufigen Meinung stören. In Erinnerung an Arendt, die „Unruhestifterin“, werde ich einige Gedanken zu dem Thema anbieten, das sie mehr als jedes andere in ihren politischen Schriften beschäftigte.

Hannah Arendt schrieb 1945 in einer ihrer ersten Abhandlungen nach dem Kriegsende in Europa: „Das Problem des Bösen wird die fundamentale Frage des geistigen Lebens nach dem Krieg in Europa sein – so wie der Tod die fundamentale Frage nach dem letzten Krieg wurde.“ Einerseits lag sie damit natürlich vollkommen richtig. Nach dem Ersten Weltkrieg waren die Europäer durch die Erinnerung an den Tod traumatisiert: vor allem durch den Tod auf dem Schlachtfeld, in einem bislang unvorstellbaren Ausmaß. Die Dichtung, die Literatur und das Kino im Zwischenkriegseuropa waren besessen von Bildern der Gewalt und des Todes: im Allgemeinen auf kritische, aber manchmal auch auf eine nostalgische Weise (wie in den Schriften von Ernst Jünger oder Pierre Drieu la Rochelle). Und natürlich schwemmte die bewaffnete Gewalt des Ersten Weltkriegs auf vielfältige Weise in das Zivilleben Europas hinein: paramilitärische Gruppen, politische Morde, Staatsstreiche, Bürgerkriege und Revolutionen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg verschwand jedoch die Verherrlichung der Gewalt weitgehend aus dem europäischen Leben. Während dieses Krieges richtete sich die Gewalt nicht nur gegen Soldaten, sondern vor allem gegen Zivilisten (denken Sie daran, dass die meisten Menschen während des Zweiten Weltkriegs nicht in der Schlacht starben, sondern im Zuge von Besetzung, ethnischer Säuberung und Völkermord). Die völlige Erschöpfung aller europäischen Nationen – der Gewinner ebenso wie der Verlierer – hinterließ wenig Illusionen über den Ruhm des Kampfes oder die Ehre des Todes. Was allerdings zurückblieb, war eine weitverbreitete Vertrautheit mit Brutalität und Verbrechen in einem nie zuvor gekannten Ausmaß. Die Frage, wie Menschen das einander antun konnten – und mehr als alles andere die Frage, wie und warum ein europäisches Volk – die Deutschen – sich aufmachte, um ein anderes – die Juden – zu vernichten, würde, das war für eine aufmerksame Beobachterin wie Arendt klar, die obsessive Frage sein, mit der sich der Kontinent konfrontiert sehen würde. Das ist es, was sie mit dem „Problem des Bösen“ meinte.

Einerseits hatte Arendt, wie ich bereits sagte, natürlich Recht. Doch wie so oft in Arendts Fall, brauchten andere einige Zeit, um ihren Standpunkt zu begreifen. Es stimmt, dass Juristen und Gesetzgeber nach Hitlers Niederlage und den Nürnberger Prozessen den „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ und der Definition eines neuen Verbrechens – des „Genozids“ – sehr viel Aufmerksamkeit widmeten, die bis zu dieser Zeit nicht einmal einen Namen hatten. Doch während die Gerichtshöfe die ungeheuerlichen Verbrechen zu definieren suchten, die gerade in Europa begangen worden waren, gaben sich die meisten Europäer alle Mühe, sie zu vergessen. In diesem Sinne zumindest lag Arendt falsch, wenigstens für einige Zeit.

Weit entfernt davon, in den Jahren nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs über das Problem des Bösen zu reflektieren, wandten sich die meisten Europäer entschlossen davon ab. Heute fällt es uns schwer, das zu verstehen, doch Tatsache ist, dass die Shoah – der versuchte Völkermord an den Juden Europas – zunächst nicht die zentrale Frage der Intellektuellen im Nachkriegseuropa war. Die meisten Menschen – Intellektuelle und andere – ignorierten sie sogar so gut sie konnten. Warum?

