Und wieder Queer Sarajevo - LGBT-Aktivismus in Bosnien-Herzegowina

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Zagreb Pride 2010, Kroatien

Von Sasa Gavric, Sarajevo Open Centre

Nachdem radikale Gesellschaftsgruppen das Queer Sarajevo Festival 2008 gewaltsam unterbrochen hatten, verschloss sich die Hauptstadt Bosnien-Herzegowinas noch mehr im Hinblick auf den LGBT (Lesbian, Gay, Bisexuelle, Transsexuelle) Aktivismus. Die bis dahin aktive Nichtregierungsorganisation Q stoppte ihre öffentlichen Aktivitäten und beschränkte sie auf wenige nicht-öffentliche Projekte. In den Nachbarländern Bosnien-Herzegowinas hingegen, besonders in Zagreb und Belgrad, nimmt der LGBT-Aktivismus einen positiven Rahmen ein.

Auch wenn die LGBT-Gemeinde noch weit von der vollständigen Akzeptanz entfernt ist, finden in Kroatien bereits seit mehreren Jahren das Zagreb Pride und das Queer Zagreb statt, das größte Kulturfestival in Osteuropa, die durch ihre Programme Fragen zu Identität, sexueller Verschiedenheit und Hinterfragungen gesellschaftlicher Konstrukte thematisieren. So ist nur normal, dass dieses Festivals größtenteils aus dem Budget für Kultur der Stadt Zagreb finanziert wird. Auch Belgrad hat einen gewissen Grad an Reife gezeigt. Nach mehreren fehlgeschlagenen Versuchen fand dort am 10.10.2010 die erste Gay Pride statt. Mehrere Hundert Aktivist/innen und Freund/innen kämpften mit einem Spaziergang durch die Stadt für die Rechte von sexuellen Minderheiten. Die Regierung unterstützte die Veranstaltung, obwohl die Gewalt ein überraschend hohes Niveau erreichte.

In solch einem regionalen Rahmen fand auch die erste Veranstaltung unter dem Titel Questioning statt. Den Anstoß für das Programm gaben die deutsche Heinrich-Böll-Stiftung, Landesbüro Bosnien-Herzegowina und die NRO Sarajevo Open Center mit dem Ziel, die Themen der LGBT-Gemeinde auch in Bosnien-Herzegowina aktiv in den Mittelpunkt der gesellschaftlichen Aufmerksamkeit zu stellen. Am 23.10.2010 wurde unter angemessenem Polizeischutz und in Anwesenheit von etwa 110 Gästen der erste bosnisch-herzegowinische Kurzdokumentarfilm „Das ist unser Kind“ der Regie-Absolventin an der Filmhochschule in Sarajevo, Elma Islamović vorgestellt. Trotz des Kurzfilm-Formats bietet der Film ein ausführliches Portrait von vier Personen: Alma, Saša, Jasenko und Alex, sowie deren Umgebung. Alle vier gehören der LGBT-Gemeinde in Bosnien-Herzegowina an und sprechen über ihr Leben, über Freunde, Familie, Liebe, ihrem Outing... Elma Islamović gewährt mit ihrem Film einen intimen Einblick in das Leben von vier bosnisch-herzegowinischen Durchschnittsbürger/innen.

Nach der Filmvorführung fand eine Diskussion unter dem Titel „Wie geht es weiter mit der Queer Bewegung in Bosnien-Herzegowina“ statt. Masha Duraklić, Mitarbeiterin des Magazins DANI, sprach mit folgenden Podiumsgästen: Marije Cornelissen, Abgeordnete der Groen/Links im Europaparlament, Lejla Turčilo, Dozentin an der Fakultät für Politikwissenschaften in Sarajevo und der Regisseurin des Films Elma Islamović. Die Autorin des Films erzählte von den Beweggründen, die sie dazu brachten, den Film zu realisieren. Ihrer Meinung nach sollte dieser Film den ersten, aber kleinen Beitrag zu diesem Thema leisten, dem sich auch andere Mitglieder unserer Gesellschaft widmen sollten. Masha Duraklić fokussierte sich in ihrem Gespräch mit Marije Cornelissen mehr auf die gesetzliche Regulierung zum Schutz vor Diskriminierung der LGBT-Gemeinde, vor allem den Aspekten der Rechte der LGBT-Gemeinde im Hinblick auf den EU-Beitrittsprozess Bosnien-Herzegowinas. Die EU-Parlamentsabgeordnete sprach von ihren Erfahrungen im Parlament, wo sie sich aktiv für die Rechte von Homo- und Transsexuellen engagiert, aber auch von ihrem Engagement in verschiedenen Ländern wie etwa ihre Beteiligung an der Gay Pride in Belgrad. Zum Schluss führte die Diskussion wieder zurück nach Bosnien-Herzegowina. Lejla Turčilo berichtete aus ihrer Sicht, inwieweit Fragen der Minderheiten in das Bildungssystem einfließen, wie die Student/innen reagieren und wie das Thema von den Medien behandelt wird.