In Osteuropa gab es dafür vier Gründe. Erstens wurde ein großer Teil der schlimmsten Verbrechen des Zweiten Weltkriegs im Osten begangen; und obwohl die Verbrechen von den Deutschen getragen wurden, gab es unter Polen, Ukrainern, Letten, Kroaten und anderen keinen Mangel an willigen Kollaborateuren. Folglich war der Anreiz vielerorts groß zu vergessen, was geschehen war, und einen Mantel des Schweigens über das Grauen zu legen.

Zweitens waren auch viele nichtjüdische Osteuropäer Opfer einiger der schlimmsten Gräuel (durch Deutsche, Russen und andere), und wenn sie sich an den Krieg erinnerten, dann dachten sie normalerweise nicht an das Leiden ihrer jüdischen Nachbarn, sondern an ihr eigenes Leid und an ihre Verluste.

Drittens geriet bis 1948 der größte Teil Zentral- und Osteuropas unter sowjetische Kontrolle. Die offizielle sowjetische Darstellung des Zweiten Weltkriegs war die eines antifaschistischen Krieges – oder, innerhalb der Sowjetunion, eines Großen Vaterländischen Krieges. Für Moskau war Hitler vor allem ein Faschist und Nationalist. Sein Rassismus war weit weniger wichtig und vielleicht auch verwirrend. Die Millionen toter Juden aus den sowjetischen Gebieten wurden natürlich zu den sowjetischen Verlusten gerechnet, doch ihr Jüdischsein wurde in den Geschichtsbüchern und bei öffentlichen Gedenkfeiern heruntergespielt oder gar verleugnet. Und schließlich wurde die Erinnerung an die deutsche Besatzung nach einigen Jahren kommunistischer Herrschaft ersetzt durch die an die sowjetische Unterdrückung. Die Vernichtung der Juden wurde immer mehr in den Hintergrund gedrängt.

In Westeuropa gab es ein ähnliches Vergessen, obwohl die Umstände ganz andere waren. Die Besatzung während des Krieges – in Frankreich, Belgien, Holland, Norwegen und, nach 1943, Italien – war eine demütigende Erfahrung. Sowohl die Nachkriegs-Regierungen als auch die Intellektuellen zogen es vor, die Kollaborationen und andere Erniedrigungen zu vergessen und stattdessen die heldenhaften Widerstandsbewegungen, Volksaufstände, Befreiungen und Märtyrer herauszustellen. Noch viele Jahre nach 1945 trugen sogar die, die es besser wussten – wie Charles de Gaulle – bewusst zu einer nationalen Mythologie heroischen Leidens und mutigen Massenwiderstands bei, obwohl ihnen klar war, dass dies nicht der Wahrheit entsprach. Sogar in Nachkriegs-Westdeutschland war die anfängliche Stimmung eine des Selbstmitleids mit Deutschlands eigenem Leiden. Niemand – nicht die Deutschen, nicht die Österreicher, nicht die Franzosen oder Holländer oder Belgier oder Italiener – wollte sich an das Leid der Juden erinnern oder an das spezifische Böse, welches es hervorgerufen hatte. 

Deshalb hat der bedeutende italienische Verleger Einaudi, um ein bekanntes Beispiel zu nehmen, 1946 die Veröffentlichung von Primo Levis Se questo è un uomo (sein autobiographischer Auschwitz-Bericht, hierzulande unter dem Titel Ist das ein Mensch? bekannt) kurzerhand abgelehnt. Damals und auch noch in den folgenden Jahren standen Bergen-Belsen und Dachau, nicht Auschwitz, für die Schrecken des Nazismus; die Hervorhebung der politischen statt der aus rassischen Gründen Deportierten passte besser zu den beschwichtigenden Nachkriegsberichten über den nationalen Widerstand während des Krieges. Levis Buch wurde schließlich doch noch veröffentlicht, allerdings nur in einer Auflage von 2.500 Exemplaren bei einem kleinen lokalen Verlag. Kaum jemand kaufte es; viele Exemplare landeten in einer Lagerhalle in Florenz und wurden dort in der großen Flut 1966 zerstört.

Das mangelnde Interesse an der Shoah in jenen Jahren kann ich aus meiner eigenen Erfahrung bestätigen – als jemand, der in England aufgewachsen ist, einem Land, das den Krieg gewonnen hat, niemals besetzt war und von daher keine Komplexe bezüglich Kriegsverbrechen haben sollte. Doch selbst in England wurde das Thema nie viel diskutiert – ob zu Hause, in der Schule oder in den Medien. Noch 1966, als ich mein Studium der modernen Geschichte an der Cambridge U-niversity begann, wurde ich in französischer Geschichte unterrichtet – einschließlich der Geschichte Vichy-Frankreichs – beinahe ohne jeden Bezug auf Juden oder Antisemitismus. Niemand schrieb über das Thema. Ja, wir studierten die Besetzung Frankreichs durch die Nazis, die Kollaborateure von Vichy und den französischen Faschismus. Doch nichts von dem, was wir lasen, auf Englisch oder Französisch, beschäftigte sich mit dem Problem der Rolle Frankreichs bei der Endlösung. Und obwohl ich jüdisch bin und Mitglieder meiner eigenen Familie in den Todeslagern umgebracht wurden, erschien es mir damals nicht seltsam, dass das Thema nicht erwähnt wurde. Das Schweigen schien normal.

Wie kann man rückblickend diese Bereitschaft erklären, das Inakzeptable zu akzeptieren? Wie kann das Anormale so normal erscheinen, dass wir es nicht einmal bemerken? Wahrscheinlich aus dem deprimierend einfachen Grund, den Tolstoi in Anna Karenina nennt: „Es gibt keine Verhältnisse, an die sich der Mensch nicht gewöhnen kann, insbesondere wenn alle um ihn herum sie akzeptieren.“

Wie Sie wissen, begann sich nach den Sechzigerjahren alles zu ändern, aus vielerlei Gründen: unter anderem wegen der verstrichenen Zeit und der Neugier einer neuen Generation. In den 1980er Jahren hatte die Geschichte der Vernichtung von Europas Juden eine zunehmende Bekanntheit in Büchern, im Kino und im Fernsehen erlangt. Seit den 1990er Jahren sind offizielle Entschuldigungen, nationale Gedenkstätten, Denkmäler und Museen gang und gäbe; und sogar im postkommunistischen Osteuropa hat das Leid der Juden begonnen, seinen Platz im öffentlichen Gedenken einzunehmen. Heute ist die Shoah eine universelle Referenz. Kurse zur Geschichte der Endlösung oder dem Zweiten Weltkrieg sind mitunter die einzigen in den Lehrplänen der Sekundarschulen vorgeschriebenen Geschichtskurse – insbesondere in Amerika und Großbritannien. Es gibt nunmehr buchstäblich Tausende von Studien über die Vernichtung von Europas Juden im Krieg: lokalhistorische und philosophische Abhandlungen, soziologische und psychologische Untersuchungen, Memoiren, Erzählungen, Spielfilme, Archive voll Interviews und vieles mehr. Es scheint, als ob Hannah Arendts Prophezeiung wahr geworden wäre: Die Geschichte des Problems des Bösen ist nun ein grundlegendes Thema der europäischen Intellektuellen.

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Ist jetzt also alles in Ordnung? Jetzt, wo wir in die dunkle Vergangenheit geblickt haben, sie beim Namen genannt und geschworen haben, dass sie sich niemals wiederholen darf? Ich bin mir da nicht so sicher. Lassen Sie mich fünf paradoxe Probleme benennen, die sich aus unserer heutigen Beschäftigung mit der Shoah ergeben, mit dem, was jedes Schulkind heute als den „Holocaust“ bezeichnet. Die erste Schwierigkeit betrifft das Dilemma nicht vereinbarer Erinnerungen. In Westeuropa ist das Interesse, sich an die Endlösung zu erinnern, heute universell (wenn auch in Spanien und Portugal weniger ausgeprägt). Doch die östlichen Staaten, die Europa seit 1989 beigetreten sind, haben aus den Gründen, die ich bereits erläutert habe, noch immer eine ganz andere Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg und seine Lektionen.