Die Reaktionen aus dem Publikum zeigten großes Interesse und den Wunsch, mit solchen Aktivitäten fortzufahren. Nichtsdestotrotz ist Gay-Aktivismus kein einfaches und beliebtes Thema in Bosnien-Herzegowina. Bei genauerem Betrachten der bosnisch-herzegowinischen gesellschaftlichen Realität können wir folgendes feststellen: neben der körperlichen Gewalt, der eine öffentlich exponierte homosexuelle Person höchstwahrscheinlich ausgesetzt wäre, stellt die konstante gesellschaftliche (In)Akzeptanz ein weitaus größeres Problem dar. Im einem Land, in dem das gesamte gesellschaftliche, kulturelle und politische Leben durch das Prisma der Heterosexualität, des Heteronormativen und Ethnischen betrachtet wird, führt die Zugehörigkeit zu irgendeiner Minderheit unweigerlich zur gesellschaftlichen Ausgrenzung, mit massiven Folgen für den Einzelnen. Jemand, der seine homosexuelle Identität in Bosnien-Herzegowina (und auch anderswo in diesem Teil Europas) nicht verbergen möchte, hat absolut keine Chance auf eine gesellschaftliche, öffentliche, akademische, politische Karriere oder Ansehen, selbst wenn er sich durch die nationale Matrix als Bosniake, Serbe oder Kroate deklariert – in diesen Körperschaften und der Gesellschaft kommt eine solche Identifizierung immer noch dem Hochverrat gleich.

Natürlich ist die Gay-Population im heutigen Bosnien-Herzegowina nicht die einzige, die eine radikale Ausgrenzung aus ihrer Umgebung erfährt. Selbstständige, selbstbewusste junge Frauen, die einen heteronormativen und religiös-ethnischen Background ablehnen, Mitglieder religiöser Minderheiten oder aber z.B. Personen mit psychischen oder physischen Problemen erleben sehr oft die totale Diskriminierung. Und gerade deswegen: in Bosnien-Herzegowina bedarf es noch vieler solcher Aktivitäten, Bemühungen und Geduld bis diese Gesellschaft aus dem Stadium des Hasses und der Vorurteile über Toleranz (obwohl dies an sich problematisch ist, denn: wen soll man überhaupt tolerieren, dulden?) hin zur gesellschaftlichen Akzeptanz, der Inklusion und der Gleichberechtigung übergeht. Auch in der LGBT-Gemeinde ist ein höheres Niveau an Aktivismus notwendig, denn Erfahrungen aus westeuropäischen Ländern haben gezeigt, dass nur durch langjährigen, organisierten und entsprechend ausgerichteten Aktivismus Veränderungen erreicht werden können, die zu einem vollständigen Rechtsschutz und Gleichberechtigung, sowie gesellschaftlicher Akzeptanz führen.

Und zum Schluss: wir dürfen die bosnisch-herzegowinische Gesellschaft nicht von der Verantwortung für ihre LGBT-Mitbürger/innen befreien. Auch wenn die Mehrheit der politischen Parteien an ethnische Konzepte gebunden ist und traditionell-konservative Werte vertritt, so ist es sicher, dass es auf dem Weg in die Europäische Union zu einem Umbruch im politischen Denken und Handeln kommen muss. In der Europäischen Union sind die Menschenrechte aller gesellschaftlichen Gruppen, und somit auch der LGBT Gemeinde, sehr klar definiert. Fragen wie gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften und Ehen, die rechtliche und steuerliche Gleichstellung für gleichgeschlechtliche Ehen mit denen der Heterosexuellen oder sogar Adoption von Kindern bleiben jedoch vorerst Wunschdenken der LGBT-Gemeinde. Aber, gehen wir doch einen Schritt nach dem anderen. 

 

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