In der Tat hat es durch das Verschwinden der Sowjetunion und der damit einhergehenden Freiheit, die Verbrechen und Misserfolge des Kommunismus zu untersuchen und zu diskutieren, eine größere Aufmerksamkeit für die Qual der östlichen Hälfte Europas, verursacht durch Deutsche wie durch Sowjets, gegeben. In diesem Kontext ruft die westeuropäische und amerikanische Betonung von Auschwitz und den jüdischen Opfern manchmal Irritationen hervor. Wenn ich zum Beispiel in Polen und Rumänien oder in Kroatien darüber gesprochen habe, bin ich – von gebildeten und weltoffenen Zuhörern – gefragt worden, warum westliche Intellektuelle wie ich so sensibel für den Massenmord an den Juden seien? Was denn mit den Hunderttausenden, Millionen nichtjüdischer Opfer des Nazismus und Stalinismus sei? Warum die Shoah das Verbrechen sei? Es gibt eine Antwort auf diese Frage, doch sie ist nicht selbstverständlich für alle östlich der Oder-Neiße-Grenze. Das mag uns nicht gefallen, doch wir sollten uns daran erinnern. In dieser Hinsicht ist Europa weit entfernt davon, vereinigt zu sein.

Das zweite Paradox betrifft die historische Genauigkeit und die Risiken der Überkompensierung. Viele Jahre lang zogen es die Westeuropäer vor, nicht über die Leiden der Juden während des Krieges nachzudenken. Nun werden wir dazu ermutigt, ständig über dieses Leid nachzudenken. In den ersten Jahrzehnten nach 1945 kamen die Gaskammern nur am Rande unseres Verständnisses von Hitlers Krieg vor. Heute stehen sie im Zentrum. In moralischer Hinsicht ist es, wie es sein sollte: Das zentrale ethische Thema des Zweiten Weltkriegs ist Auschwitz. Doch für Historiker ist das sehr irreführend. Denn die traurige Wahrheit ist, dass die meisten Leute während des Zweiten Weltkriegs nicht über das Schicksal der Juden Bescheid wussten, und wenn sie es wussten, so kümmerte es sie nicht besonders. Es gab nur zwei Gruppierungen, für die der Zweite Weltkrieg vor allem ein Vorhaben war, um die Juden zu vernichten: die Nazis und die Juden selbst. Für alle anderen hatte der Krieg ganz andere Bedeutungen: Sie hatten ihre eigenen Sorgen. Wenn wir also darauf beharren, so wie wir es heute tun, die Geschichte des Zweiten Weltkriegs vor allem – und manchmal ausschließlich – durch das Prisma des Holocaust zu lehren, so lehren wir vielleicht gute Moralvorstellungen, aber keine gute Geschichte. Und wenn man die Vergangenheit benutzt, um moralische Grundsätze zu lehren – selbst wenn es sich um die allerwichtigsten moralischen Grundsätze handelt – bezahlt man immer einen Preis dafür. Es fällt uns schwer zu akzeptieren, dass der Holocaust in unserem eigenen Leben eine wichtigere Rolle innehat als im Erleben der besetzten Länder zu Kriegszeiten. Doch wenn wir die wirkliche Bedeutung des Bösen – das, was Hannah Arendt meinte, als sie es „banal“ nannte – begreifen wollen, dann müssen wir uns daran erinnern, was wirklich entsetzlich an der Vernichtung der Juden ist; nicht, dass sie so viel, sondern dass sie so wenig bedeutete.

Mein drittes Paradox betrifft das Konzept des „Bösen“ selbst. Die moderne säkulare Gesellschaft hat sich mit der Idee des Bösen lange unwohl gefühlt. Wir bevorzugen rationalere und gesetzliche Definitionen von gut und schlecht, richtig und falsch, Verbrechen und Strafe. Doch in den letzten Jahren hat sich das Wort langsam wieder in moralische und sogar politische Diskurse eingeschlichen. Doch nun, wo das Konzept des Bösen wieder in unsere öffentliche Sprache eingezogen ist, wissen wir nicht, was wir damit anfangen sollen. Im Westen wird das Wort heute üblicherweise verwendet, um das „einzigartige“ Böse Hitlers und der Nazis zu bezeichnen. Doch hier geraten wir in Verwirrung. Der Völkermord an den Juden – der „Holocaust“ – wird zuweilen als ein einzigartiges Verbrechen dargestellt, als ein Böses, das es nie zuvor und auch seither nicht mehr gegeben hat, als ein Beispiel und eine Warnung: „Nie wieder!“

Andererseits berufen wir uns mitunter aus den verschiedensten und ganz und gar nicht einzigartigen Gründen auf eben dieses (einzigartige) Böse. In den letzten Jahren haben Politiker, Historiker und Journalisten den Begriff „Böse“ verwendet, um beabsichtigte Völkermorde überall auf der Welt und ihre Folgen zu beschreiben: von Kambodscha bis Ruanda, von der Türkei bis zum Sudan. Sie alle kennen zweifellos die „Achse des Bösen“ von Präsident George Bush. Sogar Hitler selbst wird nun zu vielen Gelegenheiten heraufbeschworen, um die „böse“ Natur und die Absichten moderner Diktatoren zu bezeichnen: Es wird uns erzählt, dass es überall Hitlers gibt, von Nordkorea über den Irak bis hin zum Iran.

Wenn aber Auschwitz und der Völkermord an den Juden für das einzigartige Böse stehen, warum werden wir dann laufend gewarnt, es könne überall passieren oder stünde erneut unmittelbar bevor? Wann immer jemand die Mauer einer Synagoge in Frankreich mit antisemitischen Graffitis beschmiert oder ein russischer Politiker nostalgische Gefühle für Stalin bekundet, werden wir gewarnt, dass „das einzigartige Böse“ wieder um uns, dass alles wieder wie 1938 ist. Wir verlieren die Fähigkeit zu unterscheiden: zu unterscheiden zwischen den normalen Sünden und Verrücktheiten der Menschheit – Dummheit, Vorurteil, Demagogie und Fanatismus – und dem echten Bösen. Wir haben aus den Augen verloren, was an den politischen Religionen der extremen Linken und extremen Rechten des zwanzigsten Jahrhunderts so verführerisch war, so gewöhnlich, so modern und dadurch wahrhaft diabolisch. Wenn wir das Böse doch überall sehen, wie können wir dann das Echte erkennen? Vor sechzig Jahren befürchtete Hannah Arendt, dass wir nicht wüssten, wie wir über das Böse sprechen sollen und dass wir deshalb seine Bedeutung niemals begreifen würden. Heute sprechen wir ständig von dem „Bösen“ – mit dem Ergebnis, dass wir seine wahre Bedeutung vergessen haben.

Mein viertes Paradox betrifft das Risiko, das wir eingehen, wenn wir alle unsere emotionalen und moralischen Energien in nur ein Problem investieren, wie groß es auch sein mag. Die Gefahr unserer gegenwärtigen Beschäftigung mit dem Völkermord an den Juden ist, dass wir uns an ein großes Böses erinnern, jedoch auf Kosten des Vergessens der vielen kleineren, mit denen wir uns auch befassen sollten. Der Preis für diese Art von Tunnelblick kommt heute bei Washingtons „Krieg gegen den Terror“ schmerzlich zum Ausdruck. Die Frage ist nicht, ob es Terrorismus gibt – natürlich gibt es ihn –, noch, ob Terrorismus und Terroristen bekämpft werden sollten – natürlich sollten sie bekämpft werden. Die Frage ist, welches andere Böse wir vernachlässigen – oder erzeugen –, indem wir uns auf ausschließlich einen Feind konzentrieren und ihn dazu benutzen, Hunderte unserer eigenen, geringeren Verbrechen zu rechtfertigen.

Das Gleiche gilt für unsere gegenwärtige Faszination für das Problem des Antisemitismus und unser Beharren auf seine einmalige Bedeutung. Antisemitismus ist genau wie Terrorismus ein altes Problem. Und wie beim Terrorismus, so beim Antisemitismus: Schon ein kleiner Ausbruch erinnert uns daran, welche Folgen es in der Vergangenheit hatte, dass wir ihn nicht ernst genug genommen haben. Aber: Antisemitismus ist ebenso wie Terrorismus nicht das einzige Böse in der Welt und darf keine Entschuldigung dafür sein, andere Verbrechen und andere Leiden zu ignorieren. Die Gefahr dabei, Terrorismus oder Antisemitismus von ihren jeweiligen Kontexten zu abstrahieren – sie als größte Gefahr für die westliche Zivilisation oder die Demokratie oder „unsere Lebensart“ auf ein Podest zu setzen und ihren Vertretern mit einem unbegrenzten Krieg zu drohen – bedeutet, die vielen anderen Herausforderungen unserer Zeit zu vernachlässigen.

Auch hierzu hat Hannah Arendt etwas gesagt. Als Autorin des einflussreichsten Buches über den Totalitarismus war sie sich vollkommen im Klaren über die Bedrohung, die er für offene Gesellschaften darstellte. Doch in der Ära des Kalten Krieges lief der „Totalitarismus“, wie heute der Terrorismus oder der Antisemitismus, Gefahr, unter Ausschluss alles anderen zu einer zwanghaften Beschäftigung der Denker und Politiker im Westen zu werden. Dagegen sprach Arendt eine Warnung aus, die auch heute noch relevant ist: „Die größte Gefahr darin, im Totalitarismus den Fluch dieses Jahrhunderts zu sehen, bestünde in einer Besessenheit von ihm, die uns blind werden ließe für die unzähligen kleinen und weniger kleinen Übel (evils), mit denen der Weg zur Hölle gepflastert ist.“

Mein letztes Paradox werden Sie vielleicht etwas provokant finden. Es betrifft die Beziehung zwischen der Erinnerung an den europäischen Holocaust und dem heutigen Staat Israel. Seit seiner Geburt 1948 hatte der Staat Israel ein komplexes Verhältnis zur Shoah. Einerseits lieferte die Beinahevernichtung von Europas Juden die Grundlage für den Zionismus: die Überzeugung, dass es für Juden unmöglich wäre, in nichtjüdischen Ländern zu überleben und sich zu entwickeln, dass ihre Integration und Assimilation an europäische Nationen und Kulturen ein tragischer Irrglaube war und dass sie einen eigenen Staat brauchten. Andererseits bedeutete die weitverbreitete israelische Sicht, dass die europäischen Juden zu ihrem eigenen Untergang beitrugen, sie, wie es hieß, „wie Lämmer zur Schlachtbank“ gingen, dass Israels ursprüngliche Identität sich auf das Zurückweisen der jüdischen Vergangenheit gründete sowie auf die Behandlung der jüdischen Katastrophe als ein Zeichen der Schwäche: eine Schwäche, die zu überwinden Israels Schicksal war, indem es eine neue Art von Juden hervorbrachte.

In den letzten Jahren hat sich das Verhältnis zwischen Israel und dem Holocaust jedoch verändert. Während sich Israel heute internationaler Kritik wegen seiner falschen Behandlung der Palästinenser und der Kolonisierung der Gebiete, die es 1967 erobert hatte, ausgesetzt sieht, ziehen seine Verteidiger es vor, die Erinnerung an den Holocaust zu betonen. Wenn Israel zu heftig kritisiert wird, so warnen sie, werden die Geister des Antisemitismus heraufbeschworen. Sie behaupten sogar, dass eine offensive Kritik an Israel – Antizionismus, wenn Sie so wollen – nicht nur Antisemitismus hervorruft. Es ist Antisemitismus. Und mit dem Antisemitismus ist der Weg nach vorn – oder zurück – frei: zum Jahr 1938, zur Kristallnacht und von dort nach Treblinka und Auschwitz. Wenn Sie wissen wollen, so sagen sie, wohin Antizionismus führt, müssen Sie nur Yad Vashem in Jerusalem besuchen, das Holocaust-Museum in Washington oder unzählige Gedenkstätten und Museen in ganz Europa.

Ich verstehe die Emotionen hinter diesen Behauptungen. Doch meiner Ansicht nach sind die Behauptungen selbst außerordentlich gefährlich. Wenn mir gesagt wird, dass ich meine Kritik an Israel besser nicht zu laut äußern sollte, aus Angst, die Geister des Antisemitismus heraufzubeschwören, dann antworte ich, dass es genau andersherum ist. Lassen Sie mich das erklären. Viele Jahre lang habe ich Gymnasien insbesondere in den USA, Großbritannien und Frankreich besucht und dort über die Nachkriegsgeschichte Europas und die Erinnerung an die Shoah referiert. Ich unterrichte diese Themen auch an meiner Universität. Und ich kann über meine Entdeckungen berichten.

Die heutigen Studenten müssen nicht an das Problem des Bösen erinnert werden, an die historischen Folgen des Antisemitismus oder den Völkermord an den Juden. Sie wissen alles darüber – ganz anders als ihre Eltern. Und so soll es auch sein. Doch es hat mich getroffen, wie oft Studenten mich in den letzten Jahren gefragt haben: „Warum lernen wir nur etwas über den Holocaust?“ oder „Warum ist dieser Fall so besonders?“ oder „Wird die Bedrohung durch Antisemitismus nicht übertrieben?“ oder – und immer öfter – „Dient der Holocaust für Israel nicht als Entschuldigung, sich zu verhalten, wie es will?“ In den 1980er Jahren habe ich diese Fragen nicht gehört, und in den 1990er Jahren habe ich sie nur in bestimmten Teilen Osteuropas gehört. Heute höre ich sie immer öfter, überall.

Meine Befürchtung ist, dass zweierlei passiert ist. Durch die Betonung der historischen Einzigartigkeit des Holocaust und die gleichzeitige Bezugnahme auf ihn, wenn es um heutige Vorkommnisse geht, haben wir die jungen Menschen verwirrt. Und wenn wir jedes Mal, wenn jemand Israel angreift oder die Palästinenser verteidigt, „Antisemitismus“ schreien, so ziehen wir Zyniker heran. Denn die Wahrheit ist, dass Israel heute nicht in existentieller Gefahr ist. Heute sind die Juden hier im Westen keinen Bedrohungen oder Vorurteilen ausgesetzt, die im Entferntesten mit den damaligen vergleichbar wären – oder vergleichbar mit den Vorurteilen gegen andere Minderheiten.

Fragen Sie sich selbst: Würden Sie sich heute sicherer, akzeptierter, willkommener fühlen als Muslim in den USA? Als Pakistani in England? Als Marokkaner in Holland? Als „beur“ in Frankreich? Als Schwarzer in der Schweiz? Als „illegaler Einwanderer“ in Dänemark? Als Rumäne in Italien? Als Türke in Deutschland? Als Zigeuner irgendwo in Europa? Oder würden Sie sich sicherer, integrierter, akzeptierter fühlen als Jude in all diesen Orten? Ich denke, Sie kennen die Antwort. Ich weiß, ich kenne sie.

Wenn es eine Bedrohung für die Juden – und jeden anderen – gibt, so kommt sie aus einer anderen Richtung. Wir haben die Erinnerung an den Holocaust so fest mit der Verteidigung Israels verbunden, dass wir Gefahr laufen, die moralische Bedeutung dieser Erinnerung zu schmälern und sie zu provinzialisieren. Das Problem des Bösen im letzten Jahrhundert, um Hannah Arendt noch einmal zu bemühen, mag sich in der Form eines Versuchs der Deutschen gezeigt haben, die Juden zu vernichten. Aber es betrifft nicht nur die Deutschen, und es betrifft nicht nur die Juden. Es betrifft sogar nicht nur Europa, obwohl es hier geschehen ist. Das Problem des Bösen – des totalitären Bösen oder genozidalen Bösen – ist ein universelles Problem. Doch wenn es ständig für eigennützige oder regionale Zwecke verwendet wird – um Israel zu verteidigen oder Antisemitismus zu geißeln oder Kritiker der amerikanischen Außenpolitik zum Schweigen zu bringen – dann wird die Erinnerung an das Böse bald seine Universalität verlieren.

Was dann passieren wird (und schon passiert) ist, dass diejenigen, die einen gewissen Abstand zur Erinnerung an das europäische Verbrechen haben – weil sie keine Europäer sind oder weil sie zu jung sind, um sich daran zu erinnern, warum es wichtig ist –, nicht verstehen werden, was diese Erinnerung mit ihnen zu tun hat, und sie werden uns nicht länger zuhören, wenn wir ihnen erzählen, warum das wichtig ist und was es bedeutet. Wenn Sie mir nicht glauben, stellen Sie die Frage einem heutigen europäischen Oberstufenschüler. Oder gehen Sie nach China oder Sambia oder Peru und fragen, welche Lektionen Auschwitz uns erteilt. Ich glaube, Sie werden die Antworten sehr beunruhigend finden.

Es gibt keine einfache Antwort auf dieses Problem, ebenso wenig wie es eine einfache Antwort auf die anderen Paradoxe gibt, die ich angesprochen habe. Was heute für Westeuropäer offensichtlich erscheint, ist für viele Osteuropäer unklar, so wie es vor vierzig Jahren auch für Westeuropäer unklar war. Die moralischen Lektionen von Auschwitz, die sich überdimensional auf der Erinnerungsleinwand der Europäer abzeichnen, sind für Asiaten oder Afrikaner weitgehend unsichtbar. Und, vielleicht zuallererst, was für die Menschen meiner Generation offensichtlich scheint, wird für unsere Kinder und Enkelkinder sehr wenig Sinn ergeben. Also: Wie können wir eine europäische Vergangenheit bewahren, die nun von einer Erinnerung zu Geschichte verblasst?

Ich bin mir nicht sicher, dass wir es können. Vielleicht sind wir dazu verdammt, die Vergangenheit zu verlieren. Vielleicht sind alle unsere heutigen Museen und Gedenkstätten und obligatorischen Schulausflüge kein Zeichen dafür, dass wir bereit sind, uns zu erinnern, sondern vielmehr ein Hinweis darauf, dass wir meinen, unsere Buße getan zu haben und nun beginnen können, loszulassen und zu vergessen, den Steinen an unserer Stelle das Erinnern zu überlassen. Ich weiß es nicht. Was ich aber weiß, ist, dass die Geschichte, wenn sie ihren Auftrag erfüllen soll, den Nachweis vergangener Verbrechen und von allem anderen für immer zu bewahren, in Ruhe gelassen werden muss. Wenn wir die Vergangenheit für heutige Ziele instrumentalisieren – die Stücke herausfiltern, die unseren Zwecken dienen können, oder die Geschichte heranziehen, um einfache moralische oder politische Lektionen zu erteilen –, dann werden dabei schlechte moralische Grundsätze und eine schlechte Geschichtsschreibung herauskommen.

Einstweilen sollten wir alle vielleicht etwas mehr aufpassen, wenn wir vom Problem des Bösen sprechen. Denn es gibt mehr als eine Art von Banalität. Es gibt die berühmte Banalität, von der Arendt gesprochen hat – das beunruhigende, normale, nachbarliche, alltägliche Böse in den Menschen. Aber es gibt noch eine andere Banalität: die Banalität der Überbeanspruchung – der verflachende, desensibilisie-rende Effekt, der eintritt, wenn wir dieselbe Sache zu oft sehen oder sagen oder denken, bis wir schließlich unser Publikum betäubt und immun gemacht haben gegen das Böse, das wir beschreiben. Und das ist die Banalität – oder „Banalisierung“ – vor der wir heute stehen.

Die Generation unserer Eltern hat nach 1945 das Problem des Bösen beiseite geschoben, weil es – für sie – zu viel Bedeutung enthält. Die Generation nach uns läuft Gefahr, das Problem beiseite zu schieben, weil es nunmehr zu wenig Bedeutung enthält. Wie können wir das verhindern? In anderen Worten, wie können wir sicherstellen, dass das Problem des Bösen die fundamentale Frage für Europas Intellektuelle bleibt? Ich kenne die Antwort nicht, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass es die richtige Frage ist. Es ist die Frage, die Hannah Arendt vor sechzig Jahren gestellt hat, und ich glaube, sie würde sie auch heute noch stellen.

Vom Autor noch nicht autorisierte Übersetzung von Ute Szczepanski